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Institut für Musikästhetik

Das Institut für Musikästhetik, gegründet 1967 als „Institut für Wertungsforschung“, ist eine Einrichtung der Universität für Musik und darstellende Kunst …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kern und Aufgabe
  2. 2. Gründung und Kaufmann
  3. 3. Kolleritsch und neue Ausrichtung
  4. 4. Dorschel und internationale Öffnung
  5. 5. Forschung und Buchreihe

Kern und Aufgabe

Das Institut für Musikästhetik ist eine staatliche Einrichtung der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz. Es wurde 1967 gegründet, zunächst unter dem Namen „Institut für Wertungsforschung“. Es sitzt in Graz in der Steiermark, im Palais Meran, und gilt als einziges Institut dieser Art im deutschsprachigen Raum. Sein besonderer Gegenstand ist die philosophische Durchdringung musikalischer Phänomene.

Musikästhetik untersucht grundlegende Voraussetzungen musikalischer Theorie und Praxis. Dazu gehören zentrale Begriffe wie Form, Struktur, Gehalt, Zeit, Ausdruck, Verstehen, Interpretation und Werk. Diese Begriffe sind wichtig, weil sie musikalische Produktion und musikalische Rezeption, also das Hervorbringen und Aufnehmen von Musik, prägen.

Als Ästhetik beschäftigt sich das Fach besonders mit Wertungen über Musik und Kunst: Es fragt, nach welchen Maßstäben Menschen Musik beurteilen und auf welchen unausgesprochenen oder ausgesprochenen Voraussetzungen solche Urteile beruhen. Typisch ist dabei ein interdisziplinäres Vorgehen. Philosophische Begriffe sollen mit empirischem Wissen über ästhetische Empfindungen und Urteile verbunden werden, damit beide Bereiche weiterentwickelt werden können.

Gründung und Kaufmann

Das Institut wurde am 29. September 1967 als Institut für Wertungsforschung an der damaligen Akademie für Musik und darstellende Kunst in Graz gegründet. Ursprünglich war es als „Institut für Kulturpublizistik“ geplant. Harald Kaufmann hatte das Institut 1966 konzipiert und wurde sein erster Vorstand.

Schon im Gründungsjahr spielte Theodor W. Adorno eine Rolle: Er hielt 1967 bei einem Symposion ein Grundsatzreferat und schätzte Kaufmann sehr. Kaufmann entwickelte seine Ideen für die neue Forschungsstätte in zwei Bänden eigener Untersuchungen: „Spurlinien. Analytische Aufsätze über Sprache und Musik“ und „Fingerübungen. Musikgesellschaft und Wertungsforschung“. Darin entwarf er ein Programm und wandte es in Fallstudien an.

Nach einer Charakterisierung des Musikwissenschaftlers Werner Braun ging es Kaufmanns Wertungsforschung darum, möglichst alle verborgenen Voraussetzungen ästhetischer Urteile aufzuhellen. Tests sollten Assoziations- und Vermittlungsketten sichtbar machen und so Gruppennormen erkennbar werden lassen. Vom 16. bis zum 19. Dezember 1969 lehrte György Ligeti am Institut über avantgardistische Kompositionstechniken und Kriterienfindung.

Kaufmann wurde am 29. Juni 1970 durch Entschließung des österreichischen Bundespräsidenten Franz Jonas zum ordentlichen Hochschulprofessor ernannt. Kurz zuvor, am 1. Juni 1970, war bei ihm septische Pleuropneumonie diagnostiziert worden. Er starb am 9. Juli 1970 im Alter von 42 Jahren in Graz.

Kolleritsch und neue Ausrichtung

Nach Kaufmanns frühem Tod übernahm Otto Kolleritsch 1970 die Leitung des Instituts. Er führte es bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2002. In dieser Zeit zog das Institut vom Palais Saurau in den Südflügel des Palais Meran um.

Unter Kolleritsch konnten die Symposien des Instituts an den Steirischen Herbst angebunden werden. Dafür mussten sie thematisch mit der Konzertreihe „Musikprotokoll“ des Avantgardefestivals abgestimmt werden. Inhaltlich verschob Kolleritsch den Schwerpunkt der Institutsarbeit stärker zur Rezeptionsgeschichte, also zur Geschichte der Aufnahme und Deutung von Musik. In den 1990er Jahren verband er diesen Ansatz mit der kulturwissenschaftlichen Diskussion über Moderne und Postmoderne.

