Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Generation haram
Antimuslimischer Rassismus. Erkurt verwendet die Bezeichnung „antimuslimischer Rassismus“ trotz Kritik, die sie dafür erfahren hat. Eine klare Benennung der …
Inhalt6 Abschnitte
Kern des Buches
Generation haram – Warum Schule lernen muss, allen eine Stimme zu geben ist ein 2020 veröffentlichtes Buch der österreichischen Journalistin und Publizistin Melisa Erkurt. Auf circa 190 Seiten beschreibt Erkurt Benachteiligungen an sogenannten „Brennpunktschulen“ und verbindet diese Beobachtungen mit strukturellen Diskriminierungsproblemen in der österreichischen Gesellschaft. Im Mittelpunkt steht die Frage, warum Schule nicht allen Schülerinnen und Schülern gleichermaßen eine Stimme gibt.
Erkurt bezieht ihre eigenen Erfahrungen ein: Sie ist Arbeiterkind mit bosnischer Migrationsbiografie, studierte Germanistik beziehungsweise Lehramt für Deutsch und Psychologie und arbeitete als Deutschlehrerin im österreichischen Bildungssystem. Ihre zentrale Kritik lautet, dass das österreichische Schulsystem von Anfang an nicht allen Kindern dieselben Chancen gibt. Es sei für autochthone Schülerinnen und Schüler, also für Personen ohne Migrationsgeschichte, konstruiert und benachteilige Schülerinnen und Schüler mit Migrationsgeschichte strukturell.
Das Buch hatte großen Einfluss auf den österreichischen Diskurs über Bildung und Migration und wurde auch in Deutschland wahrgenommen. Erkurt fordert ein Bildungssystem, in dem Chancengleichheit nicht nur versprochen, sondern praktisch umgesetzt wird.
Entstehung und Perspektive
Der Titel geht auf einen Artikel zurück, den Erkurt 2016 in der Zeitschrift biber unter dem Titel „Generation haram“ veröffentlichte. Darin schrieb sie über das Jugendwort „haram“ und darüber, wie muslimische Schüler es gegenüber muslimischen Mitschülerinnen verwendeten. Als Schulprojektleiterin im „Newcomer-Projekt“ von biber hatte sie beobachtet, dass manche muslimische Schüler das Verhalten von Mitschülerinnen zu regulieren versuchten, obwohl sie selbst wenig über den Islam und seine Werte sagen konnten. Diese Themen, etwa eine beobachtete Verbotskultur und radikale Tendenzen unter muslimischen Jugendlichen, kommen im Buch nur kurz vor. Der Schwerpunkt liegt dort auf Schule, Teilhabe und fehlender Chancengleichheit.
Nach drei Jahren im „Newcomer-Projekt“ und nach ihrem 2016 abgeschlossenen Lehramtsstudium beschloss Erkurt 2018, selbst zu unterrichten. Sie wollte sich ein eigenes Bild von Problemen machen, über die Susanne Wiesinger 2018 in Kulturkampf im Klassenzimmer geschrieben hatte. Im Schuljahr 2018/2019 unterrichtete Erkurt an einer Wiener Allgemeinbildenden Höheren Schule (AHS), an der über achtzig Prozent der Schülerinnen und Schüler eine Migrationsbiografie hatten. Nach einem Jahr kehrte sie in den Journalismus zurück, um sich dort für mehr Diversität einzusetzen. Diese Entscheidung nannte sie „eine der schwierigsten Entscheidung[en] [ihres] Lebens“.
Generation haram berichtet über dieses Unterrichtsjahr und versteht sich als Gegenentwurf zu Erfahrungsberichten wie Kulturkampf im Klassenzimmer von Susanne Wiesinger oder Eine Lehrerin sieht Rot von Doris Unzeitig. Während solche Berichte bis dahin meist von autochthonen Lehrpersonen geschrieben wurden, beschreibt Erkurt das Bildungssystem aus der Sicht einer Person mit Migrationsgeschichte. Sie widmet das Buch allen, „die nie eine Chance hatten“, und schreibt über Menschen, die wie sie zu den Bildungsverliererinnen und Bildungsverlierern des österreichischen Schulsystems zählen.
