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Derivat (Wirtschaft)
Ein Derivat (lateinisch derivare „ableiten“) ist im Finanzwesen ein vom Kassageschäft abgeleiteter Finanzkontrakt über einen bestimmten Basiswert mit einer …
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Kernidee und Funktion
Ein Derivat ist im Finanzwesen ein Finanzkontrakt, der von einem Kassageschäft abgeleitet ist und sich auf einen bestimmten Basiswert bezieht. Es hat eine Laufzeit von mehr als zwei Bankarbeitstagen. Der Basiswert, auch Underlying genannt, kann zum Beispiel eine Ware, eine Devise, eine Aktie, eine Anleihe, ein Investmentzertifikat, ein Börsenindex, ein Wetterereignis oder ein Energieprodukt wie Erdöl, Erdgas, Kohle oder Strom sein.
Wichtig ist, dass bei Derivaten Vertragsabschluss und Erfüllung zeitlich auseinanderfallen. Der Wert des Derivats hängt von einem bei Vertragsabschluss festgelegten Zustand ab, meist von der Preisänderung des Basiswerts. Bei Vertragsabschluss sind normalerweise keine nennenswerten Anschaffungszahlungen nötig. Derivate werden an Börsen oder außerbörslich zwischen Kreditinstituten und Nichtbanken gehandelt.
Derivate können mehrere Zwecke erfüllen. Sie dienen häufig als Sicherungsgeschäfte gegen Kurs- oder Preisänderungsrisiken, etwa gegen steigende Rohstoffpreise, schwankende Wechselkurse oder Zinsänderungen. Sie können außerdem zum aktiven Bilanzstrukturmanagement eingesetzt werden. Daneben können Derivate auch für Spekulation genutzt werden, also für Geschäfte, bei denen Marktteilnehmer bewusst Risiken übernehmen, um Gewinne zu erzielen.
Derivate können Teil strukturierter Finanzprodukte sein. Ein strukturiertes Finanzprodukt entsteht, wenn mindestens zwei Finanzinstrumente kombiniert werden und mindestens eines davon ein Derivat ist. Dadurch können aus herkömmlichen Finanzprodukten neue, oft komplexere Konstruktionen entstehen.
Entwicklung und Rechtsrahmen
Der Handel mit derivatähnlichen Geschäften reicht weit zurück. Formen der Risikoabsicherung lassen sich bis in das 2. Jahrtausend v. Chr. im heutigen Bahrain, in Indien und in Mesopotamien zurückverfolgen. Aristoteles beschrieb um 330 v. Chr. eine Marktmanipulation mit Derivaten auf die Kapazitäten von Olivenölpressen durch Thales von Milet. Ein organisierter Handel ist bis ins 12. Jahrhundert in Venedig nachweisbar.
In Amsterdam wurden ab 1595 Forwards und Optionen gehandelt, besonders auf Tulpenzwiebeln. Daraus entwickelte sich in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Spekulationsblase der Tulpenmanie. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts entstand im japanischen Osaka mit der Dojima ein früher Terminmarkt für Reis, auf dem ohne physische Lieferung gehandelt wurde; Gewinne und Verluste wurden durch Barausgleich verrechnet.
Für die moderne Entwicklung wichtig war die Chicago Board of Trade, die am 3. April 1848 gegründet wurde. Dort wurde 1851 ein erster time contract über die spätere Lieferung einer bestimmten Menge Mais zu einem festgelegten Preis gehandelt. 1865 wurden standardisierte Regeln eingeführt, unter anderem zu Laufzeit, Marginverpflichtungen und Lieferbedingungen. Diese Regeln gelten als Grundlage moderner Futures.
Rechtlich gelten Derivate in Deutschland nach § 1 Abs. 11 Nr. 8 KWG als Finanzinstrumente. Dazu gehören zeitlich verzögert zu erfüllende Kauf-, Tausch-, Fest- oder Optionsgeschäfte, deren Wert sich unmittelbar oder mittelbar vom Preis oder Maß eines Basiswertes ableitet. Eine gleichlautende Legaldefinition enthält § 2 Abs. 3 WpHG. International standardisiert die International Swaps and Derivatives Association, kurz ISDA, Vertragsmuster für außerbörsliche Derivate. Börsengehandelte Derivate werden durch die jeweilige Börsenordnung standardisiert.
