Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Klaus Jürgen Bade
Seine Arbeitsschwerpunkte sind Kolonialgeschichte, historische Arbeitsmarktforschung, historische und gegenwartsbezogene Migrationsforschung sowie kritische …
Inhalt5 Abschnitte
Person und Bedeutung
Klaus Jürgen Bade, geboren am 14. Mai 1944 in Sierentz im Elsass, ist ein deutscher Historiker und emeritierter Professor für Neueste Geschichte an der Universität Osnabrück. Seine wichtigsten Arbeitsgebiete sind Kolonialgeschichte, historische Arbeitsmarktforschung sowie historische, gegenwartsbezogene und angewandte Migrationsforschung. Darüber hinaus war er als Wissenschaftsorganisator, politischer Publizist, Politik- und Strategieberater tätig.
Bade gilt als Begründer der modernen sozialhistorischen Migrationsforschung in Deutschland. Dieser Forschungsansatz untersucht Migration nicht isoliert, sondern in Verbindung mit der Entwicklung von Bevölkerung, Wirtschaft, Kultur, Gesellschaft und Staat – sowohl in den Herkunfts- als auch in den Zielgebieten. Sein Ziel war es außerdem, wissenschaftliche Erkenntnisse in öffentliche und politische Debatten über Migration, Flucht, Asyl und Integration einzubringen.
Ausbildung und akademische Laufbahn
Nach dem Abitur am Melanchthon-Gymnasium in Nürnberg im Juli 1963 studierte Bade an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Literaturwissenschaft, Geschichte sowie Politik-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. 1972 wurde er mit einer Arbeit über Friedrich Fabri und den Imperialismus in der Bismarckzeit promoviert.
Von 1972 bis 1979 arbeitete er als wissenschaftlicher Assistent für Neuere Geschichte; 1977 bis 1978 war er Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Seine Habilitation, also die wissenschaftliche Qualifikation für eine Professur, schloss er 1979 im Fach Neuere und Neueste Geschichte mit einer Studie über transnationale Migration und Arbeitsmarkt von 1879 bis 1929 ab. Nach Tätigkeiten als Privatdozent, Akademischer Oberrat und Lehrstuhlvertreter an der Universität Augsburg lehrte er als Professor in Erlangen-Nürnberg.
1982 wurde Bade auf den Lehrstuhl für Neueste Geschichte an der Universität Osnabrück berufen. Einen Ruf an die Universität Freiburg lehnte er 1993 ab. Das damit verbundene Bleibeangebot der niedersächsischen Landesregierung sicherte den Aufbau des von ihm angestoßenen Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS). Bade leitete zahlreiche nationale und internationale Forschungsprojekte, betreute viele Dissertationen und mehrere Habilitationen und wurde 2007 emeritiert. Sein wichtigster akademischer Schüler ist der Migrationshistoriker Jochen Oltmer.
Forschung zu Migration und Integration
Bereits in den 1970er Jahren entwickelte Bade ein Forschungsprogramm, das Migration als historisches Phänomen, gesellschaftliches Potenzial und mögliches Problem in größeren Zusammenhängen untersuchte. Seit den 1980er Jahren setzte er sich dafür ein, die wissenschaftlichen Ergebnisse stärker in Politik und Öffentlichkeit zu berücksichtigen und Debatten zu versachlichen. Zu seinen Initiativen gehörten 1982 die erste epochenübergreifend vergleichende, interdisziplinäre und internationale Migrationskonferenz in Deutschland, seine ab 2000 in mehreren Sprachen veröffentlichte europäische Migrationsgeschichte und die 2007 erschienene Enzyklopädie Migration in Europa.
Von Bade stammen verbreitete Formulierungen wie „Homo migrans“, „Integration ist keine Einbahnstraße“ und „Integration in Deutschland ist besser als ihr Ruf im Land“. Mit „nachholender Integrationsförderung“ bezeichnete er Maßnahmen, die Versäumnisse sowohl der Aufnahmegesellschaft als auch der Zugewanderten ausgleichen sollten. Gemeinsam mit Michael Bommes definierte er Integration als „messbare Teilhabe an den zentralen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens“.
Bade betrachtete Migrations- und Integrationspolitik als „Zentralbereiche der Gesellschaftspolitik“. Seit Anfang der 1980er Jahre warnte er vor den Folgen einer mangelnden politischen Gestaltungsbereitschaft, darunter gesellschaftliche Radikalisierung und eine mögliche Beschädigung der parlamentarischen Demokratie. Später warnte er zugleich vor der Vorstellung, Migration und Integration ließen sich umfassend durch Gesetze steuern. Populistisch überhöhte Erwartungen könnten nach ihrer Enttäuschung politische Stimmungsrückschläge auslösen.
