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Harald I. (Norwegen)
Harald I. Schönhaar, manchmal auch Haarschön (altnordisch Haraldr hinn hárfagri; norwegisch Harald Hårfagre; schwedisch Harald Hårfager; * um 852; † 933), …
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Harald und die Quellenlage
Harald I. Schönhaar, altnordisch Haraldr hinn hárfagri, norwegisch Harald Hårfagre, wurde um 852 geboren und starb 933. Er gilt in der Überlieferung als erster König des größtenteils an der Küste liegenden Norwegens. Seine historische Bedeutung liegt darin, dass mit ihm der Prozess verbunden wird, aus vielen regionalen Herrschaften eine königliche Oberherrschaft zu formen. Wie weit seine tatsächliche Macht reichte, ist aber unsicher.
Über Harald ist wenig sicher überliefert. Viele Nachrichten stammen aus Sagas, also erzählenden mittelalterlichen Quellen, die oft Herrscherlob, sagenhafte Motive und spätere politische Interessen enthalten. Wichtige Quellen sind unter anderem die Heimskringla Snorri Sturlusons, die Fagrskinna, das Ágrip, die Flateyjarbók und Skaldengedichte. Skaldengedichte sind altnordische Hofgedichte; sie können ältere Traditionen bewahren, sind aber oft nur in späteren Abschriften erhalten.
Alle Quellen stimmen darin überein, dass Harald ein Sohn Halvdan Svartes, also Halvdans des Schwarzen, war. Schon bei weiter zurückliegenden Vorfahren wird die Überlieferung unsicher. Spätere Genealogien führten Harald auf die Ynglinge und sogar auf Götter wie Odin, Njörd und Freyr zurück. Solche Stammbäume dienten vor allem der Herrschaftslegitimation, also dem Nachweis, dass ein Herrscher angeblich aus besonders vornehmer oder heiliger Abstammung kam.
Abstammung und Sagengestalt
Die Sagas machten Harald zunehmend zu einer Sagengestalt. In der älteren Überlieferung wurde seine Abstammung offenbar höchstens bis Halvdan Svarte oder Gudrød Veidekonge zurückgeführt. Spätere Texte verlagerten seine Familie stärker nach Westen und verbanden sie mit Vestfold, Uppsala und den Ynglingen. Neuere Ansichten halten es für möglich, dass diese Verbindung erst im 13. Jahrhundert konstruiert wurde, um politische Ansprüche zu stützen und dänischen Einfluss im Gebiet um Oslo zurückzuweisen. Eine andere Möglichkeit ist, dass Harald aus dem mächtigen Geschlecht von Karmøy stammte, da sein Machtzentrum Avaldsnes auf Karmøy lag.
Auch über Haralds Mutter gibt es widersprüchliche Angaben. Sæmundur fróði berichtet, Halvdan habe Ragnhild, die Tochter des Königs von Sogn, geheiratet und Harald sei ihr Sohn gewesen. Fagrskinna und Snorri erzählen dagegen von zwei Frauen namens Ragnhild: Die erste und ihr Sohn Harald seien früh gestorben; erst die zweite Ragnhild, die von Ragnar Lodbrok abstammen sollte, sei die Mutter Harald Hårfagres gewesen. Dadurch erhielt Harald in der späteren Darstellung neben der Ynglingen-Abstammung noch eine zweite ruhmreiche Ahnenreihe.
Der Beiname „Schönhaar“ wird ebenfalls sagenhaft erklärt. Snorri berichtet, Harald habe sein Haar nicht schneiden oder kämmen wollen, bis er Norwegen unterworfen habe. Nach der Schlacht am Hafrsfjord habe er es erstmals pflegen lassen und den Beinamen erhalten. In der zeitgenössischen Skaldendichtung erscheint dieser Beiname jedoch nicht. Ob die Geschichte auf tatsächlichem Verhalten beruht oder eine spätere gelehrte Erzählung ist, lässt sich nicht entscheiden.
