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Klaus Hurrelmann
In diesem Sinne besteht die Sozialisation in einer komplexen kontinuierlichen Arbeit an der eigenen Persönlichkeit. ... Politik und Gesellschaft werden …
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Person und Ausbildung
Klaus Hurrelmann (* 10. Januar 1944 in Gotenhafen, heute Gdynia bei Danzig) ist ein deutscher Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler. Er wuchs in Nordenham auf und legte sein Abitur an der Humboldtschule Bremerhaven ab. Hurrelmann studierte an den Universitäten Münster und Freiburg sowie an der University of California in Berkeley Soziologie, Psychologie und Pädagogik. 1968 erwarb er sein Diplom, 1971 promovierte er an der Universität Münster in Soziologie. Seine Dissertation trug den Titel „Unterrichtsorganisation und schulische Sozialisation“. 1975 habilitierte er sich an der Universität Bielefeld mit der Arbeit „Erziehungssystem und Gesellschaft“.
Beruflicher Weg und Auszeichnungen
Von 1968 bis 1970 leitete Hurrelmann die „Arbeitsgruppe Hauptschule“ an der Pädagogischen Hochschule Münster. Danach war er bis 1974 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bielefeld mit den Schwerpunkten Sozialisations- und Bildungsforschung. 1975 übernahm er den Lehrstuhl Bildung und Sozialisation an der Universität Essen, 1980 wechselte er auf den Lehrstuhl Sozialisationsforschung an der Universität Bielefeld. Dort war er erster Dekan der neu gegründeten Fakultät für Pädagogik und leitete von 1986 bis 1998 den von ihm mit begründeten DFG-Sonderforschungsbereich „Prävention und Intervention im Kindes- und Jugendalter“.
1993 wurde Hurrelmann Gründungsdekan der Fakultät für Gesundheitswissenschaften in Bielefeld und war am Aufbau der bis heute einzigen voll ausgebauten deutschen School of Public Health beteiligt. Er forschte zu Prävention und Gesundheitsförderung und baute im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation das Collaboration Centre for Child and Adolescent Health Promotion auf. Bis 2012 koordinierte dieses Zentrum die repräsentativen Gesundheitserhebungen von 11- bis 15-jährigen Jugendlichen in Deutschland im Rahmen der europaweiten HBSC-Studie. Von 1996 bis 2004 war Hurrelmann Direktor am Institut für Bevölkerungsforschung und Sozialpolitik. Gastprofessuren führten ihn 1998 an die New York University und 1999 an die University of California in Los Angeles.
Seit März 2009 ist er Professor für Public Health and Education an der Hertie School in Berlin. Sein Schwerpunkt ist die Verbindung von Sozial-, Bildungs- und Gesundheitspolitik zur Entwicklung umfassender Strategien gegen soziale und gesundheitliche Benachteiligungen. Seit 2020 arbeitet er außerdem als Senior Expert am Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) und berät unter anderem die seit 2021 regelmäßig erscheinende Cornelsen Schulleitungsstudie. Seit 2025 ist er stellvertretender Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates der Bildungsinitiative Digital School Story (DSS). Er war Mitglied des Expertenrats Demografie des Bundesministers des Innern (2010–2017) und stellvertretender Sprecher des Expertenkreises zum Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz von 2018. Für sein Lebenswerk erhielt er 2003 den mit 25.000 Franken dotierten Preis der Schweizer Margrit-Egnér-Stiftung; 2018 verlieh ihm die PH Freiburg den Titel Dr. phil. h. c.
Bildung und Bildungsungleichheit
Ein Ausgangspunkt von Hurrelmanns Bildungsforschung ist die Frage, warum Bildungschancen ungleich verteilt sind. In seiner Dissertation untersuchte er empirisch die äußere Leistungsdifferenzierung: Schülerinnen und Schüler werden dabei in Lerngruppen mit niedrigem, mittlerem oder hohem Leistungsniveau eingeteilt. Die Erwartung, dass diese Maßnahme besonders Kinder aus benachteiligten Elternhäusern stärkt, bestätigte sich nicht. Die leistungsschwächste Gruppe fühlte sich von leistungsstärkeren Schülerinnen und Schülern abgesondert und stigmatisiert. Lehrkräfte unterforderten diese Kinder teilweise im Sinne einer „sich selbst erfüllenden Prophezeiung“, wodurch ihre schulischen Leistungen weiter sanken.
In „Erziehungssystem und Gesellschaft“ übertrug Hurrelmann diese Erkenntnis auf das gesamte Schulsystem. Die Aufteilung nach der Grundschule auf Hauptschule, Realschule und Gymnasium mit unterschiedlichen Leistungsniveaus und Abschlussperspektiven verstärke die Bildungsungleichheit. Ein selektives Erziehungssystem sei ein „Vehikel der Reproduktion sozialer Ungleichheit“.
