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Edmund Braun (Philosoph)

“ Es könne heute nur die Praktische Philosophie als transzendental-pragmatische Diskursethik in den Rang der prima philosophia erhoben werden. Hierbei …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Person und philosophischer Weg
  2. 2. Von Aristoteles zur Sprachpragmatik
  3. 3. Moral und Diskursethik
  4. 4. Zukunft, Ethik und höchste Transzendenz
  5. 5. Wichtige Veröffentlichungen und Mitarbeit

Person und philosophischer Weg

Edmund Braun (* 12. Oktober 1928 in Köln; † 20. März 2015 in Lindlar-Kapellensüng) war ein deutscher Philosoph und Hochschullehrer. Sein Denken begann bei der klassischen griechischen Philosophie, besonders bei Aristoteles. Danach setzte er sich intensiv mit Immanuel Kant, Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Nietzsche auseinander. Über die Sprachphilosophie gelangte er schließlich zu den transzendentalpragmatischen Positionen von Jürgen Habermas und vor allem Karl-Otto Apel. Seit Mitte der 1980er Jahre gilt Braun eindeutig als Vertreter der Transzendentalphilosophie und der Transzendentalpragmatik. Sein besonderes Interesse galt einer sprachpragmatischen, auf Verständigung zwischen Menschen beruhenden und nichtmetaphysischen Diskursethik.

Braun wuchs in Köln-Deutz und im Bergischen Land auf und wurde durch sein Elternhaus christlich-katholisch geprägt. Nach dem Abitur studierte er Theologie in Bonn sowie Philosophie, Altphilologie und Geschichte in Köln. 1959 promovierte er mit einer Dissertation über Aristoteles. Nach kurzer Tätigkeit als Gymnasiallehrer wurde er Assistent an der Pädagogischen Hochschule Rheinland, Abteilung Köln. Nach seiner Habilitation lehrte er dort seit 1971 als Professor für Philosophie; seit 1980 war er Professor für Philosophie an der Universität zu Köln.

Über 50 Jahre hielt Braun außerdem philosophische Seminare an der Kölner Volkshochschule ab und engagierte sich unter anderem mit Karl Rahner in der Erwachsenenbildung. Auch nach seiner Emeritierung arbeitete er an der Universität weiter. Trotz schwerer Erkrankung und fast völliger Erblindung vollendete er kurz vor seinem Tod sein Alterswerk.

Von Aristoteles zur Sprachpragmatik

Brauns Dissertation Zur Einheit der aristotelischen „Topik“ von 1959 untersuchte die sprachphilosophischen Wurzeln der aristotelischen Metaphysik und Erkenntnistheorie. In Aristoteles und die Paideia von 1974 stellte Braun die ontologischen und anthropologischen Grundlagen der Paideia heraus. Paideia bezeichnet hier die Bildung des Menschen; zu ihren Aufgabenbereichen gehören das Ethos, also die sittliche Haltung, und der Logos, also die vernünftige Sprache und Argumentation.

Sein erstes Hauptwerk Der Paradigmenwechsel in der Sprachphilosophie erschien 1996. Braun beschreibt darin die Entwicklung des Sprachverständnisses von der frühgriechischen Philosophie bis zur Sprachphilosophie des 20. Jahrhunderts. Das klassische Sprachparadigma, das er bei Platon ansetzt, behandelt Sprache überwiegend als sekundären Ausdruck eines bereits vorhandenen Denkens. Braun setzt diesem Verständnis eine andere Deutung der aristotelischen Dialektik entgegen: Wahrheit entsteht entscheidend durch Argumentation und durch eine dialogische Gemeinschaft, in der Menschen sinnvoll miteinander und gegeneinander argumentieren.

Aristoteles’ Bestimmung des Menschen als ζωον πολιτικον (Zoon politikon) übersetzt Braun mit „das auf Gemeinschaft angewiesene Lebewesen“. Der Mensch ist demnach auch im Erkennen und bei der Wahrheitsfindung auf Dialog angewiesen. Zugleich sieht Braun bei Aristoteles ein ungelöstes Spannungsverhältnis: Wegen seiner Vernunftbegabung kann der Mensch auch allein, in einer solipsistischen Schau, weise und vernünftig sein. Aristoteles habe den Gegensatz zwischen praktischem und theoretischem Leben nicht befriedigend gelöst. Daraus sei das antike Sprachverständnis hervorgegangen, aus dem sich das klassische Sprachparadigma entwickelte.

