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Geschichte Nigerias

Nach der Berliner Kongokonferenz 1885 breiteten die Briten ihr Einflussgebiet militärisch aus und setzten dabei auch Maschinengewehre ein. Ab 1903 …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundlinien der Geschichte
  2. 2. Frühe Besiedlung und vorkoloniale Reiche
  3. 3. Sklavenhandel und britische Eroberung
  4. 4. Kolonialstaat und Weg zur Unabhängigkeit
  5. 5. Unabhängigkeit, Krieg und Militärherrschaft
  6. 6. Vierte Republik und Gegenwart

Grundlinien der Geschichte

Die Geschichte Nigerias umfasst die Entwicklung des Gebiets der heutigen Bundesrepublik Nigeria von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Nigeria ist wichtig, weil hier sehr alte menschliche Besiedlung, bedeutende vorkoloniale Reiche, der transatlantische Sklavenhandel, britische Kolonialherrschaft, Erdölwirtschaft, Militärdiktaturen und eine seit 1999 bestehende demokratische Bundesrepublik zusammenkommen.

Schon früh gab es im heutigen Nigeria viele unterschiedliche Gesellschafts- und Staatsformen. Im Norden entstanden islamisch geprägte Stadtstaaten und später das Kalifat von Sokoto. Im Süden entwickelten sich unter anderem Benin, Oyo, Igbo-Gesellschaften und Tiv-Gesellschaften ohne zentrales Oberhaupt. Nach 1480 wurden Küstenorte wie Calabar, Badagry und Bonny wichtige Hafenstädte, auch im transatlantischen Sklavenhandel.

Großbritannien baute ab dem 19. Jahrhundert seinen Einfluss aus, zunächst mit dem Ziel, den Sklavenhandel zu unterbinden. Von Lagos und Calabar aus dehnten britische Handelsgesellschaften, Missionare und später Kolonialtruppen die Kontrolle aus. 1914 wurden Nord- und Südnigeria zu einer gemeinsamen Verwaltung zusammengeschlossen. 1960 wurde Nigeria unabhängig. Danach folgten eine instabile Erste Republik, der Biafra-Krieg von 1967 bis 1970, mehrere Militärdiktaturen und seit 1999 die Vierte Republik als demokratische Bundesrepublik.

Frühe Besiedlung und vorkoloniale Reiche

2012 wurde in der Region Nigeria/Kamerun die sehr alte Y-Chromosomen-Haplogruppe A00 bzw. Y entdeckt. Dies gilt im Artikel als starkes Indiz dafür, dass diese Region seit rund 130.000 Jahren ununterbrochen vom Homo sapiens besiedelt ist. Archäologische Funde zeigen menschliche Besiedlung im Südosten und Südwesten Nigerias seit mehr als 10.000 Jahren. Steinwerkzeuge sind etwa 12.000 Jahre alt.

Die Afrikanische Feuchtperiode begann vor etwa 14.600 bis 14.500 Jahren. In Nordnigeria endete sie vor 3.170 ± 70 Jahren. Später veränderten sich Vegetation und Lebensweise. Im Süden wich Jagen und Sammeln im ersten Jahrtausend v. Chr. allmählich der Subsistenzwirtschaft, also einer Wirtschaftsform zur Selbstversorgung. Bei Zilum wurden 2.500 Jahre alte Überreste einer der frühesten befestigten Städte Afrikas südlich der Sahara gefunden. Um 2.000 v. Chr. entstanden im Südosten Zeichen der ideografischen Schrift Nsibidi.

Zwischen 700 v. Chr. und 400 v. Chr. erfolgte im heutigen Nigeria der Übergang zur Eisenzeit offenbar ohne Bronzezeit als Zwischenstufe. Die Nok-Kultur, die zwischen 1500 v. Chr. und 200 n. Chr. auf dem Jos-Plateau lebte, gilt als älteste bekannte nigerianische Kultur. Eisenwerkzeuge förderten Landwirtschaft, Jagd und Kriegsführung. Eisen blieb auch für spätere Reiche wie Benin und Oyo wichtig.

