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Flucht nach Varennes
Als Flucht nach Varennes (französisch Fuite à Varennes) wird der Fluchtversuch des französischen Königs Ludwig XVI. und seiner Familie aus dem …
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Kern des Ereignisses
Als Flucht nach Varennes (französisch Fuite à Varennes) wird der Fluchtversuch des französischen Königs Ludwig XVI. und seiner Familie aus dem revolutionären Paris in der Nacht vom 20. auf den 21. Juni 1791 bezeichnet. Die Flucht sollte die königliche Familie in die lothringische Festung Montmédy bringen, endete jedoch vorzeitig in Varennes-en-Argonne. Der König wurde erkannt und unter dem Schutz der Nationalgarde nach Paris zurückgebracht.
Das Ereignis war für die Französische Revolution entscheidend: Das Vertrauen vieler Abgeordneter in Ludwig XVI. wurde nachhaltig erschüttert, republikanische Gruppen erhielten starken Auftrieb, und die Frage nach der Zukunft der Monarchie verschärfte sich. Zunächst sah die Nationalversammlung jedoch keine Alternative zur geplanten konstitutionellen Monarchie der Verfassung von 1791. Deshalb stellte sie die Flucht als „Entführung“ durch Feinde der Revolution dar und beließ Ludwig in seinem Amt. Kurzzeitig wurden seine Rechte und Pflichten suspendiert.
Vorgeschichte und Vorbereitung
Seit dem Sturm auf die Bastille hatte es Pläne gegeben, Ludwig XVI. aus Paris oder aus Frankreich fortzubringen. Nach dem erzwungenen Umzug von Versailles in die Tuilerien am 6. Oktober 1789 war der König dort de facto ein Gefangener. Mirabeau wollte ihn zunächst in die Normandie bringen; Frankreich zu verlassen hätte dagegen den Verdacht einer Verschwörung mit dem Ausland geweckt. Ein Entführungsplan Thomas de Mahy de Favras’ nach Metz oder Peronne wurde 1789 aufgedeckt; de Favras wurde als Hochverräter gehenkt.
Ludwig widersetzte sich lange einer Flucht, zu der ihn besonders Marie-Antoinette drängte. Sein Sinneswandel setzte ein, nachdem die Nationalgarde und Pariser Sansculotten am 18. April den Osterausflug der Familie nach Saint-Cloud verhindert hatten. Sie verdächtigten den König, nach Brüssel in die Österreichischen Niederlande fliehen zu wollen; tatsächlich wollte er dort die Kommunion von einem eidverweigernden Priester empfangen. Das Königspaar plante nun die Flucht nach Montmédy. Der dortige Kommandant François-Claude-Amour de Bouillé war Ludwig treu ergeben. Als Berater wirkten vor allem Louis Auguste Le Tonnelier de Breteuil und Marc Marie Marquis de Bombelles; Mirabeau war kurz zuvor gestorben.
Hans Axel von Fersen organisierte die Flucht. Zwischen Paris und Montmédy ließ er unter Vorwänden regelmäßig Kavallerieposten und Wechselpferde aufstellen. Eingeweiht waren außerdem de Bouillé und Außenminister Armand Marc de Montmorin Saint-Hérem; möglicherweise wusste auch General La Fayette als Kommandant der Nationalgarde mehr. Ludwig und Marie-Antoinette verkleideten sich als Kammerdiener und Kammerzofe. Die zwölfjährige Marie Thérèse und der vierjährige Louis Charles reisten mit, ebenso Madame Elisabeth als Kinderfrau. Die Gouvernante Madame de Tourzel trat unter dem Namen Baronin Korff als Herrin der Reisegesellschaft auf. Drei Leibwächter begleiteten sie. Hinter Châlons sollten Soldaten de Bouillés die Familie nach Montmédy führen.
Flucht und Festnahme in Varennes
Die Flucht war zunächst vom 12. auf den 15. Juni und anschließend auf den 20. Juni 1791 verschoben worden. Am Abend spazierten Königin und Kinder noch im Garten, um keinen Verdacht zu erregen. Gegen 22 Uhr weckte Marie-Antoinette die Kinder; alle wechselten ihre Kleidung, und der Dauphin musste Mädchenkleider tragen. In kleinen Gruppen verließen sie die Tuilerien durch den Personalausgang. Fersen wartete als Kutscher mit einer Droschke. Wegen einer Abendaudienz La Fayettes und des Bürgermeisters Jean-Sylvain Bailly kehrte die Königin vorübergehend in den Salon zurück. Die Abfahrt verzögerte sich schließlich um fast zwei Stunden.
