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Polymetrik

Polymetrik ist in der Musik der Fachbegriff für das gleichzeitige Auftreten unterschiedlicher Metren in den verschiedenen Stimmen eines Musikstücks.

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundprinzip
  2. 2. Polymetrik in der klassischen Musik
  3. 3. Beispiele aus Rock, Pop und Jazz
  4. 4. Notation und Hörbeispiel

Begriff und Grundprinzip

Polymetrik ist in der Musik der Fachbegriff für das gleichzeitige Auftreten unterschiedlicher Metren in den verschiedenen Stimmen eines Musikstücks. Ein Metrum bezeichnet dabei die rhythmische Ordnung beziehungsweise die Betonungsstruktur einer Stimme. Bei Polymetrik laufen also mehrere Taktordnungen gleichzeitig ab. Dadurch können sich die Akzente, Taktanfänge und harmonischen Bezüge der Stimmen gegeneinander verschieben.

Die konkrete Wirkung hängt davon ab, ob die Takte unterschiedlicher Taktarten gleich lang gemacht werden oder ob ihre tatsächlichen Dauern verschieden bleiben. In der klassischen Musik werden die Tempi der Stimmen häufig so angepasst, dass die überlagerten Takte trotz unterschiedlicher Taktarten dieselbe Länge haben. Im Rock, Pop und Jazz findet sich dagegen auch Polymetrik ohne Angleichung der Dauer der Takte unterschiedlicher Taktarten.

Polymetrik ist von Polyrhythmik zu unterscheiden. Polyrhythmik bezeichnet die Überlagerung verschiedener rhythmischer Figuren oder Bewegungsmuster und kommt besonders in außereuropäischer, vor allem afrikanischer Musik häufig vor. Sie wird deshalb gelegentlich mit Polymetrik verwechselt, ist aber nicht dasselbe.

Polymetrik in der klassischen Musik

In der klassischen Musik gehen unterschiedliche Metren häufig mit einer Anpassung der Tempi der beteiligten Stimmen einher. Die sich überlagernden Takte verschiedener Taktarten haben dann dieselbe Länge, während einzelne Notenwerte in den Stimmen unterschiedlich lange dauern. Die Stimmen können dabei zeitweise zusammenfallen und sich anschließend wieder gegeneinander verschieben.

Ein Beispiel ist die Arie „Mein teurer Heiland, lass dich fragen“ in Bachs Johannespassion. Solist und Begleitung stehen im 12/8-Takt, der Chor dagegen im 4/4-Takt. Durch die Angleichung der Taktdauer entstehen polymetrische Verschiebungen, sobald der Chor eigene Achtelnoten singt: Diese sind um ein Drittel länger als die Achtelnoten des Solisten.

Ein weiteres Beispiel ist die Ballszene im 1. Finale von Mozarts Oper Don Giovanni. Dort erklingen gleichzeitig drei verschiedene Tänze in unterschiedlichen Taktarten: ein Menuett, ein Kontratanz und ein Deutscher Tanz.

Im Notenbild lässt sich Polymetrik gewöhnlich an unterschiedlichen Akzentsetzungen in den einzelnen Stimmen, an Balkenschreibungen über die Taktstriche hinweg oder besonders leicht an der Vorzeichnung unterschiedlicher Taktarten erkennen.

Beispiele aus Rock, Pop und Jazz

Polymetrik ohne Angleichung der Taktdauer wird in verschiedenen Subgenres des Progressive Rock und Progressive Metal äußerst häufig verwendet. Als prominente Beispiele nennt der Artikel Gentle Giant, King Crimson, Spastic Ink, Spiral Architect und Meshuggah.

Im Song „Thela Hun Ginjeet“ von King Crimson überlagert sich die Grundstruktur im 4/4-Takt mit einem von Robert Fripp gespielten Riff im 7/8-Takt. Bleiben die melodischen und rhythmischen Riffs gleich, entstehen bei jeder Wiederholung andere harmonische Überlagerungen. Erst nach 56 Achtelnoten fallen die beiden Taktarten wieder zusammen.

Am Anfang von „Etude Revisited“ auf dem Album Bruford Levin Upper Extremities erklärt der ehemalige King-Crimson-Schlagzeuger Bill Bruford eine polymetrische Überlagerung von 5/8- und 7/8-Takten.

