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Lawine
Als Lawinen werden in der Meteorologie Massen von Schnee, Eis oder Schlamm bezeichnet, die sich von Berghängen ablösen und zu Tal gleiten oder stürzen.
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Begriff und Bedeutung
Eine Lawine ist in der Meteorologie eine Masse aus Schnee, Eis oder Schlamm, die sich von Berghängen ablöst und ins Tal gleitet oder stürzt. Abgänge von Steinen oder ganzen Hängen heißen dagegen Muren. Verursachen Lawinen große Schäden an Sachen, Menschen oder Umwelt, gelten sie als Naturkatastrophen.
Lawinen bedrohen Siedlungen, Verkehrswege und Menschen im winterlichen Gebirge. Besonders gefährdet sind Skitourengeher, Snowboarder, Schneeschuhgeher und andere Personen außerhalb gesicherter Skigebiete. In der Schweiz sterben im Winter durchschnittlich 22 Personen in Lawinen. In den letzten 100 Jahren gab es in den Alpen im Mittel jährlich 100 Lawinentote. Besonders viele Opfer traten jedoch bei großen Lawinen auf, die Dörfer erreichten, etwa im Lawinenwinter 1950/51.
Auch andere sich selbst verstärkende Vorgänge werden als lawinenartig bezeichnet. Kleine, schwer kontrollierbare Ursachen können sie auslösen; gemeinsame Verhaltenstypen heißen dabei „Universalität“ und „Selbstorganisation“.
Arten von Lawinen
Schneelawinen werden nach ihrem Anriss vor allem in Schneebrett- und Lockerschneelawinen eingeteilt. Außerdem gibt es Staub-, Eis- und Fließlawinen sowie die Unterscheidung zwischen Ober-, Grund-, Hang- und Tallawinen. Eine Dachlawine ist eine kleine Schneelawine, die von einem Gebäude abgeht.
Schneebrettlawinen haben einen linienförmigen Anriss quer zum Hang. Eine ausgedehnte Schneeschicht, oft Triebschnee, rutscht zunächst als zusammenhängende Fläche auf einer Gleitschicht ab; diese kann beispielsweise durch den Nigg-Effekt entstehen. Das „Brett“ muss nicht hart sein: Auch weicher Triebschnee kann flächig abbrechen. Während der Bewegung zerbricht die Masse, verdichtet sich im Auslauf und bleibt als verfestigte Ablagerung oder Lawinenkegel liegen. Schneebrettlawinen sind die typische Gefahr für Schneesportler und Bergsteiger; sie können spontan oder durch zusätzliche Belastung, etwa einen Skifahrer, ausgelöst werden. Gefahren sind Ersticken, Aufprall an Felsen, Absturz und der Druck tonnenschwerer Schneemassen. Sie entstehen meist bei 30° bis 50° Hangneigung, sind ab etwa 25° möglich und oberhalb von 50° selten. Man unterscheidet trockene und nasse Schneebrettlawinen.
Lockerschneelawinen beginnen punktförmig und wachsen durch eine Kettenreaktion. Sie treten vor allem in unverfestigtem Schnee auf und können trocken oder durch oberflächliche Nässung nass sein. Weil ihre Bewegung Energie zur Fortpflanzung braucht, benötigen sie meist steilere Hänge; häufig werden sie bei 40–60° beobachtet.
Staublawinen entstehen, wenn eine große Schneemasse einen steilen Hang hinabstürzt und weiteren Schnee aufnimmt. Dabei bildet sich ein Schnee-Luft-Gemisch, ein Aerosol, das über 300 km/h erreichen kann. Druck vor der Front und Sog dahinter können Bäume abknicken, Dächer abreißen und Fenster eindrücken. Das Einatmen des Gemischs kann rasch zum Ersticken führen; außerdem kann der Fließanteil verschütten.