Um halb ein Uhr nachts fuhr die Familie in einer Mietkutsche los, wechselte an der Rotonde de la Villette in eine Berline und erreichte gegen zwei Uhr Bondy. Dort warteten die übrigen Leibwächter; Fersen verabschiedete sich. Die Reise führte über Meaux und La Ferté-sous-Jouarre. Ungeplante Pausen, Erkennungen durch Bauern und Postillons sowie zwei Stürze der Gespanne zwischen Chaintrix und Châlons verzögerten die Fahrt. Die erwarteten vierzig Husaren des Régiment de Louzon waren am Treffpunkt Pont de Somme-Vesle bereits gegen 5 Uhr 30 abgezogen, weil sie die Flucht für gescheitert hielten. Auch die Soldaten de Bouillés hatten wegen Unruhen und der Angst der Bevölkerung vor einer Wiederherstellung der 1789 abgeschafften Feudalrechte Schwierigkeiten.
Gegen acht Uhr abends erreichte die Familie Sainte-Menehould. Dort erkannte der Postmeister Drouet Ludwig, als dieser den Kopf aus dem Wagenfenster streckte. Drouet ritt mit dem Bezirksangestellten Guillaume nach Varennes und schlug Alarm. Gegen 23 Uhr kam die Kutsche dort an. Bürgermeister Jean-Baptiste Sauce ließ die Reisenden zunächst überprüfen und verlangte Pässe. Im Haus des Passbeauftragten wurde Ludwig anhand eines Porträts und schließlich durch einen früheren Bewohner von Versailles identifiziert. Nun erklärte der König, er habe Paris verlassen, um seine Familie bei guten Franzosen in Sicherheit zu bringen.
Der junge Herzog von Choiseul-Stainville bot gegen ein Uhr morgens an, die Familie mit vierzig Husaren zu retten. Später kam Hauptmann Deslon mit sechzig Husaren aus Stenay, doch Ludwig lehnte Hilfe ab beziehungsweise erklärte, als Gefangener keine Befehle geben zu können. Gegen Morgen überbrachten Romeuf und Bayon als Beauftragte der Nationalversammlung das Festnahmedekret. Um 7 Uhr 30 stieg Ludwig mit seiner Familie wieder in die Kutsche; die Rückkehr nach Paris begann.
Proklamation und politische Folgen
Ludwig XVI. ließ bei seiner Abreise eine Proklamation an das französische Volk zurück. Er erklärte, er sei in den Tuilerien ein Gefangener gewesen, habe dies aber geduldet, solange er auf die Wiederherstellung von Ordnung und Wohlergehen hoffen konnte. Als Fluchtgründe nannte er die Zerstörung seines Königtums, die Verletzung seines Eigentums und die Bedrohung seiner persönlichen Sicherheit. Verantwortlich machte er die revolutionären Klubs und die radikale Pariser Publizistik. Die Nationalversammlung habe aus der Monarchie ein «vain simulacre», ein „leeres Trugbild“, gemacht; die konstitutionelle Monarchie sei ein «un gouvernement métaphysique et philosophique impossible dans son exécution», also ein „metaphysisches und philosophisches Regierungssystem, das in der Praxis nicht funktionieren kann“. Er rief seine «ses fidèles sujets», seine „treuen Untertanen“, auf, zu ihm zurückzukehren. Eine von ihm frei angenommene Verfassung solle Religion, Regierung, Eigentum, Gesetz und Freiheit auf eine feste Grundlage stellen.
Am 21. Juni um 7 Uhr morgens wurde die Flucht in den Tuilerien bemerkt. La Fayette, Bailly und der Präsident der Nationalversammlung Alexandre de Beauharnais hielten die Verfassung ohne König für gefährdet. Mit Justizminister Marguerite-Louis-François Duport-Dutertre wurde daher die Fiktion einer Entführung verbreitet. Barnave begründete dies mit dem Ziel, die Revolution zu beenden, die Zentralgewalt, die innere Ordnung und das Privateigentum zu sichern und angesichts der außenpolitischen Lage nationale Geschlossenheit zu bewahren. Robespierre widersprach, doch die Mehrheit stimmte zu. Bouillé übernahm in einem Brief aus dem Ausland die Verantwortung für die angebliche Entführung. Ludwig musste anschließend die Verfassung von 1791 beschwören, die seine Herrschaft auf ein suspensives Vetorecht gegen Gesetze der Nationalversammlung beschränkte.
