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Mittelniederländische Sprache

Interrogativpronomen. Numerus, Kasus, Maskulinum, Femininum, Neutrum. Singular, Nominativ, wie, wie, wat. Genitiv, wies/wes, wier, wies/wes. Dativ, wien, wier …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Definition und zeitliche Einordnung
  2. 2. Bezeichnungen und Verbreitungsgebiet
  3. 3. Dialekte und Literatursprache
  4. 4. Grammatische Grundzüge
  5. 5. Französische und mittelhochdeutsche Einflüsse

Definition und zeitliche Einordnung

Mittelniederländisch (Mnl. oder Mnld.) bezeichnet die Vorstufe des Neuniederländischen, wie sie zwischen 1150 und 1500 gesprochen wurde. Die Sprache entwickelte sich aus dem Altniederländischen beziehungsweise Altniederfränkischen. Linguistisch gehört sie zur indogermanischen, germanischen und westgermanischen Sprachfamilie; ihr Sprachcode nach ISO 639-3 ist dum. Sie wird heute nicht mehr gesprochen.

Der Beginn wird gewöhnlich zwischen 1150 und 1200 angesetzt. Die frühmittelniederländische Sprachstufe reicht bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts. Das Ende ist umstritten: Die vorgeschlagenen Grenzen reichen von frühestens 1425 bis spätestens 1550–1600. Entscheidend ist dabei vor allem die sprachliche Entwicklung, nicht nur die größere Zahl von Manuskripten und gedruckten Büchern.

Ein wichtiges Kennzeichen gegenüber dem Altniederländischen ist die Abschwächung von Nebenton-Vokalen, auch Vokalreduktion genannt. So wurde vogala zu vogele („Vögel“; modernes Niederländisch: vogels).

Bezeichnungen und Verbreitungsgebiet

Zeitgenössische Bezeichnungen waren „Dietsc(h)“, „Duutsc(h)“, „Vlaems(ch)“ (Flämisch), Nederlantsch und „onsen tale“ („unsere Sprache“). „Dietsch“ ist im überlieferten Textkorpus am häufigsten. Die Wörter „dietsc(h)“ und „duutsc(h)“ können je nach Kontext entweder das mittelalterliche Niederländisch oder das westgermanische Sprachgebiet im Gegensatz zu romanischen Sprachen, besonders zum Altfranzösischen, bezeichnen. Da die Bedeutung „Niederländisch“ besonders häufig ist, empfiehlt das Woordenboek van het Vroegmiddelnederlands diese Deutung grundsätzlich, sofern der Zusammenhang nicht dagegen spricht. Nederlands ist erst im frühen 15. Jahrhundert belegt.

Das mittelniederländische Sprachgebiet entsprach nicht genau dem heutigen niederländischen Sprachraum. Im Südosten und Südwesten war es zunächst größer: Im Niederrheinraum und in Teilen Nordfrankreichs wurde zuerst Altniederländisch, später Mittelniederländisch gesprochen. In Frankreich wurde das Niederländische seit dem späten 15. Jahrhundert zurückgedrängt und beschränkte sich ab dem 17. Jahrhundert im Wesentlichen auf die Westhoek. Im heutigen Deutschland wurde es erst im 19. Jahrhundert unter preußischem Einfluss zurückgedrängt.

Die nordöstlichen Provinzen der heutigen Niederlande gehörten in der altniederländischen und frühen mittelniederländischen Zeit noch nicht zum niederländischen Sprachgebiet. Sie waren teils friesisch, teils niederdeutsch geprägt. In Friesland behaupteten sich friesische Dialekte in der Umgangssprache; in Nord-Holland wurden sie durch niederländische, in Groningen durch niederdeutsche Dialekte ersetzt. Das IJsselgebiet und angrenzende westfälische Regionen wurden wegen ihrer stark am Niederländischen orientierten Schriftsprache praktisch dem spätmittelniederländischen Raum zugerechnet.

Dialekte und Literatursprache

Unterschieden werden fünf Dialektgruppen:

  • Flämisch: gesprochen im größten Teil der frühen Grafschaft Flandern sowie in Teilen von Artois und Boulogne, besonders um Calais. Die flämischen Dialekte, vor allem ihre westlichsten Formen, gelten als konservativ. Flämische und brabantische Texte bilden den Hauptteil des mittelniederländischen Textkorpus.
  • Brabantisch: gesprochen vor allem im Herzogtum Brabant sowie in südlichen und südöstlichen Teilen des Herzogtums Geldern und der Grafschaft Kleve. Es gilt in vieler Hinsicht als zentraler mittelniederländischer Dialekt und bildete im 16. Jahrhundert die Grundlage der späteren niederländischen Standardsprache.
  • Holländisch: gesprochen in der Grafschaft Holland und im westlichen Hochstift Utrecht. Es verbindet innovative und konservative Merkmale und beeinflusste das benachbarte Niederdeutsche stark. Holländische Texte sind meist sachlicher und weniger literarisch als flämische oder brabantische Texte.
  • Limburgisch: verbreitet in den Grafschaften Loon und Limburg sowie in Teilen des Herzogtums Jülich. Seine Bedeutung nahm nach einer wichtigen Rolle in der frühen Periode stark ab. Unter mittelhochdeutschem, insbesondere ripuarischem Einfluss übernahm es bestimmte Merkmale der hochdeutschen Lautverschiebung und gilt als die am wenigsten konservative Dialektgruppe.
  • Ostmittelniederländisch: Bezeichnung für die Schriftsprache eines Gebiets, das sprachgenetisch zum Niederdeutschen gehört, aber stark vom Mittelniederländischen geprägt war.