Eislawinen oder Gletscherlawinen entstehen, wenn Gletschereis bis an eine Abbruchkante gelangt und in Brocken abstürzt oder große Eismassen plötzlich von einer Kante oder einem Steilhang abgehen. Beim Aufprall werden die Brocken zu feinen Schneepartikeln und können dann einer Fließlawine ähneln. Fließlawinen sind berechenbare Grundlawinen, die vor allem bei Tauwetter im Frühjahr auftreten: Weicher Schnee verliert Haftung und rutscht ab. Bei einer Oberlawine gleitet nur die obere Schicht auf der darunterliegenden; bei einer Grundlawine rutscht die gesamte Schneedecke ab und legt Boden frei. Hanglawinen kommen im Hang zum Stillstand, Tallawinen erreichen dessen Fuß oder das Tal.
Entstehung und Gefahrenfaktoren
Lawinen entstehen durch das Zusammenwirken vieler Faktoren. Diese können sich verstärken oder abschwächen; Schneebrett- und Nassschneelawinen folgen zudem unterschiedlichen Prozessen. Deshalb müssen Gefahr und Risiko immer für die jeweilige Lawinenart und den konkreten Hang beurteilt werden.
Viel Neuschnee in kurzer Zeit erhöht die Belastung der Schneedecke. Bei günstigen Verhältnissen können bis zu 50 cm Neuschnee fallen, bevor die Gefahr steigt; bei ungünstigen Bedingungen können bereits 10 cm gefährlich sein. Ungünstig sind sehr tiefe Temperaturen, starker Wind und eine bereits instabile Schneedecke. Besonders relevant ist die steilste, ungefähr 10 m × 10 m große Stelle eines Hangs. Lawinengefahr besteht vor allem zwischen 30° und 50°. Unter 25° entstehen Lawinen nur selten oder unter besonderen Umständen; bei mindestens 60° rutscht Schnee meist früh spontan ab, sodass sich keine bedeutenden Mengen ansammeln.
Die Hanglage beeinflusst Sonne und Wind. Nordhänge erhalten in nördlichen Breiten wenig Sonne, weshalb sich die Schneedecke langsamer stabilisiert und Gefahrenstellen länger bestehen bleiben. Südhänge sind im späten Winter wegen der stärkeren Erwärmung für Nassschneelawinen heikler. Auch Triebschnee sammelt sich abhängig von der Windrichtung an bestimmten Hanglagen. Dichter Wald erschwert Schneebrettabgänge, Altgras kann Grundlawinen fördern, und eingeschneiter Reif oder Eisschichten begünstigen Oberlawinen. Wald kann jedoch große Staublawinen nicht stoppen.
Wind verfrachtet Schnee als Triebschnee auf die windabgewandte Seite von Graten, in Rinnen und Mulden sowie an den windzugewandten Hangfuß. Er bildet leeseitig Wehen und Wechten. Weil seine Eiskristalle abgeschliffen sind und sich schlecht ineinander verzahnen, ist Triebschnee instabil; selbst kleine Störungen können ein Schneebrett auslösen. Er kann hart oder weich und trotz späterer Neuschneedecke gefährlich sein. Windgangeln oder Sastrugi weisen auf Verfrachtung hin.
Gefährlich sind insbesondere schwache Schichten oder große Festigkeitsunterschiede zwischen Schneeschichten. Neue Schneelast kann schneller wachsen, als sich der Schnee setzt und verfestigt; dann genügt manchmal geringe Zusatzbelastung. Triebschnee, Schwimmschnee, Raureif und Eislamellen können Gleithorizonte bilden. Tiefe Temperaturen verzögern die Verfestigung. Rasche Erwärmung und Durchfeuchtung bis zum Boden fördern besonders Nassschneelawinen. Mäßige Temperaturwechsel können die Verfestigung beschleunigen; wegen der Mittagswärme lautet eine bergsteigerische Faustregel, den Gipfel bis spätestens Mittag zu erreichen und den Abstieg rechtzeitig zu beginnen.
