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Harper Lee
Weltbekannt wurde sie mit ihrem 1960 veröffentlichten Buch Wer die Nachtigall stört (Originaltitel: To Kill a Mockingbird), das seitdem über 40 Millionen Mal …
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Bedeutung und Hauptwerk
Nelle Harper Lee (28. April 1926–19. Februar 2016) war eine US-amerikanische Schriftstellerin und Pulitzer-Preisträgerin. Weltbekannt wurde sie durch den 1960 veröffentlichten Roman To Kill a Mockingbird, auf Deutsch Wer die Nachtigall stört. Das Buch verkaufte sich mehr als 40 Millionen Mal und sicherte ihr finanzielle Unabhängigkeit, brachte ihr aber auch eine von ihr unerwünschte öffentliche Aufmerksamkeit.
Ihr literarisches Werk blieb ungewöhnlich schmal. Neben wenigen Artikeln und Essays veröffentlichte sie jahrzehntelang keinen weiteren Roman. Erst 2015 erschien Go Set a Watchman, eine frühe Fassung ihres berühmten Buches. Lees Schreiben ist eng mit ihrer Kindheit im Süden der USA, ihrer Familie und ihrer Freundschaft mit Truman Capote verbunden.
Kindheit, Studium und Weg zur Schriftstellerin
Harper Lee wurde in Monroeville im US-Bundesstaat Alabama als jüngstes von vier Kindern geboren. Ihr Vater Amasa Coleman Lee war Rechtsanwalt, demokratischer Senator von Alabama sowie Verleger und Herausgeber der Lokalzeitung Monroe Journal. Er und Lees Bruder gelten als Vorbilder für Atticus beziehungsweise Jem Finch in Wer die Nachtigall stört. Eine Abstammung des Vaters vom Südstaaten-General Robert Edward Lee gilt als unwahrscheinlich.
In ihrer Kindheit lernte Lee den eineinhalb Jahre älteren Truman Capote kennen. Beide verbrachten von 1930 bis 1932 gemeinsam die Sommerferien in Monroeville. Nach ihrem Highschool-Abschluss begann Lee 1944 am Huntingdon College und wechselte 1945 an die University of Alabama. Obwohl sie zunächst Rechtswissenschaften studierte, veröffentlichte sie dort kurze Texte und wurde Chefredakteurin der Studentenzeitung Rammer Jammer.
Ein Stipendium führte sie 1948 für sechs Wochen zu einem Sommerkurs über europäische Zivilisation im 20. Jahrhundert nach Oxford. Diese Erfahrung bezeichnete sie später als ihr „erstes offenes Bekenntnis zur Literatur“. Ende 1948 beschloss sie, ihr Jurastudium aufzugeben; im Sommer 1949 setzte sie diesen Entschluss um. Anschließend zog sie nach New York City und arbeitete zunächst in einer Buchhandlung, später am Schalter der Fluggesellschaften Eastern Air Lines und BOAC.
Entstehung und Erfolg des berühmten Romans
Über Truman Capote lernte Lee Michael und Joy Brown kennen. Das Ehepaar finanzierte 1957 für ein Jahr ihren Lebensunterhalt, damit sie sich auf das Schreiben konzentrieren konnte. Im Mai 1957 reichte Lee beim Verlag J. B. Lippincott ein Manuskript mit lose verbundenen Geschichten über das Leben in den Südstaaten der 1930er Jahre ein. Darin kamen bereits der Rechtsanwalt Atticus Finch, die Ich-Erzählerin Scout als Alter Ego der Autorin, ihr Bruder Jem und der an Capote erinnernde Feriengast Dill vor.
Der Verlag und die Lektorin Tay Hohoff hielten den Entwurf noch nicht für veröffentlichungsreif. Lee überarbeitete ihn unter Hohoffs Einfluss drei Jahre lang grundlegend und verband die einzelnen Geschichten durch ein gemeinsames Hauptthema. Als Vorbild diente ein Gerichtsfall von 1933 über die Vergewaltigung einer weißen Frau durch einen schwarzen Mann.
Der Roman erschien 1960 als To Kill a Mockingbird und erhielt 1961 den Pulitzer-Preis. Die deutsche Übersetzung Wer die Nachtigall stört stand 1962 und 1963 auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste. Robert Mulligans Verfilmung von 1962 gewann drei Oscars; Gregory Peck erhielt für seine Darstellung des Atticus Finch einen davon.
Truman Capote deutete gelegentlich an, Teile des Romans selbst geschrieben zu haben. Der Verlagseditor Pearl Kazin Bell hielt dies für plausibel, während der Literaturwissenschaftler Lavizzari die Indizien für eine Mitarbeit Capotes als eher schwach bewertete. Das Gerücht lässt sich dem Artikel zufolge weder bestätigen noch endgültig widerlegen.
