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Eric Weil

Eric Weil (* 8. Juni 1904 in Parchim als Erich Weil; † 1. Februar 1977 in Nizza) war ein französischer Philosoph deutsch-jüdischer Herkunft, …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Grundgedanke
  2. 2. Vom Schweigen zum philosophischen Diskurs
  3. 3. Vom Ich zur Reflexion
  4. 4. Absoluter Diskurs, Revolte und Handlung
  5. 5. Sinn und Weisheit
  6. 6. Biografischer Kontext

Gegenstand und Grundgedanke

Eric Weil (1904–1977) war ein französischer Philosoph deutsch-jüdischer Herkunft. Sein systematisches Hauptwerk Logique de la philosophie erschien 1950. Darin untersucht er die Dialektik von Freiheit und Wahrheit in einem offenen philosophischen System. Philosophie ist für Weil die Suche nach einem „absolut kohärenten Diskurs“, also nach einem widerspruchsfreien Denken, das die Wirklichkeit als Ganzes begrifflich erfasst und dabei auch den eigenen freien Denkakt mitreflektiert.

Weil verbindet dabei Hegelianismus und Kantianismus. Er versteht den Menschen als „endliches Vernunftwesen“: Der Mensch ist vernünftig und auf das Unendliche bezogen, bleibt aber endlich. Deshalb kann er keinen Inhalt erreichen, der ein absolutes Wissen im Sinne Hegels wäre. Die am Ende erreichte „Weisheit“ ist vielmehr ein formales Wissen, das die Fülle der Wirklichkeit nicht vollständig diskursiv erfasst.

Die Logique de la philosophie ist ein Meta-Diskurs über philosophische und nichtphilosophische Diskurse. Diese werden in insgesamt 18 Kategorien beschrieben. Eine Kategorie bezeichnet eine grundlegende Form des Denkens oder Sprechens; eine Einstellung ist die praktische Haltung, die dieser Kategorie entspricht. Die Entwicklung beginnt mit der Kategorie „Wahrheit“ als reinem Inhalt und endet mit den formalen Kategorien „Sinn“ und „Weisheit“. Anfang und Ende können nicht durch einen bestimmten theoretischen Diskurs ausgedrückt werden, sondern nur durch eine Haltung. Die eigentliche theoretische Arbeit der Philosophie liegt zwischen diesen Polen.

Vom Schweigen zum philosophischen Diskurs

Der Ausgangspunkt ist die zunächst willkürlich gesetzte Definition: „Philosophie ist die Suche nach Wahrheit.“

  • Wahrheit: Wahrheit ist das sprachlich nicht fixierbare Ganze, denn alles ist in der Wahrheit. Sie ist kein bestimmter Inhalt und keine Übereinstimmung zwischen Aussage und Wirklichkeit, sondern der unaussprechliche Grund jedes möglichen Diskurses. Ihr entspricht nur eine schweigende Einstellung.
  • Unsinn: Der Mensch der Wahrheit beginnt zu sprechen. Dabei zeigt sich, dass jedes Sprechen Unsinn ist, weil es die Wahrheit nicht vollständig ausdrücken kann. Die Einstellung führt daher wieder zum Schweigen zurück. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen der Lehre einer Kategorie und ihrer Erläuterung durch den Logiker: Das Ungesagte der jeweiligen Einstellung wird erst in der Erläuterung sichtbar.
  • Das Wahre und das Falsche: Der Mensch erkennt an, dass er gesprochen hat und sprechen kann. Damit beginnt der philosophische Diskurs. Wahr ist, dass die Wahrheit sprachlich nicht festgelegt werden kann; falsch ist, sie mit einem bestimmten Inhalt gleichzusetzen. Die Wahrheit zeigt sich eher in der poetischen Form des Sprechens. Parmenides und Heraklit dienen als historische Illustrationen.
  • Gewissheit: Die formale Wahrheit des poetischen Wortes wird als inhaltlich bestimmter und unmittelbar gewisser Diskurs verstanden. Dieser Diskurs bildet eine gemeinsame Lebenswelt und stiftet Gemeinschaft. Wer nicht zur jeweiligen Gewissheitsgemeinschaft gehört, gilt als „Barbar“.
  • Die Diskussion: Die Erfahrung verschiedener Gemeinschaften mit verschiedenen Gewissheiten führt zur formalen Idee einer möglichen Gewissheit, die durch vernünftige Diskussion und gemeinsame Einigung erreicht werden soll. Philosophie erscheint nun als formal kohärenter, widerspruchsfreier Diskurs, also als Logik. Sokrates veranschaulicht diese Haltung.
  • Das Objekt: Weil Diskussionen prinzipiell unabgeschlossen bleiben, genügt formale Widerspruchsfreiheit nicht mehr. Der Diskurs soll mit der Wirklichkeit beziehungsweise mit dem Sein als absolutem Objekt übereinstimmen. Damit entsteht die Ontologie; Platon ist ihre historische Illustration.