„Frame by Frame“ vom Album Discipline zeigt eine besonders komplexe Form. Bei Zeitindex 1:07 spielen zwei Gitarren zunächst ein Unisono-Riff im 7/8-Takt mit wechselnden Betonungen. Bei der vierten Wiederholung lässt Robert Fripp eine Achtelnote weg. Danach wechselt seine Spur zwischen dem ursprünglichen Riff im 7/8-Takt und dem um eine Achtelnote verkürzten Riff im 6/8-Takt. Die erste Gitarrenspur bleibt im 7/8-Takt. Darüber spielt der Schlagzeuger ein 13/8-Riff. Durch Betonungsverschiebungen passt dieses sowohl zum grundlegenden 7/8-Takt als auch zur zweiten Gitarrenspur; dabei gilt 6/8 + 7/8 = 13/8. Die beiden Gitarrenspuren treffen nach insgesamt 91 Achtelnoten wieder zusammen: Das entspricht 13 Wiederholungen des 7/8-Riffs und 7 Wiederholungen des 13/8-Riffs. Bis dahin entstehen bei jedem Durchgang verschiedene harmonische Überlagerungen. Eine solche Polymetrik verlangt laut Artikel extrem hohes Können von den Musikern.

Weitere Beispiele sind die ersten vier Takte von „Skimble von der Eisenbahn“ („Skimbleshanks, the railway cat“) aus Andrew Lloyd Webbers Musical Cats, die im 13/8-Takt notiert sind, sowie „Kashmir“ von Led Zeppelin. In „Kashmir“ bewegen sich Gitarre, Streicher, Bass und Gesang im 3/4-Takt, während das Schlagzeug einen 4/4-Beat spielt.

Notation und Hörbeispiel

Das Hörbeispiel des Artikels zeigt eine atonale, chromatische Passage polymetrischer Musik. Zwei Gitarrenspuren spielen zunächst ein Unisono-Riff im 11/8-Takt. Danach wird in der zweiten Spur jeden zweiten Takt eine Achtelnote hinzugefügt. Dadurch überlagert sich der 11/8-Takt der ersten Spur mit einem Wechsel von 11/8- und 12/8-Takten in der zweiten Spur.

In einer vereinheitlichten Notation werden beide Stimmen auf 11/8 bezogen. Die tatsächlichen Takte der einzelnen Spuren können zusätzlich markiert werden. Die ersten beiden notierten Takte sind noch unisono. Danach verschiebt sich die Überlagerung alle zwei Takte um eine Achtelnote, sodass die Stimmen zunächst immer weiter auseinanderdriften. Am Übergang vom 11. zum 12. notierten Takt ist der größte Abstand erreicht. Zwischen dem Fis in beiden Stimmen, das jeweils den Anfang des tatsächlichen Taktes markiert, liegen dann 4 beziehungsweise 5 Achtelnoten je „nach links“ und „nach rechts“. Anschließend nähern sich die Stimmen wieder an und sind im 24. notierten 11/8-Takt erneut unisono.

Der erste Schlag der tatsächlichen Takte fällt somit erst im 24. 11/8-Takt wieder zusammen. Die dissonanten beziehungsweise harmonischen Überlagerungen verändern sich mit jedem Durchgang des 23/8-Riffs in der zweiten Stimme. So entsteht eine komplexe Gesamtstruktur aus Rhythmik, Melodik und Harmonie. Eine weitere Darstellung legt beide Stimmen direkt übereinander, um diese Überlagerungen sichtbar zu machen.

Alternativ kann jede Stimme in ihrer tatsächlichen Taktart notiert werden. Das macht die Gruppierung und die tatsächliche Taktstruktur für die Instrumentalisten klarer und lässt die Polymetrik in einer Partitur unmittelbar erkennen. Der Nachteil ist, dass eine Taktnummer dann nicht mehr für alle Instrumente denselben Abschnitt bezeichnet: Innerhalb eines Zeitraums kann eine Stimme mehr oder weniger Takte notiert haben als eine andere. In der vereinheitlichten Notation ist dagegen eine gemeinsame Taktnummerierung möglich, aber ein tatsächlicher Takt kann über die eingezeichneten Taktstriche hinausgehen. Beispielsweise wird ein 23/8-Riff aus einem 11/8-Takt und einem 12/8-Takt als 11/8 notiert.

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