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Per Anders Rudling
Per Anders Rudling (geboren am 11. April 1974 in Karlstad) ist ein schwedisch-amerikanischer Historiker, der als außerordentlicher Professor an der Fakultät …
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Person und Arbeitsgebiete
Per Anders Rudling, geboren am 11. April 1974 in Karlstad, ist ein schwedisch-amerikanischer Historiker und außerordentlicher Professor für Geschichte an der Universität Lund in Schweden. Er forscht vor allem zu Nationalismus, Rechtsextremismus, Antisemitismus und Gedächtniskultur in Osteuropa, besonders in der Ukraine, Belarus und Russland. Ein weiterer Schwerpunkt ist die ukrainische Diaspora in Kanada.
Gedächtniskultur bezeichnet, wie Gruppen oder Staaten an historische Ereignisse erinnern, sie deuten und öffentlich darstellen. Rudling untersucht dabei besonders, wie historische Erzählungen für politische oder nationale Zwecke verwendet werden.
Ausbildung und akademische Laufbahn
Rudling besuchte in seiner Heimatstadt Karlstad ein Gymnasium mit Russischunterricht. Er schloss 1998 an der Universität Uppsala einen Master of Arts in Russisch ab, 2003 an der San Diego State University einen Master of Arts in Geschichte und 2009 an der University of Alberta einen Ph.D. in Geschichte bei David R. Marples. Danach absolvierte er ein Postdoc-Studium an der Universität Greifswald.
Seit 2013 arbeitet er als außerordentlicher Professor für Geschichte an der Universität Lund. Im Wintersemester 2015 war er Gastprofessor an der Universität Wien. Von Dezember 2015 bis Juni 2019 war er Visiting Senior Fellow an der National University of Singapore und koordinierte dort Europastudien. Von Juli 2019 bis Juni 2021 arbeitete er am Zentrum für Baltische und Osteuropäische Studien der Hochschule Södertörn mit Schwerpunkt Belarus.
Ende 2019 erhielt er ein auf fünf Jahre angelegtes Stipendium der Knut-und-Alice-Wallenberg-Stiftung. Mit etwa 160.000 Euro jährlich sollte er den ukrainischen „Fernnationalismus“ in Kanada untersuchen: also Nationalismus, der von Menschen in der Diaspora auf ein entferntes Herkunftsland bezogen wird. Im Mittelpunkt stehen dabei die Hungersnot von 1932–33 und der antisowjetische Widerstand der unmittelbaren Nachkriegszeit als Elemente eines Kollektivgedächtnisses. 2022 wurde er als erster von dieser Stiftung finanzierter Dozent im Fachbereich Geschichte der Universität Lund angestellt.
Forschung zu Belarus und Ukraine
Eine wichtige frühe Arbeit Rudlings ist The Rise and Fall of Belarusian Nationalism, 1906–1931. Das Buch behandelt die Entwicklung des belarussischen Nationalismus von seinen Anfängen bis in die 1930er Jahre und erhielt 2015 den Kulczycki-Buchpreis für Polonistik. Nach der Darstellung im Artikel erklärt Rudling, angelehnt an die Phasen der Nationsbildung von Miroslav Hroch, wie belarussische Nationalisten fehlendes „soziales Kapital“ selbst aufbauten.
Seine aktuelle Forschung richtet sich auf die ukrainisch-kanadische nationalistische Gemeinschaft, insbesondere auf Anhänger des Bandera-Flügels der Organisation Ukrainischer Nationalisten, OUN(b). Er untersucht deren Erinnerungskultur und die „Holodomor“-OUN-UPA-Erzählung. OUN steht für Organisation Ukrainischer Nationalisten, UPA für Ukrainische Aufstandsarmee. In dieser Erzählung wird ukrainische Geschichte als Völkermord durch „Moskowiter“ und als heroischer Widerstand der OUN(b) und UPA gegen die „ewigen Feinde“ des ukrainischen Volkes dargestellt.
Rudling untersucht konkurrierende Opfererzählungen, das Schweigen über die Beteiligung von OUN und UPA am Holocaust sowie an den Massakern in Wolhynien 1943 und die Übertragung solcher Narrative aus der Diaspora in die Ukraine. Er fragt außerdem, wie eine fehlende Aufarbeitung historischer Gewalt in der Ukraine und in Russland politisch instrumentalisiert werden kann. Seine Forschung bezeichnet er als „Metahistoriographie“: Sie soll die Nutzung von Geschichte in größere Zusammenhänge von Multikulturalismus, Emigration und Nationalismus in der Ferne einordnen. Als Ziel nennt er, Lesern und Studierenden Hilfsmittel und Hintergründe zu geben, damit sie Zusammenhänge erkennen und sich selbst eine Meinung bilden können.
