Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Hermann Hakel
Hermann Hakel (geboren 12. August 1911 in Wien, Österreich-Ungarn; gestorben 24. Dezember 1987 ebenda) war ein österreichischer Lyriker, Erzähler, …
Inhalt6 Abschnitte
Profil und Bedeutung
Hermann Hakel (12. August 1911, Wien, Österreich-Ungarn – 24. Dezember 1987, Wien) war ein österreichischer Lyriker, Erzähler, Redakteur, Herausgeber und Übersetzer. Bedeutung gewann er nicht nur durch eigene Gedichte und Erzählungen, sondern auch als Literaturkenner, Förderer junger Autoren und Vermittler jüdischer, jiddischer und Wiener Kultur.
Hakel wuchs als Jude in einem römisch-katholisch geprägten Wien auf. Kindheit und Jugend waren von Krankheiten und einer dauerhaften Gehbehinderung geprägt. Eine Gelenkentzündung führte zu mehreren Operationen; nach einer Diphtherie-Erkrankung war er fast ein Jahr lang blind. Er besuchte die Kunstgewerbeschule in Wien und hielt sich Anfang der 1930er-Jahre in Czernowitz und Sereth in der Bukowina auf. Dort lernte er Jiddisch und den Chassidismus kennen.
1931 begann Hakel Tagebuch zu führen. Diese Aufzeichnungen setzte er mit wenigen Unterbrechungen bis 1986 fort. Sie bilden den wichtigsten und umfangreichsten Teil seines Nachlasses und wurden nach seinem Tod teilweise veröffentlicht. Ab 1934 arbeitete er als freier Schriftsteller in Wien, von 1935 bis 1938 außerdem als Lektor im Verlag Anzengruber. 1936 erschien sein erstes Werk, die Lyriksammlung Ein Kunstkalender in Gedichten.
Verfolgung, Flucht und Exil
Der „Anschluss“ Österreichs 1938 bedeutete für Hakel als Juden eine entscheidende Zäsur. Jüdische Menschen waren antisemitischer Gewalt, Demütigungen, Verhaftungen und der Drohung mit Deportation ausgesetzt. Hakels Tagebuchaufzeichnungen schildern die Atmosphäre von Angst und die öffentliche Gewalt gegen Juden in Wien.
Im Juni 1939 wurde Hakel von Nationalsozialisten beinahe totgeschlagen. Am 24. Juni 1939 floh er nach Italien. Er hielt sich zunächst in Rijeka und Triest, später in Mailand auf. 1940 wurde er verhaftet und bis 1943 in verschiedenen Lagern in Süditalien interniert: in Civitella in Val di Chiana bei Arezzo, Oliveto Citra bei Eboli, Alberobello und Tarsia bei Cosenza. Danach lebte er als „internato libero“ (freier Internierter) in Rotonda in der Basilicata.
In der Internierung lernte Hakel den russischen Schriftsteller Nicolaus Ozupe kennen. Mit anderen Lagerinsassen veranstaltete er Laienspiele und Kabarettabende; die damals verfassten Texte vernichtete er später. Nach seiner Befreiung durch die Alliierten erfuhr er aus einer amerikanischen Zeitung von den Konzentrationslagern des „Dritten Reiches“. Daraufhin erlitt er einen Herzanfall und verbrachte ein halbes Jahr im Spital.
1944 traf er in Ancona Franz Theodor Csokor und Alexander Sacher-Masoch. Danach war er Mitglied der „Freien Österreichischen Bewegung“ und arbeitete für das britische Palästina-Amt in Bari. Im März 1945 reiste er zu seinen Eltern nach Palästina. 1947 verließ er das Land wieder und kehrte nach einem Aufenthalt in Rom im Herbst nach Wien zurück. Seine Rückkehr empfand er als problematisch: Wien war zwar der Ort seiner Kindheit, durch Verfolgung und Vernichtung war ihm die frühere Heimat aber fremd geworden. Er bezeichnete sich deshalb als „Heimatlosen“.