Braun führt diese Überlegungen zur Transzendentalpragmatik von Karl-Otto Apel weiter. Sie untersucht die Bedingungen, die in jedem ernsthaften kommunikativen Diskurs bereits vorausgesetzt werden. Ein dialogischer Erkenntnis- und Wahrheitsanspruch unterliegt vier universalen Geltungsansprüchen: dem Verständlichkeitsanspruch, dem Wahrheitsanspruch, dem Richtigkeitsanspruch und dem Wahrhaftigkeitsanspruch. Das Werk behandelt zahlreiche sprachphilosophische Richtungen und enthält eigens von Braun angefertigte Übersetzungen von Texten des Aristoteles, Isokrates und Cicero.

Moral und Diskursethik

Das zweite Hauptwerk Der Mensch vor seinem eigenen Anspruch / Moral als kritisch-normative Orientierungskraft im Zeitalter der posttraditionalen Gesellschaft erschien 2002. Es entwickelt auf der Grundlage einer normativen Anthropologie und der transzendental-pragmatischen Diskursethik ein Verständnis des Menschen, in dem moralische Orientierung aus den Bedingungen von Vernunft, Sprache und gemeinsamer Argumentation hervorgeht. Normative anthropologische Einsichten beschreiben den Menschen daher nicht nur, sondern weisen ihm eine Richtung für ein sinnvolles und lebenswertes Leben.

Braun versteht Sprache und Vernunft als konstitutiv miteinander verbunden. Sprache ist kein zufälliges äußeres Faktum, über das man unabhängig von ihr sprechen könnte. Vernunft vollzieht sich vielmehr im unhintergehbaren kommunikativen Diskurs, der für den Menschen eine unausweichliche Lebensbedingung ist. Daraus leitet Braun das normative Prinzip der verallgemeinerten dialogischen Gegenseitigkeit ab: Menschen müssen sich im gemeinsamen Diskurs wechselseitig berücksichtigen.

Auf dieser Grundlage entwickelt Braun ein neues Verständnis von Moral für die posttraditionale und offene Gesellschaft. Er untersucht, wie dieses Moralverständnis in wichtigen Gesellschaftsbereichen angewendet werden kann, und fragt, ob das Gewissen des Einzelnen weiterhin die letzte Entscheidungsinstanz sein kann. Angesichts möglicher Bedrohungen für die Menschheit fordert er außerdem eine Verbindung wissenschaftlicher Kriterien mit ethischen Normen. Das Werk endet mit einem Plädoyer für die transzendental-pragmatische Diskursethik und mit Überlegungen zu pädagogischen Konsequenzen für die offene Gesellschaft.

Zukunft, Ethik und höchste Transzendenz

In Zukunft: Das Problem der Gegenwart / Diskursethische Beiträge zu anstehenden Problemen im Weltmaßstab von 2008 greift Braun seine früheren Gedanken auf. Er fordert eine angemessene Vernunft als Diskursrationalität und wendet sich gegen eine „epidemisch verkümmerte Rationalität“. Verpflichtender gemeinschaftlicher Argumentationsdiskurs soll zur Bewahrung von Menschenwürde und Menschenrechten in einer humanen Gesellschaft beitragen.

Behandelt werden die Geltungswürdigkeit sozialer Praxis, die notwendigen normativen Kooperations- und Koordinationsleistungen, die Grenzen einer Renaissance des Naturrechts, Globalisierung und die Möglichkeit einer weltbürgerlichen Wertegemeinschaft, interkulturelle Verständigung und kulturelle Toleranz, Religion als Zukunftsproblem, Lebensschutz sowie die geschichtliche Dimension der menschlichen Selbstaufklärung und Identität. Bei den Themen Lebensbeginn und Lebensende sowie Religion verbindet Braun gesellschaftliche Problemanalyse mit diskursethischen Fragen.

