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Klassifizierungen von Musikinstrumenten
Sie enthält eine Einteilung in Idiophone (Selbstklinger), Membranophone (Fellklinger), Saiteninstrumente und Blasinstrumente. Im europäischen Mittelalter …
Inhalt6 Abschnitte
Zweck, Kriterien und Perspektiven
Klassifizierungen von Musikinstrumenten ordnen Instrumente anhand bestimmter Gemeinsamkeiten in Gruppen ein. Sie sollen Beziehungen sichtbar machen und das Verständnis erleichtern. Solche Ordnungen können innerhalb einer Kultur über lange Zeit gewachsen sein oder von Forschenden für einen bestimmten Zweck entwickelt werden. Kulturell begrenzte Systeme sind dabei nicht weniger bedeutsam als Klassifikationen mit universalem Anspruch.
Mögliche Kriterien sind die Art der Tonerzeugung, Bauform, Material, Spielweise, musikalische Funktion, gesellschaftliche Verwendung sowie symbolische oder mythologische Bedeutung. Meist werden mehrere Kriterien kombiniert. Eine Taxonomie ordnet vom Allgemeinen zum Besonderen und erscheint häufig als verzweigter Baum. Ein universales System soll offen und erweiterbar sein; ein zweckgebundenes System kann abgeschlossen bleiben.
Wichtig ist der Unterschied zwischen emischer und etischer Sichtweise. Emisch bedeutet: Die Einteilung folgt den Vorstellungen der betreffenden Kultur. Etisch bedeutet: Außenstehende wenden allgemeine wissenschaftliche Kategorien an. Eine starre universale Ordnung kann die gesellschaftliche Bedeutung eines Instruments übersehen. In Japan unterscheidet man beispielsweise uchi („innen“) und soto („außen“): wagakki sind japanische, yogakki importierte westliche Instrumente. Kulturgeschichtlich entstandene und wissenschaftlich entwickelte Systeme lassen sich jedoch nicht immer klar trennen.
Europäische Entwicklung bis zur Neuzeit
In der griechischen und römischen Antike wurden Saiteninstrumente meist höher bewertet als Blas- und Schlaginstrumente. Aristoteles unterschied die menschliche Stimme als organon psychon („beseeltes Werkzeug“) von künstlichen Instrumenten als organon apsychon („unbeseelte Werkzeuge“). Porphyrios entwickelte ein für das Mittelalter wichtiges Drei-Kategorien-Modell: gespannte, geblasene und geschlagene Instrumente. Julius Pollux fasste dagegen Perkussions- und Saiteninstrumente als Schlaginstrumente zusammen, weil beide durch ähnliche Handbewegungen angeregt werden.
Aristeides Quintilianus ordnete nach Tonerzeugung in Blas- und Saiteninstrumente, verband dies aber auch mit kosmologischen und geschlechtlichen Bewertungen. Die Lehre von den musikalischen Zahlenverhältnissen spielte ebenfalls eine große Rolle: Pythagoras und seine Nachfolger verbanden Planetenbewegungen mit einer Sphärenharmonie; Messungen am Monochord dienten zur Untersuchung von Saitenteilungen und Intervallen.
Im Mittelalter übernahmen Boethius, Cassiodor und Isidor von Sevilla antike Modelle. Boethius unterschied musica mundana, die Harmonie des Kosmos, musica humana, die Harmonie von Seele und Mensch, und musica instrumentalis, die hörbare Instrumentalmusik. Cassiodor und Isidor gliederten Instrumente in Schlag-, Saiten- und Blasinstrumente und stellten die menschliche Stimme höher. Seit Johannes Cotto um 1100 verbreitete sich außerdem die Trennung zwischen instrumenta naturalia, den Klängen der Stimme, und instrumenta artificialia, den künstlichen Instrumenten. Instrumentalklänge konnten eine bestimmbare oder unbestimmbare Tonhöhe haben.
Johannes de Grocheo kritisierte um 1280 die spekulative Musiklehre und klassifizierte Instrumente nach Einsatzgebiet und sozialer Funktion im Raum Paris. Damit bezog er als Erster auch ihre Verwendung in der Unterhaltungsmusik ausführlich ein. Johannes de Muris unterschied im 14. Jahrhundert chordalia, foraminalia und vasalia, also Saiteninstrumente, Blasinstrumente mit Öffnungen und Gefäßinstrumente.