Förderer, Lehrer und Kulturvermittler
Nach seiner Rückkehr engagierte sich Hakel stark für das literarische Leben Österreichs. Von 1948 bis 1950 war er Vorstandsmitglied und Lektor des Österreichischen P.E.N. Clubs. Dort gründete er die Aktion „Der P.E.N. stellt vor“, mit der junge Autoren gefördert wurden. Von 1948 bis 1951 sowie erneut von 1979 bis 1986 gab er die Zeitschrift Lynkeus heraus. Ihr Ziel war es, „Vergessenes zu erinnern, Fernes anzunähern, Fremdes bekannt zu machen und junge Autoren kritisch zu sichten und zu veröffentlichen“.
Hakel unterstützte unter anderem Ingeborg Bachmann, Gerhard Fritsch und Marlen Haushofer. In der ersten Ausgabe von Lynkeus veröffentlichte er vier Jugendgedichte von Ingeborg Bachmann. Zu den weiteren Mitarbeitern und Autoren in seinem Umfeld gehörten Christine Busta, Erich Fried, Friederike Mayröcker und Wilhelm Szabo. Er half jungen Schriftstellern durch Veröffentlichungen, Geld, Unterkunft und die Vermittlung von Arbeitsstellen.
Von 1953 bis 1964 hielt Hakel mit Unterbrechungen wöchentlich Abendvorlesungen an der Wiener Urania. Das „Autorenstudio“ trug den Untertitel „Wie und was man schreibt“. Hakel war überzeugt, dass Schreiben bis zu einem gewissen Grad erlernbar sei. Literarische Darstellung sollte auf sinnlicher Wahrnehmung beruhen: Was man schreibe, müsse man „sehen, hören, riechen oder schmecken“. Ein gut geschriebener Satz sollte nach seiner Auffassung für jeden verständlich sein.
1958/59 war Hakel Cheflektor des Sefer-Verlags in Wien. 1959 erhielt er für ein Jahr einen Platz am Österreichischen Kulturinstitut in Rom. Von 1961 bis 1964 arbeitete er für den Forum-Verlag und veröffentlichte dort zahlreiche Sammelbände. Nach dem Tod seiner Mutter Charlotte im Jahr 1978 zog er sich zunehmend aus der Öffentlichkeit zurück, schrieb keine neuen Werke mehr und arbeitete dennoch täglich an seinen Gedichten. 1980 erhielt er die Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien in Silber. Nach seinem Tod gründete sich 1988 die Hermann Hakel Gesellschaft. Sie ordnete und betreute seinen Nachlass, gründete den Lynkeus Verlag und übergab den Nachlass im Februar 2004 dem Österreichischen Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek.
Eigene Werke und zentrale Themen
Hakels eigenes literarisches Werk umfasst Lyrik, Erzählungen, Tagebuchaufzeichnungen, literarische Beobachtungen und kritische Notizen. Zu den frühen Veröffentlichungen gehören Ein Kunstkalender in Gedichten (1936), Und Bild wird Wort … (1947), An Bord der Erde (1948), Zwischenstation. 50 Geschichten (1949), 1938–1945. Ein Totentanz (1950) und Hier und dort (1955).
Seine Texte sind eng mit Erfahrungen von Verfolgung, Flucht, Internierung, Heimatlosigkeit und jüdischer Identität verbunden. Daneben beschäftigte er sich mit Wien, dem Jiddischen, der Literaturgeschichte und der Kritik an literarischen Moden. Das Hohe Lied in deutschen Liebesliedern (1959) verbindet biblische Bezüge mit deutscher Lyrik; Dur und Mollert. Wienerinnen anno dazumal (1961) richtet den Blick auf Wiener Kultur.
