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Ein Landarzt
Ein Landarzt ist eine Erzählung von Franz Kafka. Sie entstand im Jahr 1917 und wurde 1918 erstmals in Die neue Dichtung. Ein Almanach des Kurt Wolff Verlags …
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Werk und Veröffentlichung
„Ein Landarzt“ ist eine Erzählung von Franz Kafka. Sie entstand 1917 und wurde 1918 erstmals in „Die neue Dichtung. Ein Almanach“ des Kurt Wolff Verlags veröffentlicht; die Ausgabe war noch 1917 erschienen. 1920 erschien sie als titelgebender Text im Erzählband „Ein Landarzt. Kleine Erzählungen“ neben dreizehn weiteren Prosatexten. Kafka bezeichnete die Erzählung selbst als eine seiner wenigen wirklich gelungenen Arbeiten.
Handlung
Ein älterer Landarzt wird in einer Winternacht zu einem schwer kranken Jungen gerufen. Sein eigenes Pferd ist verendet, und das Dienstmädchen Rosa kann im Dorf kein Leihpferd beschaffen. Als der Arzt gegen die Tür eines vermeintlich leeren Schweinestalls tritt, erscheinen dort plötzlich zwei kräftige Pferde und ein unbekannter Mann.
Der Mann spannt die Pferde an den Wagen, fällt jedoch über Rosa her. Der Arzt weist ihn nur halbherzig zurecht und fährt zum Patienten, während er hört, wie der Mann die Haustür hinter Rosa zerschlägt. Die Pferde bringen ihn selbständig und in kürzester Zeit zum abgelegenen Hof.
Beim Jungen entdeckt der Arzt erst nach Aufforderungen der Familie eine „handtellergroße“ rosafarbene Wunde an der Seite, in der fingerdicke Würmer sind. Er weiß, dass er nicht helfen kann. Dorfbewohner entkleiden ihn nach einem alten Brauch und legen ihn zum Kranken ins Bett. Ein Schulchor droht: „Und heilt er nicht, so tötet ihn!“ Der Arzt beurteilt die Wunde schließlich dennoch als „nicht so übel“ und flieht nackt auf einem Pferd.
Die Rückfahrt verläuft nicht schnell: Die Pferde ziehen „langsam wie alte Männer“ durch den Frost. Der Arzt fühlt sich den „unirdische[n]“ Pferden ausgeliefert, denkt an Rosa, die er jahrelang kaum beachtet habe, und erkennt seine Ausweglosigkeit. Der Schlusssatz lautet: „Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt – es ist niemals gutzumachen.“
Erzählweise und Gestaltung
Der Landarzt erzählt als Ich-Erzähler, also aus seiner eigenen Perspektive. Der Stil ist einerseits klar und beschreibend, andererseits enthält der Text emotionale Klagemonologe. Der Arzt erlebt eine Kette widersprüchlicher Vorgänge: Er hat kein Pferd, erhält plötzlich Pferde, verliert dafür aber Rosa; von ihm wird eine unmögliche Heilung verlangt; der Wagen treibt ihn nachts ins Ungewisse.
Das Erzähltempo ist hoch. Zweimal tritt ein Kinderchor auf. Die Erzählung verbindet Elemente von Traum, Märchen und Ballade mit einer nüchternen, berichtenden Darstellungsweise.
Biografische Bezüge
Als mögliche Anregung gilt Kafkas Onkel Siegfried Löwy, der als Landarzt in einem kleinen Ort in Mähren arbeitete. Kafka beschrieb ihn in einem Brief an Max Brod als jemanden, der auf dem Land „unausreißbar, zufrieden“ lebe.
Am 12. August 1917 erlitt Kafka im Zusammenhang mit seiner Tuberkulose einen heftigen Blutsturz. In einem Brief an Max Brod vom 5. September 1917 schrieb Kafka, er habe mit der „Blutwunde“ im „Landarzt“ seine Krankheit „vorausgesagt“. Auch eine Tagebuchnotiz vom 9. Oktober 1911 über eine Frau mit großen siegellackroten Kreisen auf dem Körper wird als möglicher Bezug zur rosafarbenen Wunde genannt.
Deutungsansätze
Die Erzählung wird sozialkritisch, psychoanalytisch und religiös gedeutet. Im psychoanalytischen Ansatz wird Sigmund Freuds Gedanke aufgegriffen, dass das Ich „nicht Herr sei in seinem eigenen Haus“. Rosas Ausruf angesichts der Pferde verweist demnach auf unbewusste Triebe. Die Pferde gelten als Männlichkeitssymbole; Rosa wird sowohl zum Ziel der Triebe des Knechts als auch der sexuellen Vorstellung des Arztes. Die rosafarbene Wunde des Jungen kann einen gehemmten Trieb und eine missratene Existenz symbolisieren. Auch der Arzt verliert Kontrolle und verfehlt dadurch seine Aufgaben.
Ein intertextueller Ansatz untersucht Bezüge zu anderen literarischen Texten. Besonders Walter Hasenclevers Drama „Der Sohn“ (1914) lässt die Erzählung als mehrfach perspektivierte Vater-Sohn-Geschichte über Generationenkampf und Nachfolge erscheinen. Genannt werden außerdem Verbindungen zu Texten von Hugo von Hofmannsthal, Anton Pawlowitsch Tschechow, Gustave Flaubert, Homer, Shakespeare und Heinrich von Kleist. Der ziellos weiterziehende Arzt wird auch mit Figuren aus Kafkas „Der Kübelreiter“ und „Der Jäger Gracchus“ verglichen.
Weitere Deutungen sehen einen Bezug zum Mythos des ewigen Juden Ahasver. Kindlers Lexikon versteht den Text als Kritik an Medizin: Sowohl die Schulmedizin als auch magische Heilungszeremonien scheitern. Adaptionen entstanden unter anderem als Funkoper „Ein Landarzt“ von Hans Werner Henze (1951; Bühnenfassung 1964/65) und als Anime-Verfilmung „Kafka: Inaka Isha“ von Kōji Yamamura (2007).