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Erlebte Rede

Die erlebte Rede ist nicht zu verwechseln mit dem inneren Monolog, der in der ersten Person Singular und im Präsens steht, und dem Bewusstseinsstrom.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Definition und Funktion
  2. 2. Kennzeichen und Erzählperspektive
  3. 3. Abgrenzung zu verwandten Formen
  4. 4. Grundvergleich der Redeformen
  5. 5. Literarische Beispiele

Definition und Funktion

Die erlebte Rede, auch „freie indirekte Rede“, ist ein episches Stilmittel zur Wiedergabe der Gedanken oder Bewusstseinsinhalte einer Figur. Sie steht zwischen direkter und indirekter Rede sowie zwischen Selbstgespräch und Erzählerbericht.

Die Gedanken erscheinen im Indikativ der dritten Person und meistens im sogenannten Epischen Präteritum. Dieses Präteritum bezeichnet hier nicht einfach ein vergangenes Geschehen, sondern übernimmt eine atemporale, also nicht eindeutig zeitlich festgelegte Funktion. Obwohl in der dritten Person erzählt wird, erleben Leserinnen und Leser die Wahrnehmungen und Überlegungen der Figur unmittelbar mit.

Kennzeichen und Erzählperspektive

Grammatisch unterscheidet sich die erlebte Rede von der indirekten Rede: Die indirekte Rede wird im Konjunktiv formuliert, die erlebte Rede dagegen im Indikativ. Außerdem fehlen häufig einleitende Formulierungen wie „sie dachte“ oder „sie fragte sich“.

In längeren Passagen kann oft nicht eindeutig entschieden werden, ob gerade der Erzähler oder die Figur spricht. Die Figurenrede ist nahtlos in den Erzählerbericht eingebunden. Erkennbar wird sie vor allem an der Ausdrucksweise der Figur, etwa an Fragen, Vermutungen, Bewertungen oder Gefühlsäußerungen wie „Gewiss hatte sie die Tür verschlossen …“ und „Aber ach! Es war zu spät …“.

Dabei versetzt sich nicht einfach ein allwissender Erzähler in die Figur. Vielmehr verschmelzen Erzählerstimme und Figurenstimme. Die Darstellung bleibt meistens beim „Jetzt“ der Figur. Analepsen, also Rückblicke, und Prolepsen, also Vorausblicke, können als Gedankengänge der Figur auftreten und beziehen sich auf das aktuelle Geschehen.

Die erlebte Rede verbindet zwei Wirkungen: Sie vermittelt Unmittelbarkeit und große Nähe zum Bewusstsein der Figur. Gleichzeitig lässt die dritte Person Singular die Darstellung wie einen „objektiv-unpersönlich erscheinenden Bericht“ wirken.

Abgrenzung zu verwandten Formen

Die erlebte Rede darf nicht mit dem inneren Monolog verwechselt werden. Ein innerer Monolog steht in der ersten Person Singular und im Präsens, während die erlebte Rede die dritte Person und meist das Epische Präteritum verwendet.

Auch vom Bewusstseinsstrom ist sie grundsätzlich zu unterscheiden. Der Bewusstseinsstrom versucht, fortlaufende Wahrnehmungen, Gedanken und innere Vorgänge wiederzugeben. Die Grenzen zwischen diesen Formen können jedoch verschwimmen. Dies zeigt die Definition der erlebten Rede als „Wiedergabe des unformulierten Bewußtseinsstromes in der dritten Person“.

Grundvergleich der Redeformen

Dasselbe Nachdenken einer Figur kann in drei Formen erscheinen:

  • Direkte Rede: „Sie fragte sich: ‚Muss ich wirklich gehen?‘“ Die Frage wird unmittelbar in den Worten der Figur wiedergegeben.
  • Indirekte Rede: „Sie fragte sich, ob sie wirklich gehen müsse.“ Die Wiedergabe wird durch einen Begleitsatz eingeleitet und steht im Konjunktiv.
  • Erlebte Rede: „Musste sie wirklich gehen?“ Die Frage erscheint ohne Begleitsatz, aber in der dritten Person und im Präteritum.

Der Vergleich zeigt, wie die erlebte Rede den Gedanken direkt in den Erzählerbericht einfügt, ohne ihn durch Anführungszeichen oder einen ausdrücklich genannten Denkakt abzugrenzen.

Literarische Beispiele

In Gustave Flauberts „Madame Bovary“ werden Emmas Gedanken über ihren Ehemann Charles wiedergegeben: „Warum war ihr Gatte nicht wenigstens einer dieser stillen, aber ehrgeizigen Männer der Wissenschaft […]? […] Aber Charles hatte keinen Ehrgeiz!“ Fragen, Wünsche und Bewertungen gehören zu Emmas Perspektive, stehen jedoch in der dritten Person und sind in den Bericht eingebettet.

In Thomas Manns „Buddenbrooks“ heißt es über den Konsul: „Er hatte keine Zeit. Er war bei Gott überhäuft. Sie sollte sich gedulden.“ Besonders die Wendung „bei Gott“ und die Forderung, sie solle sich gedulden, lassen die Stimme und Haltung der Figur hervortreten.

Auch Kurt Schwitters verwendet das Stilmittel in „Auguste Bolte“: „Wie sollte es nun Auguste erfahren? […] Man nahm eben Auguste einfach nicht für voll. […] Es mußte etwas getan werden […]“. Die Fragen und Feststellungen erscheinen als Gedanken der Figur, obwohl sie nicht in der ersten Person formuliert sind.

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