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Gaius Terentius Varro

Gaius Terentius Varro († nach 200 v. Chr.) war römischer Konsul im Jahr 216 v. Chr. und befehligte zusammen mit seinem Amtskollegen Lucius Aemilius Paullus …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Quellenlage
  2. 2. Herkunft und Aufstieg
  3. 3. Konsulat und Kriegsvorbereitung
  4. 4. Cannae
  5. 5. Nach der Niederlage
  6. 6. Spätere Aufgaben und Beurteilung

Bedeutung und Quellenlage

Gaius Terentius Varro († nach 200 v. Chr.) war ein römischer Politiker und Feldherr. Er war 216 v. Chr. Konsul und führte im Zweiten Punischen Krieg zusammen mit seinem Amtskollegen Lucius Aemilius Paullus die römische Armee gegen Hannibal. Seine historische Bedeutung hängt vor allem mit der Schlacht von Cannae zusammen, in der Hannibal trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit die römische Armee vernichtete.

Über Varros Leben sind nur wenige sichere Fakten bekannt. Die spätere römische Geschichtsschreibung stellte ihn oft sehr negativ dar und gab ihm die Hauptverantwortung für die Niederlage bei Cannae. Diese Darstellung betont, Varro habe gegen eine vorsichtige Kriegspolitik des Senats auf eine Entscheidungsschlacht gedrängt. Daneben blieben aber auch positivere Überlieferungen erhalten: Nach Cannae habe er versucht, die Lage zu stabilisieren, sei in Rom mit Achtung empfangen worden und habe sogar das Amt eines Diktators angeboten bekommen, das er abgelehnt habe.

Für die Vorgeschichte und militärische Planung vor Cannae gilt nach Friedrich Münzer vor allem der Bericht des griechischen Historikers Polybios als glaubwürdig. Livius und spätere Autoren schildern Varro stärker parteiisch und feindselig. Auch in der modernen Forschung gilt die ältere, sehr negative Einschätzung Varros, etwa bei Theodor Mommsen, als überholt oder zumindest einseitig.

Herkunft und Aufstieg

Varro stammte aus der plebejischen gens Terentia. Nach den Fasti Capitolini war er Sohn eines Gaius Terentius und Enkel eines Marcus Terentius. Als Plebejer gehörte er nicht zur alten patrizischen Oberschicht. Spätere feindliche Berichte, besonders bei Livius, behaupteten, er sei aus sehr niedrigen Verhältnissen gekommen und Sohn eines Metzgers gewesen; auch Varro selbst habe dieses Gewerbe zunächst ausgeübt. Diese Darstellung ist deutlich polemisch und wird in der Forschung als einseitig bewertet.

Varro durchlief den Cursus honorum, also die politische Ämterlaufbahn der römischen Republik. Er bekleidete in nicht genau bestimmten Jahren die Quästur, danach die plebejische Ädilität um 221 v. Chr. und die kurulische Ädilität um 220 v. Chr. In einem seiner Ädiln-Ämter soll er Festspiele veranstaltet haben. Eine Familientradition erklärte später die Niederlage von Cannae mit göttlichem Zorn, weil bei einer Pompa circensis ein besonders schöner Knabe auf dem Wagen des Jupiter die Exuvien, also Attribute des Gottes, getragen habe und Juno eifersüchtig geworden sei. Diese Erzählung sollte wohl Varros persönliche Schuld an Cannae mindern.

Nicht sicher ist, ob Varro am ersten illyrischen Krieg 229/228 v. Chr. beteiligt war. Friedrich Münzer nahm außerdem an, dass er um diese Zeit Münzmeister gewesen sei. Sicherer belegt ist seine Prätur im Jahr 218 v. Chr. Im Jahr 217 v. Chr. unterstützte er als Einziger den Gesetzesantrag des Volkstribunen Marcus Metilius, durch den Marcus Minucius Rufus in der Befehlsgewalt dem Diktator Quintus Fabius Maximus Verrucosus gleichgestellt werden sollte.

Konsulat und Kriegsvorbereitung

Im Jahr 216 v. Chr. wurde Varro Konsul. Er war ein Homo novus, also ein Mann ohne konsularische Vorfahren, der erstmals in seiner Familie das höchste Amt erreichte. Sein Amtskollege war Lucius Aemilius Paullus, der zur Nobilität gehörte. Livius stellt die Wahl stark als Gegensatz zwischen Varro und der alten Führungsschicht dar; Polybios nennt die Wahl dagegen knapper und weniger parteiisch.

