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Militärgeographie

Im Blickwinkel vieler anderer Wissenschaften hat die Geographie die Aufgabe, das geographische Milieu zu erforschen. Militärgeographische Faktoren und …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern und Einordnung
  2. 2. Gegenstand und Teilgebiete
  3. 3. Historische Entwicklung
  4. 4. DDR und Auskunftsdokumente
  5. 5. Wichtige Fachbegriffe
  6. 6. Definitionen im Wandel

Kern und Einordnung

Militärgeographie oder Militärgeografie ist eine eigenständige spezielle Disziplin der Militärwissenschaft. Sie untersucht, wie politisch-geografische, ökonomisch-geografische und physisch-geografische Bedingungen sowie der operative Ausbau eines Territoriums die Vorbereitung und Durchführung von Handlungen der Streitkräfte beeinflussen können, einschließlich bewaffnetem Kampf und Krieg.

Ihre Ergebnisse werden militärischen Führungsorganen und Truppen meist als verbale militärgeographische Beschreibungen oder als militärgeographische Spezialkarten bereitgestellt. Dadurch soll militärisches Handeln räumlich, politisch, wirtschaftlich und naturgeografisch besser vorbereitet werden.

Im Militärischen Geowesen, also dem militärischen Geoinformationswesen, steht Militärgeographie neben weiteren Fachgebieten wie Militärtopographie, Militärgeodäsie, Militärkartographie, Militärphotogrammetrie, Militärhydrographie, Militärhydrometeorologie, Militärmeteorologie und militärischer digitaler Geoinformatik. Der NATO-Begriff „Military Geography“ hat dabei einen weiteren Bedeutungsumfang als die deutschsprachige Wissenschaftsdisziplin Militärgeographie und entspricht eher dem Militärischen Geowesen insgesamt.

Gegenstand und Teilgebiete

Objekt der Militärgeographie ist der geografische Raum unterschiedlicher Größe als Handlungssphäre der Streitkräfte in Friedenszeit, Spannungsperioden und Kriegszeit. Die Raumkategorien werden von der militärisch-politischen Führung vorgegeben.

Gegenstand der Militärgeographie ist das Wechselverhältnis zwischen Streitkräften, Gesellschaft und Natur in der Geosphäre, also im kontinentalen und maritimen Raum. Untersucht wird, wie diese Beziehungen räumlich verteilt und miteinander verflochten sind.

Zu den Teilgebieten gehören die Theorie der Militärgeographie, die Historische Militärgeographie, die Militärische Länderkunde oder Militärlandeskunde, das Studium und die Beschreibung von Kriegsschauplätzen mit Raum-Analysen sowie die Maritime Militärgeographie. Die maritime Militärgeographie untersucht besonders die physisch-geografischen und nautisch-hydrographischen Bedingungen der Meere, Ozeane und Seekriegsschauplätze.

Die Militärgeographie arbeitet sowohl theoretisch als auch angewandt. Ihre Teilgebiete sind nicht abschließend festgelegt. Im Unterschied zur Wehrgeographie bewertet sie geografische Faktoren vor allem als Einflussfaktoren auf das Handeln der Streitkräfte; Wehrgeographie sollte stärker politisch-strategische Einflüsse auf die Sicherheit eines Staates oder einer Staatengruppe untersuchen.

Historische Entwicklung

Die Anfänge militärgeographischen Denkens reichen bis in die Antike. Schon Sunzi behandelte im 5. Jahrhundert vor Christus in „Die Kunst des Krieges“ den Einfluss des Geländes auf militärisches Handeln. Alexander von Makedonien ließ durch Bematisten eroberte Gebiete kartografisch aufnehmen; aus der Cäsar-Zeit sind Agrimensoren überliefert, die Wegekarten, sogenannte Itinerarien, erstellten.

In der frühen Neuzeit wirkten die großen geografischen Entdeckungen und die Entwicklung angewandter Geografie auf militärische Karten- und Geländearbeit. Im 17. und 18. Jahrhundert entstanden Ingenieurkorps, etwa in Frankreich 1688, Brandenburg-Preußen 1729, Sachsen 1730, Braunschweig 1731 und Österreich 1747. Kriegskarten-Archive wurden ebenfalls aufgebaut, zum Beispiel Frankreich 1688 beim Dépôt de la Guerre, England 1791 beim Ordnance Survey, Preußen 1742 in der Plankammer und Österreich 1764 in der Topographischen Abteilung des Kriegsarchivs.

Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sich Militärgeographie zu einer Wissenschaft. Ludwig Müller, Lehrer für kartografische Probleme, Terrainlehre und Kastrametation, gilt mit seiner Terrainlehre als einer der Begründer der wissenschaftlichen Militärgeographie im deutschsprachigen Raum. Er betonte 1807, dass über das Terrain als „Grundwissenschaft“ vieler Teile der Kriegskunst bisher nichts Zusammenhängendes geschrieben worden sei.

Im 19. Jahrhundert wurde die Militärgeographie durch größere Heere und die Allgemeine Wehrpflicht wichtiger. Zugleich wurde eine zu schematische, statistische Beschreibung kritisiert, unter anderem von Carl von Clausewitz und Otto August Rühle von Lilienstern. Emil von Sydow löste das Fach stärker von der Militärgeschichte, Albrecht T. E. von Roon erweiterte Gegenstand und Theorie um politisch- und ökonomisch-geografische Merkmale. Seit Roon gilt Militärgeographie als selbstständige, offiziell organisierte Wissenschaftsdisziplin.

Im 20. Jahrhundert wechselten Bezeichnungen und Akzente: Spezialgeographie, Kriegsgeographie, Wehrgeographie und Wehrgeopolitik. Oskar Ritter von Niedermayer unterschied Militärgeographie als Geografie aus militärischer Sicht von Wehrgeographie als Geografie unter dem Wehrgesichtspunkt. Karl Haushofer unterschied außerdem Militärgeographie, Wehrgeographie und Geopolitik. Trotz dieser wechselnden Begriffe wurden praktische Dokumente weiterhin als militärgeographische Auskunftsberichte bezeichnet.

DDR und Auskunftsdokumente

In den Teilnehmerstaaten des Warschauer Vertrages wurden Politische Geographie, Militärgeographie, Militärtopographie und Militärhydrographie nach sowjetischer Vorgabe strikt getrennt. In der Nationalen Volksarmee der DDR wurde auf eine Politische Geographie sowjetischer Art verzichtet.

Die militärgeographischen Unterlagen sowie das Vermessungs- und Kartenwesen unterlagen strenger Geheimhaltung. Eine Monographie von 2006 über das Militärische Geowesen der DDR bewertet die Arbeit des Militärtopographischen Dienstes der NVA und des Seehydrographischen Dienstes der DDR. Sie hebt hervor, dass in den Armeen des Warschauer Vertrages fachlich ausgezeichnete topographische und thematische Karten entstanden, besonders wegen ihrer Truppenbrauchbarkeit, Einheitlichkeit und des Bearbeitungsumfangs.

Ab 1976 stand eine Weltkarte im Maßstab 1:2 500 000 zur Verfügung, gemeinsam erstellt von Bulgarien, DDR, ČSSR, Polen, Rumänien, Ungarn und UdSSR. Die DDR bearbeitete Räume in Nord-, West- und Südwest-Europa sowie auf dem südamerikanischen Kontinent. Zu ihren Aufgabenbereichen gehörten unter anderem das Staatsgebiet der DDR, Westberlin und die BRD von 50°N bis 54°40'N sowie Teile der Niederlande, Belgiens, Luxemburgs und Frankreichs.

Ab 1981 standen dem Hauptstab der NVA ein Militärgeographisches Auskunftsdokument über den Westlichen Kriegsschauplatz (MAD-WKSP) und 11 Spezialkartenserien zur Verfügung. Für die Volksmarine wurde von 1976 bis 1985 das Militärgeographische Auskunftsdokument der Volksmarine (MGAD-VM) erstellt, unter anderem zu Deutscher Bucht, Skagerrak, Sund- und Beltzone, Küste der DDR und Vorsundzone.

Von 1988 bis 1990 erschienen insgesamt 21 militärgeographische und militärlandeskundliche Ausgaben der Schriftenreihe „Militärgeographie“. Die militärgeographische Länderkunde war einheitlich gegliedert: allgemeingeografische, physisch-geografische, politisch-geografische und ökonomisch-geografische Bedingungen, operativer Ausbau, militärgeographische Bedeutung und Literaturverzeichnis.

