Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Pro Tools

Pro Tools ist eine Digital Audio Workstation (DAW), die vom ehemaligen amerikanischen Unternehmen Digidesign entwickelt worden ist und nach dessen Übernahme …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundlagen und Funktionsweise
  2. 2. Entwicklung und Bedeutung
  3. 3. HD-Systeme und Rechenmodelle
  4. 4. Plug-ins und Surround-Sound
  5. 5. Hardware und offene Systeme
  6. 6. Controller und ältere Systeme

Grundlagen und Funktionsweise

Pro Tools ist eine Digital Audio Workstation (DAW), also ein computerbasiertes System zum Aufnehmen, Bearbeiten, Mischen und Wiedergeben von Audio- und MIDI-Daten. Das Programm wurde ursprünglich von Digidesign entwickelt und wird nach der Übernahme durch Avid Technology unter der Marke Avid Pro Tools weiterentwickelt. Die erste Veröffentlichung erfolgte 1991; als aktuelle Version nennt der Artikel 2022.12. Pro Tools läuft unter Microsoft Windows und macOS, verwendet eine 64-Bit-Architektur mit interner 64-Bit-Gleitkommaverarbeitung und ist proprietär lizenziert.

In seiner Grundbedienung verbindet Pro Tools die Funktionen eines Mehrspurrekorders mit denen eines Mischpults. Die wichtigsten Arbeitsbereiche sind das Edit-Fenster für Aufnahme, Schnitt und Bearbeitung sowie das Mix-Fenster für Routing, Lautstärke, Effekte und Mischung. Das Smart Tool bündelt mehrere Bearbeitungsfunktionen: Mit demselben Werkzeug können Audioregionen getrimmt, markiert und verschoben sowie Fades gesetzt werden.

Neben Audio- und MIDI-Aufnahmen unterstützt Pro Tools Schneiden, Nachbearbeitung, Automatisierung und Mischung. Das MIDI-Interface enthält einen Noteneditor. Über ReWire kann eine beidseitig synchronisierte Sibelius-Partitur eingebunden werden; auch Sample Libraries, etwa mit dem Kontakt 5 Player von Native Instruments, lassen sich direkt verwenden. Die Avid Video Engine synchronisiert Videos mit der Tonspur. In Pro Tools HD sind Abmischungen bis zu 7.1 Surround Sound möglich.

Der Artikel nennt für Pro Tools 12.7 vom 21. Dezember 2016 drei Varianten: Pro Tools Native ist eine hostbasierte Version ohne DSP-Karte, arbeitet nur in Stereo und bietet 32 Audioeingänge. Pro Tools HD beziehungsweise aktuell HDX ist DSP-basiert, unterstützt bis zu Dolby Atmos und 192 Audioeingänge sowie mehrere Videospuren. Pro Tools|First war eine kostenlose Einsteigerversion mit Stereo und vier Audioeingängen. Pro Tools Native konnte im Abonnement oder als Dauerlizenz mit einjährigem Upgrade-Plan erworben werden; HD war als Dauerlizenz oder im Bundle mit HDX- oder HD-Native-System und einjährigem Upgrade-Plan erhältlich.

Unterstützt werden Sampleraten bis 192 kHz und Auflösungen von 16, 24 und 32 Bit. Standardformate sind WAV, AIFF, MP3 und SDII für Audio sowie QuickTime für Video. Weitere Dateiformate können über Plug-ins verarbeitet werden.

Entwicklung und Bedeutung

Die Anfänge reichen bis 1984 zurück. Peter Gotcher und Evan Brooks entwickelten zunächst Sound Designer, eine Software zum Bearbeiten von Samples für das Keyboard E-MU Emulator. Nach einer funktionalen Erweiterung wurde das Programm in Sound Tools umbenannt. Nachdem E-MU eine Integration in das 1987 veröffentlichte Emulator-III-Keyboard abgelehnt hatte, gründeten Gotcher und Brooks Digidesign. Der erste offizielle Release von Sound Tools wurde am 20. Januar 1989 auf der amerikanischen Musikmesse NAMM vorgestellt.