Nach Polybios beschlossen Senat und Konsuln gemeinsam, Hannibal mit einer großen Übermacht in offenem Gelände zu stellen. Der Plan war, Hannibals Fähigkeit zu Hinterhalten zu vermeiden und die römische zahlenmäßige Stärke auszunutzen. Die Armee sollte aus acht Legionen und einer ebenso großen Streitmacht der Bundesgenossen bestehen. Varro und Paullus hoben die noch fehlenden Soldaten aus. Die Rüstungen dauerten fast ein halbes Jahr.

Umstritten ist, wann der Streit zwischen den Konsuln über die Kriegsführung begann. Polybios berichtet, die Meinungsverschiedenheiten seien erst bei der Feindberührung unmittelbar vor der Entscheidungsschlacht offen hervorgetreten. Livius und spätere Autoren behaupten dagegen, Varro habe schon vor dem Aufbruch aus Rom auf eine schnelle Entscheidungsschlacht gedrängt, während Paullus vorsichtig gewesen sei. Friedrich Münzer hält mehrere von Livius überlieferte Reden und Gegenreden für ungeschichtlich.

Tatsächlich gab es in Rom 217 und 216 v. Chr. politische Spannungen zwischen patrizischen und plebejischen Gruppen sowie unterschiedliche Auffassungen über die richtige Kriegführung. Die spätere Überlieferung deutete die Katastrophe von Cannae stark im Rückblick: Varro hatte am Schlachttag den Oberbefehl und überlebte, Paullus fiel. Dadurch konnte Paullus leichter als vorsichtiger und ehrenvoller Feldherr erscheinen, während Varro als Hauptschuldiger galt.

Cannae

Nach Polybios trafen Varro und Paullus bei den römischen Truppen vermutlich nahe Arpi ein und marschierten bald gegen Hannibal. Dieser war von Gerunium nach Cannae gezogen, einem Ort am Fluss Aufidus, heute Ofanto, in Apulien. Ende Juli 216 v. Chr. nach dem vorjulianischen Kalender kam es zur Feindberührung.

Bei den römischen Konsuln wechselte der Oberbefehl täglich. Paullus hielt das Gelände für ungünstig, weil Hannibal in der Ebene seine überlegene Reiterei ausspielen konnte. Varro war nach Polybios anderer Meinung und rückte an einem Tag seines Oberbefehls näher an den Feind heran. Nach weiteren Bewegungen beider Heere fand am achten Tag, als Varro wieder den Oberbefehl hatte, die Entscheidungsschlacht statt.

Am 2. August 216 v. Chr. nach dem vorjulianischen Kalender stellte Varro die Truppen bei Sonnenaufgang auf der rechten Seite des Aufidus zur Schlacht auf. Er selbst kommandierte den linken Flügel. Dieser umfasste zwei Legionen und ebenso viele Fußtruppen der römischen Bundesgenossen; an seiner Spitze stand die Reiterei der Bundesgenossen den Numidern gegenüber.

Die eigentlichen Schlachtberichte erwähnen Varro kaum. Die unter seinem Befehl stehende bundesgenössische Kavallerie wurde zunächst von den Numidern beschäftigt. Als die von Hasdrubal geführte Reiterei des linken karthagischen Flügels den Numidern zu Hilfe kam, flohen die von Varro kommandierten Reiter. Livius berichtet zusätzlich von 500 Numidern, die sich angeblich als Überläufer ausgaben und die Römer dann von hinten angriffen; diese Darstellung gilt als unglaubwürdig. Die römische Armee wurde vollständig geschlagen, während Hannibal trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit siegte.

Nach der Niederlage

Nach der Niederlage von Cannae konnte Varro mit 70 Reitern nach Venusia fliehen. Weitere 300 bundesgenössische Reiter erreichten benachbarte Dörfer. Spätere feindliche Überlieferung stellte diese Flucht als besonders schmählich dar und hob dagegen den Tod des Paullus als Heldentod hervor. Es gab aber auch mildere Urteile: Florus meinte, es sei zweifelhaft, welcher der beiden Konsuln größere Tatkraft und größeren Mut gezeigt habe.

