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Quipu

Quipu (span.) oder Khipu (Quechua: „Knoten“) [ˈkʰipu] ist der Name einer Knotenschrift der ursprünglichen südamerikanischen Bevölkerung des Inkareichs.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Khipus als Knotenschrift
  2. 2. Aufbau, Lesen und Verwendung
  3. 3. Dezimalzahlen und Knotenregeln
  4. 4. Geschichte, Weiterleben und Erhaltung
  5. 5. Textilkartuschen und andere Schriftsysteme
  6. 6. Der Kalender-Khipu und das Inkajahr 1532/33

Khipus als Knotenschrift

Quipu oder Khipu (Quechua für „Knoten“, [ˈkʰipu]) bezeichnet eine Knotenschrift der ursprünglichen südamerikanischen Bevölkerung des Inkareichs. Sie diente vor allem dazu, Mengen im Dezimalsystem festzuhalten, etwa Lagerbestände, Menschen, Tiere, Pflanzen, Ländereien, Abgaben und Arbeitsleistungen. Khipus sind ab dem 7. Jahrhundert n. Chr. belegt und blieben nach dem Ende des Inkareichs 1532 mindestens bis 1622 in Gebrauch; in entlegenen Andendörfern wurden sie zur Buchhaltung sogar bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts verwendet.

Nach heutiger Erkenntnis gab es zwei Systeme. Das zahlenorientierte System erfasste Mengen. Daneben existierte wahrscheinlich ein phonetisch orientiertes System für Nachrichten, etwa für Briefwechsel. Dieses bestand aus gefärbten Haaren verschiedener Tierarten, darunter Vicuña, Alpaka, Guanaco, Lama, Hirsch und Vizcacha. 14 Farben konnten bis zu 95 verschiedene Silben wiedergeben. Die Entzifferung ist bisher nicht gelungen. Komplex geknüpfte und gefärbte Tierhaar-Khipus aus San Juan de Collata in Peru machen die Existenz einer solchen Silbenschrift jedoch sehr wahrscheinlich.

Zeitgenössische Chronisten erkannten die große Bedeutung der Khipus. José de Acosta schrieb 1590, Knoten und Farben könnten Geschichten, Gesetze, Zeremonien und Geschäftsberichte so vollständig ersetzen, dass dies erstaunlich sei.

Aufbau, Lesen und Verwendung

Ein Khipu besteht aus einer Hauptschnur, an der mehrere Knotenschnüre als Nebenschnüre hängen. An diesen konnten weitere Nebennebenschnüre befestigt sein. Die Nebenschnüre waren mit einem Auge um die Hauptschnur gelegt. Die Schnüre bestanden aus mehreren verzwirnten Garnen; Material, Farbe und Schlagrichtung konnten Bedeutung tragen. Zusätzlich waren Quasten und gewebte quadratische Textilkartuschen, sogenannte Ticcisimis, möglich.

Die Hauptschnur konnte bis zu 4 Meter lang sein und bis zu 200 Nebenschnüre tragen. Das Gesamtgewicht konnte 4 kg betragen. Zum Vorzeigen wurde die Hauptschnur an ihren beiden Enden mit auseinander gespreizten Armen hochgehalten, sodass die Nebenschnüre frei herabhingen. Gelesen und ertastet wurden die Knoten vom Befestigungsauge aus bis zum freien Ende. Entscheidend waren Knotenart und -anzahl sowie Material, Farbe und Zwirnrichtung.

Graue Khipus aus Baumwolle dienten als eine Art Formular für die Buchhaltung. Durch dezimale Knotenziffern wurden Mengen von Gegenständen und Arbeitsleistungen eingetragen. Bei Änderungen löste der zuständige Knoten-Kundige die alten Knoten und knüpfte sie neu. Die Inka nutzten Khipus außerdem zur Steuererhebung. Erfasst wurde, welche Dorfgemeinschaft (Ayllu) wie viele Abgaben und Arbeitsdienste, insbesondere Minka und Mita, geleistet hatte oder noch leisten musste.

Nur bestimmte Personen konnten Khipus knüpfen und lesen. Sie hießen Khipu Kamayuq, also Khipu-Hüter. Die Lagerhäuser (Qullqas) unterstanden Qullqa Kamayuq, den Lagerhaus-Hütern beziehungsweise -Hüterinnen. Ein älteres Paar wurde gewöhnlich durch ein jüngeres Paar unterstützt, das in Buchführung und Verwaltung ausgebildet wurde. Als Rechenbrett verwendeten die Inka die Yupana.

Dezimalzahlen und Knotenregeln

Die Inka verwendeten das Dezimalsystem. Jede Stelle einer Zahl wurde als Knotengruppe dargestellt. Die Stellen wurden vom Ansatz der Schnur zum freien Ende hin in abnehmender Wertigkeit gelesen: Tausender, Hunderter, Zehner, Einer.

