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Enigma-Variationen
Die Enigma-Variationen sind ein Orchesterwerk (op. 36) des britischen Komponisten Edward Elgar. Die 14 Variationen beschreiben Menschen aus Elgars Umfeld.
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Kernidee und Bedeutung
Die Enigma-Variationen sind ein Orchesterwerk des britischen Komponisten Edward Elgar mit der Werknummer op. 36. Das Stück besteht aus 14 Variationen, also musikalischen Abwandlungen eines Themas. Jede Variation beschreibt eine Person aus Elgars Umfeld; die Bezeichnungen der Variationen enthalten meist die Initialen dieser Personen.
Das Werk entstand 1898, als Elgar am Klavier zufällig eine Melodie spielte, die seiner Frau Alice gefiel. Anfang 1899 schickte er die Partitur, zunächst unter dem Titel Variations on an Original Theme, an den Dirigenten Hans Richter. Dieser führte das Werk am 19. Juni in der St. James Hall in London auf. Den späteren Namen Enigma erhielt das Stück erst danach. Enigma bedeutet „Rätsel“. Die Enigma-Variationen machten Elgar international bekannt.
Orchesterbesetzung
Die Besetzung ist groß und typisch für ein spätromantisches Orchesterwerk. Sie umfasst Holzbläser, Blechbläser, Schlagwerk, Orgel und Streicher.
Genannt werden 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte, Kontrafagott, 4 Hörner, 3 Trompeten, 3 Posaunen, Tuba, Pauke, Kleine Trommel, Triangel, Große Trommeln, Becken, Orgel, Violine, Bratsche, Violoncello und Kontrabass. Durch diese Besetzung kann Elgar sehr unterschiedliche Klangfarben nutzen: zarte Streicher- oder Holzbläserklänge ebenso wie kräftige Blechbläser- und Schlagwerkpassagen.
Die 14 Variationen als Porträts
Die einzelnen Variationen sind musikalische Charakterbilder. Sie beziehen sich auf bestimmte Menschen, die Elgar kannte, oder auf Erlebnisse mit ihnen.
Die 1. Variation, CAE, L’istesso tempo, bezieht sich auf Elgars Frau Caroline Alice Elgar. Sie beschreibt die Melodie, die Elgar abends beim Nachhausekommen pfiff. Die 2. Variation, HDS-P, Allegro, erinnert mit Tonleiterkaskaden an den Klavierstil von Elgars Freund Hew David Stewart-Powell. Die 3. Variation, RBT, Allegretto, ist Richard Baxter Townshend gewidmet, einem exzentrischen Schauspieler, der gerne Dreirad fuhr.
Die 4. Variation, WMB, Allegro di molto, stellt William Meath Baker dar, einen engen Freund und Patron Elgars. Sie schildert, wie er in den Raum stürzt, lautstark Anordnungen verkündet und danach wieder hinausgeht. In der 5. Variation, RPA, Moderato, sinniert Richard Penrose Arnold, der Sohn des Dichters Matthew Arnold. Die 6. Variation, Ysobel, Andantino, imitiert das schwerfällige Bratschenspiel von Isabell Fitton. Die 7. Variation, Troyte, Presto, erinnert an das Klavierspiel von Arthur Troyte Griffith.
Die 8. Variation, WN, Allegretto, beschreibt Winifred Norbury, die Sekretärin der Worcestershire Philharmonic Society. Die 9. Variation, Nimrod, Adagio, ist August Jaeger gewidmet, einem der engsten Freunde Elgars und Förderer seiner Musik. Die 10. Variation, Dorabella, Allegretto, erinnert an Dora Penny, eine weitere enge Freundin Elgars.
Die 11. Variation, GRS, Allegro di molto, beschreibt den Organisten Dr. George Robertson Sinclair und seine Bulldogge Dan, die bei einem Spaziergang in den Fluss stürzte und sich ans Ufer retten konnte. In der 12. Variation, BGN, Andante, schildert Elgar seine Freundschaft zu Basil Nevinson, einem „ernsten und ergebenen Freund“ und Cellisten. Die 13. Variation, Romanza, Moderato, bezieht sich laut Elgar auf den Namen einer Dame, „die sich zur Zeit der Komposition auf einer Seereise befand“, und enthält ein Zitat aus Felix Mendelssohn Bartholdys Meeresstille und glückliche Fahrt. Die 14. Variation, EDU, Allegro-Presto, beschreibt schließlich Elgar selbst.
Nimrod und das persönliche Erlebnis
Besonders wichtig ist die 9. Variation Nimrod. Der Name geht auf eine Bibelstelle zurück, in der Nimrod als „gewaltiger Jäger vor dem Herrn“ bezeichnet wird (Gen 10,9 LUT). Das passt zu August Jaeger, denn Jaeger bedeutet auf Deutsch „Jäger“.
