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Der Tod des Marat

Der Tod des Marat ist ein Gemälde von Jacques-Louis David (1748–1825). Es wurde im Sommer und Herbst 1793 im klassizistischen Stil in Öl auf Leinwand gemalt …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Werk und Bildaufbau
  2. 2. Marat, Corday und der politische Hintergrund
  3. 3. Entstehung und politische Funktion
  4. 4. Deutung des Bildes
  5. 5. Nachleben und spätere Darstellungen

Werk und Bildaufbau

Der Tod des Marat ist ein Gemälde von Jacques-Louis David (1748–1825), das im Sommer und Herbst 1793 im klassizistischen Stil als Öl auf Leinwand entstand. Es misst 162 × 128 cm und befindet sich in den Königlichen Museen der Schönen Künste in Brüssel. Das Werk gehört zu den berühmtesten Darstellungen der Französischen Revolution.

Zu sehen ist der sterbende Jean Paul Marat als muskulöser, nackter Mann in einer Badewanne. Sein Haar ist mit einer Art Turban bedeckt; unterhalb des Schlüsselbeins ist die Einstichwunde erkennbar. Das Wasser ist blutrot, vor der Wanne liegt das Messer. In der rechten Hand hält Marat eine Schreibfeder, in der linken einen Brief von Marieanne Charlotte Corday. Darauf steht: « du 13 juillet, 1793 / Marieanne Charlotte Corday au citoyen Marat. II suffit que je sois bien malheureuse pour avoir Droit à votre bienveillance. » Der Brief bedeutet sinngemäß, dass Cordays großes Unglück ausreiche, um ein Recht auf Marats Wohlwollen zu haben.

Auf der Wanne liegt eine Tischplatte mit Papieren. Daneben steht eine einfache Holzkiste mit der Widmung „À Marat, David.“ („Für Marat, David.“), einem Tintenfass, einem Assignaten und einem weiteren Brief. Dieser enthält die Bitte: « Vous donnerez cet assignat à la mère de cinq enfants dont le mari est mort pour la défense de la patrie. » Der Assignat soll der Mutter von fünf Kindern gegeben werden, deren Mann bei der Verteidigung des Vaterlandes gestorben ist. Der Schriftzug „l’an deux“ verweist auf das zweite Jahr seit der Proklamation der Ersten Französischen Republik am 22. September 1792.

Der Hintergrund ist detailarm und dunkel, hellt sich aber nach rechts oben auf. Die streng klassizistische Komposition zeigt Marat im Augenblick des Sterbens. Eine Spannung entsteht dadurch, dass der Ermordete noch Kraft besitzt, Feder und Papier zu halten, und sein Kopf noch nicht zur Seite oder nach vorn gesunken ist.

Marat, Corday und der politische Hintergrund

Jean Paul Marat (1743–1793) war zunächst Arzt, später Journalist, Mitglied im Club des Cordeliers und im Jakobinerklub sowie ab August 1792 Mitglied des Nationalkonvents. Wegen einer Hauterkrankung, die er sich angeblich während eines Verstecks in der Pariser Kanalisation zugezogen hatte, nahm er in den letzten drei Jahren seines Lebens regelmäßig kühle Bäder. Eine Studie von 2019 vermutet als Erkrankung eine seborrhoische Dermatitis.

Seit Juni 1793 nahm Marat wegen einer Verschlimmerung seines Leidens kaum noch an Parlamentssitzungen teil, blieb aber als Herausgeber der Zeitung L’Ami du Peuple politisch aktiv. Er rief wiederholt zur Wachsamkeit gegenüber Verrätern, Verschwörern und sogenannten Volksfeinden auf. Dadurch trug er zumindest indirekt zu revolutionären Gewalttätigkeiten bei, unter anderem zu den Septembermassakern 1792 und zur Verfolgung der Girondisten nach deren Sturz im Juni 1793. Den girondistischen General Felix von Wimpffen, der sich im Sommer 1793 gegen den Nationalkonvent gestellt und Caen besetzt hatte, bezeichnete er als „le plus vil des hommes“ („den gemeinsten unter den Menschen“).

In Caen lebte die unverheiratete Adlige Charlotte Corday, die den Girondisten nahestand. Unter dem Einfluss der dort verbreiteten girondistischen Presse hielt sie Marat für den Urheber des Terrors. Sie reiste nach Paris, um ihn zu töten. Am 11. Juli 1793 angekommen, erfuhr sie, dass Marat nicht mehr an den Sitzungen des Konvents teilnahm. Sie suchte ihn deshalb in seiner Wohnung in der rue des Cordeliers auf, heute rue de l’École de Médecine. Für ihn hatte sie einen Brief geschrieben, dessen Schluss auf dem Gemälde zu sehen ist.

Nachdem sie zweimal abgewiesen worden war, gelangte Corday beim dritten Versuch in die Wohnung. Marat, der durch den Lärm geweckt worden war, ließ sie von seiner Lebensgefährtin Simone Evrard zu sich bringen. Corday sprach mit ihm über die Rebellion in der Normandie. Als Marat erklärte, er werde deren Anführer „in ein paar Tagen alle guillotinieren lassen“, stach sie auf ihn ein. Marat rief um Hilfe; ein Angestellter schlug Corday mit einem Stuhl nieder. Sie wurde gefesselt abgeführt und wenige Tage später hingerichtet. In ihrem ersten Verhör erklärte sie, sie habe allein gehandelt, weil sie überzeugt gewesen sei, Marat sei der Hauptverursacher des Desasters, und sie müsse ihr Leben opfern, um Frankreich vom Bürgerkrieg zu befreien. Marat wurde noch lebend aus der Wanne gehoben, starb aber bald darauf an der Stichverletzung in der Brust.