  • Die Ziffer 0 erscheint als knotenfreier Abschnitt.
  • Die Ziffern 1 bis 9 werden bei Zehner-, Hunderter- und Tausenderstellen durch entsprechend viele einfache Überhandknoten dargestellt.
  • Die Ziffern 2 bis 9 werden an der Einerstelle durch mehrfach getörnte Überhandknoten dargestellt; die Zahl der Törns entspricht der Ziffer.
  • Die Ziffer 1 an der Einerstelle wird als Achtknoten geschrieben.
  • Achtknoten und Überhandknoten kennzeichnen die Einerstelle und damit das Ende der Zahl.

In einer im Artikel verwendeten Kurzschreibweise stehen 1A für einen Achtknoten, mT für einen mehrfach getörnten Überhandknoten mit m Törns, 0X für einen knotenfreien Abschnitt und nS für n einfache Überhandknoten an einer höheren Stelle. Beispiele sind 2304 = 2S 3S 0X 4T und 7001 = 7S 0X 0X 1A. Die Ascher-Schreibweise verwendet dafür außerdem die Kürzel X für den knotenfreien Abschnitt, E für den Achtknoten, L für den mehrfach getörnten Überhandknoten und S für den Stopperknoten beziehungsweise einfachen Überhandknoten.

Zum Addieren wurden Knotenschnüre so nebeneinandergelegt, dass gleichwertige Stellen auf gleicher Höhe lagen. Die Ziffern wurden stellenweise addiert; Überträge gingen in die nächsthöhere Dezimalstelle ein. Der Stopperknoten ist ein Überhandknoten ohne Törns. Ein Überhandknoten mit drei Törns heißt Franziskanerknoten. Leslie Leland Locke beschrieb die Zahlendarstellung 1912 wissenschaftlich; Marcia und Robert Ascher führten die systematische Knotentyp-Schreibweise ein.

Geschichte, Weiterleben und Erhaltung

Die Datierung eines Khipus aus der Galerie-Pyramide von Caral ist umstritten. Falls er tatsächlich 2600 v. Chr. alt ist, wäre er der mit Abstand älteste bekannte Khipu. Die ältesten sicher datierbaren Exemplare stammen aus der Wari-Zeit um 650 n. Chr. und gehören zum mittleren Fundhorizont von 600–1000 n. Chr.

Bei Ausgrabungen in Incahuasi wurden 2016 in einem Lagerhaus 29 Khipus aus dem 16. Jahrhundert gefunden. Die Färbungen unterschieden jeweils landwirtschaftliche Produkte wie Erdnüsse, Chilis, Bohnen und Mais. Bei einigen Khipus waren Knoten gelöst worden, damit sie neu geknüpft werden konnten.

Nach der spanischen Eroberung ab 1532 förderten Kirche und Verwaltung die Khipus zunächst weiter. Vizekönig Francisco de Toledo erlaubte ihre Verwendung zu Verwaltungszwecken zwischen 1570 und 1581. Auch in der katholischen Kirche wurden sie zum Lernen von Gebeten und zum Aufzeichnen von Sünden eingesetzt; das dritte Provinzialkonzil von Lima verbot dies 1583. In den Gemeinden blieben Khipus dennoch verbreitet. Ein Bericht von 1622 beschreibt Menschen, die mit Khipus über ihre Sünden zur Beichte gingen. Buchhaltungs-Khipus für kommunale Mita-Arbeiten waren in Santiago de Anchucaya noch bis in die 1940er Jahre gebräuchlich.

Die meisten Khipus wurden im 16. Jahrhundert von den Spaniern zerstört. 1981 waren etwa 400, bis 2004 weltweit ungefähr 800 Exemplare bekannt. Das Ethnologische Museum Berlin besitzt 289 und damit die größte Sammlung. Die Funde stammen überwiegend von der Küste, vermutlich auch wegen der dort günstigeren Erhaltungsbedingungen. Ein buntes, struppiges Khipu aus dem 18. Jahrhundert im Berliner Museum wurde in den 1990er Jahren wegen seines Aussehens als Fälschung eingestuft, ist aber keine.

Um 1570 entstanden außerdem Khipu-Bretter mit alphabetischer Schrift und geknüpften Knoten, die der Bekehrung dienten. Von den drei bekannten Brettern ist eines seit 1980 verschollen. Die erhaltenen Exemplare befinden sich in einer Kolonialkirche in Ancash und in Ayacucho; beide sind mäßig erhalten.

