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Kleider machen Leute
Kleider machen Leute ist eine Novelle des Schweizer Dichters Gottfried Keller. Erstmals 1874 im dritten Band der zweiten Auflage der Novellensammlung Die …
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Werk und Grundkonflikt
„Kleider machen Leute“ ist eine Novelle von Gottfried Keller. Sie erschien erstmals 1874 im dritten Band der zweiten Auflage von „Die Leute von Seldwyla“. Die Erzählung zählt zu den bekanntesten Werken der deutschsprachigen Literatur und gilt als Musterbeispiel des poetischen Realismus: Eine realistisch wirkende bürgerliche Welt wird mit einer zugespitzten, symbolischen und märchenhaft anmutenden Handlung verbunden.
Im Mittelpunkt steht der arme Schneidergeselle Wenzel Strapinski. Weil er trotz seiner Armut sehr gepflegt und vornehm gekleidet ist, wird er in Goldach für einen polnischen Grafen gehalten. Er korrigiert diesen Irrtum aus Schüchternheit nicht; später hält ihn vor allem seine Liebe zu Nettchen, der Tochter des Amtsrats, in der Rolle fest. Er behauptet dabei nie ausdrücklich, Graf zu sein. Die Handlung spielt in den 1830er-Jahren nach dem missglückten polnischen Kadettenaufstand, durch den viele junge polnische Adelige ins Exil gezwungen wurden.
Vom armen Schneider zur Verlobung
Wenzels Meister in Seldwyla droht bankrottzugehen und hat ihm den Lohn nicht bezahlt. Der mittellose Schlesier wandert bei Novemberwetter nach Goldach. Sein Radmantel, die Pelzmütze, langen Locken und das gepflegte Schnurrbärtchen lassen ihn edel erscheinen. Da er sich nicht wie ein Handwerksbursche um Essen bitten mag, leidet er Hunger. Ein Kutscher nimmt ihn in einem leeren Reisewagen mit.
Die Kutsche und Wenzels Erscheinung erwecken in Goldach den Eindruck, ein vornehmer Reisender sei angekommen. Im Gasthof „zur Waage“ behandeln ihn Wirt und Bürger wie einen Grafen. Der Kutscher verstärkt die Täuschung als Scherz, indem er ihn anhand seiner im Wagen vergessenen Ausweispapiere als polnischen Grafen Strapinski bezeichnet. Wenzel widerspricht nicht. Seine Erfahrung bei den Husaren und seine Kenntnis der Pferde wirken auf die Bürger zusätzlich wie Beweise seines Adels.
Der Buchhalter Melchior Böhni bemerkt zwar die von Nadelstichen gezeichneten Finger des Schneiders, hilft ihm aber zunächst beim Hasardspiel. Wenzel gewinnt genug Geld für seine Rechnung und will fliehen. Dann begegnet er Nettchen. Beide verlieben sich. Wenzel trägt ein polnisches Lied vor, das er nur aufgeschnappt hat und nicht versteht, und beeindruckt dadurch die Gesellschaft.
Notlüge, Entlarvung und Rettung
Als auffällt, dass sein Gepäck nicht abgeladen wurde, erklärt Wenzel, man müsse seine Spur verlieren. Die Goldacher deuten dies als Hinweis auf politische oder familiäre Verfolgung und beschenken ihn mit allem, was sie für die Ausstattung eines Edelmanns halten. Mehrmals möchte er Goldach verlassen; Nettchen hält ihn jedoch zurück. Nach einem Lotteriegewinn könnte er seine Schulden bezahlen und unauffällig verschwinden. Als Nettchen auf seine angekündigte Reise verletzt reagiert, entscheidet er sich stattdessen für sie und hält beim Amtsrat um ihre Hand an. Der Vater stimmt zu, obwohl er den abgewiesenen Böhni für einen geeigneten Bewerber hält.
Bei einer Schlittenpartie und dem Verlobungsball führt die Seldwyler Schneiderzunft zu Fastnacht ein Maskenspiel auf. Ein als Wenzel verkleideter Tänzer näht sich einen Grafenrock und enthüllt ihn anschließend als früheren Schneidergesellen. Wenzels Meister spricht ihn öffentlich an; Böhni verbreitet die Deutung des Spiels. Wenzel wird vor allen Gästen bloßgestellt und flieht in die Winternacht. Er erkennt, dass die Gesellschaft ihm die Grafenrolle zunächst aufgedrängt hatte, sieht aber auch seine eigene Verstrickung und weint besonders wegen Nettchen.