Wichtige Fachbegriffe

Geographische Faktoren sind geographische Tatbestände, die im Zusammenspiel die Merkmale einzelner Regionen und Landschaften bestimmen. Dazu gehören physisch-geografische Faktoren wie Klima, Hydrosphäre, Böden, Pflanzenwelt, Reliefformen und geologische Tatbestände.

Ein Geokomplex ist eine integrierte geografische Einheit, also mehr als ein einzelner Faktor. Der Begriff kann sich auf konkrete Ausschnitte der Erdoberfläche, auf Typen von Räumen, auf Teilkomplexe wie physisch-, politisch- oder ökonomisch-geografische Komplexe oder auf Raumstrukturen beziehen. Die Untersuchung solcher Zusammenhänge heißt Komplexanalyse.

Geographische Bedingungen sind die Summe geographischer Faktoren. Man unterscheidet allgemeine, physisch-, politisch- und ökonomisch-geografische Bedingungen sowie den operativen Ausbau eines Raumes. Werden diese Bedingungen militärisch bewertet, entstehen militärgeographische Bedingungen.

Militärgeographische Faktoren sind jene geografischen Faktoren, die für einen militärisch bestimmten Raum charakteristisch sind und die Vorbereitung und Durchführung von Handlungen der Streitkräfte beeinflussen. Militärgeographische Bedingungen sind politisch-, ökonomisch- und physisch-geografische Besonderheiten eines Staates oder Kriegsschauplatzes, die auf militärisches Handeln wirken.

Operativ und taktisch wird Gelände unter anderem nach Bodenbewuchs als offen, bedeckt oder stark bedeckt und nach Einfluss auf Bewegungen als nicht durchschnitten, durchschnitten oder stark durchschnitten beschrieben. Wichtig sind außerdem ebenes Gelände, Gebirge, Flüsse, Sümpfe, Klima, Jahreszeit, Bevölkerung, Urbanität, Infrastruktur und früher auch landwirtschaftliche Anbauverhältnisse für die Versorgung.

Definitionen im Wandel

Die Definitionen zeigen, dass Militärgeographie über die Zeit unterschiedlich, aber mit ähnlichem Kern verstanden wurde. Pierer’s Universal-Lexikon von 1890 beschreibt sie als Geografie, die Länder nicht nur allgemein betrachtet, sondern nach ihrer Bedeutung für die Kriegführung, etwa Produkte eines Landes, Geist der Bewohner, Terrain, Gebirge, Flüsse, Straßen, Eisenbahnen, Pässe, Brücken, Wälder, Sümpfe, Siedlungen, Befestigungen und Schlachtfelder.

Das Deutsche Militärlexikon von 1961 nennt Militärgeographie einen Zweig der Militärwissenschaft, der politische, ökonomische, militärische und geografische Kennziffern verschiedener Länder und Kriegsschauplätze unter dem Blickwinkel ihres Einflusses auf Kampfhandlungen und Krieg untersucht. Es nennt zwei Hauptzweige: militärische Länderkunde und Beschreibung der Kriegsschauplätze.

Das Deutsche Militärlexikon von 1962 definiert Militärgeographie als militärwissenschaftliche Disziplin, die politisch-, ökonomisch- und physisch-geografische Bedingungen sowie den operativen Ausbau möglicher Kriegsschauplätze hinsichtlich ihrer Einflüsse auf Kampfhandlungen erforscht. Das Militärlexikon der DDR von 1973 formuliert ähnlich und betont den bewaffneten Kampf.

Das russische Militärenzyklopädische Wörterbuch von 1986 beschreibt Militärgeographie als speziellen Wissenschaftszweig der Geographie, der gegenwärtige militärpolitische, militärökonomische und natürliche Bedingungen sowie den operativen Ausbau von Kriegsschauplätzen, Ländern, strategischen Räumen und Richtungen untersucht. Die russländische Online-Enzyklopädie von 2019 nennt sie einen speziellen Zweig der Geographie, der politisch-, ökonomische und militärische Möglichkeiten von Staaten oder Koalitionsstaaten sowie natürliche Bedingungen und deren Einfluss auf Kriege und Kampfhandlungen erforscht.

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