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Philodems Geschichte der Akademie
Das Werk bietet eine biographisch strukturierte Darstellung der platonischen Akademie von Platon bis in die späte hellenistische Zeit und stellt eine der …
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Gegenstand und Bedeutung
Philodems Geschichte der Akademie, lateinisch Academica, auch Index Academicorum oder Academicorum historia genannt, ist eine philosophiegeschichtliche Schrift des epikureischen Philosophen Philodemos von Gadara aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. Sie behandelt die platonische Akademie von Platon bis in die späte hellenistische Zeit und gehört zur größeren Σύνταξις τῶν φιλοσόφων (Syntaxis tōn philosophōn, „Anordnung“ oder „Zusammenstellung der Philosophen“), einer Darstellung verschiedener philosophischer Schulen.
Das Werk ist wichtig, weil es eine der bedeutendsten indirekten Quellen zur Geschichte Platons und seiner Schule ist. „Indirekte Überlieferung“ bedeutet hier: Nachrichten über Platon, seine Schüler und die Akademie, die nicht aus Platons eigenen Dialogen stammen, sondern aus späteren biographischen, historischen, chronologischen oder doxographischen Quellen. Platons Dialoge sind zwar vollständig erhalten, sagen aber nur begrenzt etwas über die institutionelle Entwicklung der Akademie, ihre Schulhäupter, Schülerlisten, Richtungswechsel und spätere Wirkung.
Philodem stellt die Akademie vor allem biographisch dar. Er erzählt also nicht nur Lehrmeinungen, sondern Lebenswege, Lehrer-Schüler-Verhältnisse, Schulfolgen, Charakterzüge, politische Kontakte und Formen gemeinsamen philosophischen Lebens. Dadurch erscheint die Akademie als dauerhafte philosophische Gemeinschaft, nicht nur als Sammlung platonischer Lehrsätze. Bemerkenswert ist, dass Philodem als Epikureer über eine konkurrierende Schule schreibt, dabei aber weitgehend sachlich bleibt und keine durchgehende polemische Verzerrung erkennen lässt.
Überlieferung der Papyri
Das Werk ist nicht durch mittelalterliche Handschriften überliefert, sondern durch verkohlte Papyrusrollen aus der Villa dei Papiri in Herculaneum. Beim Vesuvausbruch im Jahr 79 n. Chr. wurde die Villa verschüttet; die Rollen verbrannten nicht vollständig, sondern wurden durch Hitze und Luftabschluss verkohlt und konserviert. Dadurch blieb eine antike Bibliothek erhalten, die sonst verloren gewesen wäre.
Die wichtigsten Textzeugen sind PHerc. 1021, PHerc. 164 und PHerc. 1691. PHerc. 1021 ist der zentrale Textzeuge und enthält den größten erhaltenen Teil. Zusammen mit PHerc. 1691, das erst 2012 als zugehöriges Fragment erkannt wurde, bildet er eine Entwurfsfassung oder ein Arbeitsmanuskript. PHerc. 164 ist dagegen eine spätere, nur sehr fragmentarisch erhaltene Endfassung, auch recensio ultima genannt.
Der Entwurfscharakter ist für das Verständnis entscheidend. PHerc. 1021/1691 enthält Korrekturen, Zusätze, Umstellungen, Rand- und Zwischenbemerkungen sowie Kolumnen auf der Rückseite. Der Papyrus ist opisthographisch, das heißt auch auf dem Verso, der Rückseite, beschrieben. Diese Rückseitenkolumnen enthalten Nachträge, die in die spätere Fassung eingefügt werden sollten. PHerc. 164 zeigt, dass diese Arbeitsfassung tatsächlich in eine geordnetere Buchfassung überführt wurde.
Die Papyri sind stark beschädigt. Es fehlen Wörter, Zeilen und ganze Kolumnen; zudem können Papyruslagen falsch liegen oder über- und untereinander haften. Die moderne Rekonstruktion nutzt deshalb alte Abzeichnungen, sogenannte disegni, Multispektralbilder im Nahinfrarotbereich (MSI/NIR), Hyperspektralbilder (HSI), Papyrusautopsie und bibliometrische Analyse, also Messungen von Kolumnenbreite, Zeilenzahl, Klebungen und Rollenstruktur.
Philodem als Autor
Philodem von Gadara war ein griechisch schreibender Philosoph und Dichter. Er wurde wohl um 110 v. Chr. in Gadara geboren, einer hellenistisch geprägten Stadt der Dekapolis im heutigen Jordanien. Er gehörte der epikureischen Schule an und studierte in Athen im epikureischen Garten bei Zenon von Sidon. Später ging er nach Italien und stand im Umfeld des römischen Politikers Lucius Calpurnius Piso Caesoninus, des Konsuls von 58 v. Chr. und Schwiegervaters Caesars.
Neuere Lesungen im Index Academicorum zeigen, dass Philodem vor seiner Studienzeit in Athen wahrscheinlich auch in Alexandria war, wohl zwischen etwa 90 und 86/85 v. Chr. Alexandria war ein Zentrum philologischer und wissenschaftlicher Gelehrsamkeit. Das ist für sein Werk wichtig, weil Philodem als gelehrter Sammler, Bearbeiter und Ordner älterer Quellen erscheint.
Philodem schrieb die Geschichte der Akademie aus epikureischer Perspektive, aber nicht als einfache Streitschrift. Er wollte offenbar eine geordnete schulgeschichtliche Übersicht schaffen, die Personen, Schulfolgen und Quellenmaterial zuverlässig zusammenstellt. Besonders für die späte Akademie wird er mehr als ein Kompilator: Bei Philio von Larissa, in älterer Forschung meist Philon von Larisa genannt, Antiochos von Askalon und deren Schülerkreisen konnte er auch zeitnahe Nachrichten, persönliche Kontakte und eigene Erinnerungen einbringen.