Forschung, Warnung und Schutz
Die Lawinenforschung nutzt Modellversuche im Labor und Gelände, Computersimulationen und künstlich ausgelöste Lawinen, beispielsweise am WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos. Schneeprofile analysieren Schichten und Kristallformen; Rutschblöcke prüfen die Stabilität. Meteorologische Daten helfen, Schneeart und Lawinenbildung einzuschätzen. Satellitenbilder werden ungefähr seit 2000 einbezogen: Aus Aufnahmen verschiedener Wellenlängen lassen sich Schneeart, Schneedichte, Temperatur sowie Wasser- und Luftgehalt ableiten. Sie zeigen jedoch nur die oberste Schneeschicht. Weitere Messmittel sind Radar, SnowMicroPen, Nahe-Infrarot-Kameras sowie seismische, akustische und optische Sensoren. Modelle wie Snowpack und Alpine 3D simulieren die Schneedecke, RAMMS berechnet Lawinenabgänge und unterstützt Warnungen sowie Gefahrenzonen.
Die aktuelle Gefahr wird auf der europäischen Lawinengefahrenskala in Stufen 1 bis 5 angegeben. Lawinenwarndienste der Alpenländer veröffentlichen sie täglich. Örtliche Lawinenkommissionen beraten über Schutzmaßnahmen für Siedlungen, Skigebiete und Verkehrswege. Grundlage der Beurteilung sind Lawinenbulletin, eigene Beobachtungen, meteorologische Entwicklung und Schneedeckenaufbau; entscheidend bleiben die lokalen Verhältnisse am möglichen Lawinenhang.
Passiver Lawinenschutz verringert Folgen, ohne die Entstehung direkt zu verhindern. Dazu gehören Bau- oder Besiedelungsverbote in Gefährdungsbereichen, Evakuierungen, Lawinengalerien sowie Umlenk- und Bremsverbauten für Straßen, Brücken und Gebäude. Aktiver Schutz soll Abgänge verhindern oder kontrollieren: Schutzwald und Aufforstung sind besonders kostengünstig. Fehlen Bäume, unterteilen Netze, Gitter und Barrieren aus Holz, Beton oder Stahl die Schneedecke oder verhindern Schneeansammlungen. Kontrollierte Sprengungen mit Hubschraubern, Kanonen, Seilbahnsystemen, Masten oder explosiven Gasgemischen lösen kleine Lawinen aus und entlasten so die Schneedecke.
Temporäre Maßnahmen richten sich kurzfristig nach Zeitpunkt, Ort und Ausmaß der Gefahr: Sperren, Evakuierungen und künstliche Auslösungen. Permanente Maßnahmen umfassen Schutzbepflanzung, Schneebrücken und Netze, Gleitschneeschutz, Verwehungsverbauten, Bremsbauwerke, Dämme, Galerien und Raumplanung. Frühwarnsysteme überwachen langsam entstehende Eislawinen mit interferometrischen Radaren, Kameras oder Bewegungssensoren über Tage bis Jahre und können Abbrüche Tage vorher erkennen. Alarmsysteme lokalisieren Lawinen bei jeder Witterung rund um die Uhr und können Straßen, Bahnen oder Baustellen innerhalb von Sekunden automatisch sperren oder evakuieren. In Österreich fassen ONR 24805, ONR 24806 und ONR 24807 seit Mitte Dezember 2011 den Stand der Technik des permanenten technischen Lawinenschutzes zusammen.
Vorsorge, Verhalten und Rettung
Wer gesicherte Skigebiete verlässt, nimmt Lawinenrisiko in Kauf. Strategische Lawinenkunde bedeutet, dieses Risiko systematisch im Risikomanagement zu behandeln. Wichtige Ansätze sind die Anfang der 1990er Jahre entwickelte Formel 3×3 und die elementare Reduktionsmethode nach Munter. Da die Entstehungsfaktoren komplex sind, helfen einfache, wahrscheinlichkeitsorientierte Entscheidungs- und Handlungskonzepte. Erforderlich sind Wissen, Kompetenz, Erfahrung und genügend körperliche Kondition.