Pro Tools erschien 1991. Das Programm kostete damals etwa 6000 US-Dollar und konnte bis zu vier Spuren gleichzeitig bearbeiten. Für die Ausgabe wurden eine NuBus-Steckkarte und ein 442-I/O-Interface verwendet. 1995 kaufte Avid Digidesign; die Produkte wurden zunächst weiterhin unter der Marke Digidesign vertrieben. Ab Version 9 wurde Pro Tools erstmals auch als reiner Sequenzer angeboten, nachdem es zuvor nur als eng mit spezieller Hardware verbundenes DAW-System erhältlich gewesen war.

Ursprünglich war Pro Tools eine reine Audiosoftware mit eigener Hardware und wurde erst schrittweise um MIDI-Funktionen erweitert. Programme wie Cubase, Logic und Digital Performer entwickelten sich dagegen aus MIDI-Software heraus. Pro Tools gilt wegen samplegenauer Bearbeitung und genauer Automation als besonders stark in der Audiobearbeitung. Bis zum Erscheinen von Version 8 wurde das MIDI-Editing dagegen als weniger praktisch beschrieben. Deshalb kombinierten manche Musikproduzenten Pro Tools mit Logic oder Digital Performer; beide Programme unterstützten die Digidesign-TDM-Hardware direkt.

Eine wichtige Anwendung ist die Filmindustrie, besonders die Postproduktion. Dort gilt Pro Tools neben Nuendo als Quasi-Standard für Tonschnitt und Sounddesign. 2004 erhielt Avid, damals noch unter dem Namen Digidesign, für Pro Tools einen Oscar in Form der Sonderauszeichnung Academy Award of Merit.

HD-Systeme und Rechenmodelle

Bei neueren HD-Systemen wird das Plug-in-Format AAX HD verwendet. Anders als bei den früheren LE-Systemen werden Audioberechnungen bei HDX-Systemen nicht ausschließlich von der CPU des Computers, sondern von DSPs ausgeführt. Diese digitalen Signalprozessoren befinden sich auf speziellen Erweiterungskarten. Je nach Ausbaustufe unterscheiden sich die HD-Systeme deutlich.

Pro Tools|HD Native bietet keine DSP-Berechnung, ermöglicht aber die Nutzung von Pro Tools HD. Es ist als Thunderbolt-Audiointerface oder als PCIe-Karte mit externen Interfaces verfügbar. Genannt werden HD I/O, HD MADI, HD Omni und PRE; diese Interfaces können auch mit HDX-Systemen verwendet werden. HD Native nutzt AAX Native und unterstützt außerdem das ältere Format RTAS. Da das Hostsystem sämtliche Audioberechnungen ausführt, entsteht eine erhebliche Systemlast.

Ein Pro Tools|HDX-System besitzt mindestens eine HDX-Karte, an die spezielle Avid-Audiointerfaces angeschlossen werden. Die Karten enthalten DSPs für die Audioberechnung. Routingprozesse und Plug-in-Berechnungen können auf diesen DSPs ausgeführt werden. Dadurch wird der Computer hauptsächlich durch die grafische Oberfläche belastet, und die Latenz bei Effekten wie EQ oder Dynamics wird deutlich reduziert. Hostbasierte Plug-ins können parallel und auch gemischt mit DSP-Plug-ins verwendet werden; ihre Latenz kann im Gesamtsystem kompensiert werden. HDX verwendet AAX HD und unterstützt zusätzlich das ältere TDM-System.

Pro Tools 10 unterstützte noch das ältere HD-Accel-System. Es bestand aus einer HD-Core-Karte, optional mehreren HD-Accel-Karten und externen Audiointerfaces. Digidesign bot die Varianten HD 1 ohne Accel-Karte, HD 2 mit einer und HD 3 mit zwei Accel-Karten an; weitere Karten konnten separat erworben werden. Wegen der begrenzten Zahl an PCI- beziehungsweise PCIe-Steckplätzen war häufig ein externes PCIe-Extender-Gehäuse nötig, das Digidesign als Magma-Chassis vertrieb. Laut Avid sollte die Unterstützung in späteren Versionen entfallen.