Nettchen sucht ihn mit dem Schlitten, findet ihn fast erfroren im Schnee und bringt ihn auf einen einsamen Hof. Dort stellt sie ihn zur Rede. Wenzel erklärt, wie die Verwechslung entstanden ist, und beteuert seine Liebe. Er sagt, er hätte nach der Hochzeit den Tod gewählt, damit Nettchen ohne Schande in ihr bisheriges Leben zurückkehren könne. Schließlich erkennen beide, dass sie sich aus der Kindheit kennen: Wenzel hatte als Jugendlicher die Tochter einer Gutsherrin beschützt; diese war Nettchen. Nettchen entscheidet: „Ich will dich nicht verlassen! Du bist mein, und ich will mit dir gehen trotz aller Welt!“
Ehe und sozialer Aufstieg
Nettchen lehnt Wenzels Vorstellung eines romantischen Lebens in der Ferne ab. Sie will sich in ihrer Heimat zu dem armen Wandersmann bekennen und mit ihm in Seldwyla durch „Tätigkeit und Klugheit“ Erfolg haben. Der Amtsrat und Böhni versuchen, Nettchen zur Heirat mit Böhni zu bewegen. Böhni bietet an, ihren Ruf mit seinem „unantastbaren Namen“ zu schützen. Nettchen ist jedoch volljährig und verweigert die Ehe. Ein Rechtsanwalt und höhere Amtspersonen vermitteln; rechtlich kann niemand das Aufgebot von Wenzel und Nettchen verhindern.
Ermittlungen zeigen, dass Wenzel sich nirgends strafbar gemacht und stets mit seinem bürgerlichen Namen unterschrieben hat. Mit Nettchens mütterlichem Erbe wird er in Seldwyla ein erfolgreicher „Marchand Tailleur“ beziehungsweise „Tuchherr“. Er besteht auf Bezahlung für gelieferte Waren, baut dadurch ein Vermögen auf und gewinnt Ansehen. Nach Jahren kehrt das Paar mit vielen Kindern und verdoppeltem Vermögen nach Goldach zurück, wo es mit Hilfe des Amtsrats noch wohlhabender wird. Das Sprichwort „Kleider machen Leute“ bewahrheitet sich damit sowohl durch den ersten äußeren Eindruck als auch durch Wenzels späteren gesellschaftlichen Erfolg.
Schein, Sein und Bedeutung
Die Novelle ist wie eine Verwechslungskomödie aufgebaut. Die Goldacher sehnen sich nach romantischen Ereignissen und nach Verbindung zur großen Welt. Deshalb passt Wenzels Kleidung so vollkommen zu ihren Erwartungen, dass sie die offensichtlichen Gegenzeichen kaum wahrnehmen. Böhni erkennt als verschmähter Liebhaber und Zweifler eher die Unstimmigkeiten. Der Leser weiß zunächst, dass Wenzel kein Graf ist. Nach der Entlarvung zeigt sich jedoch, dass auch die vermeintlich klare Einordnung täuscht: Im eleganten, träumerisch wirkenden Wenzel steckt ein tüchtiger Geschäftsmann; Nettchen wird zur entschlossenen Retterin und Verteidigerin ihrer Liebeswahl.
Keller spielt mit zwei Bedeutungen des Sprichworts. Kritisch bedeutet es, dass Menschen sich gern durch äußeren Schein täuschen lassen; anerkennend bedeutet es, dass ein gepflegtes Äußeres Ausdruck von Würde sein kann. Wenzel trägt den Radmantel aus „Sehnsucht nach einem würdigen Dasein“, nicht aus berechnender Täuschungsabsicht. Sein Gegenspieler Böhni handelt dagegen planvoll und intrigant. Auch Orte und Zeichen sind doppeldeutig: Das Schild des Gasthofs „Zur Waage“ erscheint Wenzel als günstiges Vorzeichen, weist aber zugleich darauf hin, dass sein Schicksal gefährlich auf der Kippe steht. Der Name Goldach verbindet scheinbares „Gold“ mit dem Wehlaut „ach“.
Als literarische Anregungen nennt der Artikel unter anderem Grimms Märchen, Clemens Brentanos „Schneider Siebentod auf einen Schlag“, Ludwig Tiecks „Leben des berühmten Abraham Tonelli“ sowie Wilhelm Hauffs „Das Märchen vom falschen Prinzen“. Keller wandelte literarische und reale Hochstaplerfälle jedoch stark ab; die Novelle beruht nicht auf einem wirklichen Vorfall. Verfilmt wurde sie 1921 von Hans Steinhoff, 1940 von Helmut Käutner mit Heinz Rühmann als Wenzel und 1962 von Paul Verhoeven mit einer Adaption von Leopold Ahlsen. Außerdem entstanden Graphic Novel, Opern, Pantomime und Theaterstück.
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