In der Neuzeit rückten Bauform und Spielpraxis stärker in den Mittelpunkt. Sebastian Virdungs Musica getutscht und außgezogen von 1511 war die älteste ausschließlich Musikinstrumenten gewidmete Schrift. Gioseffo Zarlino schuf 1588 eine komplexe Ordnung nach Tonerzeugung, Bauform, Spielweise, Stimmung und Material. Michael Praetorius bildete 1619 Instrumentenfamilien nach Form und Spieleigenschaften. Marin Mersenne unterschied 1636/37 Saiteninstrumente mit und ohne Hals sowie nach Bünden und Tastatur. Im 18. Jahrhundert blieb die Dreiteilung in Saiten-, Blas- und Schlaginstrumente verbreitet, doch wurden Tasteninstrumente häufig den Schlaginstrumenten zugerechnet.
Universale Systeme und Hornbostel-Sachs
Mit den wachsenden europäischen Museumssammlungen entstand im 19. Jahrhundert Bedarf an einer weltweit anwendbaren Ordnung. Victor Charles Mahillon veröffentlichte 1880 ein vierteiliges System nach dem altindischen Vorbild:
- Autophone: Ein eigenelastischer Festkörper schwingt selbst.
- Membranophone: Eine gespannte Membran erzeugt beziehungsweise überträgt die Schwingung.
- Chordophone: Eine gespannte Saite schwingt.
- Aerophone: Eine Luftsäule gerät in Schwingung.
Weitere Stufen berücksichtigten Tonerzeugung, bestimmte oder unbestimmte Tonhöhe und Bauform. Das System war logisch, aber stark auf europäische Instrumente ausgerichtet.
Curt Sachs und Erich von Hornbostel bauten 1914 darauf die Hornbostel-Sachs-Systematik auf. Ihre vier Hauptgruppen heißen Idiophone, Membranophone, Chordophone und Aerophone. Zahlreiche Untergruppen werden wie in der Dewey-Dezimalklassifikation nummeriert. Vorrangig zählt die akustische Tonerzeugung, teilweise ergänzt durch Bauform und Saitenanordnung. Das System ist offen, empirisch und grundsätzlich für alle Zeiten und Kulturen gedacht. Es ist jedoch nicht vollkommen widerspruchsfrei: Manche Instrumente können mehreren Gruppen zugeordnet werden. Die Maultrommel gilt etwa als Idiophon, kann wegen ihrer durchschlagenden Zunge aber auch als freies Aerophon verstanden werden.
1940 ergänzte Sachs die Elektrophone als fünfte Gruppe; Francis W. Galpin hatte den Ausdruck electrophonic instruments bereits 1937 verwendet. Umstritten ist, ob etwa die E-Gitarre dazugehört, weil ihr Ton akustisch entsteht und nur elektrisch verstärkt wird. Theremin und Synthesizer sind dagegen Elektrophone im engeren Sinn.
Die Hornbostel-Sachs-Systematik ist bis heute am weitesten verbreitet. Spätere Modelle ergänzten oder kritisierten sie. André Schaeffner unterschied 1932 nur Instrumente mit festen vibrierenden Körpern und solche mit schwingender Luft. Hans-Heinz Dräger erfasste ab 1948 zahlreiche äußere, akustische und spielbezogene Kennzeichen tabellarisch. Kurt Reinhard ordnete 1960 nach musikalischen Möglichkeiten in Geräusch-, Einton- und Mehrtoninstrumente. Oskár Elschek und Erich Stockmann gingen 1969 vom einzelnen Instrument aus und bildeten anhand seiner gesamten Bauweise, Spielpraxis und gesellschaftlichen Umgebung größere Typen. Mantle Hood ergänzte 1971 Lautstärke, Tonhöhe, Klangbild und Geschwindigkeit der Tonfolge in grafischen „Organogrammen“. Jeremy Montagu und John Burton entwickelten ebenfalls 1971 eine beliebig erweiterbare, an biologischen Begriffen orientierte Taxonomie. Michael Ramey verarbeitete 1974 mit einem Computer 39 morphologische, 15 akustische und 21 musizierpraktische Kriterien.