Textilkartuschen und andere Schriftsysteme

Neben den Khipus gab es das Schriftsystem Tokapu. Tokapus sind abstrakt-geometrische Begriffszeichen (Ideogramme) in quadratischen Kartuschen. Sie kamen gewebt, etwa auf Ponchos und Khipus, sowie gemalt an Wänden und auf Trinkbechern vor. In Khipus eingeknüpfte gewebte Tokapus heißen Ticcisimis. Sie sind bildhafte, teilweise abstrakte Zeichen (Piktogramme); die Grenze zwischen konkreten Bildzeichen und abstrakten Ideogrammen ist nicht immer eindeutig.

Im Ethnologischen Museum Berlin befinden sich Ticcisimis an Khipu-Resten. Nach Blas Valera soll es etwa 200 verschiedene Ticcisimis gegeben haben; er selbst habe ungefähr 65 Bedeutungen gekannt. Vollständig erhaltene Ticcisimi-Khipus sind nicht bekannt, sondern nur aus farbigen Zeichnungen von Jesuitenpriestern überliefert. Zu den bekannten Beispielen gehören ein Gesangs-Khipu zur Hymne „Sumac Ñusta“, ein Prozessionswege-Khipu mit den Schreinen an den heiligen Wegen von Cusco und ein Kalender-Khipu.

Der Kalender-Khipu und das Inkajahr 1532/33

Der Jesuit Blas Valera beschreibt 1618 in Exsul Immeritus Blas Valera Populo Suo einen Kalender-Khipu, den Pacha Quipu („Zeit-Knoten“). Er stellte das Inkajahr 1532/33 dar. Es begann nach gregorianischer Rechnung am 3. Juni 1532 mit dem Neumond des ersten Mondmonats und endete am 2. Juni 1533. In dieses Jahr fiel am 16. November 1532 die Niederlage des letzten regierenden Inkaherrschers Atahualpa in Cajamarca gegen Francisco Pizarro; Atahualpa wurde im folgenden Jahr hingerichtet.

Der Pacha Quipu hatte eine Hauptschnur und 13 Nebenschnüre. Die ersten 12 standen für synodische Mondmonate, die 13. für zehn eingeschobene (epagomenale) Tage zur Abstimmung von Mondkalender und siderischem Sonnenjahr. Fünf Monate hatten 29, sieben Monate 30 Tage. Die Monate 1, 3, 4, 6 und 10 hatten 29 Tage. So ergaben sich 5×29 + 7×30 = 355 Monatstage und zusammen mit zehn Einschubstagen 365 Tage. Zusätzlich wurde das Jahr in 36 Zehn-Tage-Wochen eingeteilt: 36×10 = 360 Wochentage plus die Hälfte der zehntägigen Einschubswoche ergibt 365 Tage.

Die Wochenknoten wechselten zwischen roten und grünen Gruppen zu je zehn Knoten. Rot stand für Hanan („Oben“), unter anderem Sonne, Tag, Gebirge, Gegenwart und Mann; Grün stand für Hurin („Unten“), unter anderem Mond, Erde, Nacht, Küste, Vergangenheit und Frau. Die Kalenderfunktion diente vor allem den Priestern (Amauta) zur Festlegung von Feiertagen; daneben gab es einen Bauernkalender für die Landwirtschaft.

Die zwölf Monatsnamen und Kartuschen lauten: Yntiraymipacha, Sonnenfest (niedriger gelber Thron); Pachacyahuarllamapacha, Zeit der 100 roten Lamas (15 rote Lamas); Yapuypacha, Pflügen (Pflug); Coyaraymipacha, Mondfest (mittlerer weißer Thron); Paramañaypacha, Regenbeschwörung (schwarzes Gesicht mit roter Zunge); Ayamarcaypacha, Prozessionen für die Toten (rote Maske); Capacyntiraymipacha, hochadliges Sonnenfest (hoher gelber Thron); Huacapacha, Naturgeister (kleine Kreise mit Punkten); Huarachicuypacha, erstes Ankleiden der Knaben mit einem Tanga (Stoffquadrat mit vier Bändeln); Paraypacha, Regenzeit (sitzender Mann mit Zöpfen und Hut); Rinrituccinapacha, Durchstechen der Ohrläppchen (zwei lange Ohrläppchen); Aymuraypacha, Ernte (Maiskolben). Die Einschubswoche heißt Yntihuatapacyapanapacha, Zeit zur Vervollständigung des Kalenders, und trägt ein gelbes Quadrat als Symbol der Sonne Inti.

Der Kalender nennt eine Mondfinsternis in Cusco am 9. Februar 1533, die Sichtbarkeit der Plejaden vom 5. April bis 7. Juni 1533 als Hinweis auf die Aussaat sowie die Zenitpassage der Sonne in Cusco vom 13. bis 18. Oktober 1532. Diese Angaben sind mit Vorsicht zu bewerten, weil Valera sie erst 1618, 85 Jahre nach der Eroberung, verfasste und sowohl in inkaischer als auch in europäischer Astronomie ausgebildet war.

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