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Kriminalgeographie
Diese nutzte die Kriminalgeographie hinsichtlich der zunehmenden Verstädterung und deren sozialen Folgen. So wurde der Begriff Delinquency Area geprägt: Man …
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Gegenstand und Aufgaben
Kriminalgeographie ist eine Teildisziplin der Kriminologie, der Kriminalistik und der Geographie. Sie untersucht die räumliche Bedingtheit von Kriminalität, also die Beziehungen zwischen bestimmten räumlichen Strukturen und dem örtlichen sowie zeitlichen Auftreten von Straftaten. Der Begriff wird synonym mit „Kriminalökologie“ verwendet.
In der Kriminologie gehört die Kriminalgeographie zu den ätiologischen Ansätzen. Ätiologisch bedeutet, dass nach den Ursachen von Kriminalität gefragt wird. Dabei wird untersucht, ob und wie Merkmale eines Wohn- oder Lebensraums mit der Wahrscheinlichkeit zusammenhängen, dass Menschen kriminell werden oder Straftaten begehen.
Als kriminalistische Kriminalgeographie ermittelt sie, welche Beziehungen zwischen der besonderen Struktur eines Raums und der dort auftretenden Kriminalität bestehen. Zu solchen Untersuchungen gehören örtliche und zeitliche Unterschiede der Kriminalitätsbelastung. Die Ergebnisse können für die räumliche Planung der Vermeidung und Bekämpfung von Straftaten genutzt werden. Kriminalgeographie ist damit sowohl ein Forschungsansatz zur Erklärung von Kriminalität als auch ein Hilfsmittel für Polizei, Stadtplanung und andere Maßnahmen der Kriminalitätsbekämpfung.
Entstehung und Entwicklung
Die Anfänge der Kriminalgeographie liegen im Anfang beziehungsweise in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie geht auf die Forscher André Michel Guerry und Lambert Adolphe Jacques Quételet zurück.
André Michel Guerry untersuchte, ob der Wohnort mit der Wahrscheinlichkeit zusammenhängt, kriminell zu werden. Dabei bezog er sich auf die Bevölkerung der Gemeinde, in der eine Person lebte oder aufwuchs. Er dokumentierte unter anderem Armut, Arbeitslosenquote und Bildungsgrad. Dadurch wurde die Frage in den Mittelpunkt gerückt, ob soziale und räumliche Bedingungen die Kriminalität beeinflussen.
Wichtige Theorien entwickelte Anfang der 1920er Jahre die Chicago-Schule. Sie setzte die Kriminalgeographie vor allem mit der zunehmenden Verstädterung und deren sozialen Folgen in Beziehung. In Chicago wurden mehrere Zonen verglichen, die sich in ihrer Kriminalstatistik unterschieden. Diese Zonen wurden über einen längeren Zeitraum beobachtet, während verschiedene Veränderungen vorgenommen wurden. Der Vergleich führte zu dem Schluss, dass die Maßnahmen nur wenig veränderten.
Für die Forscher war vor allem das soziale Umfeld entscheidend. In diesem Zusammenhang wurde der Begriff „Delinquency Area“ geprägt. Er bezeichnete Gebiete, in denen sich bestimmte Unterschiede der Kriminalität zeigten. Die kriminogeographischen Ergebnisse beeinflussten die Stadtplanung: Man versuchte, die Entstehung solcher Zonen bewusst zu vermeiden.
Kriminalgeographie in Europa
In Europa fand die Kriminalgeographie Anfang der 1960er Jahre größere Beachtung. Untersucht wurde beispielsweise die Jugendkriminalität in London und Köln. In Nürnberg wurde, ähnlich wie zuvor in Chicago, die Kriminalitätsrate einzelner Stadtteile untersucht. Zu diesen Untersuchungen gehörten auch die Pionierarbeiten von Horst Herold.
Heute ist die Kriminalgeographie in ganz Europa bekannt und verbreitet. Von besonderem Interesse sind die sozialen Zusammenhänge. Häufig konzentrieren sich soziale Probleme an einem Ort; ein solcher Ort wird als „Sozialer Brennpunkt“ bezeichnet. Eine Studie aus der Schweiz untersuchte den Zusammenhang zwischen Gewalttaten und der Raumstruktur. Sie stellte fest, dass es sich negativ auswirkt, wenn das familiäre Umfeld gestört ist oder wenn der Freundeskreis einer Person im selben Viertel lebt.
Für die praktische Arbeit verwendet die Kriminalgeographie unter anderem Verbrechenskarten, auf Englisch „crime mapping“, sowie geografische Informationssysteme. Der Metropolitan Police Service, auch Scotland Yard genannt, beschäftigt rund 400 Kriminalgeographen. Bei der Polizei Bayern wird seit 2014 die Software Precobs eingesetzt, um Wohnungseinbrüche schneller aufzuklären.
Im deutschsprachigen Raum war die Kriminalgeographie zunächst vor allem eine Domäne der Kriminologie. Um das Jahr 2000 entwickelte sich im Rahmen der kritischen Geographie eine „kritische Kriminalgeographie“. Sie hinterfragt insbesondere die Annahme, die der Verbrechenskartierung zugrunde liegt: dass der geographische Raum als Erklärungsfaktor gesellschaftlicher Verhältnisse dienen kann.
Broken-Windows-Theorie
Eine der bekanntesten später entwickelten Theorien der Kriminalgeographie ist die Broken-Windows-Theorie. Sie geht davon aus, dass nicht reparierte zerbrochene oder beschädigte Fensterscheiben ein Anzeichen dafür sind, dass kriminelles Verhalten nur unzureichend kontrolliert wird. Dies gilt zugleich als Hinweis auf einen langsamen Verfall des betroffenen Wohnviertels.
Nach der Theorie können Rückkopplungseffekte dazu führen, dass die sozialen Probleme in einem solchen Viertel weiter zunehmen. Die Vernachlässigung des öffentlichen Raums wird dabei als Zeichen mangelnder Kontrolle verstanden und steht mit weiteren Problemen des Viertels in Verbindung.
Die Broken-Windows-Theorie bildet die Grundlage für die Nulltoleranzstrategie einiger städtischer Verwaltungen. Bei einer solchen Strategie werden jegliche Rechtsverstöße sanktioniert. Dadurch soll weiterer Verwahrlosung vorgebeugt werden.