Eroberungen und Herrschaftsgebiet
Nach Snorri begann Harald seine Eroberungen, weil Gyða Eiriksdóttir ihn nur heiraten wollte, wenn er Norwegen als Alleinherrscher unterwerfe, ähnlich wie König Gorm der Alte Dänemark und König Erich Eymundsson Schweden beherrscht hätten. Harald soll daraufhin geschworen haben, sein Haar nicht zu scheren und nicht zu kämmen, bevor er sich „ganz Norwegen, Abgaben, Einkünfte und Herrschaft“ angeeignet habe. Dieser Teil der Überlieferung verbindet eine politische Zielsetzung mit einem persönlichen Sagamotiv.
Harald führte viele Kämpfe. Die berühmteste Schlacht ist die Schlacht am Hafrsfjord, traditionell vermutlich auf 872 datiert. Diese Zahl ist aus Angaben von Ari fróði und den Sagas errechnet; andere Forscher nehmen 900 oder kurz davor an. Am Hafrsfjord sollen ihm die Großen von Vestland unterlegen sein, darunter König Erik von Hardanger, König Skúli von Stavanger, der König von Agder und dessen Sohn von Telemark und Sørland sowie Häuptlinge wie Kjotve und Haklang.
Die Vorstellung, Harald habe „ganz Norwegen“ geeint, gilt heute als überhöht. Wahrscheinlicher ist, dass sein Herrschaftsbereich vor allem Vestlandet und die südliche Küste rund um Lindesnes bis zur Grenze zu Grenland am Oslofjord umfasste. Viele Forschende nehmen an, dass Harald seine Eroberungen von Sogn aus begann und die Schlacht am Hafrsfjord den Abschluss dieser Phase bildete. Er war damit wohl nicht der vollendete Reichseiniger im späteren Sinn, aber ein wichtiger Initiator des Prozesses.
Nach Heimskringla und irischen Annalen soll Harald im Jahr 880 die Orkneys erobert und Røgnvald Eysteinsson, den Mørejarl, als ersten Jarl eingesetzt haben. Die Färingersaga verbindet Haralds Herrschsucht mit Auswanderung auf die Färöer und nach Island. Das Landnámabók, eine Quelle zur Besiedlung Islands, nennt dafür jedoch andere Gründe.
Innenpolitik und Reichsbildung
Die Reichsbildung bedeutete nicht nur, dass ein König über mehrere Gebiete herrschte, sondern auch eine Veränderung der Herrschaftsorganisation. Snorri berichtet, Harald habe in den unterworfenen Gebieten Recht und Gesetze gegeben, freie Bauerngüter, das sogenannte Odal, zu seinem Eigentum gemacht und von reichen wie armen Bauern Abgaben verlangt. Odal bezeichnet erbliches freies Bauerneigentum. Außerdem habe Harald über jeden Gau einen Jarl gesetzt. Ein Jarl war ein hoher regionaler Machthaber, der Recht und Gesetz wahren, Abgaben einziehen und dem König Krieger stellen sollte. Unter den Jarlen standen Hersen, also lokale Anführer.
Nach Snorris Darstellung erhielt jeder Jarl ein Drittel der Zölle und Abgaben für seinen Unterhalt. Jeder Jarl sollte dem König 60 Krieger stellen, jeder Herse 20. Diese Ordnung habe die Jarle so reich und mächtig gemacht, dass sie mehr Macht besaßen als frühere Könige. Viele vornehme Männer in Trondheim hätten sich deshalb Harald angeschlossen.
Dass Harald dem Volk allgemein „Recht und Gesetze“ gegeben habe, gilt als Rückprojektion aus späterer Zeit. Zu Haralds Lebzeiten hatte ein König wohl noch keine allgemeine Rechtssetzungsbefugnis. Er konnte aber Anordnungen zur Herrschaftsorganisation treffen. Wahrscheinlich trug er zur Aufwertung des Gulathings bei. Ein Thing war eine Versammlung zur Rechtsprechung und politischen Beratung. Die Hauptstände Firdafylke, Sygnafylke und Hordafylke waren bereits vor 930, also noch zu Haralds Lebzeiten, zu einem Thing zusammengeschlossen; dies setzte eine gewisse Befriedung der Region voraus.
Umstritten bleibt, ob Harald alle freien Bauerngüter oder nur die Güter seiner Feinde konfiszierte. Falls nur Feindgüter betroffen waren, ähnelte die Abgabe einem Tribut. Falls alle Güter betroffen waren und als Lehen neu ausgegeben wurden, musste der König dafür eine Gegenleistung erbringen, vor allem Schutz nach außen gegen Wikinger. Diese zweite Deutung ist nach dem Artikel gegenwärtig die überwiegende Meinung.