Nimrod ist streng genommen nicht einfach ein Porträt Jaegers, sondern erzählt von einem Erlebnis zwischen Elgar und Jaeger. Im Oktober 1898 war Elgar, nach eigenen Worten „im Herzen von Musik sehr krank“, kurz davor, alles aufzugeben und keine Musik mehr zu schreiben. Jaeger versuchte ihn aufzumuntern. Er sprach über Ludwig van Beethoven, der viele Sorgen gehabt habe, aber trotzdem immer schönere Musik schrieb. Jaeger sagte: „Und genau das müssen Sie tun“, und sang dann das Thema des zweiten Satzes der Sonate Pathétique.
Elgar erklärte Dora Penny später, dass die ersten Takte von Nimrod so gestaltet seien, dass sie dieses Thema nahelegen. Er sagte dazu: „Kannst du es am Anfang nicht hören? Nur ein Hinweis, kein Zitat“. Damit ist gemeint, dass Elgar Beethovens Thema nicht direkt übernimmt, sondern nur andeutet.
Das eigentliche Rätsel
Das Enigma, also das „Rätsel“ im Titel, bezieht sich nicht darauf, welche Variation welcher Person gewidmet ist. Diese Zuordnung ist im Artikel weitgehend erklärt. Das Rätsel betrifft laut Elgar ein anderes und größeres Thema, das sich durch die ganze Komposition ziehe, aber nicht gespielt werde. Das eigentliche Thema der Variationen sei als Gegenmelodie dazu komponiert. Eine Gegenmelodie ist eine zweite Melodie, die zu einer Hauptmelodie passt und gleichzeitig mit ihr gedacht oder gespielt werden kann.
Zu diesem Rätsel wurden verschiedene Theorien aufgestellt. Als plausibelste Theorie gilt laut Artikel heute die des niederländischen Lexikographen Hans Westgeest. Er fand 2007 einen Zusammenhang zwischen dem Rätsel und dem, was Elgar später Dora Penny über die Nimrod-Variation erzählte.
Nach Westgeest besteht das eigentliche Thema der Enigma-Variationen, das im Werk in verschiedenen Formen hörbar ist, nur aus neun Tönen. Diese kurze Melodie beruht auf dem Rhythmus von Edward Elgars eigenem Namen: „kurz-kurz-lang-lang“, außerdem auf dessen Umkehrung „lang-lang-kurz-kurz“ und einer abschließenden Note. Man könnte sie daher das „Elgarthema“ nennen.
Das wichtigere, aber nicht gespielte Thema, zu dem das Elgarthema als Gegenmelodie komponiert wurde, soll das bekannte Thema des zweiten Teils der Sonate pathétique von Ludwig van Beethoven sein. Dieses „Beethoventhema“ wäre in Elgars Worten „größer“ und „bekannt“. Das Elgarthema enthält genau die Noten vom Anfang von Beethovens Melodie in derselben Reihenfolge. Wenn beide Melodien gleichzeitig gespielt werden, erscheint jede dieser Noten zuerst im Beethoven-Thema und einen Schlag später in Elgars Melodie. So wird musikalisch ausgedrückt, dass Elgar Beethoven „folgt“: Er tut wie Beethoven. Das passt zu Jaegers Ermutigung, Elgar solle trotz Sorgen weiterschreiben. Der Artikel deutet deshalb den Weg vom traurigen Mollbeginn des Werkes zum kraftvollen, optimistischen Finale EDU als Überwindung von Depression und Niedergeschlagenheit.
Verwendung in Popmusik und Film
Die Enigma-Variationen wurden auch außerhalb der klassischen Musik bekannt. Im Titel Clubbed to Death von Rob D floss das Thema ein. Die kurze Streicher-Einleitung dieses Titels ist der Anfang der ersten Enigma-Variation, und auch das Piano-Solo wurde um die Enigma-Variationen improvisiert. Die Kurayamino Variation von Clubbed to Death wurde als Soundtrack zu den Filmen Matrix und Lola im Technoland verwendet; bei Lola im Technoland war das Stück sogar namensgebend. Auch im deutschen Film Enigma – Eine uneingestandene Liebe, der Verfilmung von Éric-Emmanuel Schmitts Theaterstück Enigma (Variations énigmatiques), werden die Enigma-Variationen verwendet und thematisiert.
Besonders häufig wird die 9. Variation Nimrod in Filmmusik eingesetzt. Sie erklingt zum Beispiel am Ende des Spielfilms Australia von Baz Luhrmann aus dem Jahr 2008, im Historienfilm Elizabeth von Shekhar Kapur aus dem Jahr 1998 und in der mehrteiligen Dokumentation über den Zweiten Weltkrieg The War von Ken Burns aus dem Jahr 2006. Hans Zimmer verwendet das Stück außerdem in Christopher Nolans Film Dunkirk aus dem Jahr 2017. Bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele 2012 in London wurde Nimrod vom Jugendorchester des London Symphonic Orchestras, LSO On Track, aufgeführt.