Vom Ich zur Reflexion

  • Das Ich: Das ontologisch entdeckte Sein beziehungsweise die seiende Vernunft lässt den Menschen als Individuum unbefriedigt. Er fragt, worin für „mich selbst“ vernünftiges Glück liegen kann. Die Antwort ist die Befreiung des wesentlichen Selbst als Vernunft. Stoische und epikureische Philosophie dienen als Beispiele.
  • Gott: Der Mensch entdeckt ein absolutes, personales Ich: den Schöpfer- und Erlösergott der abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam. Gott bejaht den Menschen nicht nur als Vernunftteil, sondern als leib-seelisch ganzes, fühlendes Individuum. Gott hält den existierenden Menschen (existentia) im Sein und ist daher dessen Wesen (essentia). Hier beginnt die moderne freie Reflexion, weil der Mensch sich erstmals in einem Anderen reflektiert. Diese Reflexion ist zunächst nur „an sich“, nicht „für sich“, da der Gläubige noch nicht versteht, dass Gott das Wesen seiner selbst ist.
  • Bedingung: Die Erfüllung in Gott ist nicht von dieser Welt. Wer einen weltlichen Inhalt der Freiheit sucht, versteht die Welt als unendlichen funktionalen Bedingungszusammenhang. Wissenschaft und Technik machen diesen Zusammenhang für das menschliche Leben nutzbar. Die Vorherrschaft des wissenschaftlich-technischen Diskurses und die gesellschaftliche Rationalisierung kennzeichnen nach Weil „unsere Situation“.
  • Bewusstsein: Den naturwissenschaftlich beschriebenen Bedingtheiten wird die unbedingte Bedingung entgegengesetzt: das transzendentale Ich in seiner transzendentalen Freiheit. Als setzendes Bewusstsein ermöglicht es jeden Diskurs. Historisch ist vor allem an Fichtes Transzendentalphilosophie, teilweise auch an Kant, zu denken.
  • Intelligenz: Der Kampf des transzendentalen Ich gegen das empirische Ich wird als abgeschlossen betrachtet. Empirische Welten erscheinen nun als Setzungen transzendentaler Subjekte mit bestimmten Interessen. Die Geisteswissenschaft wird als Weltanschauungslehre aus der Perspektive einer uninteressierten „freien Intelligenz“ begründet.
  • Persönlichkeit: Die Persönlichkeit weist die leere, interesselose Beobachterposition zurück. Sie will ein freies und authentisches Selbst sein, das sich im eigenen Leben durchsichtig wird. Als absolute weltliche Freiheit entdeckt sie jedoch, dass kein ihr angemessener authentischer Diskurs ihre konflikthafte Identität ausdrücken kann. Nietzsche dient als historische Illustration.