Reichseinigungsmythos und Samen
Der Reichseinigungsmythos ist in mehreren Quellen überliefert, darunter Heimskringla, Flateyjarbók und Historia Norwegiæ. Er behandelt nicht nur Haralds Herrschaft, sondern auch die Stellung der Samen im norwegischen Reich. Die Samen wurden in der Vorstellungswelt der Wikingerzeit und des frühen Mittelalters oft mit dem unzugänglichen Binnenland verbunden. Dieses lag außerhalb der geordneten Welt Midgard und wurde mit Utgard, also der Welt des Chaos und der übernatürlichen Wesen, verknüpft. In Quellen erscheinen Samen deshalb manchmal als Jötnar, also Riesen, oder als Zwerge.
Im Mythos um Halvdan Svarte verschwindet bei einem Weihnachtsfest in Hadeland plötzlich das Festmahl. Ein zauberkundiger Same wird ergriffen, aber Harald befreit ihn und flieht mit ihm zu einem Samenhäuptling. In Varianten der Flateyjarbók hilft Harald auch einem weiteren gefangenen Samen oder Jötunn namens Dovre. Dieser lässt Harald mehrere Jahre bei sich bleiben, kündigt ihm den Tod Halvdans an und verspricht, ihn bei der Einigung Norwegens unsichtbar zu unterstützen.
Im Mythos um Harald selbst spielt Snøfrid Svåsedotter eine zentrale Rolle. Ihr Vater Svasi wird je nach Quelle als König der Samen, Jötunn oder Zwerg bezeichnet. Harald trifft Snøfrid in einer Gamme, also einer samischen Behausung, und verfällt ihr sofort, was als Zauber gedeutet wird. Er heiratet sie rechtmäßig und hat mit ihr vier Söhne, darunter Sigurd Haraldsson Rise. Von diesem soll später Harald Hardråde abstammen. So wird eine samische Stammmutter in die Königsgenealogie eingebaut. Nach Snøfrids Tod bleibt Harald jahrelang in Trauer bei ihrer Leiche, bis er die Verwesung erkennt, vom Wahn geheilt wird und seine Söhne zunächst verstößt, später aber wieder annimmt. Die Erzählung zeigt ein ambivalentes Verhältnis zwischen Norwegern und Samen: Anziehung, Angst und politische Einbindung zugleich.
Kinder und Nachfolge
Harald hatte nach den Sagas viele Kinder mit verschiedenen Frauen; die genaue Zahl ist unbekannt. Die Angaben schwanken zwischen elf und 20 Söhnen, wobei selbst die niedrigste Zahl als möglicherweise zu hoch gilt. Viele spätere Familien und Könige wollten ihre Herkunft auf Harald zurückführen, sodass erfundene Verbindungen nicht ausgeschlossen sind.
Genannt werden unter anderem Kinder mit Gyda Eiriksdottir, Åsa Håkonsdottir, Ragnhild Eiriksdottir, Svanhild Øysteinsdotter, Åshild Ringsdotter, Snøfrid Svåsedotter und Tora Mostertong. Zu den bekanntesten Söhnen gehören Erik Blodøks, Håkon der Gute, Bjørn Farmann, Sigurd Haraldsson Rise und Ragnvald Rettilbeine. Erik Blodøks wurde in den Sagas als Haralds Nachfolger dargestellt; als Grund nennen sie, dass seine Mutter Ragnhild die Mächtige von Jylland eine Königstochter gewesen sei.
Spätere Könige, die in den Sagas als Nachfahren Haralds erscheinen, sind unter anderem Erik Blodøks, Harald Gråfell und die Erikssöhne, Håkon der Gute, Olav Tryggvason, Olav Haraldsson, Magnus der Gute und Harald Hardråde. Bei mehreren Abstammungen setzt der Artikel ein Fragezeichen, weil sie zweifelhaft sind. Die genealogische Verbindung zu Harald diente späteren Herrschern vor allem dazu, ihre eigene Königsherrschaft zu legitimieren.