Varro erfüllte nach der Schlacht seine Aufgaben weiter. Als etwa 4500 geflüchtete Fuß- und Reitersoldaten nach Venusia kamen, sammelte er sie um sich. Die Bevölkerung nahm die Römer gastfreundlich auf. Danach führte Varro diese Soldaten nach Canusium und vereinigte sie mit etwa 10 000 weiteren Überlebenden. Er versuchte, ihnen Mut zu machen, und informierte den Senat in Rom durch ein amtliches Schreiben über die Lage.

Der Prätor Marcus Claudius Marcellus löste Varro in Canusium im Kommando ab, und Varro wurde nach Rom zurückgerufen. Bei seiner Ankunft sollen ihm laut Livius viele Menschen entgegengegangen sein und ihm gedankt haben, dass er den Staat nicht aufgegeben habe. Valerius Maximus berichtet sogar, Varro sei die Diktatur angeboten worden, die er aus Bescheidenheit abgelehnt habe. Sextus Iulius Frontinus schreibt, Varro habe Ehren zurückgewiesen und erklärt, der Staat brauche glücklichere Magistrate als ihn.

Nach seiner Rückkehr beteiligte sich Varro an neuen Rüstungen unter dem Diktator Marcus Iunius Pera. Später musste er noch einmal nach Rom zurückgerufen werden, um Marcus Fabius Buteo zum Diktator zu ernennen; dieser sollte die gelichteten Reihen des Senats ergänzen. Danach kehrte Varro rasch zu seinen Truppen zurück. Seine militärische Bedeutung blieb im weiteren Verlauf des Krieges jedoch untergeordnet.

Spätere Aufgaben und Beurteilung

Varros Befehlsgewalt über Truppen in Apulien wurde für 215 v. Chr. verlängert. Später gab er das Kommando über dieses Heer ab, das fortan bei Tarent stationiert war. Er selbst ging nach Picenum, wo er als Proconsul Wehrfähige rekrutieren und den Grenzschutz sichern sollte. Mit einer Legion soll er bis 212 v. Chr. dort geblieben sein; diese Promagistratur könnte jedoch eine Erfindung später annalistischer Geschichtsschreiber sein.

Von 208 bis 206 v. Chr. diente Varro als Privatmann mit proprätorischem Imperium in Etrurien, wo gefährliche Unruhen ausgebrochen waren. Zunächst sollte Marcus Claudius Marcellus die Revolte unterdrücken, doch nach dessen Tod übernahm Gaius Hostilius Tubulus die Aufgabe, dem Varro zur Seite gestellt wurde. Später überwachte Varro die Region allein.

203 v. Chr. sandte der Senat Varro zusammen mit Gaius Mamilius Atellus und Marcus Aurelius nach Makedonien zu König Philipp V. Sie sollten die griechischen Verbündeten Roms gegen Übergriffe Philipps schützen. Im Jahr 200 v. Chr. leitete Varro eine Gesandtschaft nach Nordafrika. Diese sollte sich bei Karthago über die unvollständige Umsetzung der Friedensbedingungen beschweren, Massinissa beglückwünschen und um Hilfe im Krieg gegen Philipp V. bitten sowie Vermina, dem Sohn des westnumidischen Königs Syphax, einen Friedensvertrag diktieren. Ebenfalls 200 v. Chr. wird Varro zuletzt erwähnt: Er leitete eine Kommission zur Verstärkung der Kolonie Venusia, die im Zweiten Punischen Krieg stark gelitten hatte.

Die Bewertung Varros blieb umstritten. Theodor Mommsen sah in ihm einen unfähigen Mann, der nur durch Opposition gegen den Senat und durch seine niedrige Herkunft beim Volk beliebt gewesen sei. Wilhelm Ihne widersprach dieser Einschätzung. In der neueren Forschung gilt Mommsens Urteil angesichts von Varros weiterer Karriere als überholt. Friedrich Münzer bezeichnete Livius’ Darstellung als von „Einseitigkeit und Gehässigkeit“ geprägt. Wahrscheinlich bewahrte Varros Familie, besonders der Gelehrte Marcus Terentius Varro, eine positivere Tradition, die sich später bei Florus und Frontinus niederschlug.

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