Arbeitsweise und Aufbau
Philodems Grundverfahren ist die exzerpierende Kompilation. Das bedeutet: Er sammelt ältere Texte, übernimmt Auszüge, kürzt, ordnet, verbindet und ergänzt sie. Er schreibt also kein modernes Geschichtswerk aus eigener Darstellungskraft, sondern formt aus älteren Quellen eine biographisch gegliederte Schulgeschichte.
Das erhaltene Arbeitsmanuskript zeigt, dass dieser Prozess mehrstufig war. Philodem oder seine Mitarbeiter trugen Ergänzungen über, unter und zwischen den Kolumnen ein, setzten Verweiszeichen, markierten Tilgungen und Umstellungen und nutzten die Rückseite der Rolle für größere Nachträge. Manche Abschnitte wurden offenbar später eingefügt. Die Endfassung PHerc. 164 zeigt, dass aus dieser unruhigen Arbeitsrolle eine geglättete Fassung entstehen sollte.
Inhaltlich folgt das Werk der Geschichte der Akademie als Schulfolge. Nach verlorenen Anfangsteilen setzt der erhaltene Text mit Material zu Platon ein, behandelt Speusipp, Xenokrates und weitere Vertreter der Alten Akademie, dann Polemon, Krantor von Soloi, Krates und Arkesilaos, anschließend die skeptische und spätere Akademie bis zu Karneades, Kleitomachos, Philio von Larissa und Antiochos von Askalon. Am Ende verweist der Text nach Fleischers Neuedition nicht nur rückblickend auf die Akademie, sondern wahrscheinlich voraus auf weitere sokratische Schultraditionen, besonders Megariker und Kyniker.
Quellen und Beispiele
Philodem nutzt viele ältere Autoren. Für die erste Buchhälfte sind besonders Dikaiarch, Philochoros, Neanthes von Kyzikos, Hermippos von Smyrna und Antigonos von Karystos wichtig. Für die zweite Hälfte bildet Apollodor von Athen mit seinen Chronica das wichtigste chronologische Rückgrat. Apollodors Werk war in iambischen Trimetern abgefasst und datierte offenbar nach athenischen Archonten; Philodem übernahm daraus teils längere Verspassagen und arbeitete sie teilweise in Prosa um.
Dikaiarch von Messene, ein Schüler des Aristoteles, lieferte wahrscheinlich einen längeren Abschnitt aus Περὶ βίων (Peri biōn, „Über Lebensformen“). Darin erscheint Platon nicht nur als Autor, sondern als Begründer einer philosophischen Lebensform. Dikaiarch beschreibt Platons Verbindung sokratischer und pythagoreischer Anregungen, die Wirkung seiner Dialoge und die Akademie als Ort theoretischer Forschung. Platon wird dabei als ἀρχιτέκτων (architektōn, „Baumeister“ oder „Meisterbaumeister“) mathematischer Forschung verstanden: Er stellte Probleme, während mathematisch geschulte Spezialisten Lösungen ausarbeiteten.
Philochoros von Athen, ein Atthidograph, also Lokalhistoriker Athens, ergänzt diese Perspektive durch topographische und antiquarische Nachrichten. Er berichtet etwa über den Garten, den Peripatos, das Museion, Büsten, Inschriften, Platons Demoszugehörigkeit, Alter und Todesjahr sowie über Speusipps Weihung der Chariten im Museion. Neanthes liefert biographische Episoden, etwa zu Platons Namen, zum Verkauf in die Sklaverei auf Ägina und zu Platons letzter Nacht. Hermippos ist besonders wichtig für Chairon von Pellene, der von einem Hörer Platons und Xenokrates’ zu einem politisch problematischen Machthaber wurde. Antigonos von Karystos prägt die Darstellung von Polemon, Krantor, Krates und Arkesilaos.
Forschung und Neuedition
Die Forschungsgeschichte reicht von Friedrich Büchelers Edition 1869 über Siegfried Meklers Ausgabe 1902 bis zu Konrad Gaisers wichtiger Teilausgabe Philodems Academica von 1988. Gaiser machte deutlich, dass das Werk nicht nur eine lose Anekdotensammlung ist, sondern eine biographisch angelegte Schulgeschichte aus älteren Exzerpten. Spätere Forschung korrigierte jedoch Teile seiner materiellen Rekonstruktion.
Den aktuellen Forschungsstand prägt Kilian Fleischers Neuedition von 2023. Sie integriert PHerc. 1691 als Teil derselben Entwurfsrolle wie PHerc. 1021, bezieht PHerc. 164 als Endfassung ein und verbindet alte disegni, moderne Bildgebung, Papyrusautopsie, bibliometrische Analyse, Transkription, Übersetzung und Kommentar. Fleischer betont, dass der lesbare Textbestand gegenüber früheren Editionen um bis zu etwa 30 Prozent erweitert und verbessert werden konnte.
Wichtige Ergebnisse sind die genauere Rekonstruktion des Arbeitsmanuskripts, neue Lesungen in den letzten Kolumnen, die Einordnung des Werkendes als Vorschau auf weitere Schultraditionen und die Korrektur der Namensform Philio von Larissa statt der verbreiteten Form Philon von Larisa. Außerdem ergeben sich neue Hinweise auf Philodems Biographie, etwa ein Aufenthalt in Alexandria vor seiner Studienzeit in Athen. Insgesamt ist Philodems Geschichte der Akademie deshalb zugleich Quelle zur platonischen Schule, Zeugnis verlorener antiker Literatur und seltenes Dokument dafür, wie ein antiker Gelehrter ein Buch plante, überarbeitete und aus älteren Quellen zusammenstellte.