Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Gottesvergiftung

Gottesvergiftung wird im Religionsunterricht an Schulen als Beispiel psychoanalytischer Religionskritik verwendet.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Werk und zentrale Aussage
  2. 2. Religion als illusionäre Wunscherfüllung
  3. 3. Sehnsucht nach Geborgenheit
  4. 4. Sehnsucht nach Schutz und Autorität
  5. 5. Loslösung von einem quälenden Gottesbild

Werk und zentrale Aussage

Gottesvergiftung ist der Titel eines 1976 veröffentlichten Buches des Psychoanalytikers Tilmann Moser. Das Werk ist eine kritische persönliche Auseinandersetzung mit seiner Erfahrung von Religion als ekklesiogener Neurose. Es handelt sich um einen autobiografischen Erfahrungsbericht und zugleich um eine Anklageschrift gegen Gott. Moser spricht Gott in einem einzigen Monolog direkt an und klagt ihn an. Im zweiten Teil, „Die Macht deiner Lieder“, zitiert er Liedtexte des Evangelischen Gesangbuchs.

Moser beschreibt seine Gotteserfahrung als unheilbare Krankheit, als Vergiftung, Fessel und bedrängende Übermacht (vgl. S. 10). Der Glaube erscheint als Teufelskreis: Angst führt zu größerer Frömmigkeit und Demut, beseitigt die Angst aber nicht. Der Mensch erniedrigt sich bis zum Selbsthass und verzweifelt wegen ständiger Schuldgefühle an der göttlichen Übermacht. Als göttliches Druckmittel nennt Moser die Aussonderung. Er fürchtet, als „Bock unter den Schafen“ ausgeschlossen zu werden (vgl. S. 18f.). Diese Angst führt er auch auf seine Vorfahren zurück: „[Du (Gott)] blühst aus der Lebensangst meiner Vorfahren.“ (S. 23)

Da Gott kein Lebenszeichen sende, kommt Moser später zu dem Schluss, Gott müsse tot sein (vgl. S. 34 f.). Mit der autobiografischen Auseinandersetzung will er sich von Gott lösen und die „Fessel des Glaubens“ sprengen. Im Religionsunterricht an Schulen wird das Buch als Beispiel psychoanalytischer Religionskritik verwendet. 2003 reflektierte Moser seine frühere scharfe Kritik in Von der Gottesvergiftung zu einem erträglichen Gott. Psychoanalytische Überlegungen zur Religion neu.

Religion als illusionäre Wunscherfüllung

Moser folgt der Religionskritik Sigmund Freuds, des Vaters der Psychoanalyse. Freud war von der Nichtexistenz Gottes überzeugt und suchte nach Gründen für die menschliche Religiosität. Er sah Religion als Befriedigung kindlicher Wünsche nach Geborgenheit, Sicherheit, Autorität, Gerechtigkeit und einer allgemeinen Sinngebung. Eine religiöse Überzeugung nennt Freud eine Illusion, „wenn sich in seiner Motivierung die Wunscherfüllung vordrängt“ (Die Zukunft einer Illusion).

Moser überträgt diese Erklärung auf seine eigene Kindheit. Als Glaubensgrundlage beschreibt er das „Unglück der misslingenden Menschlichkeit“ (S. 12). Er sei fromm gewesen, weil Gott „der Zugang zu sonst Unzugänglichem“ war (S. 61). Nach seiner Darstellung befriedigte der Glaube auch kindlichen Größenwahn und ein Erwähltheitsgefühl.

Seinen zentralen Vorwurf fasst Moser so zusammen: „Dein Angebot ist ausgerichtet auf die tiefsten im Leben unerfüllt gebliebenen Sehnsüchte der Menschen. Was Menschen nicht geben können oder wollen, kannst du geben!“ (S. 43) Religion erscheint damit als illusionäre Wunscherfüllung, die unerfüllte menschliche Bedürfnisse anspricht und scheinbar befriedigt.

Sehnsucht nach Geborgenheit

Moser sieht den ersten für ihn gültigen Gottesbeweis in der innigen Frömmigkeit seiner Mutter (vgl. S. 24f.). Das gemeinsame Gebet vermittelte ihm religiöse Erfahrungen und stillte seine Sehnsucht nach Geborgenheit. Auch bei seiner Konfirmation und beim Besuch eines Kirchentags berichtet er von solchen Erfahrungen.

Später werden diese Erfahrungen jedoch zum Gegenstand seiner Anklage. Moser schreibt: „Jede Nähe und Intimität war gottesverseucht.“ (S. 30) Ein wirkliches Zusammengehören sei für ihn nur über Gott möglich gewesen. Weil dieses Gefühl des Zusammengehörens unentbehrlich war, sei auch Gott unentbehrlich geworden. Dadurch habe der Glaube keine Zuneigung ohne transzendenten Bezug mehr zugelassen; diese Abhängigkeit wurde für Moser zur Last und zur Fessel.

Die versprochene Geborgenheit beschreibt er als illusionär. Zur Erwählung habe gehört, bei Gott jenseits von Selbstzweifeln und Identitätskämpfen einen sicheren Platz und eine sichere Identität zu besitzen und geliebt zu sein, „lang bevor man dafür Menschen brauchte“ (S. 74). Damit verstärkt die Religion nach seiner Darstellung den Teufelskreis: Sie stillt das Bedürfnis nach Nähe, macht diese Nähe aber zugleich von Gott abhängig.

Sehnsucht nach Schutz und Autorität

Das Bedürfnis nach Sicherheit wurde in Mosers Kindheit durch bestimmte Gottesbilder erfüllt. Gott erschien als Gebirge, Schutzwall oder letzte Instanz (vgl. S. 37). Diese Bilder sollten Schutz und Halt geben. Moser schildert jedoch, dass seine Sehnsucht nach Sicherheit letztlich enttäuscht wurde.

Gleichzeitig erlebte er Gott als Autorität. Er beschreibt ihn als „neinsagende Gestalt“ und als ständig überwachenden „Big Brother“. Seinem strengen Blick habe er nie entrinnen können. Gott wurde dadurch nicht nur zur schützenden Instanz, sondern auch zu einem erdrückenden Zwang und einer dauernden Kontrolle. Die Bedürfnisse nach Schutz und Autorität, die der Glaube zunächst befriedigen sollte, erscheinen in Mosers Erfahrung daher als miteinander verbundene Formen von Abhängigkeit und Druck.

Loslösung von einem quälenden Gottesbild

Mosers Schilderungen ergeben das Bild eines quälenden Gottes, der den schwachen Menschen ausnutzt. Seine Gottesvorstellung fasst er mit dem Satz zusammen: „Du bist ein Geschöpf des Mißbrauchs menschlicher Gefühle.“ (S. 46)

Am Ende sagt sich Moser von seinem toten Gott los. Er beschließt, seine Probleme nicht länger durch die Beziehung zu Gott, sondern durch die Hinwendung zu den Menschen zu lösen. Eigenschaften, die Gott zugeschrieben wurden, will er bei den Menschen wiederfinden: „Und was du für dich an wunderbaren Eigenschaften gepachtet hattest, werde ich bei den Menschen wiederfinden.“ (S. 100) Die zentrale Bewegung des Buches führt somit von religiös vermittelter Angst, Abhängigkeit und Selbsterniedrigung zu dem Versuch, sich vom Gottesbild zu befreien und menschliche Beziehungen als neue Orientierung zu gewinnen.

Lernvideos zu Gottesvergiftung

Weiterlesen