Der Anlegerschutz wurde in Deutschland mehrfach verändert. Vor 2002 beruhte er stark auf formaler Information über Termingeschäftsrisiken. Dieses Modell hatte Schutzlücken, weil auch Anleger, die Inhalte nicht verstanden, formal als informiert gelten konnten. Die Rechtsprechung entwickelte deshalb ein zweistufiges Modell aus Grundaufklärung und anleger- sowie objektgerechter Beratung. Von 2002 bis 2007 wurde der Schutz in das Wertpapierhandelsgesetz verlagert. Seit der Reform durch das Finanzmarktrichtlinie-Umsetzungsgesetz 2007 gilt ein erweiterter Derivatebegriff; der Anlegerschutz stützt sich stärker auf Verhaltenspflichten, Kundenkategorisierung und bestmögliche Ausführung. Seit dem 12. Februar 2014 müssen nach Art. 9 der Verordnung (EU) Nr. 648/2012 neue, geänderte oder vorzeitig beendete Derivatekontrakte an ein Transaktionsregister gemeldet werden.
Arten und Handelsorte
Derivate lassen sich nach dem Erfüllungsanspruch in unbedingte und bedingte Derivate einteilen. Bei unbedingten Derivaten besteht eine bindende Pflicht zur Leistung zum vereinbarten Zeitpunkt. Dazu zählen Festgeschäfte und Swaps. Bei bedingten Derivaten hängt die Leistungspflicht davon ab, ob der Optionskäufer sein Wahlrecht ausübt. Dazu zählen Optionen.
Nach dem Handelsort unterscheidet man börsengehandelte und außerbörslich gehandelte Derivate. Außerbörslich gehandelte Derivate heißen OTC-Derivate, von englisch over the counter. Börsengehandelte Derivate wie Futures und börsengehandelte Optionen sind stark standardisiert. Dadurch können sie schnell und liquide gehandelt werden und am zentralen Clearing teilnehmen. Außerbörsliche Derivate werden meist bilateral ausgehandelt und können individuelle Bestandteile enthalten, etwa Kündigungsklauseln, Leistungsbeschreibungen oder Sicherheitsleistungen. Die Marktinfrastrukturverordnung verpflichtet Vertragsparteien außerbörslicher Derivate grundsätzlich zum zentralen Clearing; nicht zentral geclearte OTC-Derivate unterliegen hohen Anforderungen an das betriebliche Risikomanagement.
Zu den vier Haupttypen gehören Forwards, Futures, Optionen und Swaps. Forwards sind außerbörsliche Termingeschäfte, etwa Forward Rate Agreements, Forward-Darlehen oder Forward-Deposits. Futures sind börsengehandelte Terminkontrakte, zum Beispiel Zinsfutures, Währungsfutures, Aktienfutures oder Index-Futures. Optionen geben ein Wahlrecht, etwa als Devisenoptionen, Aktienoptionen, Index-Optionen oder Optionen auf Futures. Swaps sind Tauschgeschäfte, etwa Zinsswaps, Währungsswaps oder Zins-Währungsswaps.
Kombinationen dieser Grundformen können komplexere Produkte bilden, etwa Swaptions, also Optionen auf Swaps, oder Floortions, also Optionen auf Floors. Eingebettete Derivate sind Bestandteil eines originären Finanzinstruments und mit diesem rechtlich und wirtschaftlich untrennbar verbunden. Beispiele sind Aktienanleihen, bei denen der Emittent am Ende der Laufzeit entweder den Nennwert zu 100 % zurückzahlen oder eine vorher festgelegte Anzahl von Aktien liefern darf, sowie Wandelanleihen.
