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Neunaugen

Neunaugen (Petromyzontiformes) sind eine Ordnung fischähnlicher, stammesgeschichtlich basaler Wirbeltiere (Vertebrata) und lebende Fossilien, die sich seit …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Merkmale und Bedeutung
  2. 2. Körperbau und Entwicklung
  3. 3. Wandernde Lebensweise
  4. 4. Stationäre Lebensweise
  5. 5. Systematik und Evolution
  6. 6. Neunaugen als Lebensmittel

Merkmale und Bedeutung

Neunaugen (Petromyzontiformes) sind eine Ordnung fischähnlicher, stammesgeschichtlich basaler Wirbeltiere. Sie gelten als lebende Fossilien, da sie sich seit etwa 500 Millionen Jahren kaum verändert haben. Zusammen mit den Schleimaalen bilden sie die kieferlosen Rundmäuler (Cyclostomata), die im weiteren Sinne häufig zu den Fischen gezählt werden, biologisch aber keine Fische sind.

Die Tiere leben überwiegend in Küstengewässern und im Süßwasser kalter und gemäßigter Zonen. Ihr Verbreitungsgebiet ist nicht zusammenhängend und umfasst Europa, das kalte und gemäßigte Asien, Nordamerika, Patagonien, den Südosten Australiens einschließlich Tasmaniens sowie Neuseeland. Zum Laichen benötigen sie den Oberlauf von Bächen und Flüssen mit kiesigem Untergrund sowie kühlem, sauerstoffreichem Wasser. Deshalb kommen sie nicht in den Tropen vor.

Alle Neunaugenarten stehen auf der Roten Liste. In den nordamerikanischen Großen Seen wurden Meerneunaugen durch Schiffe und Kanäle eingeschleppt. Da sie dort kaum natürliche Feinde haben, bedrohen sie einheimische Fischbestände. Sie werden mit Fallen, künstlichen Pheromonfallen und speziellen Giftstoffen bekämpft, die Neunaugen, nicht aber echte Fische schädigen können.

Körperbau und Entwicklung

Neunaugen besitzen einen aalartigen, langgestreckten Körper mit einem flossenartigen Rücken- und Schwanzsaum. Je nach Art werden sie etwa 20 bis 40 cm lang, im Meer bis zu 75 cm und vereinzelt noch größer. Erwachsene Tiere haben zwei Augen.

Die Bezeichnung „Neunauge“ bezieht sich auf die sieben seitlichen Kiemenspalten und die unpaare Nasenöffnung, die wie insgesamt neun Augen auf jeder Körperseite erscheinen. Ein echtes Kiefergebiss fehlt. Das rundliche Maul ist als Saugmaul ausgebildet und trägt Hornzähne.

Die Larven heißen Querder. Sie sind zunächst augenlos und wurmartig. Nach dem Schlüpfen vergraben sie sich in sandigen Bereichen des Gewässerbodens; nur der Kopf bleibt frei. Mit ihm filtern sie feine Nahrungspartikel und Plankton aus dem Wasser. Meist nach fünf bis sieben Jahren verwandeln sie sich durch eine ausgeprägte Metamorphose in erwachsene Tiere.

Wandernde Lebensweise

Etwa die Hälfte der Neunaugenarten wandert als erwachsenes Tier ins Meer. Dort leben sie gewöhnlich küstennah bis zu 18 Monate als Parasiten. Zu diesen Arten gehören unter anderem das in Mitteleuropa verbreitete Meerneunauge und das Flussneunauge.

Die Neunaugen saugen sich an Fischen fest, trinken deren Blut und raspeln Fleischstücke heraus. Stoffe in ihrem Speichel hemmen die Blutgerinnung. Deshalb bilden sich an den Wunden keine Blutgerinnsel. Diese Substanzen werden auf eine mögliche medizinische Verwendung untersucht, insbesondere zum Auflösen von Blutgerinnseln.

Größere und gesunde Fische überleben die Angriffe meist und behalten kreisförmige Narben. Kleine, junge oder kranke Fische können jedoch sterben. Große Neunaugen greifen gelegentlich auch Menschen in Küstennähe an und saugen Blut. Ihre Bisse sind für Menschen nicht giftig.

Nach einigen Jahren wandern die Tiere zum Laichen in den Oberlauf eines Fließgewässers zurück. Während dieses Aufstiegs bildet sich der Darm zurück. Nach dem Laichen sterben die erwachsenen Tiere.

Stationäre Lebensweise

Etwa zwanzig Neunaugenarten sind stationäre, nichtparasitische Süßwasserbewohner. Sie bleiben in der Nähe ihres Larvengewässers und laichen dort auch wieder. Diese Arten sind jeweils eng mit großen, anadrom lebenden Arten verwandt und werden deshalb als „Satelliten-Arten“ bezeichnet.