Mindeststandard für Winterbergsteiger sind LVS-Gerät, Lawinenschaufel, Lawinensonde, Erste-Hilfe-Ausrüstung und Kommunikationsmittel wie Funkgerät, Handy, Trillerpfeife oder Leuchtmittel. Ergänzend gibt es Avalanche-Ball, Lawinenairbag und Avalung. Sicherheitsabstände, gute Spuranlage und vorsichtige Abfahrt senken das Risiko. Stock- und Skihalteriemen sollen vor der Abfahrt gelöst werden, weil sie eine verschüttete Person nach unten ziehen können. Behörden können Gebiete sperren und Lawinen kontrolliert sprengen lassen.
Bei einem Abgang soll man Rettungsmittel sofort aktivieren. Eine „Schussflucht“ in Falllinie gelingt nur selten, weil Lawinen schnell sind und oft der ganze Hang bricht; am Hangrand kann schnelles Wegfahren das Verschüttungsrisiko mindern. Schwimmbewegungen gelten nach Aussagen Verschütteter als sinnlos. Ein Airbag kann tiefe Verschüttung verhindern, die Avalung als Schnorchel die Erstickungsgefahr senken. Ski, Snowboard und Stöcke wirken als Anker; sie sollten möglichst gelöst oder weggeworfen werden.
Kameradenhilfe ist entscheidend, denn die Überlebensrate sinkt schnell und die organisierte Bergrettung trifft meist erst nach mehr als einer Viertelstunde ein. Anwesende sollen Erfassungs- und Verschwindepunkt beobachten, einen Notruf absetzen und sich vor Nachlawinen schützen. Nach dem Stillstand werden Oberfläche und Ausrüstungsteile abgesucht; LVS-Geräte müssen zum Suchen von Senden auf Empfangen umgeschaltet werden. Nach der Ortung präzisieren Sonden Standort und Verschüttungstiefe. Man gräbt unterhalb der Sonde und arbeitet sich waagrecht vor, prüft eine mögliche Atemhöhle und leistet Erste Hilfe. Unterkühlte Personen sind vorsichtig zu bergen, weil starkes Bewegen den Bergungstod auslösen kann. Bergrettung kann RECCO und Lawinensuchhunde einsetzen.
Die Wahrscheinlichkeit, länger als zwei Stunden verschüttet zu überleben, beträgt im Alpenraum drei bis zehn Prozent. Sauerstoff, der etwa durch lockeren Schnee nachsickert, hilft gegen Unterkühlung; Rückatmung von Kohlenstoffdioxid in einer abgeschlossenen Atemhöhle kann bewusstlos machen. Unter 32 °C treten Herzrhythmusstörungen auf, unter 24 °C erlöschen Lebensfunktionen meist dauerhaft. Die Wiedererwärmung unter 30 °C unterkühlter Personen ist ein intensivmedizinischer Prozess über Stunden bis Tage.
Beispiele schwerer Unglücke
Zu den schweren Ereignissen zählt die Lawine vom 11. Januar 1962 am Huascarán in Peru: Yungay wurde zerstört, weitere Orte wurden durch eine Flutwelle getroffen; genannt werden etwa 4.000 Tote, andere Quellen nennen 12.000 bis 20.000. Im Lawinenwinter 1950/51 starben in den Alpen 265 Menschen. Beim Lawinenunglück von Galtür am 23. Februar 1999 starben 38 Menschen.
Weitere Beispiele sind 158 Tote, als am 9. Januar 1918 in Mitsumata in Japan ein halbes Dorf verschüttet wurde, und mindestens 10.000 Soldaten, die von 1915 bis 1918 im Alpenkrieg in den Dolomiten durch Lawinen starben. Am 7. April 2012 wurden nahe dem Siachengletscher in Pakistan 124 Soldaten und 11 Zivilangestellte verschüttet; niemand überlebte. Am 16. Oktober 2014 starben im Himalaya im Zusammenhang mit Zyklon „Hudhud“ mindestens 21 Bergsteiger.