Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Dürrer September
Dürrer September (im Original Dry September) ist eine Kurzgeschichte des amerikanischen Schriftstellers und späteren Literaturnobelpreisträgers William …
Inhalt5 Abschnitte
Werk und Bedeutung
„Dürrer September“ (Original: „Dry September“) ist eine Kurzgeschichte von William Faulkner. Sie erschien erstmals im Januar 1931 im Scribner's Magazine, noch 1931 in revidierter Form in der Anthologie „These 13“ und später unter anderem in den „Collected Stories“ (1950) sowie den „Selected Stories of William Faulkner“ (1961). Elisabeth Schnacks deutsche Übersetzung wurde erstmals 1965 veröffentlicht.
Die Geschichte spielt in Jefferson, der Hauptstadt des fiktiven Yoknapatawpha County im amerikanischen Süden. Im Mittelpunkt stehen die zerstörerische Macht eines unbewiesenen Gerüchts, rassistische Vorurteile, Lynchjustiz – also Gewalt und Tötung ohne gerichtliches Verfahren – sowie gesellschaftliche Heuchelei. Will Mayes, ein Schwarzer, wird beschuldigt, die weiße Miss Minnie Cooper vergewaltigt zu haben, und wird zum Opfer eines Lynchmords. Die Erzählung klärt nie, ob die Anschuldigung wahr ist.
Handlung: Gerücht, Mob und Folgen
Im Barbiersalon wird das Gerücht über Will Mayes diskutiert. Der Barbier Hawkshaw hält Minnie Cooper für unglaubwürdig, kennt Mayes und fordert, den Sheriff einzuschalten. Butch, ein Jugendlicher, und der Handelsreisende glauben hingegen an die Anschuldigung. Als der ehemalige Truppenkommandeur McLendon auftritt, setzt er sich als Anführer durch: Fast alle Männer schließen sich ihm an, um Mayes selbst zu bestrafen.
Die Männer fahren zu einem Lagerhaus, in dem Mayes als Nachtwächter arbeitet. Mayes beteuert seine Unschuld, wird jedoch geschlagen und in ein Auto gezwungen. Hawkshaw begleitet die Gruppe zunächst, um sie umzustimmen, schlägt Mayes in einer Rangelei aber selbst. Er springt später aus dem Wagen und versteckt sich. Als die Wagen ohne Mayes zurückkehren, wird deutlich, dass Mayes ermordet wurde; die Tat selbst wird nicht erzählt.
Minnie Cooper lebt mit ihrer invaliden Mutter und einer Tante. Sie ist unverheiratet, einsam und nach einer gescheiterten Beziehung zunehmend isoliert; Whisky, neue Kleider und gesellschaftliche Auftritte helfen ihr nur scheinbar. Später geht sie mit Freundinnen ins Kino. Diese geben sich mitfühlend, wollen aber vor allem Einzelheiten der angeblichen Vergewaltigung hören. Nach dem Kinobesuch bricht Minnie zusammen; manche Freundinnen bezweifeln nun, dass überhaupt etwas geschehen ist.
McLendon kehrt nach dem Mord heim und begegnet seiner wartenden Frau aggressiv und gewalttätig. Damit zeigt sich, dass seine Brutalität nicht auf den Mob beschränkt bleibt.
Leitmotive und Opfer
Das Gerücht bestimmt die Handlung, bleibt aber ungeprüft. Mayes darf erst im dritten Teil sprechen und seine Unschuld behaupten; niemand glaubt ihm. Minnie spricht über die Anschuldigung nicht. Dadurch zeigt die Erzählung, wie ein Gerücht ohne Beweise Gewalt auslösen kann.
Die Dürre und Hitze verstärken die bedrückende Atmosphäre. Der erste englische Satz lautet: „Through the bloody September twilight, aftermath of sixy-two rainless days, it had gone like a fire in a dry grass - the rumor, the story, whatever it was.“ Staub, reglose Luft und der Mond begleiten die Eskalation. Besonders der Staub wird zum Symbol dafür, dass Gewalt und Schuld die ganze Stadt umgeben.
Rassistische Vorurteile machen es möglich, dass das Wort einer weißen Frau höher bewertet wird als die Unschuldsbeteuerung eines Schwarzen. Will Mayes ist das tatsächliche Opfer, weil er sein Leben verliert. Minnie Cooper erscheint ebenfalls als gesellschaftlich isoliertes Opfer; zugleich trägt ihr mögliches Gerücht zur Katastrophe bei. Auch McLendons Frau wird als Opfer seiner Gewalt gezeigt. Der Erzähler bewertet diese Personen nicht ausdrücklich, sondern schildert ihre Handlungen und Situationen.
Aufbau und Erzählweise
Faulkner verbindet zwei zunächst weitgehend getrennte Handlungsstränge: die Lynchmordhandlung und Minnies Geschichte von Einsamkeit, Alterung und dem Versuch, wieder gesellschaftliche Beachtung zu finden. Sie sind durch Minnies Gerücht über Will Mayes verbunden. Die Kapitel I, III und V verfolgen den Lynchmob; Kapitel II und IV schildern Minnie. Die Ereignisse konzentrieren sich, abgesehen von einer Rückblende zu Minnies Vorgeschichte, auf wenige Stunden eines Spätsommerabends.
Die Lynchmordhandlung ist überwiegend szenisch und dialogisch: Leserinnen und Leser erleben, wie aus einer Diskussion schrittweise eine gewalttätige Masse wird. Hawkshaw steht zunächst für Vernunft und Menschlichkeit, Butch für Rassenfanatismus und McLendon für Demagogie, also die gezielte Aufwiegelung anderer durch Druck, Phrasen und scheinbare Argumente. Die Erzählung richtet den Blick weniger auf die ausgesparte Tötung als auf die Täter und Mitläufer, auf Konformismus und fehlende Zivilcourage.
Minnies Handlung wird stärker erzählend dargestellt. Ihre Einsamkeit und ihr Wunsch nach Anerkennung führen sie in eine Scheinwelt. Beim Kinobesuch kippt ihr kurzer gesellschaftlicher Erfolg in unkontrollierbares Lachen und körperlichen Zusammenbruch. Ihr innerer Zustand bleibt dabei absichtlich nur indirekt erkennbar.
Gemeinsame Aussage der Handlungsstränge
Am Ende scheitern beide Fluchtversuche aus Isolation und innerer Leere: McLendon kehrt in sein als „birdcage“ bezeichnetes Zuhause zurück und steht erschöpft am Fenster; Minnie zieht sich in ihr Elternhaus zurück und bricht psychisch sowie körperlich zusammen. Beide Handlungsstränge zeigen damit deformierte zwischenmenschliche Beziehungen: auf der einen Seite aktive Gewalt, auf der anderen Seite Tratsch, soziale Voreingenommenheit und Flucht in Illusionen.
Der Titel „Dry September“ ist mehrdeutig. Er bezeichnet die tatsächliche Dürre und Regenlosigkeit, verweist aber auch auf Minnies Alterung, McLendons enttäuschende Lebensverhältnisse und die sozial aufgeheizte Lage der Stadt. Wiederkehrende Wörter und Bilder wie „blood“, „dead“, „violent“, „furious“, Hitze, Staub und Mond verknüpfen beide Erzählstränge und kündigen Gewalt an. Das Schlussbild mit McLendon zwischen dem kalten Mond und den „lidless stars“ erweitert die soziale Situation zu einem allgemeineren Bild menschlicher Ausweglosigkeit.