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Glasnost (Musical)

Die Begriffe Glasnost und Perestroika standen damals für den Aufbruch in ein neues Zeitalter und weckten Hoffnung auf ein besseres Leben. Eingewoben ist ein …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Das Musical und seine Themen
  2. 2. Konflikt zwischen den Generationen
  3. 3. Erinnerung, Umkehr und enttäuschte Hoffnung
  4. 4. Entstehung und gemeinschaftliche Produktion
  5. 5. Aufführungen, Auszeichnungen und Hilfe

Das Musical und seine Themen

„Glasnost“ ist ein deutschsprachiges Musical in vier Akten mit Musik von Fritz Metz, Buch und Liedtexten von Werner Wiegand sowie der ursprünglichen Regie von Hans Todt. Es wurde am 17. Juni 1995 in Weinheim uraufgeführt und dauert 102 Minuten. Die Handlung spielt 1985 in einer Gaststätte in Westdeutschland.

Im Mittelpunkt stehen russische Emigranten, also Menschen, die ihre Heimat verlassen haben und nun im Ausland leben. Als Michail Gorbatschow Generalsekretär der KPdSU wird, verbinden sie mit Glasnost und Perestroika die Hoffnung auf politische Veränderungen, Frieden und eine Rückkehr nach Russland. Diese Aufbruchsstimmung endet jedoch, als Nachrichten über Unruhen und Gewalt in der alten Heimat eintreffen.

Daneben behandelt das Musical einen Generationenkonflikt. Die älteren Exilanten erinnern sich an Verfolgung, Zwangsarbeit und andere leidvolle Erfahrungen. Einige ihrer etwa 20-jährigen Kinder und Enkel sympathisieren dagegen mit sozialistischem Gedankengut und einer gewaltbereiten linken Gruppe. Träume und Erinnerungen unterbrechen mehrfach das Geschehen und machen die Sehnsucht der Figuren nach Heimat, Frieden und einer besseren Welt sichtbar.

Konflikt zwischen den Generationen

Der ungarische Emigrant Ferenc betreibt mit seiner Tochter Ilona eine Kneipe. Eines Morgens finden sie dort den russischen Emigranten Iwan schlafend vor. Iwan erzählt von seinem Traum vom Frieden und von seiner Hoffnung, eines Tages mit seinen Freunden in die Heimat zurückzukehren. Ilona widerspricht: Solange die Kapitalisten herrschten, könne es ihrer Ansicht nach keinen echten Frieden geben.

Der ehemalige Wolgaschiffer Fedja berichtet aufgebracht von gewalttätigen linken Demonstranten. Sein Enkel Gregor gehört ebenso zu ihrem Umfeld wie Ilona. Ferenc versucht, den Streit zu beruhigen, während Iwan von seiner Kindheit und seinem Freund, dem Harlekin, erzählt. Der Harlekin erscheint zusammen mit singenden und tanzenden Kindern, doch anschließend zeigt sich, dass Iwan diese Szene nur geträumt hat.

Fünf junge Leute kommen in die Kneipe, um Ilona und Gregor abzuholen. Zwischen Iwan und Olli, einem Mitglied der Gruppe, entsteht beinahe eine Schlägerei. Ilona verhindert die Gewalt und zieht anschließend mit den anderen los. Gregor bleibt zurück. Obwohl er Ilona liebt, zweifelt er an der Gruppe und beschreibt seinen inneren Konflikt im Lied „Zwei Herzen“. Fedja erinnert sich unterdessen in seinen Liedern an seine Jugend bei den Kosaken und an die Wolga.

Erinnerung, Umkehr und enttäuschte Hoffnung

Ferenc hört einen Csárdás und träumt von seiner Heimat und den „Szegediner Nächten“. In seiner Vorstellung treten eine Zigeunerkapelle und tanzende junge Frauen auf. Auch diese Szene erweist sich als Traum.

Kurz darauf fliehen Ilona und ihre maskierten Freunde vor der Polizei in die Kneipe. Ferenc, Fedja und Iwan werden bedroht, verraten die Versteckten aber nicht. Trotzdem beleidigt Olli Fedja anschließend als „altes Kapitalistenschwein“. Die Gruppe verspottet Kapitalisten in einem Lied und behauptet, Kapitalisten und Schweine unterschieden sich nur durch die Anzahl ihrer Beine.

Fedja widerspricht und verweist auf Alexander Solschenizyns Werk „Der Archipel Gulag“. Das Lied „Häscher und Denunzianten“ geht in eine erschütternde Arbeitslagerszene über: Strafgefangene müssen unter Bewachung Steine schlagen und tragen; einige werden schließlich erschossen. Diese Darstellung führt den jungen Leuten die Folgen politischer Unterdrückung vor Augen. Sie verlassen die Kneipe nachdenklich. Ilona bittet Gregor um Verzeihung. Beide erkennen, dass sie sich mit den falschen Freunden umgeben haben, und finden als Paar zusammen.

