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Gnadenstuhl
Der Gnadenstuhl (lateinisch sedes gratiae) ist ein Bildtypus der christlichen Kunst zur Darstellung der Trinität (Dreifaltigkeit): Der meist gekrönte …
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Grundidee und Bedeutung
Der Gnadenstuhl, lateinisch sedes gratiae, ist ein Bildtypus der christlichen Kunst zur Darstellung der Trinität, also der Dreifaltigkeit Gottes. Trinität bedeutet im christlichen Glauben: ein Gott in drei Personen, nämlich Gottvater, Gottsohn Jesus Christus und Heiliger Geist.
Typisch ist die Darstellung, dass der meist gekrönte Gottvater das Kreuz mit dem toten Christus in beiden Händen hält. Über ihnen schwebt die Taube als Symbol des Heiligen Geistes. So werden die drei göttlichen Personen in einem gemeinsamen Bild gezeigt. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts entstanden zusätzlich Varianten, in denen Gottvater den Leichnam seines Sohnes auf dem Schoß hält oder stehend vor sich zeigt.
Entstehung des Bildmotivs
Der Gnadenstuhl gilt als wichtigste mittelalterliche Bildschöpfung für die Darstellung der Dreifaltigkeit. Er wurde zur kennzeichnenden abendländischen Form, die Trinität bildlich gegenwärtig zu machen. Das Motiv entwickelte sich aus der Verbindung des Kreuzes mit Symbolen für Gottvater und den Heiligen Geist. Andere Trinitätsdarstellungen gab es schon vorher; der neue Bildtypus kam zu Beginn des 12. Jahrhunderts auf.
Das älteste erhaltene Beispiel ist eine Miniatur im Missale von Cambrai um 1120. Ein Missale ist ein Messbuch. Die Miniatur steht am Beginn des Canon Missae, also des Hochgebets der Eucharistiefeier. Dargestellt ist Gottvater mit Kreuznimbus auf einem Thron, von einer Mandorla umgeben. Er hält den gekreuzigten Christus mit beiden Händen. Die Taube des Heiligen Geistes, ebenfalls mit Kreuznimbus, verbindet Vater und Sohn, indem sie mit ihren Schwingen die Lippen beider berührt. Wolfgang Braunfels sah den Text des Canon Missae als literarische Quelle des Motivs: Das Bild sollte die Texte des Messkanons veranschaulichen.
Saint-Denis und die Bundeslade
Eine weitere frühe Variante entstand um 1140 als Medaillonscheibe eines Chorfensters der Kathedrale von Saint-Denis. Abt Suger von Saint-Denis beschrieb die Darstellung als „Bundeslade mit Kruzifixus auf der Quadriga Aminadab“.
In dieser Darstellung hält Gottvater mit beiden Händen den gekreuzigten Christus über der geöffneten Bundeslade. Die Szene ist von den vier Evangelistensymbolen umgeben und steht vor hellblauem Himmel. Vom Querbalken des Kreuzes hängt ein gelbes Velum herab, also ein Tuch oder Vorhang. Es bezieht sich auf den Vorhang, der im alttestamentlichen Bundeszelt beziehungsweise Tempel das Sanctissimum, den Ort der Bundeslade, vom Sanctum trennte.
Das Kreuz steht in einem vierrädrigen Wagen, der als „QUADRIGE AMINADAB“, also Wagen des Amminadab, bezeichnet ist. Der Wagen enthält neben dem Kruzifix als Sinnbild des Neuen Testaments auch die Bundeslade mit den Gesetzestafeln und den Aaronstab als Sinnbilder des Alten Testaments. Eine Inschrift Sugers nennt den Gnadenstuhl einen auf der Bundeslade errichteten „Altar mit dem Kreuz Christi“: „FEDERIS EX ARCA CRUCE XRI SISTITUR ARA – FEDERE MAIORI VULT IBI VITA MORI“, übersetzt: „Auf der Lade des Bundes ist aufgerichtet der Altar mit dem Kreuz Christi; hier will das Leben sterben durch einen größeren Bund“. In der Kunstgeschichte wurde dieser Bildtyp zunächst Trinität genannt; der Begriff „Gnadenstuhl“ setzte sich erst im 19. Jahrhundert durch.