Zwecke, Preise und Risiken
Derivate werden vor allem für Hedging, Spekulation und Arbitrage eingesetzt. Hedging bedeutet Absicherung: Ein Unternehmen kann ein Marktrisiko aus einem Grundgeschäft durch ein Derivat absichern, dessen Marktwert sich möglichst entgegengesetzt entwickelt. Im Idealfall entsteht eine perfekte Absicherung. Industrie-, Handels- und Finanzunternehmen sichern sich so gegen Änderungen von Marktpreisen, Zinssätzen oder Wechselkursen ab.
Spekulanten übernehmen Risiken in der Erwartung, dass diese nicht eintreten und sie Gewinn erzielen. Der Artikel beschreibt sie deshalb als „Versicherer der Kapitalmärkte“. Arbitrage bedeutet, Gewinne aus kleinen Preisdifferenzen an unterschiedlichen Märkten zu erzielen. Solche Gewinne können aus Unterschieden zwischen Kassa- und Terminmarkt, aus Kostenvorteilen verschiedener Marktsegmente oder aus rechtlich unterschiedlicher Behandlung wirtschaftlich gleichwertiger Geschäfte entstehen. Ein typisches Beispiel ist die Cash-and-Carry-Arbitrage.
Der Preis eines Derivats kann unmittelbar oder mittelbar vom Börsenkurs, Devisenkurs, Zinssatz, von anderen Erträgen oder vom Marktpreis von Commodities und Edelmetallen abhängen. An Börsen erfolgt die Preisermittlung durch Kursfeststellung, außerbörslich durch den Marktpreis. In einem Einperiodenmodell kann ein Derivat als Zufallsvariable D auf einem Wahrscheinlichkeitsraum dargestellt werden; für die Auszahlung gilt 0 ≤ D(ω) < ∞.
Derivate bergen hohe Risiken, sind aber nicht automatisch risikoreicher als Kassageschäfte. Sie enthalten der Art nach dieselben Marktrisiken wie die zugrunde liegenden Kassageschäfte. Risikounterschiede entstehen vor allem im direkten Vergleich zwischen Termingeschäft und Basiswert. Für Privatanleger ist die Preisbildung oft schwerer nachvollziehbar, weil neben dem Preis des Basiswerts weitere Faktoren wie die Restlaufzeit wichtig sein können. Dieses Problem nennt der Artikel Komplexitätsrisiko. Zudem kann je nach Vertragsgestaltung die Pflicht entstehen, bei Fälligkeit zusätzliche Geldmittel aufzubringen.
Ein besonderes Risiko entsteht durch den Hebeleffekt. Er bewirkt, dass Derivate stärker an positiven, aber auch an negativen Kursbewegungen teilnehmen können. Dadurch sind überproportionale Verluste bis hin zum Totalverlust und darüber hinaus möglich.
Abwicklung und Bilanzierung
Derivate können auf verschiedene Weise abgewickelt werden. Möglich sind Glattstellung, also offsetting, Barausgleich, also cash settlement, Ausübung durch Andienung, Lieferung oder Abnahme des Basiswerts, also physical settlement, sowie Verfall, also expiration.
Die Bilanzierung hängt vom Rechnungslegungsstandard ab. Nach dem Handelsgesetzbuch gelten Derivate grundsätzlich als schwebende Geschäfte und werden allgemein nicht bilanziert. Beim Geschäftsabschluss haben sie normalerweise einen Marktwert von Null und sind bilanziell ausgeglichen. Während der Laufzeit können aktive oder passive Marktwerte entstehen, auch positiver oder negativer Wiederbeschaffungswert genannt. Ein aktiver Wert ist der Betrag, der dem bilanzierenden Unternehmen beim Ausfall der Gegenpartei maximal verloren gehen würde. Ein passiver Wert ist der Betrag, den die Gegenpartei bei Nichterfüllung durch das bilanzierende Unternehmen maximal verlieren würde.