Ein großer Teil seines Werkes erschien erst nach seinem Tod aus dem Tagebuchnachlass. Dürre Äste Welkes Gras. Begegnungen mit Literaten. Bemerkungen zur Literatur wurde 1991 veröffentlicht, Der unheilbare Wahn. Denkprozesse 1993 und Zu Fuß durchs Rote Meer. Impressionen und Träume 1995. Spätere Veröffentlichungen sind unter anderem der Briefwechsel Die taoistische Powidlstimmung der Österreicher (2005), Flucht nach Italien. Ausgewählte Tagebuchaufzeichnungen 1938–1945 (2005), Der raunzende Rebbe. Kritische Aufzeichnungen (2007) und Von denen ich weiß. Wahrnehmungen eines Literaten (2011).
Herausgeber und Übersetzer
Als Herausgeber stellte Hakel Anthologien, Zeitschriften und Sammlungen zu österreichischer, jüdischer und internationaler Literatur zusammen. Zu seinen frühen editorischen Arbeiten gehören Jahrbuch 1935, die Zeitschrift Neue Dichtung (1936) und Stimmen der Zeit (1938). Später gab er unter anderem Wien von A bis Z (1953), Die Bibel im deutschen Gedicht des 20. Jahrhunderts (1958) und Wienärrische Welt. Witz, Satire, Parodie einst und jetzt (1961) heraus.
Weitere Schwerpunkte waren jüdischer Humor, Wiener Kabarett und Satire. Dazu zählen Von Rothschild, Schnorrern und anderen Leuten. Jüdische Witze (1957), Mein Kollege der Affe (1959), Wigl Wogl. Kabarett und Varieté in Wien (1962), Sammlungen zu Johann Nestroy, Richard Wagner und Anton Kuh sowie Der jüdische Witz (1971). Die Zeitschrift Lynkeus. Dichtung. Kunst. Kritik erschien in den Heften 1–8 von 1948 bis 1951 und in den Heften 9–38 sowie zwei Sonderheften von 1979 bis 1986.
Hakel übersetzte und vermittelte jiddische Literatur. Dazu gehören Jiddische Geschichten aus aller Welt (1967), das auch unter dem Titel Der Mann, der den Jüngsten Tag verschlief (1971) erschien, sowie die Sammlung In den roten Tropfen tunk ich meine Feder. Jiddische Gedichte des 20. Jahrhunderts (2001).
Würdigung und Selbstverständnis
Zeitgenossen und spätere Kritiker beschrieben Hakel als Dichter, großen Leser, Literaturkenner, Herausgeber und Freund junger Autoren. Hans Heinz Hahnl sah in ihm einen bedeutenden, von der literarischen Welt jedoch unterschätzten Literaten und einen Vermittler des Jiddischen und Wienerischen. Hans Raimund betonte, dass im Mittelpunkt von Hakels Denken und Schreiben die Verfolgung und das Leid der Juden im 20. Jahrhundert standen.
Friedrich Heer ordnete Hakels Kurzgeschichten einem „Neuimpressionismus“ zu. Das persönlich und kollektiv erfahrene Leid werde darin über die unmittelbare Alltagsschilderung hinausgeführt. Ulrich Weinzierl hob Hakels scharfe, oft polemische Kritik an Autoren und literarischen Moden hervor. David Axmann bezeichnete ihn als einen „verletzten und verletzenden Menschen“, der unter seinem schriftstellerischen Misserfolg litt und erfolgreichen Schriftstellern häufig ablehnend gegenüberstand. Die Einschätzungen zeigen damit beide Seiten seiner Wirkung: außergewöhnliche Fürsorge und Förderung einerseits, scharfe, teilweise tyrannische Gesprächsführung und Kritik andererseits.
Einige kurze Hakel-Zitate fassen seine Haltung zusammen: „Die einzige Kunst, die es gibt, ist die Kunst zu leben …“ Außerdem misstraute er übermäßiger Abstraktion und bloßen Schlagwörtern. Für ihn sollten Wörter nicht nur scheinbar Gedanken ersetzen. Seine Gedichte thematisieren zudem jüdische Heimatlosigkeit, Verfolgung und die Erfahrung, dass angesichts des Ertragenen „alle Sprachen stumm“ sein können.