Wichtig war auch eine methodische Veränderung. Kolleritsch schloss die von Kaufmann bevorzugten Methoden empirischer Sozialforschung aus und beschränkte die Arbeit des Instituts auf geistes- und kulturwissenschaftliche Verfahren. An die Stelle der Wertungsanalyse trat teilweise eher intuitives Werten. Kaufmanns Nachlass wurde von seiner Witwe und Erbin Erika Kaufmann von Graz an das Archiv der Akademie der Künste Berlin verlegt. Die Leistungen Kolleritschs wurden unter anderem in einer Festschrift zu seinem 60. Geburtstag gewürdigt.

Dorschel und internationale Öffnung

Im Herbst 2001 wurde die Professur des Instituts erstmals international ausgeschrieben. Andreas Dorschel erhielt den Ruf und richtete das Institut seit 2002 gemeinsam mit Federico Celestini stärker philosophisch aus. Weil sich der Begriff „Wertungsforschung“ in vier Jahrzehnten nicht als Name einer Forschungsdisziplin durchgesetzt hatte, betrieb Dorschel die Umbenennung in „Institut für Musikästhetik“. Diese Bezeichnung gilt seit 2007.

Unter Dorschel gewann das Erbe Harald Kaufmanns wieder an Bedeutung. Gleichzeitig öffnete sich das Institut stärker für internationale Diskussionen, besonders in der angelsächsischen Welt. Im Mai 2019 veranstaltete es gemeinsam mit dem Institut für Ethnomusikologie der Kunstuniversität Graz ein internationales Symposion zur komparativen, also ethnographisch vergleichenden, Ästhetik der Musik.

Seit September 2023 gehört der Pianist, Komponist und Jazztheoretiker Kurt Ellenberger dem Institut als Professorial Fellow an. Im November 2023 veranstaltete das Institut gemeinsam mit der International Association of Schools of Jazz in Graz eine Tagung über Ästhetik des Jazz im 21. Jahrhundert. Eine europäische Expertengruppe stellte 2018 fest, das Institut habe sich in den 2010er Jahren zu einer „international einzigartigen Flaggschiffinstitution“ auf seinem Gebiet entwickelt. Neben wissenschaftlicher Forschung gibt es auch publizistische Arbeit, etwa Kritiken und Essays für nicht-akademische Zeitschriften wie „Lettre International“.

Forschung und Buchreihe

Das Institut war Ort mehrerer vom Wissenschaftsfonds der Republik Österreich geförderter Forschungsprojekte. Dazu gehörten Projekte zu Giacinto Scelsi und Österreich, zum musikalischen Ausdruck, zur emotionalen Improvisation, zur Beteiligung an zeitgenössischer Musik über soziale Medien, zur Musik als Lebensbejahung und zur Rolle von Wissen in der Musik. Ein Beispiel ist „What and How Does Music Express? Integrating Music Philosophy and Musical Analysis“, ein FWF-Einzelprojekt zur Idee musikalischen Ausdrucks und dessen Analyse mit Laufzeit 2013–2019. Ein weiteres ist „The Epistemic Power of Music“, ein seit 2021 laufendes Projekt zur Rolle von Wissen in der Musik.

Die Buchreihe „Studien zur Wertungsforschung“ wurde 1968 von Harald Kaufmann begründet. Sie ist die älteste Buchreihe im deutschsprachigen Raum, die speziell der Musikästhetik gewidmet ist. Sie erscheint in der Universal Edition in Wien, London und New York, Österreichs einzigem internationalen Musikverlag.

Zur im Artikel genannten Bibliographie zählen unter anderem Harald Kaufmanns „Spurlinien“ von 1969 und „Fingerübungen“ von 1970, Andreas Dorschels ästhetische Studien „Arbeit am Kanon“ von 2010 und „Vollkommenes hält sich fern“ von 2012 sowie Otto Kolleritschs „Hier wird’s Ereignis“ von 2014.

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