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Ingo Schulze (Autor)

Ingo Schulze (* 15. Dezember 1962 in Dresden) ist ein deutscher Schriftsteller und seit dem 3. November 2023 Präsident der Deutschen Akademie für Sprache …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Person und literarische Bedeutung
  2. 2. Romane: Umbruch, Perspektiven und erzählerische Konstruktionen
  3. 3. Erzählungen und das Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktion
  4. 4. Politische Äußerungen und Kontroverse
  5. 5. Wichtige Veröffentlichungen und Auszeichnungen

Person und literarische Bedeutung

Ingo Schulze (* 15. Dezember 1962 in Dresden) ist ein deutscher Schriftsteller. Seit dem 3. November 2023 ist er Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Sein literarisches Werk untersucht besonders die Folgen des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik Deutschland, das Verhältnis von Ost und West sowie die Frage, wie persönliche Lebensgeschichten, gesellschaftlicher Wandel und Geschichte erzählerisch dargestellt werden können.

Schulze wuchs nach der Scheidung seiner Eltern bei seiner Mutter auf. Nach dem Abitur an der Dresdner Kreuzschule 1981 leistete er Grundwehrdienst in der NVA. Bis 1988 studierte er Klassische Philologie und Germanistik an der Universität Jena. Danach arbeitete er zwei Jahre als Dramaturg am Landestheater Altenburg. 1990 war er Mitbegründer des Altenburger Wochenblatts und des Offertenblatts Anzeiger. Beide erschienen im Altenburger Verlag, dessen Geschäfte Schulze bis Ende 1992 leitete. Anfang 1993 ging er im Auftrag eines Geschäftsmannes nach Russland und gründete in Sankt Petersburg die Annoncenzeitung Привет Петербург (Gruß Dir, Petersburg).

In der Bürgerbewegung Neues Forum engagierte sich Schulze in der Wendezeit 1989/90. Zur deutschen Vereinigung erklärte er: „Wende, das ist ein Begriff, den ich nicht benutze. Und die Wiedervereinigung gab es nicht, das war ein Beitritt.“ Seit Mitte der 1990er-Jahre lebt er als freier Schriftsteller in Berlin. Er ist Mitglied mehrerer Akademien und des PEN-Zentrums Deutschland, darunter seit 2006 der Akademie der Künste Berlin und seit 2007 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. 2019 kuratierte er das forum:autoren auf dem Literaturfest München unter dem Motto „Einübungen ins Paradies. Fragen an die Welt nach 1989“.

Romane: Umbruch, Perspektiven und erzählerische Konstruktionen

Mit Simple Storys. Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz (1998) schildert Schulze die Folgen des Beitritts der DDR zur BRD: Privatisierungen, massenhafte Arbeitslosigkeit, die schnelle Angleichung an eine kapitalistische Marktwirtschaft und den Zusammenbruch vertrauter DDR-Strukturen. Der Roman spielt in Altenburg und gilt als eines der wichtigsten literarischen Zeugnisse der sogenannten deutschen Wendeliteratur. In 29 lose miteinander verbundenen Kurzgeschichten entsteht ein Panorama verschiedener Einwohner, darunter eine Kellnerin, ein Taxiunternehmer, eine Journalistin, eine Ärztin und ein Lehrer. Es gibt weder eine durchgehende Handlung noch eine Hauptfigur. Wechselnde Innenperspektiven machen Orientierungslosigkeit und „fortschreitende Vereinzelung“ erfahrbar. Schulze überträgt dabei den Ton amerikanischer Short Storys von Ernest Hemingway und Raymond Carver auf die ostdeutsche Provinz nach 1989.