Seit den 1980er Jahren fordert Hurrelmann deshalb ein integriertes Schulsystem mit mehreren Bildungsgängen. In seinem Offenen Brief an die 16 Schulministerien von 1990 schlug er ein „Zwei-Wege-Modell für die Sekundarschule“ vor: Nach der Grundschule sollte es nur noch das Gymnasium und eine integrierte Sekundarschule geben. Beide Schulformen sollten zu allen Schulabschlüssen einschließlich des Abiturs führen, aber unterschiedliche pädagogische und didaktische Konzepte verfolgen. Teile dieser Forderungen wurden umgesetzt, etwa durch Sekundarschulen mit mehreren Bildungsgängen und teilweise eigener gymnasialer Oberstufe. Trotzdem besteht weiterhin ein hohes Maß an Bildungsungleichheit.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Kooperation von Elternhaus und Schule. Hurrelmann wirkte als wissenschaftlicher Begleiter an Ansätzen der „Bildungspartnerschaft“ und an Elterntrainings wie STEP („Systematisches Training für Eltern und Pädagogen“) sowie GdS („Gesetze des Schulerfolgs“) mit. Sein „Magisches Erziehungsdreieck“ beschreibt die angemessene Dosierung der drei Erziehungsimpulse „Anerkennung“, „Anregung“ und „Anleitung“.
Sozialisation als produktive Realitätsverarbeitung
Hurrelmanns Sozialisationstheorie untersucht das Spannungsfeld zwischen Individuum und Gesellschaft. Sozialisation definiert er als Persönlichkeitsentwicklung des Individuums, die aus der produktiven Verarbeitung der inneren und äußeren Realität entsteht. Zur inneren Realität gehören körperliche und geistige Dispositionen und Eigenschaften; die äußere Realität umfasst die soziale und physische Umwelt. Die Verarbeitung ist produktiv, weil Menschen ihr Leben aktiv gestalten und versuchen, die jeweiligen Entwicklungsaufgaben zu bewältigen.
1983 entwickelte Hurrelmann das „Modell der produktiven Realitätsverarbeitung“ (MpR). Es dient als konzeptioneller Rahmen für Theorien und Forschung aus Soziologie, Psychologie, Gesundheits- und Neurowissenschaften. Nach diesem Modell entsteht Persönlichkeit nicht unabhängig von der Gesellschaft, sondern wird in einer historisch geprägten Lebenswelt über die gesamte Lebensspanne hinweg fortlaufend gestaltet. Menschen müssen als autonome Subjekte soziale Integration und persönliche Individualisierung miteinander in Einklang bringen.
Die Entwicklungsaufgaben werden altersgerecht und in mehreren Schritten bewältigt. Hurrelmann nennt vier zentrale Bereiche: Bildung/Qualifikation, Bindung/Soziale Kontakte, Konsum/Regeneration und Partizipation/Wertorientierung. Sozialisation ist damit eine kontinuierliche Arbeit an der eigenen Persönlichkeit. Sie kann gelingen, unter ungünstigen Bedingungen aber auch scheitern. Ein Scheitern kann Probleme mit Identität, Persönlichkeit und Gesundheit verursachen. Das MpR wurde unter anderem in den Lehrbüchern „Einführung in die Sozialisationstheorie“, „Lebensphase Jugend“, „Kindheit heute“ und „Gesundheits- und Medizinsoziologie“ ausgearbeitet und ist beispielsweise in Nordrhein-Westfalen Bestandteil von Abiturprüfungen in Pädagogik und Sozialwissenschaft.
Kindheit, Jugend und Generationen
Hurrelmann wendet das Konzept der Entwicklungsaufgaben besonders auf Kindheit und Jugend an. Im Säuglings- und Kleinkindalter gehören dazu der Aufbau eines emotionalen Grundvertrauens, die Entwicklung von Kommunikationsfähigkeit und Bindungsverhalten, die Fähigkeit zum verbalen Ausdruck, die Identifikation mit dem eigenen Geschlecht sowie grundlegende sensorische und motorische Fähigkeiten. Ab dem sechsten Lebensjahr kommen die Entwicklung weiblichen oder männlichen Rollenverhaltens, das Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen sowie Kompetenzen im Umgang mit Medien und Freizeit hinzu. Kinder gelten dabei als autonome Subjekte, die ihr Leben aktiv mitgestalten.
