Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Eisegese
Der Begriff der „Eisegese“ im Sinne eines Hineinlesens von Sinn in eine Texteinheit wird als Antonym der Exegese im Sinne des Herauslesens des Sinnes aus einer …
Inhalt4 Abschnitte
Bedeutung und Verwendung
Eisegese ist eine Textauslegung, bei der etwas in einen Text hineingelesen oder hineingedeutet wird, das dort nicht steht oder nicht gemeint war. Sie ist das Gegenstück zur Exegese: Exegese versucht, den Sinn aus einer Texteinheit herauszulesen.
Der Ausdruck wird meist für misslungene Auslegungen von Bibeltexten verwendet. Eisegetisches Vorgehen widerspricht seriöser Hermeneutik, also der Wissenschaft der Textauslegung und Textinterpretation. Weil Eisegese eine Fehlinterpretation ist, gelten darauf aufbauende Schlussfolgerungen als unhaltbar; der Begriff wird daher meist abwertend oder polemisch gebraucht.
Wie Eisegesen entstehen
Eisegesen entstehen häufig unbeabsichtigt: durch fehlende kritische Distanz, mangelnde historische Kenntnisse, die Vieldeutigkeit sprachlicher Ausdrücke oder eine unzulässige Auslegungsmethode.
Sie können auch absichtlich eingesetzt werden, etwa für politische Agitation oder zur Aufrechterhaltung einer Ansicht oder Lehrmeinung. Eine absichtliche Fehlinterpretation von Statistiken kann beispielsweise in politischen oder gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der Desinformation dienen. Ob eine Eisegese beabsichtigt ist, lässt sich meist nur schwer oder gar nicht erkennen, außer die Absicht wird zugegeben.
Beispiele aus biblischen Texten
Beim Satz „Sonne, steh still zu Gibeon, und Mond, im Tal Ajalon!“ (Jos 10,12 LUT) soll Luther die Ansicht des Kopernikus über die Himmelsbewegungen zurückgewiesen haben: Die Schrift sage, Josua habe die Sonne und nicht die Erde stillstehen geheißen. Die Eisegese besteht darin, dass der Text als astronomische Aussage über die Bewegung von Himmelskörpern verstanden wird. Nach dieser Erklärung verwendet Josua jedoch alltägliche, phänomenbezogene Sprache (phenomenal language): Er beschreibt die Position der Sonne für einen Beobachter auf der Erde. Auch heute wird von Sonnenauf- und -untergang gesprochen.
In Offenbarung 3,15–16 LUT wird die Gemeinde in Laodizea gerügt, weil sie „weder kalt noch heiß“ sei, sondern „lauwarm“. Üblich ist die Deutung, „kalt“ bedeute gleichgültig oder distanziert gegenüber Christus, „heiß“ dagegen engagiert. Der historische Kontext legt laut Artikel eine andere Auslegung nahe: Laodizea erhielt Wasser über ein Aquädukt von Kolossai; es kam lauwarm sowie reich an Bakterien und Ungeziefer an, war widerlich und musste gekocht werden. Möglicherweise verweist „heiß“ zudem auf die heilenden heißen Quellen von Hierapolis. Die Werke der Gemeinde waren demnach weder erfrischend und wohltuend noch durch Hitze gereinigt oder natürlich heiß und heilend. Die Eisegese der üblichen Deutung liegt darin, moderne Vorstellungen von „kalt“ und „heiß“ ohne Bezug auf die damaligen Gegebenheiten anzuwenden.
Eisegese als Vorwurf
Werden einem Autor Eisegesen nachgewiesen, kann dies seine Glaubwürdigkeit insgesamt schwächen. Deshalb wird der Vorwurf besonders in religiösen oder weltanschaulichen Auseinandersetzungen verwendet.
Joachim Scharfenberg warf Eugen Drewermann vor, den Begriff der Sünde tiefenpsychologisch umzudeuten. Martin Hengel kritisierte Rudolf Bultmanns Deutung von „Christus nach dem Fleisch kennen“ in 2. Kor 5,16. Bultmann habe den Text bewusst falsch gedeutet, um seine Lehrmeinung zu stützen, Paulus habe sich nicht für den historischen Jesus oder dessen Erdenleben interessiert. Hengel bezeichnete dies als ein Gefügigmachen des Textes für ein eigenes dogmatisches Vorurteil.