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Neulateinische Literatur

postpositio = Postposition, Nachwort, da praepositio = Präposition, Vorwort bzw. im weiteren Sinne Verhältniswort bei einigen fremden Sprachen nicht mehr …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und zentrale Merkmale
  2. 2. Renaissance und Humanismus
  3. 3. Latein vom 17. bis zum 19. Jahrhundert
  4. 4. Neulateinische Literatur in der Gegenwart
  5. 5. Textsammlungen und weiterführende Verzeichnisse

Begriff und zentrale Merkmale

Neulateinische Literatur ist die in lateinischer Sprache verfasste Literatur des Renaissance-Humanismus und der folgenden neuzeitlichen Epochen bis zur Gegenwart. Sie beginnt mit dem Frühhumanismus in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Bis ins späte 15. Jahrhundert entstanden jedoch weiterhin Werke, vor allem Dichtungen, die der mittellateinischen Literatur zugeordnet werden. Im 14. und 15. Jahrhundert bestanden beide Literaturformen nebeneinander. Als neulateinisch gelten für diese Zeit insbesondere Werke von Autoren, die sich selbst als Humanisten verstanden.

Die Humanisten entfernten sich vom Vulgär- und Mittellatein und orientierten sich am klassischen Latein, vor allem an der Sprache der Goldenen Latinität. Wortschatz und Syntax antiker Vorbilder wurden als verbindliche Norm angesehen. Dadurch war das Neulatein stark normorientiert und unterschied sich vom Mittellatein, das sich sprachlich weiterentwickelte. Die Bezeichnung „neulateinisch“ bedeutet daher nicht einfach „neues Latein“, sondern bezeichnet die bewusste Rückkehr zu einer bestimmten antiken Sprachstufe.

Die Orientierung am klassischen Latein war jedoch nicht vollständig fehlerfrei. Schreibweisen blieben teilweise uneinheitlich, etwa bei i und y oder bei foemina neben femina sowie conditionalis neben condicionalis. Auch grammatische Auffassungen konnten vom klassischen Latein abweichen, beispielsweise bei Neutra der u-Deklination oder beim Futur-Imperativ Passiv der 2. Person Plural. Der Artikel weist selbst darauf hin, dass einige dieser Angaben unzureichend belegt beziehungsweise möglicherweise teilweise falsch sind.

Die Vorstellung einer völlig unveränderlichen Sprache ist ebenfalls zu differenzieren: Im Neulatein entstanden neue Begriffe wie bomba atomica oder bomba nuclearis für „Atombombe“ und aeroplanum für „Flugzeug“. Mit lateinischen Präfixen und Suffixen wurden außerdem Neubildungen wie postpositio für „Postposition“ beziehungsweise „Nachwort“ gebildet. Das Schlagwort von der „toten“ Sprache wird im Artikel vor allem damit in Verbindung gebracht, dass es keine Muttersprachler mehr gibt und die Sprache sich nicht mehr wie eine Alltagssprache fortentwickelt.

Der frühe Buchdruck wurde überwiegend von lateinischen Werken bestimmt. Von rund 30.000 Wiegendrucken erschienen 21.123, also etwa 70 %, in lateinischer Sprache. Zum Vergleich nennt der Artikel 3303 deutschsprachige, 2433 italienische, 1782 französische, 571 niederländische, 437 spanische, 240 englische und 154 hebräische Wiegendrucke. Bis ins 18. Jahrhundert übertraf die neulateinische Literatur hinsichtlich Umfang und Zahl der veröffentlichten Bücher die Literaturen aller anderen europäischen Sprachen.

Renaissance und Humanismus

Die Renaissance bedeutete auf literarischem Gebiet eine Wiedergeburt der antiken Latinität. Die frühen Humanisten Petrarca und Boccaccio wandten sich bewusst vom als unelegant empfundenen Mittellatein und besonders von der scholastischen Fachsprache ab. Sie orientierten sich an den klassischen Autoren der römischen Literatur, vor allem an Cicero. Nördlich der Alpen setzte sich dieser Stil ebenfalls durch; Erasmus von Rotterdam spielte dabei mit seinem eleganten Latein eine wichtige Rolle.

Die starke Nachahmung antiker Vorbilder führte zur Kontroverse um den Ciceronianismus. In dieser Auseinandersetzung diskutierten Humanisten über Sinn und Grenzen der Orientierung an Cicero und anderen klassischen Autoren.

Reformation und Gegenreformation stärkten die Bedeutung des Lateinischen. Philipp Melanchthon, ein Freund Martin Luthers, verfasste Lehrbücher und Lehrpläne für die neu gegründeten evangelischen Gymnasien. Deren wichtigstes Ziel war die aktive Beherrschung des Lateinischen.

Ein Übergang vom Mittellatein zur neulateinischen Gelehrtensprache lässt sich in Briefen an Nicolaus Copernicus während der 1520er und 1530er Jahre beobachten. Johannes Sculteti verwendete 1521 noch ein relativ schwerfälliges mittelalterliches Latein, während Gemma R. Frisius 1541 bereits ein klares und bildhaftes Neulatein schrieb.

