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Doggerland

Doggerland bezeichnet eine Region im südlichen Teil des Nordseebeckens, die während der letzten Kaltzeit trocken lag und eine Landbrücke zwischen …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Was Doggerland war
  2. 2. Landschaft und Lebensraum
  3. 3. Besiedlung und Alltag
  4. 4. Überflutung und Untergang
  5. 5. Erforschung und heutige Darstellung

Was Doggerland war

Doggerland bezeichnet ein heute überflutetes Gebiet im südlichen Teil des Nordseebeckens. Während der letzten Kaltzeit lag dort trockenes Land, das Großbritannien mit dem europäischen Festland beziehungsweise mit Jütland verband. In der Mittelsteinzeit lebten dort Jäger und Sammler.

Der Name leitet sich von der Doggerbank ab, einer ausgedehnten Untiefe in der Nordsee. Sie liegt etwa 100 Kilometer vor der britischen Ostküste und 125 bis 150 Kilometer vor der dänischen Westküste. Bryony J. Coles machte die Bezeichnung 1998 für das versunkene Landgebiet bekannt. Der Begriff war in Deutschland bereits zuvor verwendet worden, unter anderem von nationalsozialistischen Ideologen, die dort eine ideale „Urheimat der Germanen“ vermuteten.

Landschaft und Lebensraum

Vor etwa 10.000 Jahren, also ungefähr 8000 v. Chr., umfasste Doggerland etwa 23.000 Quadratkilometer. Es lag zwischen der heutigen Ostküste Englands und dem europäischen Festland. Während der letzten Kaltzeit war der südliche Teil der Nordsee ein Binnensee. In ihn entwässerten unter anderem Themse, Maas und Rhein sowie Schmelzwässer nordeuropäischer Gletscher. Sein Abfluss verlief durch den damals trockenen Ärmelkanal in den Atlantik und bildete dadurch den größten Strom Europas.

Während der Weichsel-Kaltzeit, die vor 115.000 Jahren begann und vor 11.600 Jahren endete, war sehr viel Wasser im Eis der Gletscher gebunden. Der Meeresspiegel lag dadurch bis zu 120 Meter niedriger als heute. Vor etwa 12.000 Jahren lagen die Küsten Westeuropas ungefähr 600 Kilometer weiter nördlich. Der größte Teil Doggerlands war nicht von den nördlichen Eisschilden bedeckt, sondern bestand aus Tundra auf Permafrostböden. Durch Solifluktion, also das langsame Fließen wassergesättigter Bodenschichten über gefrorenem Untergrund, entstand eine hügelige Landschaft.

Am Ende der Kaltzeit lag der Meeresspiegel noch etwa 60 Meter unter dem heutigen Normalnull. Die Britischen Inseln und das europäische Festland bildeten damals eine zusammenhängende Landmasse. Die heutige Nordsee ist durchschnittlich 94 Meter tief; die Doggerbank liegt im Mittel 30 Meter unter der Wasseroberfläche. Ihre flachste Stelle befindet sich ungefähr zwischen 54 und 55 Grad nördlicher sowie 1 und 2 Grad östlicher Länge und ist nur 13 Meter tief.

Besiedlung und Alltag

Für die Menschen des Mesolithikums, also der Mittelsteinzeit, war Doggerland wahrscheinlich ein günstiger Lebensraum. Die Doggerbank bildete eine langgestreckte, etwa 90 Meter hohe Erhebung. Mit der Erwärmung des Holozäns, der gegenwärtigen Warmzeit, verdrängten Birken- und Kiefernwälder allmählich die eiszeitliche Tundra.

Die taigaähnliche Landschaft bot Tieren und Pflanzen ein reichhaltiges Nahrungsangebot. Besonders wichtig waren die zahlreichen Flüsse und der große Süßwasser-Binnensee. Dort wurde vermutlich intensiv gefischt. Die mittelsteinzeitlichen Menschen lebten überwiegend von der Jagd auf einzelne Tiere und von pflanzlicher Nahrung. Im Unterschied zur Altsteinzeit spielte die Jagd auf große Tierherden offenbar eine geringere Rolle.

Das Wohnverhalten war wahrscheinlich durch eine zunehmende Konzentration saisonaler Wohnplätze an Gewässern und Wasserläufen gekennzeichnet. Daraus entwickelten sich möglicherweise eine geringere Mobilität sowie komplexere und stärker hierarchisch gegliederte Sozialstrukturen. Einzelne archäologische Funde weisen darauf hin, dass Doggerland bis vor ungefähr 8000 Jahren von Jägern und Sammlern bewohnt wurde.