Beispiele sind das Bachneunauge, das Oberitalienische Neunauge (Lethenteron zanandreai), das nur in Seitenflüssen des Pos vorkommt, und das Ukrainische Bachneunauge (Eudontomyzon mariae), das nur im Einzugsgebiet der Donau lebt.

Die Larven graben sich in den Gewässergrund ein und filtern Kleinorganismen aus dem Wasser. Nach der Larvenzeit nehmen die Tiere keine Nahrung mehr auf. Schon während der Metamorphose bildet sich der Darm zurück. Sie laichen nur einmal und sterben anschließend.

Eine Ausnahme ist das Donauneunauge (Eudontomyzon danfordi). Es ist die einzige europäische Neunaugenart, die an Süßwasserfischen wie Barschen und Döbeln parasitiert.

Systematik und Evolution

Die wissenschaftliche Bezeichnung der Ordnung lautet Petromyzontiformes; sie gehört zu den Wirbeltieren (Vertebrata), den Chordatieren (Chordata) und der Überklasse der Rundmäuler (Cyclostomata). Innerhalb der Neunaugen werden drei Familien, zehn Gattungen und etwa 47 bis 49 Arten unterschieden; die unterschiedliche Angabe wird im Artikel nicht weiter aufgelöst.

Zur äußeren Systematik gab es unterschiedliche Auffassungen. Seit dem Aufkommen der Kladistik wurde zeitweise angenommen, die Rundmäuler seien eine paraphyletische Gruppe und Neunaugen daher näher mit den Kiefermäulern als mit den Schleimaalen verwandt. Als Belege galten unter anderem muskuläre Flossenbasen, ein mit Nerven ausgestattetes Herz, bestimmte Merkmale von Milz und Bauchspeicheldrüse sowie physiologische Eigenschaften.

Molekularbiologische Untersuchungen sprechen dagegen dafür, dass die Rundmäuler monophyletisch sind: Neunaugen und Schleimaale haben demnach eine jüngste gemeinsame Stammform, aus der keine andere heute lebende Gruppe hervorgegangen ist. Beide Gruppen teilen vier einzigartige microRNA-Familien und 15 einzigartige Paralogien zwischen primitiven microRNA-Familien.

Die Rundmäuler sollen sich vor etwa 500 Millionen Jahren im Kambrium aus dem letzten gemeinsamen Vorfahren aller Wirbeltiere entwickelt haben. Dieser Vorfahr war wesentlich komplexer als die heutigen Rundmäuler. Danach verloren Rundmäuler zahlreiche typische Wirbeltiermerkmale; bei Schleimaalen war dieser Verlust stärker als bei Neunaugen. Fossilien von Neunaugen sind bereits seit 360 Millionen Jahren modernen Formen ähnlich.

Das Genom des Meerneunauges (Petromyzon marinus) weist Merkmale zweifacher Genverdoppelung auf. Es ist damit die älteste Wirbeltierordnung, bei der diese Besonderheit nachgewiesen wurde. Die Genomvergrößerung erfolgte vor der Abspaltung der Neunaugen, also vor mehr als 500 Millionen Jahren. Beim Meerneunauge finden sich außerdem viele Gene der Kiefermäuler, darunter einige genetische Regulatoren für paarige Gliedmaßen, obwohl Neunaugen nur einen unpaarigen Flossensaum besitzen.

Neunaugen als Lebensmittel

Neunaugen wurden seit der Antike als Speisefische geschätzt und meist als Lampreten bezeichnet. Das größte und wirtschaftlich genutzte Neunauge ist das Meerneunauge. Sein weißes, feines Fleisch wird mit Aal verglichen und als „fleischiger“ im Geschmack als das Fleisch der meisten echten Fische beschrieben.

Traditionell wurden Neunaugen unter anderem gebraten, gegrillt, mariniert oder geräuchert. Das kleinere Flussneunauge, auch Bricke oder Pricke genannt, wurde bis in die neuere Zeit in Elbe und Weser gefangen und über Holzkohle gegrillt. In Frankreich, Galicien und Portugal stehen Lampreten noch heute auf traditionellen Speisekarten. Ein klassisches portugiesisches Gericht ist Arroz de Lampreia. Bei Lamproie à la Bordelaise werden Stücke in einer Sauce aus Bordeaux-Wein, dem Blut der Neunaugen, rohem Schinken, Porree, Zwiebeln und Knoblauch gedünstet.

In Europa werden Neunaugen wegen ihrer Gefährdung und zahlreicher Schutzbestimmungen nur noch selten angeboten. Regelmäßig findet man sie vor allem im Baltikum, wo sie auf Märkten verkauft und gegrillt oder geräuchert verzehrt werden.

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