Debatten über ukrainischen Nationalismus und Erinnerung
Rudling wird zusammen mit John Paul Himka, Ivan Katchanovski, Jarred McBride und Grzegorz Rossoliński-Liebe einer Gruppe von Historikern zugeordnet, die die Vergangenheit ukrainischer Nationalisten und der ukrainischen Diaspora kritisch erforschen.
2012 kritisierte er eine Vortragsreise des Historikers Ruslan Zabily in Kanada und den USA, weil dabei OUN-B, UPA, Stepan Bandera und Roman Schuchewytsch verharmlost worden seien. Ukrainisch-nationalistische Organisationen in Kanada warfen Rudling daraufhin Intoleranz und einen Verrat an den Prinzipien der Universität Lund vor. Rudling verwies in seiner Antwort auf die Rolle der OUN-B beim Holocaust in der Ukraine, auf die Beteiligung von OUN/UPA an Massakern an Polen und Juden in Wolhynien und Ostgalizien sowie auf Morde an Ukrainern und auf Banderas Antisemitismus. Mehrere Wissenschaftler, darunter John Paul Himka und Ruth Wodak, unterstützten ihn in einem offenen Brief.
Er kritisiert außerdem, dass Opfer der Zwangskollektivierung unter Stalin unter dem Begriff „Holodomor“ zur Begründung nationalistischer Mythen genutzt würden. Ebenso kritisiert er die Gleichsetzung nationalsozialistischer und stalinistischer Antisemitismus-Verbrechen am Black Ribbon Day, wenn dadurch Nationalisten nur als Opfer erscheinen und die Beteiligung eigener Vorfahren am Holocaust verharmlost werde.
2021 kritisierten Rudling und Efraim Zuroff einen Artikel von Olga Bertelson über KGB-Kampagnen im Kalten Krieg. Sie warfen ihr vor, den ukrainischstämmigen KZ-Wärter Ivan Demjanjuk als unschuldiges KGB-Opfer darzustellen und dafür auch Texte von Holocaust-Leugnern sowie rechtsextreme Quellen zu verwenden. Bertelson entgegnete, Demjanjuk sei nicht das Hauptthema ihres Artikels; wegen seines Todes gebe es kein rechtsgültiges Urteil. Sie warf Rudling und Zuroff vor, sowjetische Narrative zu verbreiten und abweichende Stimmen als Holocaust-Leugner zu brandmarken.
Nach dem Empfang des ehemaligen Mitglieds der Waffen-SS-Division Galizien, Jaroslaw Hunka, im kanadischen Unterhaus kritisierten Rudling und Zuroff Kanadas Umgang mit NS-Verbrechen. Mit Jared McBride forderte Rudling die vollständige Veröffentlichung des Berichts der Dêschenes-Kommission einschließlich der darin genannten möglichen Kriegsverbrecher sowie die Freigabe weiterer Dokumente nach dem Vorbild der USA.
Wichtige Schriften
Rudlings Bücher und Aufsätze behandeln vor allem belarussischen und ukrainischen Nationalismus, Antisemitismus, den Holocaust, Erinnerungspolitik und rechtsextreme Bewegungen. Zu seinen zentralen Büchern gehören The OUN, the UPA and the Holocaust: A Study in the Manufacturing of Historical Myths (2011), The Rise and Fall of Belarusian Nationalism, 1906–1931 (2015) und Tarnished Heroes: The Organization of Ukrainian Nationalists in the Memory Politics of Post-Soviet Ukraine (2024).
Wiederkehrende Themen seiner Veröffentlichungen sind die Erinnerung an den Holocaust in Belarus und der Ukraine, die historische Darstellung von OUN und UPA, die Waffen-SS-Division Galizien, Roman Schuchewytsch, Mykola Lebed, der Kult um Stepan Bandera sowie nationalistische Denkmäler und Erinnerungspolitik in Kanada. Weitere Arbeiten befassen sich mit Antisemitismus in Russland, der politischen Erinnerungskultur in Belarus unter Aljaksandr Lukaschenka, dem Ukrainischen Institut für Nationales Gedächtnis und den Folgen von Geschichtsgesetzen für die akademische Freiheit.