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Integrationsraum
Integrationsraum (abgeleitet von lat. integer = ganz, „Integration“) ist ein Konzept der psychosomatischen Medizin und geht auf Thure von Uexküll zurück.
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Grundidee des Integrationsraums
Der Integrationsraum ist ein Konzept der psychosomatischen Medizin nach Thure von Uexküll. Er beschreibt die Einheit von Seele und Körper sowie die Verbindung der Persönlichkeit mit ihrer Umwelt. Integration bedeutet dabei die Verschmelzung von zwei oder mehr Teilen zu einem Ganzen. Damit daraus ein organisches Ganzes auf höherer Ebene entsteht, müssen die Teile zugleich ausreichend differenziert, also unterscheidbar, sein.
Das Modell richtet sich gegen eine strikte Trennung von körperlichen und psychischen Vorgängen sowie gegen rein reduktionistische Erklärungen. Körperliches und Psychisches bilden vielmehr ein gegliedertes Kontinuum. Der Integrationsraum umfasst nicht nur den einzelnen Körper, sondern auch Beziehungen, soziale Gruppen und kulturelle Umwelt. Eine Störung dieser Einheit kann als Spaltung sichtbar werden.
Räumliche Modelle und dynamische Anatomie
Räumliche Modelle werden in Neurologie, Psychiatrie und Psychosomatik verwendet, um das Zusammenwirken körperlicher und psychischer Funktionen verständlich zu machen. John Hughlings Jackson und Charles Scott Sherrington beschrieben höhere psychische und niedrigere körperliche zentralnervöse Zentren als zusammenhängend; Sherrington sprach von der integrativen Leistung des Nervensystems.
Der Integrationsraum ist kein exakter anatomischer Raum, sondern ein Organisationsprinzip und zugleich ein metaphorisches Schema. Vergleichbar sind Körperschema, Homunkulus und Somatotopie: Sie bilden den Körper oder Organsysteme nicht anatomisch genau ab, ordnen sie aber funktionell. Auch psychische Symptome, etwa bei Hysterie, folgen nach diesem Ansatz nicht unbedingt der objektiven Lehrbuchanatomie.
Uexküll fordert deshalb eine dynamische oder subjektive Anatomie. Sie soll berücksichtigen, dass viele psychisch bezeichnete Tatsachen körperliche Grundlagen haben, ohne psychische und körperliche Aspekte voneinander abzuspalten. Auch Freuds Strukturmodell aus Über-Ich, Ich und Es wird als räumliches biostrukturelles Modell eingeordnet.
Spaltung, Stufen und soziale Einbindung
Eine Erkrankung kann deutlich machen, dass zuvor selbstverständliche Zusammenhänge zerbrechen. Eine körperlich verursachte Schluckstörung kann zum Beispiel verhindern, dass jemand bisherige Essgewohnheiten im familiären Rahmen fortsetzt. Daraus können soziale Beeinträchtigungen und weitere psychische Rückwirkungen entstehen. Der Begriff Spaltung betont, dass die Teile der Realität weiter bestehen, ihr Zusammenhalt aber aufgelöst ist.
Der Integrationsraum gliedert sich in Integrationsstufen. Dazu gehören die Reizverarbeitung im Zentralnervensystem, das Individuum, Gruppen, Gemeinschaften und Kulturen. Zwischen den Stufen besteht ein operativer Zusammenhang: Wie Zellen in einen Organismus eingebunden sind, werden Individuen in soziale Gruppen und Kulturen integriert. Die Betrachtung kann entweder vom Individuum zu den Anforderungen höherer Ebenen oder von der höheren Ebene zu Aufgaben, Kooperation und Rollenerwartungen erfolgen.
Krankheitssymptome können sich auf verschiedenen Stufen zeigen, obwohl ihre Ursache nur auf einer Stufe liegt. Die Stufen sind daher nicht nur hierarchisch, sondern netzwerkartig „vermascht“. Auf der biologischen Ebene stehen Selbstorganisation und Differenzierung im Mittelpunkt. Im Zentralnervensystem entstehen aus Nervenzelltypen, Bahnen und synaptischen Netzwerken Wahrnehmungsleistungen; Apperzeption bedeutet die Angliederung neuer Inhalte an ähnliche bereits vorhandene Inhalte. Auf der Stufe der Persönlichkeit bezeichnet Integration ihre Konsistenz sowie Entscheidungs- und Handlungskompetenzen in Belastungssituationen.
