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Mutter Courage und ihre Kinder (Verfilmung)
Das Drama Mutter Courage und ihre Kinder von Bertolt Brecht von 1938/1939 wurde dreimal in der DDR verfilmt, 1954 als abgebrochenes DEFA-Fragment, …
Inhalt5 Abschnitte
Gegenstand und Grundkonflikt
Mutter Courage und ihre Kinder ist ein Antikriegsdrama Bertolt Brechts aus den Jahren 1938/1939. Es spielt im Dreißigjährigen Krieg und handelt von der Marketenderin Mutter Courage, die versucht, mit dem Krieg Geschäfte zu machen, dabei aber ihre drei Kinder verliert. Das Stück wurde in der DDR dreimal verfilmt beziehungsweise aufgezeichnet: 1954 als abgebrochenes DEFA-Projekt, 1957 als Theateraufzeichnung für den Deutschen Fernsehfunk und 1961 als DEFA-Film.
Brecht wollte keinen gewöhnlichen Historienfilm, der durch Identifikation und starke Gefühle wirkt. Sein Ziel war ein Film nach dem Konzept des epischen Theaters: Das Publikum sollte Abstand zum Geschehen behalten, nachdenken und aus den Fehlern der Figuren lernen. Für den Film entwickelte Brecht deshalb eigene Verfremdungseffekte. Die DDR-Regierung und die DEFA strebten dagegen zunächst einen opulenten Historienfilm mit internationalen Stars an. Dieser Gegensatz prägte die gesamte Entstehungsgeschichte.
Bühneninszenierung als Vorbild
Die Berliner Inszenierung des Stücks stellte trotz ihres großen Publikumserfolgs kulturpolitische Erwartungen der DDR infrage. Die DDR-Kulturpolitik bevorzugte proletarische Helden und positive Vorbilder, mit denen sich das Publikum identifizieren konnte. Brecht zeigte dagegen das Scheitern der Mutter Courage. Nicht die Figuren sollten den richtigen Weg vorgeben; das Publikum sollte ihre Fehler erkennen und daraus lernen.
Die Premiere fand am 11. Januar 1949 statt. Brecht ließ anschließend das „Couragemodell“ entwickeln. Diese Sammlung aus Fotos von Ruth Berlau und Hainer Hill, Regieanweisungen und Kommentaren sollte als Muster für weitere Aufführungen dienen. Das Modell war zugleich die Grundlage für Brechts Vorstellungen von einer Verfilmung. Vor der Premiere bestand Brecht außerdem auf einer Voraufführung für Fabrikarbeiter. Nach der Aufführung beantwortete er Fragen, Kritik, Ablehnung und Unverständnis geduldig, weil er gerade dieses Publikum erreichen wollte.
Frühe Drehbuchpläne
Bereits 1947 plante Brecht eine Verfilmung. Einen Drehbuchentwurf von Robert Adolf Stemmle lehnte er im September 1949 ab. Er suchte nach einer filmischen Form, mit der sich das Naturalistische ausschalten ließ. Als Vorbild für die Bildgestaltung dachte er an eine daguerreotypenhafte Fotografie und an eine sparsame Ausstattung, ähnlich seinen Bühnenbildern.
Anfang 1950 erhielten Alexander Graf Stenbock-Fermor und Joachim Barckhausen den Auftrag für ein Drehbuch; Erich Engel sollte Regie führen. In diesem Entwurf gab es unter anderem eine neue Figur: einen Müller, der Kattrins Liebhaber wird und ihr eine andere Lebensmöglichkeit anbietet. Die Geschäfte zwischen den Armeen wurden stärker herausgearbeitet, Eilif negativer als Räuber gezeichnet. Kattrin nahm den Säugling zunächst mit in den Wagen, doch die Mutter ließ ihn später verschwinden. Am Ende rächten sich empörte Bauern an den Mördern Kattrins, während Courage den Truppen weiter folgte.