Plug-ins und Surround-Sound

Plug-ins erweitern Pro Tools modular um zusätzliche Audiofunktionen. Native Plug-ins berechnet die Rechner-CPU in Echtzeit; sie können beispielsweise Equalizer, Hall, Tonhöhenkorrektur, Sampling oder Ampmodeling bereitstellen. Auf HD- und HDX-Systemen können DSP-Plug-ins über die TDM-Schnittstelle in Echtzeit ausgeführt werden. Bei HDX-Systemen kann auch die Berechnung nativer Plug-ins auf DSPs ausgelagert werden, was jedoch Latenzen verursachen kann. AudioSuite-Plug-ins erzeugen dagegen dateibasierte Effekte, die nicht in Echtzeit gerendert werden.

Die ältere proprietäre Plug-in-Schnittstelle heißt Real Time Audio Suite (RTAS). Im Gegensatz zu VST ist sie nicht Open Source. Mit Version 10 führte Avid Avid Audio Extensions (AAX) ein. Dadurch können Pro-Tools-Sessions, die auf einem HD-System erstellt wurden, ohne Klangverluste auf einem nativen System geöffnet werden und umgekehrt. Das Programm erkennt automatisch, ob für ein AAX-Plug-in die DSP-Leistung eines HDX-Systems oder die Host-CPU genutzt wird. Unterstützt werden AAX-, RTAS- und TDM-Plug-ins, wobei RTAS-Entsprechungen in 64-Bit-Architektur erforderlich sind.

Für Pro Tools HD werden unter anderem Surround-Sound-Plug-ins genannt. Dolby Digital arbeitet mit 5.1-Kanälen und der Dateiendung .ac3; als Hersteller ist Neyrinck angegeben. Dolby Digital Plus unterstützt bis zu 7.1 und verwendet .ec3, Hersteller ist Minnetonka Audio. Dolby Pro Logic II erzeugt 5.1 in einer Stereo-Datei und stammt ebenfalls von Minnetonka Audio.

Beispiele für Signalbearbeitung sind DTS Neural Surround UpMix von Waves, ein Stereo-Upmix bis zu 7.1 bei bis zu 48 kHz, sowie Ircam Spat v3 von Flux für Raumsimulation bis zu 7.1 einschließlich Stereo-Upmix. Alchemist v3 von Flux ist ein Multiband-Dynamikprozessor für bis zu 7.1.

Hardware und offene Systeme

Für die Übertragung zwischen Aufnahmegeräten und Pro Tools wird abhängig vom System eine interne Soundkarte, ein externes Audio-Interface oder ein DAW-Mischpult benötigt. Die Verbindung erfolgt je nach Version und Preiskategorie über Thunderbolt, FireWire, USB oder Ethernet. Solche Geräte können neben einem AD-Wandler auch Mikrofon- und Kopfhörervorverstärker sowie DSPs zur Auslagerung von Signalverarbeitungen enthalten.

Seit November 2011 ist das Pro-Tools-System offen und unterstützt Hardware von Fremdherstellern. Zuvor waren ausschließlich Digidesign- und M-Audio-Hardware zugelassen. Beide Marken gehörten zu Avid Technology; zusammen mit dem iLok-USB-Key wirkten sie wie eine Art Dongle.

Die proprietäre Hardware führte laut Artikel dazu, dass neue Funktionen und Implementierungen wegen fehlenden Wettbewerbs langsamer entwickelt wurden als bei Konkurrenzprodukten. Unternehmen wie Solid State Logic nutzten dies, um Interfaces mit offiziell nicht unterstützten Funktionen anzubieten. Dadurch konnte MADI mit Pro Tools verwendet werden: Die Fremdhardware simulierte vier virtuelle 192-I/O-Interfaces von Digidesign. So waren bis zu 64 Ein- und Ausgänge über Lichtwellenleiter nutzbar.

Controller und ältere Systeme

Pro-Tools-Controller bilden Elemente der Programmoberfläche ab und bieten berührungsempfindliche Tasten, Schiebe- und Drehregler. Sie ermöglichen eine haptische Bedienung von Aufnahme, Mischung und Bearbeitung.