Benachteiligung im Schulsystem
Erkurt zeigt, wie sozio-ökonomisch benachteiligte Kinder in Österreich ungleich behandelt werden, besonders im Schulsystem. Sozio-ökonomisch benachteiligt bedeutet, dass Kinder wegen der sozialen und wirtschaftlichen Lage ihrer Familie schlechtere Ausgangsbedingungen haben. Im Buch stehen vor allem Kinder mit Migrationsgeschichte im Mittelpunkt; laut Artikel machen Menschen mit Migrationsbiografie den größten Anteil der sozio-ökonomisch Benachteiligten in Österreich aus.
Nach Erkurt trägt das Schulsystem wesentlich dazu bei, Ungleichheiten zu verfestigen, statt sie auszugleichen. Ein Hauptgrund sei, dass es für privilegierte Kinder entworfen sei und keinen natürlichen Platz für benachteiligte Kinder aus bildungsferneren Familien vorsehe. Bildungsfern meint hier Familien, die weniger Zugang zu schulischer Bildung, schulischem Wissen oder Unterstützungsmöglichkeiten haben.
Ungleichheit entstehe und verstärke sich unter anderem dadurch, dass Schulen materielle und technische Ausstattung in den Elternhäusern voraussetzen. Dazu gehören eine gute W-Lan-Verbindung, ein eigener Computer, ein Schreibtisch oder ein ruhiges Zimmer zum Lernen. Auch Vorurteile und Diskriminierung in der Schule selbst, Lehrpläne, die vor allem auf autochthone Schülerinnen und Schüler zugeschnitten sind, sowie zu wenig diverses Personal tragen laut Erkurt zur Benachteiligung bei.
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Lehrausbildung. Erkurt schreibt, sie sei nie ausreichend auf ein diverses Klassenzimmer vorbereitet worden. Mit „divers“ meint sie Klassen, in denen Kinder unterschiedliche soziale Hintergründe, Sprachen, Religionen und Migrationsgeschichten mitbringen. Das System sei auf „Annas und Pauls“ zugeschnitten, während es für „Hülyas und Alis“ eher Aussortierung vorsehe. Besonders in von Migration geprägten Räumen passe das System nicht mehr zu vielen Kindern, die tatsächlich in die Schule gehen und teils geringe Deutschkenntnisse haben.
Erkurt kritisiert außerdem, dass sich Schule zu stark auf Eltern verlasse. Gerade sozio-ökonomisch benachteiligte Eltern hätten oft weder genug Zeit noch die nötigen Sprach- oder Fachkompetenzen, um ihre Kinder schulisch zu unterstützen. Deshalb fordert Erkurt ein System, das nichts voraussetzt. Die Corona-Krise verschärfte aus ihrer Sicht diese Missstände: E-Learning funktionierte vor allem dort, wo stabile Internetverbindungen, Computer und unterstützende Erziehungsberechtigte vorhanden waren.
Rassismus und konkrete Forderungen
Ein wichtiges Thema des Buches ist antimuslimischer Rassismus. Erkurt verwendet diesen Begriff trotz Kritik. Sie hält eine klare Benennung für notwendig, weil Diskriminierungserfahrungen muslimischer Menschen sonst unsichtbar würden. Sie verweist dabei auf den Diskurs des „Rassismus ohne Rassen“. Damit ist gemeint, dass Rassismus heute nicht nur über angebliche biologische „Rassen“ funktioniert, sondern auch über Kultur und Religionszugehörigkeit. Rassismus besteht nach dieser Sicht in der Annahme, bestimmte Menschen seien unveränderlich minderwertiger als andere.
Erkurt beschreibt, dass besonders muslimische Jungen und Männer, deren Migrationsgeschichte man an Aussehen oder Namen erkennt, Hass, Gewalt und Vorurteilen ausgesetzt sind. Außerdem thematisiert sie den Druck auf Mädchen und Frauen, die Kopftuch tragen, sowie den Rassismus, den diese im Alltag und am Arbeitsplatz erfahren.
Für ein chancengerechteres Schulsystem fordert Erkurt mehrere Änderungen. Mehr Menschen mit Migrationsgeschichte sollen für den Lehrberuf angeworben werden. Schon in der Lehrausbildung sollen Lehrpersonen für Diskriminierung sensibilisiert werden. Lehrkräfte sollen durch Teams aus Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern sowie Psychologinnen und Psychologen unterstützt werden.
Außerdem spricht sie sich für eine verpflichtende kostenlose Ganztagsschule aus, um Bildung stärker aus den privaten Möglichkeiten der Familien herauszulösen. Eine Quotenregelung für Schulen soll soziale Schichten stärker mischen, damit Lerngruppen sozio-ökonomisch ausgewogener werden. In Politik, Medien und anderen Bereichen fordert sie Migrantenquoten, weil Migrantinnen und Migranten dort stark unterrepräsentiert seien und Kinder mit Migrationsgeschichte Vorbilder bräuchten.
