Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Nandi (Mythologie)
Nandi („der Glückliche“), ein Buckelstier der hinduistischen Mythologie, ist das Reittier (Vahana) und treuer Diener des Hindu-Gottes Shiva. Artikel …
Inhalt6 Abschnitte
Grundidee und Bedeutung
Nandi ist ein Buckelstier der hinduistischen Mythologie. Sein Name kommt aus dem Sanskrit: nandī bedeutet „der Glückliche“. In Kannada heißt er meist Basava, „Stier“ oder „Bulle“. Nandi ist vor allem als Reittier, auf Sanskrit vahana, und als treuer Diener des Gottes Shiva bekannt.
Für das Verständnis ist wichtig: Nandi ist nicht nur ein Tier in Erzählungen, sondern auch eine religiöse Figur in Tempeln und Bildern. Er steht fast immer in direkter Beziehung zu Shiva. In Tempeln blickt er auf Shiva oder auf den Shiva-Linga, ein zentrales Symbol Shivas. Dieser direkte Blick zeigt seine feste Konzentration und Hingabe an seinen Herrn.
Aufgaben im Kult
Nandi hat mehrere Funktionen. Manchmal führt er Shivas Gefolge an, die Ganas. Ganas sind die Begleiter oder Diener Shivas. Fast immer wirkt Nandi als Wächter und Schwellenhüter: Er steht vor jedem Shiva-Linga und vor den Tempeln Shivas.
In den meisten Fällen ist Nandi also eine begleitende und schützende Figur. In einigen wenigen Tempeln ist er jedoch selbst der verehrte Mittelpunkt. Außerdem gilt er als Schutzgott der vierbeinigen Tiere und der vier Ecken der Welt.
Mythologische Herkunft
In der Mythologie wird Kashyapa als Nandis Vater genannt. Kashyapa wird hier mit Prajapati gleichgesetzt, dem Schöpfergott in Schildkrötengestalt. Als Mutter Nandis gilt Surabhi, die „Ur-Kuh“ und Wunscherfüllerin.
Nandi wird außerdem als Dharmadevata bezeichnet. Das bedeutet: Er ist Herr des Dharma und Verkörperung des ewigen Gesetzes. Dharma meint im Hinduismus unter anderem Ordnung, Pflicht, Gesetz und Rechtschaffenheit.
Eine Erzählung berichtet, dass Nandi Dharmadevata eines Tages vor der ewig kreisenden Unendlichkeit erschrak. Verzweifelt suchte er einen Ausweg, kam zu Shiva, warf sich ihm zu Füßen und bat ihn, ihn als Reittier anzunehmen. Shiva antwortete, dass er dies gern tue, und erklärte dabei die abnehmende Kraft des Dharma in den verschiedenen Zeitaltern: „Im goldenen Zeitalter wirst du ohne Beschwerden auf allen vier Beinen gehen. Im silbernen auf drei und im kupfernen Zeitalter auf zwei Beinen. Im dunklen eisernen Zeitalter wirst du schließlich mühsam auf einem Bein stehen müssen.“
Symbolik des Stiers
Der Schutz des Rindes gehört zu den grundlegenden Kennzeichen des Hinduismus. Schon das älteste Götterpaar der Veden, Dyaus Pita, „Vater Himmel“, und Prithivi Mata, „Mutter Erde“, wird durch Stier und Kuh versinnbildlicht.
Die Kuh wird als lebendiges Tier verehrt. Der Stier spielt in der hinduistischen Ikonographie, also in der religiösen Bildsprache, eine wichtige Rolle als Begleittier verschiedener Gottheiten. Ein Beispiel ist Yama, der Herr des Todes und der Rechtschaffenheit. Im Kampf der Göttin Durga steht der Stier dagegen für das Übel, das von ihr überwunden wird.
Auch bei Nandi ist die Bedeutung gegensätzlich. Als Shivas Buckelstier ist er einerseits ein inbrünstiger Verehrer Shivas und verkörpert dessen schöpferische Aspekte. Andererseits verkörpert er, wie Shiva selbst, auch Vergänglichkeit und Zerstörung.
Typische Darstellungen
Nandi wird meistens als ruhendes Tier vor einem Shiva-Heiligtum dargestellt. Im Lauf der Zeit wurden die Darstellungen immer größer. Besonders in Südindien, etwa in Karnataka, Andhra Pradesh und Tamil Nadu, erreichen sie bedeutende Ausmaße.
Häufig ist Nandis Hals mit vielen Schellen oder Glöckchen geschmückt. Dazu kommen oft Blumengirlanden oder bunte Tücher. Kleinere Nandi-Figuren sind oft durch eine baldachinartige, seitlich offene Steinkonstruktion geschützt. Größere Figuren liegen dagegen meist unter freiem Himmel. In vielen Tempeln befindet sich Nandi auch in der Vorhalle, dem mandapa.
Beliebt waren im indischen Mittelalter Stelen-Darstellungen. Darauf trägt Nandi die „Heilige Familie“ auf seinem Rücken: Shiva und dessen Gattin Parvati, manchmal auch zusammen mit Ganesha.
Sehr selten erscheint Nandi in anthropomorpher Gestalt, also menschenähnlich. Dann heißt er Nandikeshvara: ein Mann mit Stierkopf, drei Augen und vier Armen. Diese Form ähnelt Shiva, mit einem Reh in einer Hand und einer Streitaxt in der anderen. Nur Nandikeshvara faltet zwei Hände zum Gebet und verehrt seinen Herrn in völliger Hingabe, auf Sanskrit Bhakti.
Beispiele von Bildwerken
Die Bilder im Artikel zeigen, dass Nandi in vielen Regionen und Zeiten dargestellt wurde. Beispiele reichen vom Pataleshvara-Tempel in Pune, Maharashtra, aus dem 8. Jahrhundert bis zu Darstellungen vor dem Preah Ko-Tempel in Siem Reap, Kambodscha, aus dem 9. Jahrhundert und zu Nandi mit Surya in Prambanan auf Java, Indonesien, ebenfalls aus dem 9. Jahrhundert.
Weitere Beispiele sind Nandi in der Vorhalle des Tempels von Banavasi in Karnataka aus dem 11. Jahrhundert, eine Chola-Bronze aus Tamil Nadu aus dem 11./12. Jahrhundert, Nandi in Gangaikonda Cholapuram in Tamil Nadu aus ungefähr dem 12. Jahrhundert, Nandi vor dem Lepakshi-Tempel in Andhra Pradesh aus dem 15./16. Jahrhundert, Nandi auf dem Chamundi-Hügel in Mysuru aus dem 17. Jahrhundert und die größte Nandi-Skulptur Indiens in Mahanandi, Andhra Pradesh, aus dem 18./19. Jahrhundert.