Theologische Aussage
Die Darstellung soll den Betrachtern helfen, sich das Geheimnis der Dreifaltigkeit Gottes besser vorzustellen. Gottvater zeigt den Menschen seinen Sohn Jesus Christus als den, der für ihre Sünden am Kreuz gestorben ist. Der Heilige Geist ist das Band zwischen Gottvater und Gottsohn und zugleich selbst die dritte Person der Trinität.
Der Begriff „Gnadenstuhl“ stammt von Martin Luther. Er verwendete ihn als Übersetzung für propitiatorium, den goldenen Deckelaufsatz auf der Bundeslade nach Ex 25,17ff. LUT. Im Anschluss daran bildete Luther auch den Begriff „Gnadenthron“. In Röm 3,25 LUT übersetzt Luther das griechische Wort ἱλαστήριον, hilastérion, so, dass damit Christus bezeichnet wird, durch den nach Luther jeder Mensch Gnade und Seligkeit erlangt.
Der Messkanon beginnt mit der Bitte an Gottvater, das im Gottesdienst dargebrachte Opfer im Gedenken an das Opfer Christi anzunehmen. Die Bilder des Gnadenstuhls sollen ausdrücken: Gottvater empfängt den Leib des Sohnes und reicht ihn den Menschen wieder dar. Im Gebet Supplices heißt es zum Beispiel, der heilige Engel solle die Opfergabe auf den himmlischen Altar vor Gottes Herrlichkeit tragen, damit die Gläubigen beim Empfang von Leib und Blut Christi „mit aller Gnade und allem Segen des Himmels“ erfüllt werden.
Mystische Variante
Seit dem 13. Jahrhundert entwickelte sich während der Verbreitung der christlichen Mystik die Ikonographie der Not Gottes. Sie ist eine Abwandlung des Gnadenstuhls. Dabei hält Gottvater den Leichnam seines Sohnes ohne Kreuz auf dem Schoß. Diese Form erinnert an die Pietà, bei der Maria den toten Christus hält.
Die Not Gottes betont stärker die Trauer des Vaters. Damit verschiebt sich der Akzent: Nicht nur die dogmatische Darstellung der Dreifaltigkeit steht im Mittelpunkt, sondern auch ein emotionales, mystisches Verständnis des Leidens und Sterbens Christi.
Wichtige Beispiele
Die Kunst kennt zahlreiche Beispiele des Gnadenstuhls. Frühe Werke sind die Wandmalerei in der Kirche von Houghton-on-the-Hill in Norfolk um 1100, die Miniatur im Missale von Cambrai um 1120, die Deckplatte eines Tragaltars aus Hildesheim vor 1132 und die Deckplatte des Mauritius-Tragaltars in St. Servatius Siegburg um 1160.
Spätere mittelalterliche und frühneuzeitliche Beispiele sind ein Altarretabel aus der Wiesenkirche in Soest aus den Jahren 1250–1270, der Gnadenstuhl in Kiedrich in St. Valentin aus dem 14. Jahrhundert, Werke des Österreichischen Meisters um 1420, Darstellungen des Meisters von Flémalle um 1430, der Gnadenstuhl aus St. Martin in Bad Orb von 1460–1470, Albrecht Dürers Holzschnitt „Heilige Dreifaltigkeit“ von 1511, Lucas Cranachs des Älteren „Dreifaltigkeit“ von 1518, El Grecos „Dreifaltigkeit“ von 1577 und eine Plastik von Nina Koch vor der St.-Jodokus-Kirche in Bielefeld von 2005.