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Ego-Dokument
Ego-Dokumente sind Quellen, in denen Selbstwahrnehmung und Darstellung des historischen Subjekts in seinem Umfeld zum Ausdruck kommen.
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Begriff und Quellenarten
Ego-Dokumente sind historische Quellen, in denen die Selbstwahrnehmung und Selbstdarstellung eines Menschen in seinem Umfeld sichtbar werden. Sie können freiwillig entstehen, etwa als Autobiographie, Tagebuch, Brief, Chronik, Memoiren oder Reisebericht. Sie können aber auch unfreiwillige oder nicht zur Überlieferung geplante Selbstaussagen enthalten, beispielsweise in Strafprozessakten oder anderem administrativen, rechtlichen und wirtschaftlichen Schriftgut.
Nach der von Winfried Schulze erweiterten Auffassung gehören Quellen dazu, wenn sie – auch verdeckt und nur in Teilen – Auskunft darüber geben, wie Menschen sich selbst in Familie, Gemeinde, Land oder sozialer Schicht wahrnehmen und wie sie ihr Verhältnis zu diesen Zusammenhängen beurteilen. Sie können Verhalten rechtfertigen, Ängste, Wissen und Wertvorstellungen offenlegen sowie Erfahrungen und Erwartungen widerspiegeln.
Daher können auch Anschreibebücher, Bittschriften, Einstellungsbefragungen, Gnadengesuche, Inquisitions- und Verhörprotokolle, Rechnungsbücher, Steuererhebungen, Testamente, Untertanen-, Zeugenbefragungen und Visitationen Ego-Dokumente sein. Der Begriff ist nicht auf Schriftstücke begrenzt: Zeitzeugeninterviews auf Kamera oder Tonband, selbstdokumentarische Videos wie Vlogs, Soziale Medien – besonders Profile –, virtuelle Bücherregale und Suchanfragen können ebenfalls darunter fallen.
Entwicklung der Begriffsbestimmung
Der Terminus egodocumenten erschien erstmals 1958 in der niederländischen Sozialgeschichtsschreibung. Jacques Presser bezeichnete damit Texte, in denen der Autor zugleich „schreibendes und beschreibendes Subjekt“ ist. In den 1980er Jahren präzisierte Rudolf Dekker, der Autor eines egodocument formuliere sein Handeln und seine Gefühle. Presser und Dekker bezogen sich vor allem auf vorsätzliche Berichte von Einzelpersonen. Diese engere Bestimmung entspricht ungefähr dem deutschen Fachausdruck „Selbstzeugnis“.
Im folgenden Jahrzehnt übernahm Winfried Schulze den Begriff in die deutsche Geschichtswissenschaft und erweiterte ihn entscheidend um erzwungene oder unbeabsichtigte Selbstaussagen. 1994 ordnete Benigna von Krusenstjern Selbstzeugnisse als Teilmenge der Ego-Dokumente ein. Für Selbstzeugnisse sei wesentlich, dass ein „explizites Selbst“ sich bewusst und aus eigenem Antrieb selbst thematisiere.
Bedeutung für die Geschichtswissenschaft
Ego-Dokumente erweitern historisches Wissen um Hintergrundinformationen und stellen es in einen breiteren Zusammenhang. Die Geschichtswissenschaft muss aus subjektiven Aussagen nicht unbedingt einen objektiven Sinn gewinnen. Sie kann vielmehr untersuchen, ob sich darin kollektive Wahrnehmungen zeigen, und unterschiedliche Interpretationen und Perspektiven auf ein historisches Ereignis sichtbar machen.
Besonders wichtig sind diese Quellen für Mentalitätsgeschichte, Mikrogeschichte und bei Interviews für Oral History. Sie helfen bei der Erforschung frühneuzeitlicher Menschen: ihrer individuellen Erfahrungen und Vorstellungen, kulturellen Werte und Praktiken, ihres Verhaltens und Empfindens im Alltag. Ein Vorteil der Quellengruppe besteht darin, dass auch schriftunkundige oder in anderen Schriftquellen wenig vertretene Gruppen, etwa Frauen, Bauern und Arbeiter, erkennbar werden.
Eine vollständige Quellenverzeichnung ist jedoch schwierig, weil selbst verfasste und administrative Schriften zusammengefasst werden und die Textmenge seit der Neuzeit kontinuierlich und rasch steigt. Im digitalen Raum ergeben sich unter Einbezug von Metadaten und Nutzerdaten durch Big Data und Data-Mining neue Möglichkeiten der Verarbeitung. Der Ausdruck „Ego-Dokumente“ funktioniert zugleich nur als „lose Klammer“ für Quellen, die etwas über ein „Ich“ erkennen lassen; er ordnet sie nicht präzise und differenziert. Deshalb verwenden viele Historiker weiterhin „Selbstzeugnis“, wodurch unfreiwillige oder erzwungene Selbstaussagen oft kaum beachtet werden.
Quellenkritik und Grenzen der Aussagekraft
Wie bei allen historischen Quellen ist Quellenkritik notwendig: Sie prüft Ergiebigkeit und Wert eines Ego-Dokuments. Dafür ist der Entstehungskontext zentral. Zu beachten sind Bedingungen, die auf das Ich einwirken, etwa Alter, Geschlecht, Herkunft, Bildungsstand, Erfahrung, gesellschaftliche Stellung und Zeitgeschehen. Ebenso wichtig ist, ob eine Mitteilung aus eigenem oder fremdem Antrieb entstand. Daraus ergeben sich Absicht und Art der Selbstdarstellung; diese richten sich nach Adressaten, möglichem Erwartungshorizont sowie Vorbildern, Regeln und Argumentationsstrategien.
Bei Interviews steht die Kollaboration der Quelle im Vordergrund: Interview, Umfrage oder Befragung entstehen jeweils mit einer bestimmten Absicht und fragen oft nach historischen Tatsachen oder biographischen Umständen. Retrospektive Texte wie Autobiographien und Memoiren können das Ich bewusst oder unbewusst beschönigen, verhüllen, verfälschen oder relativieren. Vergangene Ereignisse werden vom jeweiligen Gegenwartszustand aus neu gewichtet und anders akzentuiert. Auch Auslassungen, Widersprüche und Beschönigungen sind daher aussagekräftige Bestandteile der Selbstdarstellung.
Ich-Konstruktionen beginnen bereits damit, dass Menschen Eindrücke, Erlebnisse, Erfahrungen und Emotionen zu einer Geschichte anordnen. Ego-Dokumente sind damit stets Zeugnisse der Mentalitätsgeschichte ihrer Zeit, weil die darin entwickelten Ich-Konstruktionen innerhalb dessen bleiben, was in einer Epoche denk- und empfindbar ist.