Im letzten Akt erfährt Iwan telefonisch von seinem Freund Igor, dass ein neuer Generalsekretär Glasnost und Perestroika versprochen habe. Glasnost bezeichnet dabei die angekündigte politische Offenheit, Perestroika den politischen und gesellschaftlichen Umbau. Weitere Exilrussen kommen in die Kneipe und feiern die Veränderungen. Fedja bleibt zunächst skeptisch, lässt sich aber schließlich von der allgemeinen Hoffnung anstecken. Die Freunde stellen sich ihre Rückkehr nach Russland vor. Nachrichten über Unruhen und Gewaltausbrüche beenden die Feier jedoch abrupt. Iwan sieht seinen Traum von Frieden und einem guten Leben in der Heimat erneut in eine ferne Zukunft rücken.

Entstehung und gemeinschaftliche Produktion

Werner Wiegand hatte die Sowjetunion Mitte der 1970er Jahre als Tourist bereist. Die von Michail Gorbatschow angestoßenen Veränderungen regten ihn später zu mehreren Liedtexten über Russland an. Seit 1985 schrieb er gemeinsam mit dem Musiker und Komponisten Fritz Metz Lieder.

Den unmittelbaren Anlass für das Bühnenprojekt bot 1994 das baden-württembergische Pilotprogramm „Schulmusik an Samstagen“. Nachdem ein anderes Projekt ausgefallen war, nahm der Chorleiter und Schulrektor Volker Schneider Kontakt zu Wiegand und Metz auf. Zu diesem Zeitpunkt bestanden erst einzelne Lieder und eine Grundidee. Schneider wählte „Glasnost“ aus mehreren Vorschlägen aus und setzte sich dafür ein, es in der Kooperation „Schule – Verein“ mit Schülern und Chören aufzuführen.

Vom Probenbeginn am 8. Februar 1995 bis zur Generalprobe am 16. Juni 1995 fanden unter Hans Todts Regie 38 Proben statt. Ensemble und Orchester probten nur dreimal gemeinsam. Insgesamt wirkten 200 Menschen im Alter von 5 bis 70 Jahren mit, überwiegend Laiendarsteller. Beteiligt waren unter anderem das Orchester der Musikschule Badische Bergstraße, das 1. Weinheimer Mandolinenorchester, eine Theatergruppe, Schul- und Vereinschöre sowie Tänzerinnen. Bühnenbilder, Requisiten, Kostüme und weitere Teile der Produktion entstanden ebenfalls in Zusammenarbeit mit örtlichen Schulen, Vereinen, Kursen und Einrichtungen. Das Projekt galt dadurch als Modell für die Kooperation zwischen Schulen und Vereinen und vermittelte zugleich die europäische Stimmung am Ende des Kalten Kriegs.

Aufführungen, Auszeichnungen und Hilfe

Nach der Uraufführung am 17. Juni 1995 in der Stadthalle Weinheim wurde „Glasnost“ zwischen 1995 und 2018 weitere 17 Mal in Weinheim gezeigt. Auf Einladung des sowjetischen Marschalls W. G. Kulikow fanden am 20., 21. und 22. März 1996 drei Aufführungen in der Musikakademie Moskau statt. Dafür reisten 301 Personen per Flugzeug nach Moskau; die Requisiten wurden mit einem Lastwagen vorausgeschickt. Die Reise wurde durch Beiträge der Teilnehmer, den Gewinn dreier Weinheimer Aufführungen im März 1996 und Sponsoren finanziert.

Über die gesamte Spielzeit blieb die Besetzung im Wesentlichen gleich. Ab 1999 übernahm Bettina Endrich die Rolle der Ilona von Marianne Freiburg. Karl Winkler spielte ab 1996 Gregorij anstelle von Markus Kohl. Insgesamt sahen mehr als 12.000 Zuschauer die Aufführungen in Weinheim und Moskau.

1996 gewann das Musical den mit 5.000 DM dotierten Hauptpreis des baden-württembergischen Wettbewerbs „kommunale Bürgeraktionen“; es wurde aus 346 teilnehmenden Projekten ausgewählt. 1998 erhielten Werner Wiegand, Fritz Metz, Hans Todt und Volker Schneider die goldene Schubert-Plakette des Sängerkreises Weinheim.

Aus den Einnahmen des Musicals wurden 9.000 DM nach Russland gespendet. Der Schulamtsdirektor Kuno Schnader unterstützte mit seinen Russland-Kontakten auch die Reise und weitere deutsch-russische Hilfsprojekte. Dazu gehörten Schüleraustausch, Medikamentenspenden sowie humanitäre und medizinische Hilfe im Umfang von rund 1,15 Millionen Euro.

Das Musical wurde auf CD und VHS veröffentlicht. Werner Wiegand dokumentierte die Projektgeschichte von 1994 bis 2018 außerdem in dem 136-seitigen Buch „Rückblende: Projektchronik von 1994 bis 2018“, das im März 2018 im Selbstverlag erschien.

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