Negative Marktwerte sind am Bilanzstichtag durch Drohverlustrückstellungen abzusichern. Positive, aber noch nicht realisierte Marktwerte dürfen nach dem Imparitätsprinzip nicht berücksichtigt werden. Im Anhang müssen nach § 285 Nr. 19 und Nr. 20 HGB alle Finanzinstrumente angegeben werden; für Konzernabschlüsse gilt dies nach § 314 Abs. 1 Nr. 11 und Nr. 12 HGB.
Für Kreditinstitute gelten zusätzliche Regeln. Sie müssen nach § 340c HGB Erträge und Aufwendungen aus Geschäften mit Finanzinstrumenten ausweisen. Außerdem müssen sie nach der Kapitaladäquanzverordnung die Kreditwürdigkeit ihrer Gegenparteien prüfen und bankinterne Kreditlinien festlegen. Das besondere Risiko liegt darin, dass sich während der Laufzeit der Marktwert verändern kann. Eine Ausfallgefährdung entsteht für Banken, wenn das Derivat einen positiven Wiederbeschaffungswert hat und daraus durch die Marktentwicklung eine Forderung gegen die Gegenpartei entsteht.
Nach IFRS sind sämtliche finanziellen Vermögenswerte und Verbindlichkeiten zu bilanzieren, also auch derivative Finanzinstrumente. Ihre Bewertung erfolgt am Bilanzstichtag zum Marktwert, also Fair Value für Nichtbanken oder Value at Risk im Finanzwesen. Nach IAS 39.9 liegt ein Derivat vor, wenn sich sein Wert infolge einer Änderung von Preisen oder ähnlichen Variablen verändert, keine oder nur eine vergleichsweise geringe Anschaffungsauszahlung erforderlich ist und es zu einem späteren Zeitpunkt beglichen wird.
Wirtschaftliche Bedeutung
Volkswirtschaftlich erleichtern Derivate die Umverteilung von Risiken. Risiken werden dadurch nicht beseitigt, sondern von einer Vertragspartei auf eine andere übertragen. Wenn Risiken von Marktteilnehmern, die sie weniger gut tragen können, auf Marktteilnehmer übergehen, die eine höhere Risikotragfähigkeit besitzen, kann dies die Fragilität des Finanzsystems verringern. Derivate können dann dazu beitragen, dass Preise von Finanzanlagen stärker mit den Fundamentaldaten übereinstimmen. Bei Marktstörungen können sie jedoch kurzfristige Preisänderungen übertreiben, was als overshooting bezeichnet wird.
Die zentrale ökonomische Funktion von Derivaten besteht darin, Marktpreisrisiken isoliert zu bewerten, zu bündeln und auf Dritte zu übertragen. Der Basiswert muss dabei häufig nicht gekauft oder verkauft werden. So lassen sich dingliche Inhaberschaft am Basiswert und Teilnahme an dessen Chancen und Risiken voneinander trennen. Dadurch können Transaktionskosten gespart werden, und der Hebeleffekt kann sehr groß sein.
Derivate benötigen ein angemessenes Risikomanagement und Hedge Accounting, damit sie keine zusätzlichen Finanzrisiken erzeugen oder die Risikotragfähigkeit der Vertragsparteien überfordern. Als Beispiel nennt der Artikel die Insolvenz des Enron-Konzerns im Dezember 2001, die teilweise auf fehlerhafte Bilanzierung von Energiederivaten zurückzuführen war.
Derivate gelten als vermutlich am schnellsten wachsendes und sich veränderndes Segment des modernen Finanzwesens. Nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich betrug der Nominalwert aller weltweit ausstehenden außerbörslichen Kontrakte im 2. Halbjahr 2010 601 Billionen US-Dollar; im Jahr 2000 waren es 95 Billionen US-Dollar. Mitte 2024 hielt allein die Schweizer Six Group Derivate auf Aktien in Höhe von 212 Billionen CHF, also 235 Billionen US-Dollar. Diese Nominalwerte sind jedoch nur begrenzt aussagekräftig, weil sie nur die Rechengrundlage der Verträge darstellen und nicht die tatsächlich ausgetauschten Zahlungen oder den Wert der Forderungen.