Entstehung und politische Funktion

Unmittelbar nach Marats Tod entstand in Paris ein regelrechter Kult um ihn. Daran beteiligte sich sein Freund Jacques-Louis David, der zugleich Abgeordneter des Nationalkonvents und Maler war. Am 14. Juli 1793 forderte ihn der Abgeordnete François-Elie Guiraut auf, ein Gegenstück zu Davids kurz zuvor entstandenem Bild Les derniers moments de Michel Le Peletier zu malen.

Le Peletier war im Januar 1793 von einem royalistischen Offizier ermordet worden, weil er für die Hinrichtung des Königs gestimmt hatte. David zeigte ihn sterbend auf einem Totenbett. Über ihm hing ein Schwert an einem Haar; ein Zettel trug die Worte „Je vote la mort du tyran“ („Ich stimme für den Tod des Tyrannen“). Das Gemälde ist heute verloren. Erhalten ist nur eine unvollständige Kopie in Form eines Kupferstichs von Pierre Alexandre Tardieu.

David vollendete Der Tod des Marat innerhalb von drei Monaten. Am 16. Oktober wurden beide Bilder in der Cour carrée des Louvre der Pariser Bevölkerung gezeigt. Am 14. November übergab David das fertige Gemälde dem Konvent. Dieser beschloss, beide Bilder an der Stirnseite des Sitzungssaals im Palais Bourbon aufzuhängen.

Deutung des Bildes

David idealisiert Marat als Märtyrer der Revolution. Marat wurde tatsächlich ohne eigenes Zutun Opfer eines Mordanschlags; im Gemälde wird dieser Tod jedoch wie eine aktive Selbstopferung dargestellt. Charlotte Corday erscheint nicht. Nur der Brief, den Marat in Wirklichkeit nie erhielt, die Stichwunde und das Messer weisen auf ihre Tat hin.

Die Pose und Lichtführung erinnern an Darstellungen christlicher Märtyrer. Als mögliche Vorbilder werden insbesondere Michelangelos Pietà (1498–1499) und Caravaggios Grablegung Christi (1603/04) genannt; ein ähnliches herabhängendes Arm-Motiv verwendeten auch Peter Paul Rubens und Guy François. Dadurch überträgt David die Bildsprache der Monarchie und des katholischen Glaubens auf die neue französische Republik.

Auch Marats Körper ist idealisiert. David zeigt die Hauterkrankung nicht, sondern einen klassisch schönen Körper in milchigem Licht. Die einfache Malweise passt zu den Marat zugeschriebenen Tugenden. Die Spende für eine Mutter von fünf Kindern, deren Mann für das Vaterland gestorben ist, bestätigt im Bild seine Großzügigkeit. Der dunkle Hintergrund steigert die Bedeutung des Geschehens und betont die Leere, die Marat hinterlassen hat.

Welche konkrete Propagandaabsicht David verfolgte, ist umstritten. Das Bild wurde als Stich in zehntausendfacher Auflage verbreitet. Jörg Traeger bringt es mit der Kampagne für die neue Verfassung in Verbindung: Diese war am 24. Juni 1793 beschlossen und am 10. August 1793 in einer Volksabstimmung mit großer Mehrheit angenommen worden. Thomas W. Gaehtgens meint dagegen, David habe zum Widerstand gegen innere Feinde aufrufen wollen, wie sie in den Attentaten auf Le Peletier und Marat sichtbar geworden seien. Danach wäre das Bild ein Aufruf zum Großen Terror, der am 5. September 1793 offiziell begann.

Nachleben und spätere Darstellungen

Nach dem Sturz Robespierres wurde das Gemälde aus dem Palais Bourbon entfernt. David musste es jahrelang versteckt halten, um eine Zerstörung zu verhindern. Französische Regierungen lehnten einen Ankauf zweimal ab, 1826 und 1837. 1893 vermachte ein Neffe Davids das Bild dem Königlichen Museum in Brüssel, wo David seinen Lebensabend verbracht hatte. Eine von David selbst im Jahr 1800 angefertigte Kopie befindet sich im Louvre.

Das Gemälde wurde zu einer Ikone der Französischen Revolution und vielfach neu interpretiert. Guillaume-Joseph Roques schuf bereits 1793 einen deutlich an David orientierten Tod des Marat. Seine Darstellung ist realistischer: Marats Kopf ist nach hinten gesunken, seine Augen wirken gebrochen, und die Hand kann die Feder nicht mehr halten. Außerdem sind Raum, Wunde und Blut ausführlicher und drastischer gestaltet.

Paul Baudrys Die Ermordung Marats durch Charlotte Corday von 1861 stellt während des Zweiten Kaiserreichs Corday in den Mittelpunkt. Sie erscheint als Heldin, die die mörderische Revolution besiegt; Frankreich wird durch eine Landkarte im Hintergrund symbolisiert. Jean-Joseph Weerts zeigte 1880 aus patriotisch-republikanischer Perspektive dagegen eine terroristische Mörderin. Corday steht mit dem blutigen Messer einer aufgebrachten Menge von Revolutionären gegenüber; ein erkennbarer Bezug zu Davids Komposition fehlt.

Santiago Rebull Gordillo romantisierte und dramatisierte das Geschehen 1875: Marat bäumt sich auf, Corday reißt den Dolch an sich, und Bedienstete stürmen in den Raum. Eine eindeutige politische Aussage ist dort nicht erkennbar. Edvard Munch erotisierte den Mord in Marats Tod I von 1907, indem er die nackte Corday neben dem ebenfalls nackten Marat zeigte. Das Bild wurde als Gleichnis eines „grausamen, existenziellen Geschlechterkampfs“ verstanden.

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