Rückzug und literarisches Verstummen
Nach Abschluss ihres Romans unterstützte Lee Truman Capote von Ende 1959 bis Mitte der 1960er Jahre bei den Recherchen für dessen Buch In Cold Blood, deutsch Kaltblütig. Das Werk ist unter anderem ihr gewidmet. Nach seiner Veröffentlichung entfremdeten sich Lee und Capote offenbar; als mögliche Gründe gelten eine aus Lees Sicht unzureichende Würdigung ihrer Mitarbeit und ihre unterschiedlichen Lebensweisen.
Lee veröffentlichte 1961 die Zeitschriftenartikel Love – In Other Words und Christmas To Me, 1965 den Essay When Children Discover America und präsentierte 1983 Romance and High Adventure. 1966 berief Präsident Lyndon B. Johnson sie in das National Council of Arts.
Weitere größere Werke erschienen zunächst nicht. Lee litt unter Schreibblockaden und stellte hohe Ansprüche an eine neue Veröffentlichung. Nach Aussage ihrer Schwester fürchtete sie, nach ihrem Welterfolg könne es nur „nach unten“ gehen. Außerdem wollte sie den Medienrummel nicht erneut erleben und meinte, als Schriftstellerin bereits gesagt zu haben, was sie sagen wollte.
Ende der 1970er Jahre arbeitete sie einige Jahre an The Reverend, einem geplanten Roman über den realen Mordfall des Reverend Willie Maxwell, der selbst mehrerer Morde an Familienangehörigen verdächtigt worden war. Das Buch wurde nie veröffentlicht; das Manuskript gilt bis auf wenige Seiten als verschollen.
Lee gab 1964 ihr letztes Interview und vermied weitgehend die Öffentlichkeit. Ihre ältere Schwester Alice Finch Lee wurde zu ihrem „Sprachrohr“ und ihrer „Beschützerin“. Harper Lee heiratete nie, hatte keine Kinder und lebte bis 2007 abwechselnd in New York und bei ihrer Schwester in Monroeville. Im gewöhnlichen Dorfleben war sie weniger zurückgezogen, als ihr öffentliches Bild vermuten ließ.
Späte Jahre und zweiter Roman
Lee erhielt 2005 den Los Angeles Public Library Literary Award, wurde 2007 in die American Academy of Arts and Letters aufgenommen und bekam im selben Jahr die Presidential Medal of Freedom, die höchste zivile Auszeichnung der Vereinigten Staaten. Wenige Wochen später erlitt sie einen Schlaganfall. Sie war teilweise gelähmt, benötigte einen Rollstuhl und litt im Alter unter schweren Seh- und Hörproblemen. Bis zu ihrem Tod lebte sie in einer Einrichtung für Betreutes Wohnen in Monroeville.
Im Februar 2015 wurde die Veröffentlichung von Go Set a Watchman bekannt gegeben. Das Buch war weder ein neu geschriebener Text noch eine Fortsetzung, sondern das bereits 1957 eingereichte frühe Manuskript von Wer die Nachtigall stört. Seine Handlung spielt allerdings 20 Jahre nach der später veröffentlichten Endfassung: Jean Louise kehrt aus New York nach Alabama zurück, um ihren Vater zu besuchen.
Das Buch erschien am 14. Juli 2015 mit einer Startauflage von zwei Millionen Exemplaren; die erste deutsche Auflage umfasste 100.000 Exemplare. Als eigenständiger Roman erhielt es gemischte Kritiken. Viele Kritiker betonten seinen Entwurfscharakter. Atticus Finch, der durch das frühere Buch zu einem bedeutenden amerikanischen Literatur- und Filmhelden geworden war, zeigt darin mit seinen paternalistischen und rassistischen Einstellungen gegenüber Schwarzen eine düstere Seite.
Die Veröffentlichung war umstritten. Wegen Lees gesundheitlicher Einschränkungen wurde bezweifelt, ob sie ihr aus freiem Willen zugestimmt hatte. Ihre Anwältin Tonja Carter erklärte, das verschollen geglaubte Manuskript Ende 2014 entdeckt zu haben. Andere Beteiligte behaupteten, Carter habe es schon 2011 gefunden und die Veröffentlichung erst nach dem Tod von Lees Schwester Alice im November 2014 vorangetrieben. Eine Untersuchung des Staates Alabama wegen eines möglichen Missbrauchs älterer Menschen wurde nach kurzer Zeit eingestellt.
Harper Lee starb am 19. Februar 2016 im Alter von 89 Jahren im Schlaf und wurde in Monroeville beigesetzt. Zu ihren Werken zählen neben den beiden Romanen mehrere Essays und Artikel. 2025 erschienen Kurzgeschichten und Essays unter dem Titel The Land of Sweet Forever, auf Deutsch Das Land der süßen Ewigkeit.