Neue Leben (2005) stellt erneut den Beitritt in den Mittelpunkt und vergleicht die Jahrzehnte vor dem Mauerfall mit der Zeit danach. Dadurch werden sowohl das alte als auch das neue politische und wirtschaftliche System kritisch hinterfragt. Der Protagonist Enrico Türmer erzählt sein Leben in Briefen an seine Schwester Vera, seinen Jugendfreund Johann Ziehlke und die Fotografin Nicoletta Hansen. Er entwickelt sich vom angehenden Künstler zum zunächst erfolgreichen, später gescheiterten Geschäftsmann. Dieser Weg vom Schriftsteller zum Besitzer eines Anzeigenblatts paraphrasiert den Faust-Mythos. Der Unternehmensberater Clemens von Barrista übernimmt dabei die Rolle einer mephistophelischen Figur. Die Perspektive Türmers macht die Darstellung ambivalent und fragwürdig, weil das Erzählte von der jeweiligen adressierten Person abhängt. Ein Herausgeber namens Ingo Schulze kommentiert die Briefe; im Anhang stehen außerdem frühere erzählerische Versuche Türmers. So thematisiert der Roman auch das Verhältnis von Literatur und Geschichte.

Adam und Evelyn (2008) verlegt die biblische Geschichte der ersten Menschen in den Sommer 1989 vor dem Mauerfall. Der Damenschneider Adam lebt in einem Garten, den er als paradiesischen Ort empfindet, und hofft auf eine Reform der DDR. Evelyn fühlt sich dagegen eingeengt. Nach einem Konflikt fährt sie mit Freunden zum Balaton; Adam folgt ihr. Die angekündigte Grenzöffnung Ungarns verbindet die private Liebesgeschichte mit der Weltgeschichte. Adams Vertreibung aus dem Paradies steht Evelyns Flucht in den Westen gegenüber. Der Roman urteilt nicht eindeutig über die Figuren, sondern zeigt widersprüchliche Lebensentscheidungen und verschiedene Wahrheiten. 2008 stand er auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis; 2018 wurde er von Andreas Goldstein verfilmt.

Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst (2017) ist ein Schelmenroman. Peter Holtz bleibt in seiner Grundhaltung unveränderlich und misst die DDR an ihren eigenen sozialistischen Idealen. Nach dem Mauerfall will er die Revolution in den Westen tragen. Als Helmut Kohl am 19. Dezember in Dresden spricht, läuft Peter verwirrt vor ein Auto und erwacht erst im Juli 1990 aus dem Koma. Weil ihm mehrere alte Mietshäuser geschenkt wurden, ist er plötzlich ein D-Mark-Millionär. Trotzdem wird er zum Gegner des kapitalistischen Systems und will schließlich das Geld abschaffen. Er ist unter anderem Rocksänger, Stasi-Spitzel, Maurer, Kommunist, Christ, Mitglied einer CDU-Blockpartei, Immobilienbesitzer und Performance-Künstler. Seine Unternehmungen bringen ihm mehr Geld, verändern die Welt aber aus seiner Sicht zum Schlechteren. Am Ende findet er keinen Platz in der Gesellschaft und kommt in eine geschlossene Einrichtung.

Die rechtschaffenen Mörder (2020) erzählt zunächst die Geschichte des Dresdner Antiquars Norbert Paulini. Sein 1977 eröffnetes Antiquariat entwickelt sich zu einem angesehenen literarischen Salon. Als das Interesse an Büchern Anfang der 1990er-Jahre zurückgeht und die Eigentumsverhältnisse des Hauses ungeklärt sind, muss Paulini sein Geschäft zeitweise schließen. Die zunächst legendenhafte Erzählung bekommt Risse und bricht während eines angedeuteten Rechtsrucks Paulinis mitten im Satz ab. Im zweiten Teil spricht der frühere Schützling Paulinis als Erzähler und Verfasser des ersten Teils. Im dritten Teil erzählt die Lektorin Theresa und versucht, die Wahrheit über Paulinis Leben und Tod zu erfahren. Der Roman legt dadurch offen, dass Figuren und Geschichten erzählerische Konstruktionen sind.