Das MIMO Consortium erweiterte die Hornbostel-Sachs-Systematik 2011 besonders bei den Elektrophonen. Neu aufgenommen wurden auch Membranopipes: Blasinstrumente, bei denen eine vom Luftstrom angeregte Membran periodisch den Luftdurchlass öffnet und schließt. Roderic Knight schlug 2015 weitere Umsortierungen vor, etwa sieben Klassen für Chordophone und die stärkere Berücksichtigung von Spielweise und Klangqualität.
China, Indien und arabische Musiktheorie
Die chinesische Klassifikation bāyīn („Acht Klänge“) reicht der Überlieferung zufolge möglicherweise bis ins 23. Jahrhundert v. Chr. zurück. Sie ordnet Instrumente nach acht Materialien, die zugleich Jahreszeiten und Himmelsrichtungen entsprechen: Fell, Kalebasse, Bambus, Holz, Seide, Ton beziehungsweise Lehm, Metall und Stein. Grundlage ist die Vorstellung einer Harmonie zwischen Kosmos, Natur und Kultur. Das System blieb über Jahrtausende erhalten, obwohl importierte oder ungewöhnliche Instrumente nicht hineinpassten. Ma Duanlin schuf deshalb eine neunte Kategorie für Instrumente außerhalb der acht Gruppen. Eine chinesische Neuklassifikation von 1980 unterscheidet Perkussionsinstrumente mit 56, Blasinstrumente mit 42, Saiteninstrumente mit 56 und Tasteninstrumente mit 9 Instrumenten.
Die älteste erhaltene indische Klassifikation steht im vermutlich zwischen 200 v. Chr. und 200 n. Chr. entstandenen Natyashastra des Bharata Muni. Sie unterscheidet tata vadya, gespannte Saiteninstrumente, avanaddha vadya, mit Fell bedeckte Membranophone, ghana vadya, feste Idiophone, und sushira vadya, hohle Blasinstrumente. Diese Viererordnung wurde zur Grundlage für Mahillon sowie Hornbostel und Sachs. Untergruppen unterschieden Haupt- und Begleitinstrumente sowie Klangqualität und musikalische Aufgabe. Spätere Systeme ordneten auch nach Gesangs-, Tanz- oder Rhythmusbegleitung. B. C. Deva verband 1980 historische indische Grundlagen mit westlicher Dezimalordnung; seine Klassifikation ist praktisch ausgerichtet und nicht in jedem Fall streng logisch.
In der arabischen Welt bestanden mythologische, gesellschaftliche und theoretische Ordnungen nebeneinander. Herkunftserzählungen führten Instrumente auf biblische Gestalten oder fremde Völker zurück. Philosophen bewerteten dagegen besonders Saiteninstrumente hoch und Perkussionsinstrumente niedrig. Al-Farabi beschrieb im 10. Jahrhundert Instrumente mit großer praktischer Genauigkeit. Seine Rangfolge umfasste menschliche Stimme, rabāb und Blasinstrumente, gezupfte Saiteninstrumente, Perkussionsinstrumente und Tanz. Entscheidend waren Konsonanz, Tonlänge, theoretische Brauchbarkeit und Spielbarkeit. Ibn Sina ordnete nach Tonerzeugung in sieben Gruppen, darunter gezupfte Instrumente mit und ohne Bünde, Harfen und Leiern, Streichinstrumente, zwei Arten von Blasinstrumenten und das Hackbrett santūr.
Regionale Ordnungen in Asien
Regionale Klassifikationen richten sich häufig stärker nach Ritual, Herkunft und gesellschaftlicher Funktion als nach reiner Akustik. In Kerala gelten fast alle Tempelinstrumente als tala vadyam („Rhythmusinstrumente“), auch Paarbecken, Gong und Naturtrompete; nur die Kegeloboe kuzhal spielt Melodien. Devavadyam werden für höhere Gottheiten, asuravadyam für niedere Gottheiten verwendet. Dieselbe Trommel chenda gehört je nach angeschlagener Seite und Spielweise zur einen oder anderen Gruppe.
