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Nerd
Nerd [nɜːd] (englisch modern für „Computerfreak“; ursprünglich für „Sonderling“) ist eine Bezeichnung für an Spezialinteressen hängende Menschen.
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Bedeutung und typische Eigenschaften
Ein Nerd ist eine Person mit ausgeprägten Spezialinteressen, besonders in den Bereichen Computer, Technik, Wissenschaft oder Science-Fiction. Die Bezeichnung kann je nach Zusammenhang anerkennend oder abwertend gemeint sein. Positiv gilt ein Nerd als Individualist mit außergewöhnlichen Fachkenntnissen, der dafür in technisch bewanderten Kreisen Anerkennung erhält. Negativ bezeichnet das Wort einen sozial unbeholfenen, verschrobenen Einzelgänger, der ständig am Computer sitzt und dadurch in soziale Isolation gerät.
Als zentrale Eigenschaften nannte die Süddeutsche Zeitung „soziale Vernetzung per Mausklick, Ironie und Intelligenz“. Zum Klischee gehört außerdem ein Eigenbrötler, der sich vorwiegend allein oder in abgeschotteten Gruppen bewegt, ein bedrucktes T-Shirt trägt und wenig Wert auf die Meinung von „Noobs“ legt. Der Begriff wird inzwischen auch außerhalb der Computerwelt für meist männliche Technikenthusiasten mit starkem Interesse an Wissenschaft, Technik oder Science-Fiction verwendet.
Ursprünglich war „Nerd“ vor allem eine negative Bezeichnung für einen Sonderling, Fachidioten, Schwachkopf, Streber oder unbeliebten Eigenbrötler. Im schulischen und universitären US-amerikanischen Umfeld stand der Nerd als Gegenfigur zum „Jock“, einem athletisch und erotisch erfolgreichen Schüler. Unter Technikenthusiasten entwickelte sich das Wort jedoch auch zu einer selbstironischen Eigenbezeichnung, insbesondere bei Menschen mit Affinität zur Hackerkultur. Medien förderten einen positiveren Bedeutungswandel: Aus dem gesellschaftlichen Außenseiter wurde zunehmend eine Person, die durch Wissen und technische Fähigkeiten die Gesellschaft voranbringt.
Herkunft und Bedeutungswandel
Das Wort „nerd“ wurde erstmals 1950 in Dr. Seuss’ Buch If I Ran the Zoo verwendet. Dort ist ein Nerd Bestandteil eines imaginären Zoos. Im amerikanischen Slang ist das Wort seit 1951 dokumentiert und seit den 1960er Jahren populär.
Für die Herkunft gibt es mehrere Erklärungen. Eine angenommene Herkunft führt das Wort auf „nert“ zurück, das als Abwandlung von „nut“ gilt. „Nut“ bedeutet wörtlich „Nuss“ und kann übertragen „verrückte Person“ bedeuten. Laut einem Artikel der IEEE Spectrum des IEEE aus dem Jahr 1995 soll „nerd“ außerdem durch Rückwärtslesen von „drunk“ entstanden sein: „knurd“. Damit seien College-Absolventen bezeichnet worden, die Partys vermeiden. Aus „knurd“ sei im Laufe der Zeit „nerd“ geworden; das englische „kn“ am Wortanfang wird wie „n“ ausgesprochen.
Das Merriam-Webster’s Collegiate Dictionary beschreibt einen Nerd als eine Person, die sich in Gegenwart anderer unbeholfen verhält und gewöhnlich unmodische Kleidung oder Frisur trägt. Außerdem bezeichnet es damit eine Person, die sich besonders für technische Fächer, Computer und Ähnliches interessiert, sowie allgemein eine unmodische, unattraktive oder sozial unbeholfene Person, die sich besonders stark intellektuellen oder akademischen Tätigkeiten widmet.
Der Duden nahm den Begriff 2004 auf und definierte ihn im Jargon abwertend als „sehr intelligenter, aber sozial isolierter Computerfan“. Nach dem Germanisten Andreas Osterroth trugen Synchronisationen US-amerikanischer Fernsehserien, etwa The Big Bang Theory im Jahr 2009, zur Etablierung des Begriffs im Deutschen und zu seiner positiven Umdeutung bei. Diese Aufwertung wird als Melioration bezeichnet. „Nerd“ ist damit ein Geusenwort.