Erzählungen und das Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktion

Schulzes erste Buchveröffentlichung, 33 Augenblicke des Glücks. Aus den abenteuerlichen Aufzeichnungen der Deutschen in Piter (1995), verarbeitet seine Erfahrungen in Sankt Petersburg. Die 33 Erzählungen spielen im postsowjetischen Russland und verbinden Alltagsbeobachtungen mit Altem, Mythischem und Literarischem. Stil und Länge unterscheiden sich stark; die Texte kippen häufig ins Skurrile, Phantastische, Groteske oder Surreale. Als literarische Vorbilder nennt der Artikel E.T.A. Hoffmann, Alexander Puschkin, Anton Pawlowitsch Tschechow und Daniil Charms. Eine Herausgeberfiktion, also die vorgetäuschte Herausgabe fremder Aufzeichnungen, wird zu einem wiederkehrenden Verfahren. Der Band brachte Schulze den literarischen Durchbruch, verkaufte sich mehr als 100.000-mal und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Im Erzählband Handy. Dreizehn Geschichten in alter Manier (2007) stehen scheinbar belanglose, alltägliche Ereignisse im Mittelpunkt. Die Texte wirken wie eine „Literatur des scheinbar Nichtliterarischen“. Unter dieser harmlosen Oberfläche untersucht Schulze jedoch grundlegende Fragen: Wo liegen die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion? Was ist erzählbar, und warum gilt etwas als erzählenswert? Was wird als alltäglich wahrgenommen? Der Erzähler tut so, als sei er nur Berichterstatter dessen, was ohnehin geschieht. Auch schwer erkennbare Gewalt, etwa prügelnde Ehemänner, wird in diesem Zusammenhang thematisiert. Für den Band erhielt Schulze 2007 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik.

Orangen und Engel. Italienische Skizzen (2010) entstand nach Schulzes Aufenthalt in der Deutschen Akademie Villa Massimo in Rom 2007. Die Geschichten handeln meist von gewöhnlichen Menschen im römischen Alltag. Der Ich-Erzähler gibt sich als Ingo Schulze aus, sodass zunächst der Eindruck autobiografischer Erlebnisse entsteht. Diese Autofiktion erweist sich jedoch zunehmend als Fiktion. Mit Ironie orientiert sich Schulze an Goethe, sucht das Zeitüberdauernde aber im Flüchtigen und große Fragen im Alltäglichen. Ein wiederkehrendes Thema ist Immigration, die in mehreren Geschichten im italienischen Alltag sichtbar wird.

Tasso im Irrenhaus (2021) besteht aus drei überarbeiteten, zuvor einzeln veröffentlichten Texten: Das Deutschlandgerät, Tasso im Irrenhaus und dem Dramolett Die Vorlesung. Ein Dramolett ist ein kurzes dramatisches Stück. Alle drei Texte behandeln das Verhältnis von bildender Kunst und Literatur sowie die Möglichkeit, Kunst in Sprache zu übertragen. Die Beschreibung von Kunstwerken oder Installationen wird als Ekphrasis bezeichnet. In Das Deutschlandgerät geht es darum, dass eine Re-Installation immer auch eine Re-Interpretation erfordert: Kunst und Begriffe müssen unter veränderten Bedingungen neu verstanden werden. Das Wort „Unrechtsstaat“ hatte 1990 eine andere Bedeutung als zwanzig Jahre später. Tasso im Irrenhaus zeigt, dass das Sprechen über Kunst die besprochene Kunst zugleich erweitert und verändert. Die Vorlesung spielt in einem Hospiz am Krankenbett des todgeweihten Malers Johannes Grützke und verbindet Kunst mit der Frage nach dem Leben.

Politische Äußerungen und Kontroverse

Schulze äußerte sich wiederholt zu politischen und gesellschaftlichen Fragen. Für den MDR figaro verfasste er anlässlich des 800-jährigen Bestehens Dresdens den Essay Nachtgedanken, der am 3. Mai 2006 ausgestrahlt wurde. Außerdem beteiligte er sich an der Ausstellung Mythos Dresden im Deutschen Hygienemuseum Dresden.