Zu den Avid-Controllern gehören das Pro Tools|Dock mit einem berührungsempfindlichen motorisierten Fader und Touchscreen sowie das Pro Tools|S3 mit 16 berührungsempfindlichen Motorfadern. Die modulare Pro Tools|S6-Konsole besitzt mehrere Touchscreens; das Modell S6 M10 kann bis zu 14 Module und 24 Fader, das Modell S6 M40 bis zu 46 Module und 64 Fader umfassen. Der Artist Control, früher Euphonix-MC-Serie, bietet acht beschleunigungsempfindliche Drehregler, vier berührungsempfindliche motorisierte Fader und einen Touchscreen.

Ältere, teilweise noch unterstützte Hard- und Software umfasst Pro-Control, D-Control, D-Command, C 24, Command 8, VENUE, ICON, Digi-Factory und M-Audio ProjectMix. ICON wurde inzwischen durch die S6-Serie abgelöst.

Frühere Pro-Tools-Varianten waren Pro Tools Express 10.3.4 vom 8. April 2013, Pro Tools SE 8.0.3 vom 21. Juli 2011 und Pro Tools 9 MP 6.0.3 vom 13. September 2011. Express war mit einigen Avid-Audiointerfaces erhältlich und in Funktionalität und Spuranzahl beschränkt. SE wurde mit M-Audio-Hardware geliefert und hatte keine zusätzlichen Plug-ins. 9 MP war für M-Audio-Hardware bestimmt und entstand als Upgrade von Pro Tools SE.

Weitere frühere, an Avid- oder M-Audio-Hardware gebundene Varianten waren Pro Tools HD für professionelle Studios mit TDM-Plug-ins, Pro Tools M-Powered für M-Audio-Hardware, die eingeschränkte Freeware Pro Tools M-Powered Essential, Pro Tools LE für Projektstudios und Heimanwender sowie Pro Tools Academic für den Bildungsbereich.

Lernvideos zu Pro Tools

Weiterlesen

Digital Audio Workstation Eine Digital Audio Workstation (kurz DAW) ist ein digitales System zur Aufnahme, Bearbeitung, Mischung und Ausgabe von Audio- und häufig auch MIDI-Daten. 64-Bit-Architektur Unter 64-Bit-Architektur versteht man in der EDV eine Prozessorarchitektur, deren Verarbeitungsbreite 64 Bit beträgt. Durch 64 Bit große Adressregister sind … MIDI Musical Instrument Digital Interface (englisch für „digitale Schnittstelle für Musikinstrumente“), kurz MIDI, ist ein Industriestandard für den Austausch … Geräuscharchiv Ein Geräuscharchiv (auch: Klangarchiv, englisch: sound library) ist ein Archiv von gespeicherten Geräuschen und Klängen, die für die Weiterverarbeitung in … Native Instruments Native Instruments (Kurzbezeichnung: „NI“) ist ein 1996 in Berlin gegründetes Unternehmen, das Produkte für die computerbasierte Musikproduktion herstellt, … Sampling (Musik) In der Musik bezeichnet Sampling den Vorgang, einen Teil einer – bereits fertigen – Ton- oder Musikaufnahme (ein Sample; engl. für ‚Auswahl', ‚Muster', … Abonnement Ein Abonnement (Abkürzung: Abo) ist ein Dauerschuldverhältnis, das im regelmäßigen Bezug einer Leistung, meist gegen ein Entgelt, besteht. Der Bezieher ist … Multiplexverfahren Die zunehmende Komplexität des Signals muss dabei entweder in Übertragungszeit oder Frequenz bzw. Bandbreite ausgeglichen werden. Die Übertragung erfolgt … Cubase Cubase ist eine Musiksoftware für Digital Audio Workstations (DAW) des Unternehmens Steinberg. Es erschien erstmals 1989 als einfacher MIDI-Sequenzer und … Digital Performer Digital Performer ist eine Digital Audio Workstation (DAW) der amerikanischen Firma Mark of the Unicorn (MOTU) und wird vorwiegend in amerikanischen … Musikproduzent Die Aufgaben eines Musikproduzenten können stark variieren. Er koordiniert z. B. die Musikaufnahme im Tonstudio, das Engagement der Musiker und kümmert sich um … Sequenzer (Musik) Ein Sequenzer [zeˈkvɛntsər] ist ein elektronisches Gerät oder eine Software zur Aufnahme, Wiedergabe und Bearbeitung von Daten zur Erzeugung von Musik.