In tibetischen Klöstern besitzen Schlaginstrumente, besonders Paarbecken, den höchsten Rang; Saiteninstrumente dürfen dort nicht gespielt werden. Die vier Kategorien sind brdung-ba, geschlagene Instrumente, bud-pa, geblasene Instrumente, khrol-ba, geschwungene Instrumente, und rgyud-can, besaitete Instrumente. Zur ungewöhnlichen Gruppe der geschwungenen Instrumente gehören unter anderem Sanduhrtrommel und Handglocken, deren Schlagkörper durch Kreisbewegungen aktiviert werden.
Auf Java verweist schon das Wort ditabuh („geschlagen“) auf die Vorrangstellung der Schlaginstrumente. Eine mündliche Ordnung unterscheidet nach Spielweise unter anderem weich oder hart geschlagene, mit den Händen geschlagene, gezupfte, gezogene, gestrichene, geblasene und geschüttelte Instrumente. Daneben zählen Stimmung, Geschlechtssymbolik und Herkunft: vormuslimisch, islamisch, europäisch oder moderne westliche Popkultur. Jaap Kunst gliederte 1934 Gamelan-Instrumente nach ihrer Orchesterfunktion. R. L. Martopangrawit unterschied später irama, Instrumente für Schlagdichte und zeitliche Gliederung, und lagu, Instrumente für die Melodie.
In Aceh, bei den Mandailing und Minangkabau auf Sumatra werden Instrumente vor allem nach kultureller Herkunft gruppiert: vorislamisch beziehungsweise einheimisch, islamisch und westlich-modern. Diese Zuordnung enthält religiöse und moralische Bewertungen. Bei den Mandailing bilden Instrumente Teile bestimmter Orchester; das gordang sambilan mit neun Trommeln entspricht symbolisch den neun ansässigen Clans. Bei den Minangkabau werden die einheimischen Instrumente zusätzlich nach Spielbewegungen wie schlagen, blasen, zupfen, ziehen, streichen und schwingen geordnet.
Gesellschaftliche und mythologische Systeme Afrikas
Viele afrikanische Klassifikationen verbinden Instrumente mit Herkunftsmythen, Personen, Ahnengeistern und sozialen Aufgaben. Bei den Yakuba können Instrumente ursprünglich höheren Wesen, Tieren oder Geistern gehört haben und durch Geschenk, Tausch, Vertrag, Diebstahl oder Betrug zu den Menschen gelangt sein. Das Instrument bleibt dadurch ein personifiziertes Wesen.
Die Kpelle schreiben Instrumenten eine „Stimme“ zu und benennen Teile nach Körperteilen oder Verwandtschaftsrollen. Sie unterscheiden yále, geschlagene Instrumente einschließlich gezupfter Saiteninstrumente, und fèe, geblasene Instrumente. Die Igbo ordnen zunächst nach Bau- und Spielweise: schütteln oder zusammenschlagen, mit einem Schlägel auf eine harte Fläche schlagen, auf eine Membran schlagen, Saiten zupfen und blasen. Zusätzlich unterscheiden sie rhythmische, melodische und rhythmisch-melodische Funktion. In der Orchesterhierarchie stehen Schlitztrommeln oben, Rasseln und Klappern unten.
Bei den Tsonga entscheidet die gesellschaftliche Verwendung: Gemeinschafts- oder Privatbesitz, Beziehung zu Ahnengeistern, Bindung an Zeremonien, Solo- oder Orchesterspiel, Verfügbarkeit der Materialien sowie traditioneller oder neuer Ursprung. Zusätzlich werden Instrumente nach Alter und Geschlecht der Spielenden geordnet. So spielen Männer, Mädchen und professionelle Hofmusiker unterschiedliche Musikbogentypen.
Die Chewa nennen Instrumente zoimbaimba, „Dinge, die beständig singen“. Ihre vier Gruppen umfassen Instrumente mit Saiten, mit Membran, mit ausströmender Luft sowie angeschlagene, geschüttelte oder geschabte Instrumente. Die Einteilung ähnelt Hornbostel-Sachs, bleibt aber mit örtlichen Sprach- und Musikvorstellungen verbunden. Der Vergleich von Musikbögen der ǃKung und bantusprachiger Gruppen zeigt die Grenze rein baulicher Systeme: Ein angelegter Resonator aus gesammelter Wildfrucht und eine festgebundene Kalebasse aus angebautem Kürbis sehen ähnlich aus, besitzen aber unterschiedliche kulturgeschichtliche Zusammenhänge.