Überflutung und Untergang

Zu Beginn des Holozäns erwärmte sich das Klima, und der Meeresspiegel stieg rasch an. Zwischen vor 10.000 und vor 8000 Jahren nahm er um 35 Meter zu: von 60 auf 25 Meter unter dem heutigen Normalnull. Das entspricht durchschnittlich fast zwei Zentimetern pro Jahr. Ursache war vor allem der Zusammenbruch des nordamerikanischen Inlandeises, des damals größten Eisschildes der Nordhalbkugel.

Zu Beginn des Mittelholozäns stieg der Meeresspiegel gegenüber dem eiszeitlichen Tiefststand insgesamt um etwa 120 Meter. Dieser Vorgang wird unter anderem als Flandrische und Dünkirchener Transgression bezeichnet. Transgression bedeutet dabei das Vordringen des Meeres auf zuvor trockenem Land. Küstenräume wurden überflutet, und einige Nebenbecken des Atlantiks entwickelten sich zu Nebenmeeren. Auch Doggerland wurde an seinen Küsten überspült; der höchste Teil blieb zunächst als Insel erhalten.

Vor etwa 8200 Jahren trafen im Storegga-Ereignis mindestens vier Tsunamis mit Höhen von 8 bis 9 Metern auf die verbliebene Doggerland-Insel und überfluteten große Teile davon. Danach verlangsamte sich der Meeresspiegelanstieg. Ungefähr im selben Zeitraum entstand das Wattenmeer. Später wechselten sich Phasen stärkeren Wasseranstiegs mit Phasen der Wassersenkung ab. Vor rund 7500 Jahren war Doggerland verschwunden: Uferwiesen versalzten, wurden feuchter und lagen schließlich vollständig unter Wasser. Die Bewohner mussten neue Lebensräume suchen. Gleichzeitig hob sich das Land durch das Abschmelzen der Eismassen geringfügig an, konnte den Meeresspiegelanstieg aber nicht ausgleichen.

Erforschung und heutige Darstellung

Schon früh berichteten Menschen von Baumstümpfen, die bei Springtide im Schlick nahe der englischen Küste sichtbar wurden. Diese Reste wurden in Großbritannien bis ins 20. Jahrhundert als „Noahs Wälder“ bezeichnet. Seit der systematischen Befischung der Nordsee gerieten außerdem wiederholt Knochen von Landtieren in Schleppnetze. Der Paläobotaniker Clement Reid begann Ende des 19. Jahrhunderts, solche Funde systematisch auszuwerten und frühere Küstenlinien sowie Flussverläufe zu rekonstruieren.

Im September 1931 fanden Fischer in einem Torfstück eine 21,6 Zentimeter lange, verzierte Harpune aus Knochen. Ihre Entstehung wurde durch C14-Datierung auf ungefähr 11.740 v. Chr. geschätzt.

1998 veröffentlichte Bryony J. Coles erste Forschungsergebnisse und initiierte das Doggerland Project. Ziel ist eine interdisziplinäre Untersuchung der geologischen Daten, weiterer Funde und der kulturellen Entwicklung der nordeuropäischen Bevölkerung von der späten Altsteinzeit bis zur Jungsteinzeit. Ein frühes Ergebnis war ein Computermodell; außerdem wurden gezielte archäologische Untersuchungen möglicher Wohnplätze vorbereitet.

Im Forschungsprojekt Mapping Doggerland rekonstruierte die Universität Birmingham 2007 eine etwa 23.000 Quadratkilometer große Landfläche. Das Modell enthielt ein verzweigtes Flussnetz, zahlreiche kleine Seen und einen zentralen Süßwassersee. Es zeigte außerdem den Shotton River sowie den Binnensee Outer Silver Pit, der später zu einem großen Deltasystem wurde und heute noch als Tal am Meeresboden erkennbar ist. 2011 wurde das Deutsche Schifffahrtsmuseum mit der systematischen archäologischen Prospektion der Nordsee beauftragt, weil Bauvorhaben Fundplätze gefährdeten. 2012 wurde ein Atlas präsentiert, nach dem Doggerland größer gewesen sein könnte als zuvor angenommen.

Das Thema wurde außerdem in Ausstellungen und Fernsehdokumentationen behandelt, darunter 2021 in der Dokumentation „Ancient Apocalypse: Doggerland – Versunken in der Nordsee“.

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