Im Mittelalter breitete sich im Norden der Islam aus. Muslimische Händler brachten Vertragsrecht, Kredite, Schrift und arabische Zahlen in den Fernhandel. Seit dem 11. Jahrhundert bestanden 14 Hausa-Stadtstaaten. Um 1400 entstanden im Norden die ersten nigerianischen Schriftstücke mit Buchstaben, verfasst in Adschami, einer auf Arabisch beruhenden Schrift für lokale Sprachen. Im Süden entstanden unter anderem das Edo-Königreich Benin, das Yoruba-Königreich Oyo, das Igbo-Königreich Nri und Gesellschaften der Tiv ohne zentrale Herrschaft.

Sklavenhandel und britische Eroberung

Um 1485 trafen Portugiesen an der Küste auf das Reich Benin und andere Handelsplätze. Sie tauschten europäische Waren, besonders Waffen, gegen Elfenbein, Palmöl und zunehmend Sklaven. Die Küste wurde später als „Sklavenküste“ bekannt. Zwischen 1526 und 1859 wurden laut Artikel 2,27 Millionen Versklavte vom Gebiet des heutigen Nigeria verschifft, vor allem aus Bonny mit 1,1 Millionen und Calabar mit 0,75 Millionen. Mehr als 10 % starben während der über 200 Tage dauernden Überfahrt. Europäer kauften meist bei lokalen Sklavenhändlern; die Versklavten waren häufig Kriegsgefangene, Sträflinge oder Menschen, die verkauft worden waren.

Im Norden sammelte Usman dan Fodio um 1800 Anhänger, kritisierte die Eliten der 14 Hausa-Staaten und erklärte nach 1804 den Dschihad. Daraus entstand das Kalifat von Sokoto, ein großes islamisches Binnenreich mit Arabisch als Amtssprache. Emire sprachen nach der Scharia Recht. In den 1890er Jahren lebten im Gebiet des Kalifats etwa zwei Millionen Sklaven. 1903 wurde es von britischen, französischen und deutschen Truppen erobert.

Großbritannien verbot mit dem Slave Trade Act vom 1. Mai 1807 den britischen Sklavenhandel und ließ die Royal Navy auch ausländische Sklavenschiffe abfangen. Dennoch blieb die Küste schwer kontrollierbar. 1851 bombardierte die Royal Navy Lagos, 1861 wurde Lagos britische Kronkolonie. Lagos wurde Marinestützpunkt, Handelszentrum und Zuflucht für Freigelassene.

Private Handelsgesellschaften wie die Royal Niger Company erweiterten den britischen Einfluss im Nigergebiet. Nach der Berliner Kongo-Konferenz von 1885 beschleunigten europäische Mächte ihre militärische Expansion. Die Briten eroberten unter anderem Ijebu, Oyo-Gebiete und 1897 Benin, wobei der Königspalast niedergebrannt und die Benin-Bronzen geplündert wurden. 1900 wurden Südnigeria und Nordnigeria als Protektorate neu geordnet; den Namen „Nigeria“ hatte Flora Shaw, die Frau Frederick Lugards, geprägt.

Kolonialstaat und Weg zur Unabhängigkeit

1914 vereinigte Gouverneur Frederick Lugard Nord- und Südnigeria zur „Kronkolonie und Protektorat“ Nigeria. Es entstanden gemeinsame Telegrafen, Eisenbahnen, Zölle, Verbrauchsteuern, Währung und ein gemeinsamer öffentlicher Dienst. Trotzdem blieben Norden und Süden politisch und gesellschaftlich stark getrennt. Im Norden setzte Lugard auf „Indirect Rule“, also indirekte Herrschaft über Emire und bestehende islamische Strukturen. Im Süden, besonders bei den Igbo, funktionierte dieses Modell schlecht, weil dort Entscheidungen traditionell eher durch Debatten und Konsens getroffen wurden.