Im September 1950 schlug Brecht Emil Burri als neuen Drehbuchautor vor. Zwischen Brecht und der DEFA blieb besonders das Ende umstritten. Brecht stellte in dem Exposé „Wie muss die Mutter Courage verfilmt werden?“ einen positiveren Schluss in Aussicht: Kattrin sollte gegen den Krieg rebellieren und die bedrohte Stadt Halle retten; ihr Beispiel sollte die verelendeten Bauern dazu bringen, die plündernde Soldateska niederzukämpfen. Von Januar bis Juni 1951 erarbeitete Burri eine erste, heute nicht erhaltene Fassung. Der Drehbeginn scheiterte an Erich Engels Engagement im Westen. Eine zweite Fassung, die Burri mit Unterstützung Brechts und Wolfgang Staudtes bis zum 18. Februar 1952 fertigstellte, führte zwar revolutionäre Ansätze ein, etwa den Müller und die aufständischen Bauern, doch die DEFA kritisierte weiterhin angeblich rein pazifistische Tendenzen und die unzureichende Widerlegung des Glaubenskriegs. Erich Engel zog sich wegen der Streitigkeiten zurück.
Das abgebrochene DEFA-Projekt von 1954/55
Nach einer weiteren Drehbuchfassung im Juni 1952 zögerte die DEFA weiter. Brecht beschwerte sich bis Mai 1954, zuletzt bei Kulturminister Johannes R. Becher, über die Behandlung seiner Person und des Projekts. Im November 1954 kam es dennoch zum Vertrag. Brecht erhielt 10.000 US-Dollar und 20.000 DM für die Weltfilmrechte, Mitspracherecht bei Besetzung und Inhalt und die Aufgabe, benötigte Dialoge zu schreiben. Helene Weigel wurde die Rolle der Mutter zugesichert.
Die Konflikte blieben bestehen. Das Drehbuch enthielt Anpassungen an ästhetische Vorstellungen der DDR, darunter fast propagandistische Sequenzen wie den Bauernsieg. Auch die direkte Darstellung von Leichen und zerstörten Landschaften passte nur schwer zu Brechts Forderung nach „dünnsten und sparsamsten Bildern“.
Am 18. August 1955 begannen unter Wolfgang Staudte die Dreharbeiten. Die DEFA plante einen „Großfilm“ mit einem Etat von drei Millionen Mark. Simone Signoret erhielt für die Rolle der Yvette 120.000 Mark, Bernard Blier für den Koch 80.000 Mark. Staudte bevorzugte einen internationalen Film in Cinemascope und Farbe mit großer Besetzung; Brecht wollte dagegen eine reduzierte, distanzierte Form. Weitere Streitpunkte waren die Nachsynchronisierung, der fehlende Originalton, die Daguerreotypieoptik, der Einsatz von Requisiten und die Rollenbesetzung. Brecht lehnte auch ab, dass Signorets Yvette deutlich mehr Raum erhielt als in der Bühnenfassung. Nach Staudtes Darstellung gab Brecht schließlich die Genehmigung zurück; etwa 30 Prozent des Films waren bereits gedreht.
Als möglicher weiterer Grund wird ein Missverständnis über Komparsen genannt. Kurt Maetzig sah den eigentlichen Konflikt darin, dass Brecht von Anfang an nur eine Dokumentation seiner Inszenierung gewollt habe. Trotz einer persönlichen Intervention Walter Ulbrichts hielt Brecht an seinen Vorstellungen fest. Eine Neubesetzung mit Therese Giehse oder Berta Drews scheiterte; wegen Terminschwierigkeiten wurde das Projekt eingestellt. Das gedrehte Material soll später zu Haarkämmen verarbeitet worden und damit zerstört worden sein. Wahrscheinlich erhalten blieben Szenenbild- und Kostümentwürfe, einige Szenenfotos sowie Drehbücher und Schriftverkehr.