Die kurze Abhandlung Ethik als prima philosophia aus der Grundstellung einer nichtmetaphysischen Transzendentalphilosophie, ebenfalls 2008 erschienen, versucht, Ethik im Rahmen eines postmetaphysischen und transzendentalphilosophischen Rationalitätsverständnisses als „erste Philosophie“ auszuweisen. Prima philosophia bezeichnet ursprünglich die grundlegende Prinzipienwissenschaft. Bei Aristoteles fragte sie nach den Prinzipien des Seienden im Ganzen und der Wissenschaft; bei Descartes wurde sie zum Studium des vollkommenen Wissens, bei Kant zur Erkenntnis aus reiner Vernunft als Bedingung ihrer Möglichkeit und bei Husserl zur Wissenschaft von der transzendentalen Subjektivität. Braun zufolge kann heute die Praktische Philosophie in Gestalt der transzendental-pragmatischen Diskursethik diesen Rang erhalten. Der diskursreflexive Diskurs der höchsten Stufe wird dabei zur ethischen Instanz.

Brauns Alterswerk Der Mensch vor dem Anspruch Gottes / Religion – die Herausforderung des 21. Jahrhunderts erweitert das Werk von 2002. Es behauptet die Notwendigkeit von Religion für die säkularisierte westliche Welt und fordert dazu auf, sich mit Transzendenz bis hin zu Gott als höchster Transzendenz auseinanderzusetzen. Der philosophische Nachweis Gottes soll kein unmöglicher Beweis und keine bloß theologische Begründung sein, sondern durch einen nachvollziehbaren Diskurs auf Augenhöhe erfolgen. Dabei soll keine bestimmte Religion bevorzugt werden; jeder Mensch stehe unabhängig von Nation, Religion, Weltanschauung und Berufsstand in der Verantwortung für den gemeinsamen Diskurs.

Die höchste Transzendenz beschreibt Braun als eine unendliche Überstiegsbewegung über alles, einschließlich ihrer selbst. Sie habe kein Außerhalb, sei absolut, unendlich, vollkommen, das Total-andere und nicht objektivierbar; sie zeige sich gerade in ihrem ständigen Entzug. Der Mensch, der sich auf diese Transzendenz bezieht, kann nach Braun den Weg des Absoluten gehen, seine Lebenssituation aus dessen Blick verstehen und beurteilen sowie diese Einsichten praktisch umsetzen. In der Bemühung um ein Gespräch mit der höchsten Transzendenz treffe er auf die Wirklichkeit, die wir Gott nennen.

Für die Religionen muss ihr Wahrheitsanspruch ernst genommen werden. Braun unterscheidet jedoch zwischen der Erhebung eines Anspruchs und seiner Einlösung. An die Stelle des platonischen Wahrheitsbegriffs tritt ein nachmetaphysischer Wahrheitsbegriff: Einerseits gibt es einen transitorischen Wahrheitsbegriff als Rechtfertigung, bei dem jeder Satz falsch werden kann; andererseits eine absolute, zeitlose Wahrheit, die durch einen unüberbietbaren Konsens der universalen Kommunikationsgemeinschaft getragen wird. Gegen Ende des Buches treten mit „Erfahrung Gottes in seinem Wort“, „Offenbarung“ und „Apokalypse“ ausdrücklich christliche und theologische Begriffe hervor.

Wichtige Veröffentlichungen und Mitarbeit

Brauns Schriften umfassen Monografien, Editionen, Übersetzungen, Aufsätze, Artikel und Festschriften. Zu den zentralen Monografien gehören die Dissertation Zur Einheit der aristotelischen „Topik“ (Köln 1959), Aristoteles und die Paideia (Paderborn 1974), Der Mensch vor seinem eigenen Anspruch (Würzburg 2002), Zukunft: das Problem der Gegenwart (Berlin u. a. 2008) und das postum 2016 veröffentlichte Der Mensch vor dem Anspruch Gottes (Würzburg 2016). Daneben verfasste oder bearbeitete Braun unter anderem Schriften zu Gesellschaft, Technik, Freiheit, Moral, Lebensschutz, Diskursethik und Wissenschaftsethik.

Als Herausgeber und Übersetzer arbeitete Braun unter anderem an Texten von Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Nietzsche sowie an philosophischen Vortragsreihen der Karl-Rahner-Akademie. Zusammen mit Hans Radermacher gab er 1987 ein Wissenschaftstheoretisches Lexikon heraus. Seine Übersetzungen und Editionen stehen in engem Zusammenhang mit seinen Forschungsschwerpunkten: Aristoteles-Forschung, Sprachphilosophie, Transzendentalphilosophie, Hermeneutik und Praktische Philosophie.

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