In Paris wurde die Flucht vielfach als Verrat und als Vorbereitung einer ausländischen Intervention verstanden. Auf dem Land entstand eine neue Panik ähnlich der Grande Peur von 1789: Menschen bewaffneten sich, Schlösser wurden niedergebrannt und nicht emigrierte Adlige bedroht. Der Kurs der Assignaten fiel um über 30 Prozent, die Kapitalflucht nahm zu, und viele Offiziere gingen ins Ausland. Zur Grenzsicherung mussten verstärkt Freiwillige angeworben werden; dadurch verschärfte sich der Gegensatz zwischen königstreuer Linieninfanterie und Nationalarmee.
Republikanische Forderungen nach der Absetzung des Königs nahmen zu. Der Club des Cordeliers erklärte am Tag der Flucht: „Endlich sind wir frei und ohne König.“ Eine Petition zur Abschaffung der Monarchie führte am 17. Juli 1791 zum Massaker auf dem Marsfeld. Die reale Verschwörung der sorgfältig vorbereiteten Flucht trug nach Timothy Tackett außerdem zur Verbreitung von Verschwörungstheorien im revolutionären politischen Denken bei.
Rückkehr, Motive und Verfilmung
Am 22. Juni begann die Rückreise unter wachsender Begleitung und zunehmender Feindseligkeit. Menschen beschimpften König und Königin und griffen Leibgardisten an. In Sainte-Menehould wurde die Weiterfahrt erzwungen; kurz danach wurde Graf Dampierre vor den Augen des Königs niedergemacht. Die Familie übernachtete zunächst in Châlons, wo Ludwig ein weiteres Fluchtangebot ablehnte, weil er sich nicht von seiner Familie trennen wollte. In Chouilly wurde ihm ins Gesicht gespuckt, Marie-Antoinette und Madame Elisabeth wurden die Kleider zerrissen. Weitere Übernachtungen erfolgten in Dormans und im bischöflichen Palais von Meaux. Am 23. Juni übernahmen die Abgeordneten Latour-Maubourg, Antoine Barnave und Jérôme Pétion den Schutz der Rückkehr. Im Wald von Bondy wurde die Kutsche beinahe gestürmt. Am 25. Juni, nach vier Tagen, erreichte die Familie Paris. Die schweigende Menge und der langsame Zug wurden von Albert Soboul als „Leichenzug der Monarchie“ bezeichnet. Um 19 Uhr 45 traf die Familie in den Tuilerien ein.
Über Ludwigs Motive besteht keine Einigkeit. Albert Soboul nimmt an, der König habe mit de Bouillés Armee in den habsburgischen Machtbereich vorstoßen, die Nationalversammlung und die Klubs auflösen und seine absolute Herrschaft wiederherstellen wollen. John Hardman hält diesen Plan wegen der unsicheren Quellenlage für nicht ausreichend belegt. Ein Schreiben Breteuils zur Wiederherstellung des Ancien Régime und Ludwigs zustimmende Antwort gelten wahrscheinlich als Fälschung. Nach Hardman wollte Ludwig vor allem dem Druck von Paris entkommen und freier über eine Verfassung mit Initiativrecht, absolutem Veto und möglicherweise dem Recht zur Parlamentsauflösung verhandeln. Ambrogio Caiani bezweifelt ebenfalls einen geplanten Auslandsaufenthalt; die Nähe Montmédys zur niederländischen Grenze und die Drohung einer österreichischen Intervention hätten Ludwig erlauben sollen, eine neue Verfassung zu erzwingen. Volker Sellin deutet die Flucht als Versuch, eine plebiszitäre Herrschaft zu begründen: Ludwig bekannte sich in der Proklamation zum Verfassungsstaat, delegitimierte aber die Nationalversammlung und wollte ein unmittelbares Vertrauensverhältnis zwischen Volk und Monarch herstellen.
1982 wurde die Flucht in der französisch-italienischen Koproduktion La Nuit de Varennes/Il mondo nuovo unter der Regie Ettore Scolas verfilmt. Der deutsche Titel lautet Flucht nach Varennes.