Die britische Herrschaft schuf Infrastruktur, Häfen, Eisenbahnen, Schulen, Gerichte und Verwaltung. Gleichzeitig war sie autokratisch, rassistisch geprägt und wirtschaftlich auf britische Interessen ausgerichtet. Einkaufskartelle von Firmen wie Unilever, Nestlé und Cadbury hielten Preise für Kakao, Palmöl und Erdnüsse niedrig. Im Süden entstanden Zeitungen, Parteien, Gewerkschaften und höhere Bildungsinstitutionen früher als im Norden. Diese ungleiche Entwicklung prägte Nigeria langfristig.

Während des Zweiten Weltkriegs dienten 45.000 nigerianische Soldaten in britischen Streitkräften. Nigerianische Regimenter kämpften unter anderem in Afrika, Indien und Burma. Im Äthiopienfeldzug 1941 gelang ihnen ein besonders schneller Vormarsch: Innerhalb von 10 Tagen stießen zwei motorisierte Kompanien 930 km bis Daghabur vor; Harar wurde nach 1.600 km in 32 Tagen eingenommen. Der Krieg stärkte zugleich Gewerkschaften und Unabhängigkeitsforderungen.

Nach 1945 führte Großbritannien Nigeria schrittweise zur Selbstregierung. Die Richards-Verfassung von 1946 machte Nigeria zu einer Föderation aus Northern, Western und Eastern Region. Die wichtigsten Parteien orientierten sich stark an Ethnien: der Northern Peoples Congress an Hausa/Fulani im Norden, der NCNC an den Igbo im Südosten und die Action Group an den Yoruba im Südwesten. Am 1. Oktober 1960 wurde Nigeria unabhängig und in die Vereinten Nationen aufgenommen.

Unabhängigkeit, Krieg und Militärherrschaft

Die Erste Republik begann 1960 und wurde 1963 zur Republik. Viele Schwächen der kolonialen Verfassung blieben bestehen. Die Parteien vertraten weiter vor allem Regionen und Ethnien. Wahlkonflikte, Machtkämpfe und Gewalt nahmen zu. 1964 gewann ein Bündnis aus NPC und NNDP die Wahl. Im Südwesten kam es 1965 zu schweren Unruhen und politischer Gewalt.

Am 15. Januar 1966 putschten Majore um Patrick C. Nzeogwu; unter den 22 Opfern waren Premierminister Abubakar Tafawa Balewa und regionale Regierungschefs. Armeechef Johnson Aguiyi-Ironsi übernahm die Macht, hob die föderale Struktur auf und regierte per Dekret. Am 29. Juli 1966 folgte ein Gegenputsch. Ironsi wurde getötet, Yakubu Gowon wurde Staatschef. Danach kam es zu Pogromen gegen Igbo; Quellen sprechen von 30.000 Opfern, überwiegend Kindern.

1967 erklärte Oberstleutnant Emeka Ojukwu die Ostregion zur unabhängigen Republik Biafra. Der Biafra-Krieg dauerte bis Januar 1970 und gehört laut Artikel zu den schlimmsten humanitären Katastrophen der Neuzeit. Schätzungen der Toten durch Hunger und Krieg reichen von einer bis zu drei Millionen. Auch Massaker an Zivilisten, etwa in Asaba, werden genannt. Gowon erhöhte 1967 die Zahl der Bundesstaaten auf 12 und schwächte damit Abspaltungsoptionen des Südostens und Nordens.

1971 trat Nigeria der OPEC bei. Die Erdöleinnahmen machten Nigeria zum Rentierstaat: Ein solcher Staat finanziert sich stark über Lizenzen, Zölle und Förderrechte statt über die Arbeitsleistung seiner Bevölkerung. Das begünstigte Patronage, Korruption, Intransparenz und eine Abhängigkeit vom Öl. Unter Gowon kam es trotz Ölboom zu Misswirtschaft, etwa zur „Zementarmada“ von 1975.