Latein vom 17. bis zum 19. Jahrhundert

Im 17. und 18. Jahrhundert blieb Latein in Schule, Kirche, Literatur und Wissenschaft wichtig. Die Jesuiten erreichten mit ihrem lateinischen Schultheater auch ein einfaches Publikum. Der Jesuit Jakob Balde (1604–1668) gilt im Artikel als bedeutendster lateinisch schreibender deutscher Barockdichter. Seit 1658 lernten Generationen von Kindern Latein mit Comenius’ deutsch-lateinischem Bilderbuch Orbis sensualium pictus.

Mit dem Erstarken der Nationalsprachen verlor Latein seit dem 17. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung. In Deutschland erschienen 1681 erstmals mehr Bücher auf Deutsch als auf Latein. Lateinische Belletristik wurde zur Ausnahme; als Beispiel nennt der Artikel Ludvig Holbergs Roman Nikolai Klimii iter subterraneum von 1741.

Als internationale Wissenschaftssprache blieb Latein jedoch noch lange wichtig. Nicolaus Copernicus, Johannes Kepler und Galileo Galilei veröffentlichten bedeutende astronomische Erkenntnisse auf Latein. Isaac Newtons Philosophiae Naturalis Principia Mathematica erschien 1687 ebenfalls in lateinischer Sprache. René Descartes wurde mit dem Satz Cogito ergo sum aus seinen principia philosophiae bekannt. Arthur Schopenhauer verfasste noch 1830 die Theoria colorum physiologica auf Latein. Carl von Linné entwickelte 1735 in Systema naturae eine lateinische Methode zur Klassifikation von Lebewesen, die bis heute verwendet wird. Besonders in den Niederlanden entstanden bis an die Schwelle des 19. Jahrhunderts umfangreiche lateinische Gedichte, unter anderem von Hieronymus de Bosch.

Neulateinische Literatur in der Gegenwart

Auch im 20. und 21. Jahrhundert werden lateinische literarische Texte verfasst. Hermann Weller schrieb zahlreiche preisgekrönte Gedichte in klassischen Metren; Sammlungen erschienen 1938 und 1946. Josef Eberle veröffentlichte vor allem lateinische Gedichte in der Sonntagsbeilage der Stuttgarter Zeitung und wurde 1962 von der Universität Tübingen nach frühneuzeitlichem Vorbild mit dem Lorbeer gekrönt. Bekannt sind außerdem die Satiren und Epigramme des in Berlin geborenen Amerikaners Harry C. Schnur, der das Pseudonym C. Arrius Nurus verwendete. Fidel Rädle schrieb in Göttingen lateinische Gedichte. Michael von Albrecht veröffentlichte 1989 den satirisch-utopischen Roman Memoiren eines Affen auf Latein. Anna Elissa Radke wurde wegen ihrer gefühlvollen Gedichte als „Sappho von Marburg“ bezeichnet.

Bis heute erscheinen lateinische Zeitschriften. Die Societas Latina in Saarbrücken gibt fünfmal jährlich Vox Latina heraus. Zu ihren bekannten Vertretern gehört Caelestis Eichenseer, der sich um die Pflege des Lateinischen verdient machte. Weitere neulateinische Zeitschriften sind Rumor Varius und Tiro – Zeitschrift für Latein. Der Vatikan gibt seit etwa 1976 Latinitas heraus, die unter anderem aktuelle Nachrichten enthält. Radio Bremen verbreitete 16 Jahre lang lateinische Nachrichten im Rundfunk und im Internet; dieses Angebot wurde Ende 2017 eingestellt. Außerdem existiert eine lateinischsprachige Wikipedia.

Textsammlungen und weiterführende Verzeichnisse

Für die Beschäftigung mit neulateinischen Texten nennt der Artikel mehrere Sammlungen. Allgemeine Ausgaben sind unter anderem Scripta Latina, herausgegeben von Michael von Albrecht (1989), mit zahlreichen neulateinischen Gedichten des 20. Jahrhunderts, sowie Martin Korenjaks zweisprachige Textsammlung Neulatein (2019).

Für die Dichtung werden Anthologien zur neulateinischen Poesie aus verschiedenen Zeiten und Regionen genannt, darunter Sammlungen von Fred J. Nichols (1979), Josef Eberle (1961), Leo M. Kaiser (1984) sowie James J. Mertz und John P. Murphy (1989). Eine Sammlung neulateinischer Ordensdramen des 16. Jahrhunderts mit deutschen Übersetzungen gab Fidel Rädle 1979 heraus. Zur Gebrauchsprosa gehört eine Ausgabe von Alfons Fitzek (1990) mit 41 lateinischen Ehrenurkunden des 20. Jahrhunderts und deutscher Übersetzung. Als weiterführende Hilfsmittel verweist der Artikel außerdem auf Online-Bibliografien sowie Listen neulateinischer, moderner lateinischer und neulateinischer philologischer Autoren.

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