Theateraufzeichnung und DEFA-Film 1961
Am 15. Oktober 1957 zeichnete der Deutsche Fernsehfunk live eine Vorstellung im Theater am Schiffbauerdamm auf. Es handelte sich um die Brecht-Inszenierung von 1949, die nach Brechts Tod ab 1955 von Erich Engel weitergeführt wurde. Helene Weigel spielte Mutter Courage, Ekkehard Schall Eilif und Heinz Schubert Schweizerkas. Die Musik stammte von Paul Dessau, die Bildregie führte Peter Hagen.
1959 engagierte die DEFA Manfred Wekwerth erneut. Gemeinsam mit Peter Palitzsch entwickelte er eine „Dokumentarverfilmung nach der Aufführung des Berliner Ensembles“. Wekwerth und Palitzsch übertrugen Brechts Verfremdungseffekte mit filmischen Mitteln. Sie verwendeten unter anderem Doppelbelichtung, Brauntönung, grobes Korn, harte Kontraste und harte Beleuchtung, um den Chronikcharakter hervorzuheben. Eine „beruhigte Kamera“ und wenige Schnitte hielten den Blick auf Distanz. Durch den „Kasch“, also die seitliche Verengung des Cinemascope-Formats, wurde das Bild gelegentlich reduziert, etwa bei den Songs. Zwischen Szenen erschienen breitformatige Stahlstiche Jacques Callots aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Nahaufnahmen von Gesichtern wurden vermieden, weil sie zum Mitleiden verleiten und damit das Mitdenken erschweren sollten.
Das Filmatelier wurde wie eine Theaterbühne gestaltet: Der Boden war bis zur markierten Horizontlinie mit grobem, hellem Rupfen ausgelegt, ein gemalter Rundprospekt deutete eine Pappelallee an, und eine große Drehbühne bildete den Mittelpunkt. Dennoch wurde die Bühneninszenierung nicht einfach abgefilmt. Beim Tod Tillys zeigt der Film beispielsweise einen Trauerzug im Regen und einen Landsknecht, der den Becher hebt, während die Bühne das Begräbnis nur durch den Feldprediger berichten lässt. Die ironische Wirkung entsteht auf der Bühne durch das Wort, im Film durch das Bild. Meist blieb die Kamera außerhalb der Figurenperspektive. Eine Ausnahme ist die zehnte Szene, in der die Courage und ihre Tochter durch ein vereistes Fenster von innen beobachtet werden. Auch die Kritik am Rückzug ins private Glück wird dadurch verstärkt. Die Gleichzeitigkeit der zweiten und dritten Szene wurde durch Bildteilung beziehungsweise einen Kameraschwenk dargestellt.
Die schwarz-weiße Verfilmung wurde am 10. Februar 1961, anlässlich Brechts 63. Geburtstag, im Berliner Kino „Oranienburger Tor Lichtspiele“ uraufgeführt und gleichzeitig in 14 weiteren DDR-Kinos gezeigt. Die Kommission des Kulturministeriums hatte den Film abgenommen. Gelobt wurden besonders Helene Weigels Darstellung und das hohe künstlerische Niveau; zugleich gab es Vorbehalte wegen möglicher Formalismusvorwürfe. Die Angaben zum Publikumserfolg widersprechen sich: Laut einer zeitgenössischen Darstellung wurde der Film nach sieben Tagen aus Berlin verlegt und hatte nur begrenzten Erfolg. Joachim Lang nennt dagegen für die erste Woche mehr als 22.000 Zuschauer in 45 Vorstellungen, eine Auslastung von 81,6 Prozent; in den Berliner Kinos betrug sie 64,2 Prozent. Warum der Film trotzdem nach einer Woche abgesetzt wurde, blieb ungeklärt. Die DDR-Presse bewertete das Experiment überwiegend moderat bis positiv.
1977 soll Brechts Sohn Stefan anlässlich einer US-Neuverfilmung 10.000 Dollar für die Vernichtung aller Kopien bis auf eine angeboten haben. DDR-Regierungsstellen lehnten dies ab; die Filmrechte blieben bei der DEFA.