Absoluter Diskurs, Revolte und Handlung

  • Das Absolute: Der Konflikt der Persönlichkeit wird als Ausdruck des Konflikts der Welt verstanden. Dieser soll durch den „absolut kohärenten Diskurs“ begrifflich erfasst werden. Das Absolute ist Denken, das sich selbst denkt: In der absoluten Reflexion zeigen sich die Identität von Denken, Sein, Freiheit und Vernunft. Hegel ist die historische Illustration.
  • Das Werk: Im absoluten Diskurs sind alle Partikularitäten im konkreten Universalen „aufgehoben“. Dennoch beginnt hier die philosophische Frage erneut. Das Individuum kann gegen den absoluten Diskurs revoltieren, wenn es die Opferung seiner selbst für diesen Diskurs als sinnlos ablehnt. Diese absolute Ablehnung erscheint als stumme, antiphilosophische Einstellung des bloßen Machens um des Machens willen: als Gewalt, für die sich das Individuum frei entscheiden kann. Dadurch wird sichtbar, dass die Kluft zwischen Freiheit und Diskurs nicht endgültig geschlossen ist.
  • Das Endliche: Wer diese Revolte als Philosoph weiterdenkt, erkennt die wesenhafte Endlichkeit des Menschen. Ein vollständig kohärenter Diskurs ist wegen der exzessiven Freiheit und der sinnlos-poietischen Gewalt des „Werkes“ unmöglich und zum Scheitern verurteilt. Der Mensch ist kein vollständig bestimmbares Seiendes, sondern ein unabschließbares, nicht objektivierbares „Sein-Können“. Die Philosophie muss diese Paradoxien in einem ausdrücklich „inkohärenten Diskurs“ ausdrücken und dadurch für die „Fundamentalpoesie“, die ursprünglich-schöpferische Gewalt der Sprache, empfänglich machen. Heidegger veranschaulicht diese Kategorie.
  • Die Handlung: Eine Versöhnung von absolutem Diskurs und Revolte wird möglich, wenn die praktische Dimension des Diskurses ernst genommen wird. Philosophie entwickelt sich in einer Dialektik von Diskurs und Situation, Kategorie und Einstellung sowie von Lehre und Erläuterung. Sie soll als kohärente Lebenswelt im politischen Handeln verwirklicht werden. Marx illustriert diese praktische Dimension; dazu passt seine 11. Feuerbach-These: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt drauf an, sie zu verändern.“ Die Handlung ist die letzte konkrete Kategorie-Einstellung und kann nicht durch eine weitere konkrete Position mit eigenem Diskurs überstiegen werden. Weil arbeitet ihre nicht-marxistische politische Ausarbeitung in seiner Philosophie politique aus.

Sinn und Weisheit

Nach der Handlung folgen noch zwei formale Kategorien ohne eigenen Diskurs. Sie vertreten keine neue philosophische Position, sondern begründen das abgeschlossene Projekt der Logik der Philosophie.

  • Sinn: Der Mensch der Handlung fragt nach dem Ziel seines Handelns. Dieses Ziel ist Sinn: ein erfülltes und zufriedenes Leben in einer Gegenwart, in der weder philosophischer Diskurs noch Handeln notwendig wären. Dieser Sinn ist nicht diskursiv fassbar. Die Logik der Philosophie denkt jedoch den konkreten, je besonderen Sinn aller Kategorien-Einstellungen in formaler Einheit. Sie ist damit eine formale Wissenschaft des konkreten Sinns.
  • Weisheit: Der Handelnde verwirklicht den Sinn, der Philosoph denkt ihn. Der Weise begreift dagegen die Bedingung konkreter Sinnsuche und formaler Einheit: die Wirklichkeit des Sinns als strukturierte Ordnung der Welt, den Kosmos. Er sieht und lebt den tatsächlichen Sinn des Ganzen und erfährt in seiner jeweiligen Diskurs-Situation die Einheit von Leben und Reflexion. Die Weisheit führt zum Anfang in der Wahrheit zurück, weil sie die Öffnung der endlichen menschlichen Freiheit auf das Ganze der Wahrheit bezeichnet.

Weils Logik erklärt somit, was es bedeutet, ein endliches, aber vernünftiges und dadurch mit dem Unendlichen verbundenes Wesen zu sein.

Biografischer Kontext

Erich Weil schrieb 1931 seine philosophische Dissertation als Assistent bei Ernst Cassirer. 1933 emigrierte er nach Frankreich und wurde 1938 französischer Staatsbürger. Während des Zweiten Weltkriegs geriet er im Dienst des französischen Militärs in deutsche Kriegsgefangenschaft. Nach dem Krieg war er Mitbegründer der Zeitschrift Critique.

Ab 1956 lehrte Weil als Professor für Allgemeine Philosophie in Lille, ab 1969 als Professor in Nizza. 1970 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. Er starb am 1. Februar 1977 in Nizza.

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