Die Literatursprache des 13. Jahrhunderts war überwiegend flämisch und brabantisch geprägt, wobei der flämische Einfluss am stärksten war. Dazu trug der Flame Jacob van Maerlant wesentlich bei. Im 14. Jahrhundert verlagerte sich die Grundlage nach Brabant; im 15. Jahrhundert wurde das Brabantische tonangebend. Dadurch entstand eine Sprachmischung mit überregionaler Verwendbarkeit. Der Buchdruck verstärkte die Standardisierung. Die Drucksprache von 1450 bis 1540, also die Sprache der Inkunabeln und Postinkunabeln, war hauptsächlich brabantisch oder brabantisch-holländisch.

Grammatische Grundzüge

Die Grammatiktabellen zeigen den Sprachstand um 1300. Wie im modernen Niederländischen gab es starke und schwache Verben. Bei Substantiven wurden Maskulinum, Femininum und Neutrum sowie die Kasus Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ unterschieden.

Bei den Personalpronomen erscheinen beispielsweise im Singular: ic, du/-tu, hi/-i, si/-se und het/-(e)t im Nominativ; mi, di, hem/-(e)m, -en, haer/-ere,-re,-er sowie hem im Dativ; und mi, di, hi/-i, si/-se sowie het/-(e)t im Akkusativ. Im Plural lauten wichtige Formen wi, ghi/-i und si/-se im Nominativ, ons, u sowie hem, hen/-en im Dativ und Akkusativ. Genitivformen sind unter anderem mijns, dijns, sijns/-(e)s, onser und uwer. Das Interrogativpronomen lautet im Nominativ meist wie für Maskulinum und Femininum sowie wat für Neutrum; weitere Formen sind wies/wes, wier und wien.

Die Substantivtabellen verwenden clein („klein“) sowie knecht, hane, Broot, Beelde, gift und Wonde als Beispiele. Artikel und Adjektivformen unterscheiden sich nach Genus, Numerus und Kasus. Typische Artikel sind die/de beim Maskulinum, dat beim Neutrum und die beim Femininum; im Plural steht die. Beispiele für starke und schwache Formen sind im Maskulinum knecht beziehungsweise hane, im Neutrum broot beziehungsweise beelde und im Femininum gift beziehungsweise wonde. Im Dativ Plural erscheinen etwa knechten, broden und giften.

Das schwache Verb leren („lernen“) hat im Präsens die Formen lere, leers, leert, leren, leert, leren; das Präteritum lautet leerde, leerdes, leerde, leerden, leerdet, leerden. Das Partizip ist geleert. Das starke Verb geven („geben“) hat im Präsens geve, geef, geeft, geven, geeft, geven; das Präteritum lautet gaf, gaefs, gaf, gaven, gaeft, gaven. Das Partizip ist gegeven. Konjunktiv- und Imperativvarianten sind beispielsweise gave sowie geef/geve!

Zu den Präteritopräsentia gehören unter anderem weten („wissen“), dogen („taugen/nützen“), onnen („gönnen“), connen („können/kennen“), dorven („bedürfen“), dorren („dürfen/es wagen“), sullen („sollen“), mogen („vermögen“) und moeten („müssen“). Ihre Formen zeigen Präsensformen wie weet, dooch, can, sal, mach und moet sowie Präteritalformen wie wiste, dochte, conste, soude, mochte und moeste. Besondere Verben sind sijn („sein“), doen („tun“) und willen („wollen“); Beispiele sind ben/bem, doe und wille im Präsens sowie was, dede und wilde/woude im Präteritum.

Französische und mittelhochdeutsche Einflüsse

Das Mittelniederländische übernahm viele Lehnwörter aus dem Französischen. Gründe waren die intensiven Kontakte zwischen dem Adel der Grafschaft Flandern und dem französischen Adel, die Gründung zahlreicher Klöster durch die in Frankreich entstandenen Orden der Zisterzienser und Prämonstratenser, die Zugehörigkeit großer Teile des niederländischen Sprachgebiets zu den Burgundischen Niederlanden sowie die Verwendung des Französischen am Hof in Brüssel und in zentralen staatlichen Einrichtungen. Auch die Trouvères übten im Bereich der Kunst starken Einfluss aus. Insgesamt war der französische Einfluss auf den mittelniederländischen Wortschatz jedoch geringer als auf den mittelenglischen Wortschatz.

Einfluss aus dem benachbarten mittelhochdeutschen Sprachraum kam vor allem durch die rheinische Mystik. Die entlehnten Wörter verloren später ihre religiös-mystische Bedeutung. Beispiele in moderner neuniederländischer Schreibung sind oorzaak („Ursache“), wezen („Wesen“), indruk („Eindruck“), neiging („Neigung“) und werkelijk („wirklich“).

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