Angewandte Forschung und Politikberatung
Bades angewandte Migrationsforschung sollte Wissenschaft und Praxis miteinander verbinden. Sein Konzept des „doppelten Dialogs“ umfasste erstens den Austausch zwischen Forschenden verschiedener Fachrichtungen und zweitens den Austausch dieser Forschenden mit Fachleuten aus Praxis und Politik. Er wirkte deshalb nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Publizist, Medienexperte und Berater von Politik, Behörden und Verbänden auf Bundes- und Landesebene.
Er begleitete unter anderem die Entwicklung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und gehörte von Beginn an dessen Wissenschaftlichem Beirat an. Nach seinem ursprünglichen Konzept sollte die Behörde „Bundesamt für Migration und Integration“ heißen und mit einem „Bundesamt für Migrations- und Integrationsforschung“ verbunden werden. Außerdem arbeitete er unter anderem im Integrationsbeirat Nordrhein-Westfalens, im Fachbeirat der Otto Benecke Stiftung und bei SOS Méditerranée mit, das schiffbrüchige Flüchtlinge im Mittelmeer rettet.
Bade initiierte oder begründete mehrere Einrichtungen und Netzwerke mit, darunter das IMIS, den Rat für Migration und die Gesellschaft für Historische Migrationsforschung. Er war stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrates der Bundesregierung für Zuwanderung und Integration und bis 2012 Gründungsvorsitzender des von ihm konzipierten Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR). Nach seinem Ausscheiden kritisierte er die deutsche und europäische Migrations- und Flüchtlingspolitik sowie die Rolle der Medien noch deutlicher, unter anderem in Beiträgen zur Sarrazindebatte und zur auf Abwehr ausgerichteten Flüchtlingspolitik.
Mit zwei auch autobiografisch geprägten Büchern zog er sich 2017/18 aus der öffentlichen und politischen Debatte zurück, auch um einen Generationenwechsel zu unterstützen. 2024 richtete die Gemeinnützige Hertie-Stiftung am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung den „Klaus J. Bade-Nachwuchspreis für Migrations- und Integrationsforschung“ ein. Er zeichnet Nachwuchswissenschaftler aus, die ihre Forschungsergebnisse im Sinne Bades auch in öffentliche Debatten einbringen.
Veröffentlichungen und Auszeichnungen
Bades Veröffentlichungen spiegeln seine zentralen Forschungsfelder wider. Seine Dissertation erschien 1975 als Friedrich Fabri und der Imperialismus in der Bismarckzeit. Die Habilitationsschrift Transnationale Migration und Arbeitsmarkt 1879–1929 behandelte die deutsche Sozialgeschichte zwischen großer Deflation und Weltwirtschaftskrise. Zu seinen wichtigen späteren Arbeiten zählen Vom Auswanderungsland zum Einwanderungsland? Deutschland 1880–1980 von 1983, Ausländer – Aussiedler – Asyl von 1994 und Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart von 2000. Gemeinsam mit Jochen Oltmer veröffentlichte er 2004 Normalfall Migration. Deutschland im 20. und frühen 21. Jahrhundert.
Seine kritische Begleitung aktueller Debatten zeigt sich unter anderem in Kritik und Gewalt. Sarrazin-Debatte, „Islamkritik“ und Terror in der Einwanderungsgesellschaft von 2013 sowie in Migration – Flucht – Integration von 2017. 2018 folgte Historische Migrationsforschung. Eine autobiografische Perspektive. Als Herausgeber oder Mitherausgeber verantwortete er unter anderem die Enzyklopädie Migration in Europa, den Migrationsreport und Jahresgutachten zu Zuwanderung und Integration.
Für seine wissenschaftliche und praktische Arbeit erhielt Bade mehrere Auszeichnungen: den Philip-Morris-Forschungspreis 2002, die Justus-Möser-Medaille der Stadt Osnabrück 2004/05, den Jahrespreis der Helga und Edzard-Reuter-Stiftung 2006, das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse 2007 und den Ehrenpreis der Türkischen Gemeinde in Deutschland 2008. 2016 wurde er Ehrenmitglied des Rates für Migration und 2018 Ehrenmitglied der Otto Benecke Stiftung.