Erkurt fordert auch einen anderen Blick auf Sprache. Die Kompetenzen mehrsprachiger Kinder mit Migrationsgeschichte sollen anerkannt werden, statt nur ihre Defizite zu betonen. Der Deutschunterricht müsse an die Schülerinnen und Schüler angepasst werden. Lesen und Literatur sollten als eigenes Fach eingeführt und Migrationsliteratur in den Lehrplan aufgenommen werden.
Form und Wirkung
Generation haram ist erzählend-anekdotisch und diagnostisch geschrieben. Diagnostisch bedeutet hier, dass Erkurt Schwachstellen des Schulsystems beschreibt und bewertet. Sie bezieht wissenschaftliche Ergebnisse ein, stützt den Text aber vor allem auf Alltagserfahrungen von Betroffenen. Die Sprache ist nicht immer wertfrei; zum Beispiel bezeichnet Erkurt gut situierte Eltern mit dem implizit abwertenden Begriff „Bobo-Eltern“.
Das Buch wurde vor allem in Österreich stark rezipiert und prägte dort nach seinem Erscheinen den Diskurs über Migration und Schule. Als besonders gilt, dass Erkurt im österreichischen Bildungsdiskurs eine der wenigen Stimmen mit eigener Migrationsgeschichte ist. Ihr Fokus auf sozio-ökonomisch dis-privilegierte Menschen und die daraus abgeleiteten Forderungen werden als Alleinstellungsmerkmal des Buches beschrieben.
Auch im deutschsprachigen Raum wurde das Buch besprochen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) schrieb, die österreichischen Verhältnisse ließen sich weitgehend auf Deutschland übertragen. Gelobt wurden vor allem Passagen, in denen Erkurt Schülerinnen und Schüler selbst zu Wort kommen lässt oder von deren und ihren eigenen Diskriminierungserfahrungen berichtet. Hervorgehoben wurden ihre Beobachtungsgabe, Empathie und Kritik; das Werk wurde als „streitlustig und kämpferisch, manchmal auch spöttisch“ beschrieben. Saša Stanišic schrieb, das Buch solle Lektüre in der Ausbildung von Pädagoginnen, Pädagogen und Lehrkräften werden, weil es „präzise, pragmatisch, konstruktiv“ Verfehlungen und Schwierigkeiten der Bildungssysteme zeige.
Kritisiert wurde unter anderem der Titel Generation haram, weil er zwar auf den Artikel von 2016 verweist, dessen Themen im Buch aber nur eine geringe Rolle spielen. Die FAZ fand Erkurts Begründung für den Begriff „antimuslimischer Rassismus“ „[w]enig überzeugend“ und merkte an, der starke Fokus auf muslimische Erfahrungen hätte zugunsten der größeren Gruppe migrantischer Personen zurückgenommen werden können. Teilweise wurde auch die Absolutheit ihrer Forderungen kritisiert. Bei der verpflichtenden Ganztagsschule wurde angemerkt, dass sie für manche Kinder entlastend, für andere aber belastend sein könne.
Öffentliche Debatte und Auszeichnung
Nach Erscheinen des Buches wurde Melisa Erkurt häufig zu Generation haram sowie zu Migration und Schule interviewt. In der Video-Reihe „Mitreden“ der Tageszeitung Der Standard diskutierte sie mit dem damaligen Bildungsminister Heinz Faßmann über die Situation an Österreichs Schulen. Am 26. August 2020 war sie in der ZIB 2 zu Gast.
Am 27. Oktober 2020 nahmen Erkurt und Susanne Wiesinger an einem vom Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) organisierten Podiumsgespräch teil. Ihre Sichtweisen auf die Situation an Schulen unterscheiden sich besonders in der Beschreibung migrantischer Schülerinnen und Schüler. Erkurt warf Wiesinger vor, rassistische Vorurteile zu haben, die in Kulturkampf im Klassenzimmer sichtbar würden. Wiesinger wiederum bezeichnete Generation haram als zu eindimensional. Erkurt war außerdem Gesprächspartnerin in der 21. Folge der Ali Mahlodji Show, die am 19. August 2020 auf YouTube und als Podcast erschien.
2021 erhielt Generation haram den Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch 2020, und zwar den Sonderpreis „Arbeitswelten-Bildungswelten“.