Die Adoleszenz versteht Hurrelmann als eigenständige Lebensphase zwischen Kindheit und Erwachsensein. Sie dauert in der Regel etwa 15 Jahre, beginnt wegen des früheren Eintritts in die Pubertät früher als je zuvor und ist zugleich offener und schwerer planbar geworden. In dieser Phase steigen die Anforderungen an Bildung und Qualifizierung. Die Ablösung vom Elternhaus und der Aufbau eigener Bindungen verschieben sich. Zusätzlich müssen Jugendliche zunehmend eigenverantwortlich Kompetenzen als Konsumenten, Mediennutzer und Wirtschaftsbürger entwickeln sowie an Politik und Gesellschaft teilhaben. Nach Hurrelmann sind soziale Herkunft und Geschlecht die wichtigsten Unterschiede bei der Bewältigung dieser Aufgaben; männliche Jugendliche scheinen dabei zunehmend Schwierigkeiten zu haben.
In Anlehnung an Karl Mannheim verbindet Hurrelmann die Entwicklungsaufgaben mit der Generationenforschung. Technologische, wirtschaftliche und politische Ereignisse können Generationen jeweils unterschiedlich prägen. „Produktive Realitätsverarbeitung“ bedeutet, trotz Krisen den Anforderungen der inneren und äußeren Realität in allen Lebensbereichen gerecht zu werden, ohne auf problematische Bewältigungsformen auszuweichen. Da verschiedene Generationen unterschiedliche Strategien entwickeln und mittlere sowie ältere Generationen die Mehrheit bilden, werden Perspektiven junger Menschen häufig zu wenig berücksichtigt. Hurrelmann schlägt deshalb „Generationendialoge“ vor, die Erfahrungen, Werte, Identitätsfragen und Sichtweisen aller Generationen einbeziehen und Jugendlichen eine aktive Rolle sichern. Ein wachsender Vertrauensverlust junger Menschen in die Problemlösungsfähigkeit demokratischer Institutionen gefährde andernfalls die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft.
Gesundheit, Prävention und Forschung
Ein zentraler Beitrag Hurrelmanns ist die Etablierung der Gesundheitswissenschaften in Deutschland als Gegenstück zum englischsprachigen Gebiet Public Health. Er war Gründungsdekan der Bielefelder Fakultät für Gesundheitswissenschaften und federführender Herausgeber des ersten „Handbuch Gesundheitswissenschaften“. Er bezieht sich auf die WHO-Definition von 1946: „Gesundheit ist der Zustand des völligen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen“.
Auf Grundlage seiner Sozialisationstheorie definiert Hurrelmann Gesundheit als „das Stadium des Gleichgewichtes von Risiko- und Schutzfaktoren“, das entsteht, wenn ein Mensch innere körperliche und psychische sowie äußere soziale und materielle Anforderungen bewältigen kann. Gelingt dieses Gleichgewicht, kann das Leben als sinnvoll und erfreulich erlebt werden, eigene Kompetenzen und Leistungspotenziale können sich produktiv entfalten und die Bereitschaft zu gesellschaftlicher Integration und Beteiligung steigt. Diese Definition wurde in die internationale interdisziplinäre Fachdiskussion aufgenommen.
Hurrelmann unterscheidet die sich ergänzenden Ansätze der Krankheitsprävention und der Gesundheitsförderung. Empirische Projekte befassten sich unter anderem mit Suchtverhalten, Gewalt und Aggression sowie Entwicklungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Außerdem setzt er sich für Gesundheitsthemen in allgemeinbildenden Schulen ein. Gesundheitsdidaktische Konzepte sollen sowohl Wissen über Gesundheit vermitteln als auch den Sozialraum Schule gesundheitsförderlich gestalten. Während der Corona-Pandemie war er an Studien zur starken gesundheitlichen Belastung von Kindern und Jugendlichen durch Einschränkungen in Kindergärten und Schulen beteiligt. Weitere Schwerpunkte sind Gesundheitskommunikation und Gesundheitskompetenz.
Zu seinen ausgewählten Veröffentlichungen gehören Lehrbücher wie „Developmental Tasks in Adolescence“ (2019), „Einführung in die Sozialisationstheorie“ (2020), „Understanding Public Health“ (2020) und „Produktive Realitätsverarbeitung“ (2025). Hinzu kommen Handbücher zu Bildungsarmut, Gesundheitswissenschaften, Sozialisationsforschung sowie Prävention und Gesundheitsförderung. Empirische Studien umfassen unter anderem die Shell Jugendstudien von 2002, 2006, 2010, 2015 und 2019, die World Vision Kinderstudien und seit 2019 die jährlichen Trendstudien „Jugend in Deutschland“, die von Simon Schnetzer geleitet werden.