Darstellung in Medien und Popkultur
Der Begriff wird in Medien häufig mit bekannten Technik- und Computerpersönlichkeiten verbunden. Wil Wheaton bezeichnet sich in seinen Autobiographien und seinem Weblog als Nerd und verkörperte als Wesley Crusher in Raumschiff Enterprise – Das nächste Jahrhundert einen jungen Nerd. Linus Torvalds, finnischer Programmierer und Initiator des Kernels Linux, bezeichnet sich in seinem Buch Just for Fun ebenfalls als Nerd.
Bill Gates wird in vielen Medienberichten als ehemaliger Nerd dargestellt. Peter Glaser schrieb 1996 im Magazin Stern, „die Nerds übernehmen gerade die Weltherrschaft“, und beschrieb sie zugleich als unattraktive und neurotische junge Männer. In der Populärkultur wurde das Motiv unter anderem durch die amerikanische vierteilige Filmreihe Revenge of the Nerds aus der Mitte der 1980er Jahre bekannt. Sitcoms wie The Big Bang Theory und The IT Crowd überzeichnen das Verhalten von Nerds ironisch. Auch Figuren wie Neo in Matrix, die Hauptfiguren aus Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt und Personen aus The Social Network werden als Verkörperungen der Nerdfigur beschrieben.
Satiren und Parodien verstärkten das ursprüngliche Nerd-Klischee. Wiederkehrende äußere Merkmale, etwa Hornbrillen, wurden dadurch zu Erkennungszeichen. Woody Allen ist ein bekannter Filmkünstler, der den trockenen, tollpatschigen Intellektuellen in entsprechenden Rollen darstellt. In einer Retrowelle wurden ähnliche Brillen zunächst spöttisch „Nerd-Brillen“ genannt und später auch im Handel unter dieser Bezeichnung angeboten.
Johannes Grenzfurthner, Regisseur der Nerd-Dokumentation Traceroute aus dem Jahr 2016, beschreibt Nerdtum als eine Form der Differenz und als Verlangen nach Verständnis und nach dem Teilen ungewöhnlicher Interessen. Nerds seien begierige Forscher, die sich messen und miteinander wetteifern; zugleich habe Nerd-Sein etwas Okkultes und Geheimes.
Weibliche Nerds und Gegenbilder
Frauen sind in der deutschen IT-Branche weiterhin unterrepräsentiert; laut dem Artikel sind „nicht einmal ein Zehntel der IT-Abteilungen mit weiblichen Mitarbeitern besetzt“. In Filmen und Serien treten weibliche Nerds dagegen zunehmend als Hauptfiguren auf. Genannt werden unter anderem Rihanna als Nine Ball in Ocean’s 8, Tatiana Maslany als Cosima Niehaus und Veera „MK“ Suominen in Orphan Black, Jamie Clayton als Nomi Marks in Sense8, Claire Foy als Lisbeth Salander in Verschwörung, Carly Chaikin als Darlene Alderson in Mr. Robot, Aimee Garcia als Ella Lopez in Lucifer und Sibel Kekilli als Sarah Brandt im Tatort Kiel (2010–2017).
Viele dieser Figuren sind nicht nur weiblich, sondern weisen weitere Diskriminierungsmerkmale auf. Sie werden beispielsweise als Person of Color, trans, lesbisch oder Asperger-Autistin dargestellt. Dadurch bilden sie einen Gegenentwurf zur weiß und männlich dominierten Hackerszene. Die Haecksen, also Hackerinnen im Chaos Computer Club, wurden innerhalb der „purely white male phenomenon“ der Hackingkultur als Ausnahmeerscheinung wahrgenommen.
Der weibliche Nerd erscheint deshalb häufig als Antiheldin. Lisbeth Salander aus Stieg Larssons Millennium-Trilogie wird als „Nerd, Hackerin, Anti-Heldin, Kindfrau im Punkrock-Outfit und Asperger-Autistin mit fotografischem Gedächtnis“ charakterisiert. Larsson erklärte, sein Ausgangspunkt sei die Frage gewesen, wie Pippi Langstrumpf als Erwachsene wäre. Daraus entstand eine Figur, die die Gesellschaft anders betrachtet, über geringe soziale Kompetenzen verfügt und zugleich viele maskuline Züge besitzt.