Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Fallhöhe (Drama)

Im Regeldrama der Französischen Klassik im 17. Jahrhundert war der Unterschied zwischen Tragödie und Komödie in erster Linie ein Unterschied zwischen …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung der Fallhöhe
  2. 2. Verbindung zur Ständeklausel
  3. 3. Batteux und das bürgerliche Trauerspiel
  4. 4. Schopenhauers Auffassung und spätere Verwendung

Bedeutung der Fallhöhe

Die Fallhöhe ist ein dramenpoetisches Prinzip, also eine Regel bzw. Überlegung zur Wirkung von Dramen. Sie besagt: Der Sturz eines Helden wirkt umso ergreifender, je höher dessen sozialer und moralischer Status zuvor war. Erstmals beschrieb der französische Kritiker Charles Batteux (1713–1780) dieses Prinzip 1764 in Principes de la littérature. Der deutsche Begriff „Fallhöhe“ stammt von Arthur Schopenhauer.

Verbindung zur Ständeklausel

Die Fallhöhe hängt eng mit der Ständeklausel zusammen. Diese ordnete Tragödie und Komödie unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen zu. Schon Aristoteles legte in seiner Poetik nahe, dass die Tragödie bessere Menschen und die Komödie schlechtere Menschen nachahmen solle, „als sie in Wirklichkeit vorkommen“ (Kap. 2: Die Nachahmung von Menschen).

Seit dem 16. Jahrhundert wurde dieses Prinzip auf die Ständegesellschaft bezogen. Im Regeldrama der Französischen Klassik des 17. Jahrhunderts unterschieden sich Tragödie und Komödie vor allem durch ihre Hauptfiguren: Tragödien behandelten adlige Figuren, Komödien nichtadlige. Nur adlige Hauptfiguren konnten dabei als ernst und tragisch gelten.

Batteux und das bürgerliche Trauerspiel

Batteux erklärte noch Mitte des 18. Jahrhunderts, Könige eigneten sich besonders als Hauptfiguren einer Tragödie. Ihr Grad der Erhebung über andere Menschen („degré d’élévation“) verleihe ihrem Sturz im Handlungsverlauf eine stärkere Wirkung („donne plus d’éclat à leur chute“). Die gesellschaftliche Höhe verglich er mit der tatsächlichen Höhe von Heldenstandbildern. Ereignisse in „mittelmäßigen Umständen“ erschienen ihm dagegen zu gewöhnlich, um das Publikum stark zu fesseln.

Dem stand das bürgerliche Trauerspiel gegenüber. Es wertete die Schicksale „einfacher Menschen“ auf und zeigte tragische Handlungen mit nichtaristokratischen Hauptfiguren. Beispiele sind George Lillos The London Merchant (1731), Lessings Miss Sara Sampson (1755) und Emilia Galotti (1772) sowie Schillers Kabale und Liebe (1784). Diese Entwicklung war umstritten; Friedrich der Große äußerte sich 1780 in De la littérature allemande abschätzig darüber.

Schopenhauers Auffassung und spätere Verwendung

Ständeklausel und Fallhöhe blieben vor allem so lange wichtig, wie der Adel in Europa die höchste Gesellschaftsschicht bildete, also bis zum Ersten Weltkrieg. Schopenhauer griff den Gedanken 1819 in Die Welt als Wille und Vorstellung auf. Er sprach Fallhöhe nicht nur den „Großen“, sondern auch den „Reichen“ zu.

Nach Schopenhauer sind Schwierigkeiten einer Bürgerfamilie für große oder reiche Zuschauer oft geringfügig und durch Hilfe von außen zu lösen. Unglücksfälle der Großen und Mächtigen seien dagegen unbedingt furchtbar und nicht von außen zu beheben: Könige müssten sich durch ihre eigene Macht helfen oder untergehen. Deshalb sei „von der Höhe der Fall am tiefsten“; bürgerlichen Personen fehle demnach Fallhöhe.

Im Drama des 20. Jahrhunderts wird auf das Prinzip eher ironisch angespielt, unter anderem im Gefolge von Alfred Jarrys groteskem Helden König Ubu (1896). Zugleich wurde die Fallhöhe des „gefallenen Mädchens“ zunehmend aufgewertet, etwa in Tragödien von Ödön von Horváth. Als Begriff der Dramentheorie wird Fallhöhe gelegentlich weiterhin auf moderne Dramen angewandt.

Weiterlesen

Aristoteles Das Organon · Bedeutungstheorie · Prädikate und Eigenschaften · Deduktion und Induktion: Argumenttypen und Erkenntnismittel · Dialektik: Theorie der Argumentation. Drama Ein Drama ist in der Regel ein literarisches Werk, das dafür konzipiert ist, im Theater aufgeführt zu werden. Ein Dramatext realisiert sich nur durch die … Ständegesellschaft Ständegesellschaft bezeichnet in den Humanwissenschaften eine hierarchisch geordnete Gesellschaft mit voneinander abgegrenzten sozialen Gruppierungen – den … Regeldrama Das Regeldrama, auch bekannt unter dem Ausdruck Doctrine classique (klassische Lehrmeinung), ist eine Theater-Norm für den Aufbau von Dramen, die zur Zeit … Französische Klassik Die französische Klassik oder Hochklassik (franz. classicisme) ist eine Epoche in der europäischen Kultur. Sie ist etwa im Zeitraum von 1660 bis 1715 … Bürgerliches Trauerspiel Das bürgerliche Trauerspiel ist ein Theatergenre, das im 18. Jahrhundert in London und Paris aufkam. Denis Diderot bezeichnete es als genre sérieux. Miss Sara Sampson Miss Sara Sampson von Gotthold Ephraim Lessing ist das erste bürgerliche Trauerspiel der neueren deutschen Literatur. Es erschien und wurde uraufgeführt im … Emilia Galotti Emilia Galotti ist ein bürgerliches Trauerspiel in fünf Aufzügen von Gotthold Ephraim Lessing. Es wurde am 13. März 1772 im Herzoglichen Opernhaus in … Kabale und Liebe Kabale und Liebe ist ein Drama in fünf Akten von Friedrich Schiller. Es wurde am 13. April 1784 in Frankfurt am Main uraufgeführt, gilt als typisches … Erster Weltkrieg Der Erste Weltkrieg war ein bewaffneter Konflikt, der von 1914 bis 1918 in Europa, Vorderasien, Afrika, Ostasien und auf den Ozeanen geführt wurde. Die Welt als Wille und Vorstellung Die Welt als Wille und Vorstellung heißt das zweibändige Hauptwerk des deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer (1788–1860), an dessen Vollendung der Autor … Dramentheorie Am Pariser Hof entsteht das Bedürfnis, aus den klassischen Schriften abgeleitete Regeln und ihre Verletzungen auf der Theaterbühne zu diskutieren. „Klassik“.