Nach Gowon regierten Murtala Muhammed, Olusegun Obasanjo, Shehu Shagari in der Zweiten Republik, dann Buhari, Babangida und Abacha. Shagaris demokratische Regierung von 1979 bis 1983 litt unter Wirtschaftskrise, Korruption und Wahlbetrugsvorwürfen. Buhari putschte 1983, wurde 1985 von Babangida gestürzt. Babangida leitete Wirtschaftsreformen ein, baute aber auch einen Sicherheitsapparat auf und annullierte die von Moshood Abiola gewonnene Wahl von 1993. Abacha errichtete ab 1993 eine Schreckensherrschaft, ließ Gegner verfolgen und Ken Saro-Wiwa mit acht weiteren Ogoni-Aktivisten 1995 hinrichten. Seine Herrschaft steht außerdem für den „Abacha loot“, die Veruntreuung von geschätzt 1 bis 5 Milliarden US-Dollar.

Vierte Republik und Gegenwart

Nach Abachas Tod 1998 leitete Abdulsalami Abubakar den Übergang zur Demokratie ein. 1999 wurde Olusegun Obasanjo Präsident. Die Vierte Republik besteht bis heute. Nigeria wurde eine Bundesrepublik mit 37 etwa gleich großen Bundesstaaten einschließlich Hauptstadtgebiet, einem Senat mit je drei Senatoren pro Staat und Regeln, die Präsidentschaftskandidaten zwingen, über die eigene Ethnie oder Religion hinaus Unterstützung zu suchen. Wahlen werden häufig als intransparent oder fehlerhaft kritisiert, doch Machtwechsel 2007, 2010, 2015 und 2023 verliefen friedlich.

Obasanjo stärkte Freiheitsrechte, Pressefreiheit und Außenpolitik. Nigeria wurde wieder in den Commonwealth aufgenommen, zahlte 2005 im Rahmen des Pariser Clubs Schulden zurück und schloss 2006 mit Kamerun das Greentree-Abkommen zur Bakassi-Halbinsel. Gleichzeitig blieb die Verschmutzung des Nigerdeltas durch Erdöl ein schweres Problem. Seit 2004 verbreiteten sich Mobiltelefone stark; 2022 besaßen 90 % der Nigerianer ein Handy oder Smartphone. Im Norden führten einige Bundesstaaten 1999 und 2000 die Scharia wieder ein.

Umaru Yar’Adua wurde 2007 Präsident, die Wahl wurde international stark kritisiert. Nach seinem Tod 2010 übernahm Goodluck Jonathan. Unter Jonathan wurde Nigeria wirtschaftlich zur führenden Wirtschaftsmacht Afrikas, Nollywood wurde durch Filmförderung gestärkt, und 2014 wurde in Lagos ein Übergreifen von Ebola durch professionelles Krisenmanagement verhindert. Gleichzeitig prägten Boko Haram, die Entführung von etwa 200 Schulmädchen in Chibok 2014, Korruption und der „Same Sex Marriage Prohibition Act“ seine Amtszeit. 2015 verlor Jonathan die Wahl gegen Muhammadu Buhari.

Buhari regierte von 2015 bis 2023. Seine Amtszeit war geprägt von Infrastrukturprojekten wie der Bahn Lagos-Ibadan, der Zweiten Nigerbrücke, dem Hafen Lekki und der Dangote-Raffinerie, außerdem von Erfolgen gegen Boko Haram. Zugleich nahmen bewaffnete Kriminalität, Entführungen und Polizeigewalt zu. 2022 fühlten sich 68 % der Nigerianer laut NOI-Polls im Land „nicht sicher“.

Seit Mai 2023 ist Bola Tinubu Präsident. Die Wahl 2023 wurde von der EU-Beobachtermission als intransparent kritisiert. Tinubu schaffte die Treibstoffsubvention ab und hob Devisenhandelsbeschränkungen auf; der Naira verlor stark an Wert. Laut API-Umfrage vom 29. Mai 2024 bewerteten 49 % Tinubus Arbeit als „sehr schlecht“ und 29 % als „schlecht“. 64 % gaben Hunger oder fehlende Finanzierung grundlegender Bedürfnisse als größte persönliche Herausforderung an. Größte Sicherheitsprobleme sind Entführungen und Konflikte wie Angriffe muslimischer Fulani-Hirten auf Bauern verschiedener Ethnien und Religionen. Zugleich zeigen Umfragen, dass viele Nigerianer Demokratie, mehrere Parteien und religiös gemischte Regierungsbeteiligung befürworten.

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