Psychosomatik, Diagnostik und Krankheitslehre
Die psychosomatische Medizin braucht für schwer direkt wahrnehmbare physiologische und psychologische Zusammenhänge abstrakte oder schematische Modelle. Die Organmedizin kann viele Störungen dagegen unmittelbar an Organen oder anatomischen Veränderungen lokalisieren. Allgemeine Pathologie berücksichtigt über solche Strukturveränderungen hinaus biologische, physiologische, chemische, physikalische und Umweltfaktoren, etwa Strahlen, Gifte, Ernährungsmangel, Parasiten, Bakterien, Viren, Entzündung und Metaplasie.
Der Integrationsraum soll besonders eine allgemeinere, mehrdimensionale Diagnostik unterstützen, wie sie für Hausärzte und psychosomatische Medizin bedeutsam ist. Uexküll fordert überdisziplinäre Begriffssysteme. Wolfgang Wesiack unterscheidet Beziehungspathologie, Funktionspathologie sowie Organ- und Zellularpathologie nach Morgagni und Virchow; der Beziehungspathologie weist er die übergeordnete Rolle zu.
Die integrative Krankheitslehre umfasst mehrere Konzepte: Pathoanatomische Konzepte erklären Krankheiten über Organe, Zellen, Erbfaktoren, Erreger, Immunvorgänge oder Biochemie, beispielsweise Fettleber, Krebs, Sichelzellanämie, Tuberkulose, Autoimmunerkrankung und Tetanie. Pathophysiologische Konzepte umfassen funktionelle und neuropsychologische Syndrome, etwa Magenverstimmung ohne organische Grundlage oder Neglect. Pathopsychologische Konzepte beziehen unter anderem Schizophrenie, Zwangsneurose, hysterische Lähmung, endogene Depression, Angst, das bio-psycho-soziale Krankheitsmodell der WHO, das multiaxiale System nach ICD-10, Salutogenese, Affektlogik und Beziehungspathologie ein.
Integration in Gesellschaft, Politik und Kybernetik
In der Soziologie bezeichnet der Integrationsgrad die immer nur teilweise Beteiligung eines Menschen an Gruppen, Schichten und Institutionen. Er hängt statistisch auch von der Zahl der Gruppen ab, an denen jemand teilnimmt. Für Konsens und authentische soziale Integration ist jedoch entscheidend, ob sich die Person mit Rollenerwartungen, Wertmaßstäben sowie Orientierungs- und Verhaltensmustern identifizieren kann. Viele Gruppenmitgliedschaften ohne Identifikation können das Gefühl der Isolierung daher nicht notwendigerweise aufheben. Der Integrationsgrad steht zugleich mit abweichendem Verhalten in Zusammenhang.
Soziale Kontrolle reagiert auf abweichendes Verhalten mit Sanktionen. Religionen, Ideologien, Philosophien sowie Erziehungs-, politische und kulturelle Institutionen können Integration fördern, sind aber auch mit Herrschaft und Zwang verbunden. Dadurch können Gegenkräfte entstehen, die bestehende Verhältnisse verändern wollen. Medizinsoziologisch verlangt der Integrationsraum deshalb, psychische und soziale Faktoren, die Rolle des Patienten und eine aktivere Zusammenarbeit mit Therapeutinnen und Therapeuten zu beachten.
Kybernetik untersucht nach Norbert Wiener die Regelung lebender und maschineller Systeme. Für Uexküll kann sie helfen, die Kluft zwischen Psychologie und Physiologie zu überbrücken, weil sie mit Begriffen wie Nachricht, Ordnung und Programm arbeitet. Ihre Grenze liegt bei der Bedeutungserteilung des Psychischen: Kybernetische Modelle können schrittweise Prozesse erklären, aber nicht die Motivation von Lebewesen vollständig erfassen.