In seiner Dankesrede zur Verleihung des Thüringer Literaturpreises 2007 kritisierte er die wachsende Bedeutung des Sponsorings im Kulturbereich und den gleichzeitigen Rückzug des Staates. Anfang 2012 fanden seine in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten Thesen gegen die Ausplünderung der Gesellschaft sowie die Dresdner Rede Wider die marktkonforme Demokratie große Beachtung. Nach der Bundestagswahl 2013 initiierte er den Aufruf „Wider die Große Koalition“. Dieser forderte die SPD auf, keine erneute Koalition mit der CDU/CSU einzugehen, sondern mit Grünen und Linken eine von der SPD geführte Mehrheitsregierung zu bilden. Schulze ist Mitglied der Gruppe „Neubeginn“.

2023 entstand eine Kontroverse über die Darstellung der DDR durch Schriftsteller, die sie nicht selbst erlebt haben. Der Fischer Verlag hatte Schulze gebeten, Charlotte Gneuß’ Roman Gittersee vor der Veröffentlichung zu lesen. Schulze sandte daraufhin einen Brief mit Anmerkungen und Hinweisen für sachliche Korrekturen an den Verlag. Dies löste eine öffentliche Debatte aus.

Wichtige Veröffentlichungen und Auszeichnungen

Zu Schulzes weiteren Veröffentlichungen gehören unter anderem Von Nasen, Faxen und Ariadnefäden (2000, mit Helmar Penndorf), Mr. Neitherkorn und das Schicksal (2001), die Leipziger Poetikvorlesung Tausend Geschichten sind nicht genug (2007), Was wollen wir? Essays, Reden, Skizzen (2009), Unsere schönen neuen Kleider (2012), Henkerslos. Ein Märchenbrevier (2013, zusammen mit Christine Traber), Doppelt verbunden, halb vereint (2022, gemeinsam mit Kiran Klaus Patel), Neubeginn (2022, mit Antje Vollmer und anderen) sowie Zu Gast im Westen. Aufzeichnungen aus dem Ruhrgebiet (2024). 2026 erschien der Roman Das Wasser im August.

Schulze erhielt zahlreiche Literaturpreise und Stipendien. Zu den frühen Auszeichnungen gehören 1995 der Alfred-Döblin-Förderpreis, der Ernst-Willner-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb und der Aspekte-Literaturpreis. 1998 erhielt er den Berliner Literaturpreis mit Johannes-Bobrowski-Medaille, 2001 den Joseph-Breitbach-Preis und 2006 den Peter-Weiss-Preis der Stadt Bochum. Für Neue Leben war er 2006 Finalist des Deutschen Buchpreises. 2007 erhielt er den Thüringer Literaturpreis und den Preis der Leipziger Buchmesse; 2008 war Adam und Evelyn Finalist des Deutschen Buchpreises.

Weitere wichtige Stationen waren der Mainzer Stadtschreiber 2011, der Bertolt-Brecht-Preis der Stadt Augsburg und der Manhae-Preis der Manhae-Foundation Korea 2013, das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse 2020, der Preis der Literaturhäuser und der Kunstpreis der Landeshauptstadt Dresden 2021 sowie der Metropolenschreiber Ruhr 2022. 2010–2015 war Schulze Direktor der Sektion Literatur der Akademie der Künste. 2023 erhielt er ein London-Stipendium des Deutschen Literaturfonds als Writer in Residence für das Frühjahr 2025 an der Queen Mary University of London. 2026 erhielt er eine Poetikprofessur an der Universität Bamberg, den Uwe-Johnson-Preis für Das Wasser im August und kam mit diesem Roman auf die Longlist des Deutschen Buchpreises.

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