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Fallhöhe (Drama)
Im Regeldrama der Französischen Klassik im 17. Jahrhundert war der Unterschied zwischen Tragödie und Komödie in erster Linie ein Unterschied zwischen …
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Bedeutung der Fallhöhe
Die Fallhöhe ist ein dramenpoetisches Prinzip, also eine Regel bzw. Überlegung zur Wirkung von Dramen. Sie besagt: Der Sturz eines Helden wirkt umso ergreifender, je höher dessen sozialer und moralischer Status zuvor war. Erstmals beschrieb der französische Kritiker Charles Batteux (1713–1780) dieses Prinzip 1764 in Principes de la littérature. Der deutsche Begriff „Fallhöhe“ stammt von Arthur Schopenhauer.
Verbindung zur Ständeklausel
Die Fallhöhe hängt eng mit der Ständeklausel zusammen. Diese ordnete Tragödie und Komödie unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen zu. Schon Aristoteles legte in seiner Poetik nahe, dass die Tragödie bessere Menschen und die Komödie schlechtere Menschen nachahmen solle, „als sie in Wirklichkeit vorkommen“ (Kap. 2: Die Nachahmung von Menschen).
Seit dem 16. Jahrhundert wurde dieses Prinzip auf die Ständegesellschaft bezogen. Im Regeldrama der Französischen Klassik des 17. Jahrhunderts unterschieden sich Tragödie und Komödie vor allem durch ihre Hauptfiguren: Tragödien behandelten adlige Figuren, Komödien nichtadlige. Nur adlige Hauptfiguren konnten dabei als ernst und tragisch gelten.
Batteux und das bürgerliche Trauerspiel
Batteux erklärte noch Mitte des 18. Jahrhunderts, Könige eigneten sich besonders als Hauptfiguren einer Tragödie. Ihr Grad der Erhebung über andere Menschen („degré d’élévation“) verleihe ihrem Sturz im Handlungsverlauf eine stärkere Wirkung („donne plus d’éclat à leur chute“). Die gesellschaftliche Höhe verglich er mit der tatsächlichen Höhe von Heldenstandbildern. Ereignisse in „mittelmäßigen Umständen“ erschienen ihm dagegen zu gewöhnlich, um das Publikum stark zu fesseln.
Dem stand das bürgerliche Trauerspiel gegenüber. Es wertete die Schicksale „einfacher Menschen“ auf und zeigte tragische Handlungen mit nichtaristokratischen Hauptfiguren. Beispiele sind George Lillos The London Merchant (1731), Lessings Miss Sara Sampson (1755) und Emilia Galotti (1772) sowie Schillers Kabale und Liebe (1784). Diese Entwicklung war umstritten; Friedrich der Große äußerte sich 1780 in De la littérature allemande abschätzig darüber.
Schopenhauers Auffassung und spätere Verwendung
Ständeklausel und Fallhöhe blieben vor allem so lange wichtig, wie der Adel in Europa die höchste Gesellschaftsschicht bildete, also bis zum Ersten Weltkrieg. Schopenhauer griff den Gedanken 1819 in Die Welt als Wille und Vorstellung auf. Er sprach Fallhöhe nicht nur den „Großen“, sondern auch den „Reichen“ zu.
Nach Schopenhauer sind Schwierigkeiten einer Bürgerfamilie für große oder reiche Zuschauer oft geringfügig und durch Hilfe von außen zu lösen. Unglücksfälle der Großen und Mächtigen seien dagegen unbedingt furchtbar und nicht von außen zu beheben: Könige müssten sich durch ihre eigene Macht helfen oder untergehen. Deshalb sei „von der Höhe der Fall am tiefsten“; bürgerlichen Personen fehle demnach Fallhöhe.
Im Drama des 20. Jahrhunderts wird auf das Prinzip eher ironisch angespielt, unter anderem im Gefolge von Alfred Jarrys groteskem Helden König Ubu (1896). Zugleich wurde die Fallhöhe des „gefallenen Mädchens“ zunehmend aufgewertet, etwa in Tragödien von Ödön von Horváth. Als Begriff der Dramentheorie wird Fallhöhe gelegentlich weiterhin auf moderne Dramen angewandt.