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Claudia Kemfert
Claudia Kemfert (* 17. Dezember 1968 in Delmenhorst) ist eine deutsche Wirtschaftswissenschaftlerin. Sie ist Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und …
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Person und beruflicher Weg
Claudia Kemfert (* 17. Dezember 1968 in Delmenhorst) ist eine deutsche Wirtschaftswissenschaftlerin mit den Schwerpunkten Energie, Klima, Verkehr und Umwelt. Sie leitet die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und ist Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Leuphana Universität Lüneburg.
Nach dem Abitur studierte sie von 1988 bis 1994 Wirtschaftswissenschaften an den Universitäten Bielefeld und Oldenburg. Nach einem Forschungsaufenthalt an der Stanford University promovierte sie 1998 in Oldenburg. Anschließend leitete sie Forschungs-Nachwuchsgruppen an der Universität Stuttgart und an der Universität Oldenburg. Außerdem war sie Gastprofessorin in St. Petersburg, Moskau und Siena. Von 2004 bis 2009 lehrte sie Umweltökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin, von 2009 bis 2019 Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School. 2020 wurde sie an die Leuphana Universität Lüneburg berufen.
Forschung und wissenschaftliche Aufgaben
Kemfert untersucht die wirtschaftlichen Folgen der Klima-, Energie- und Verkehrspolitik. Dafür nutzt sie empirische Marktanalysen und gesamtwirtschaftliche Wirkungsanalysen, also Auswertungen messbarer Daten zu einzelnen Märkten und zur gesamten Volkswirtschaft. Auf dieser Grundlage entwickelte sie quantitative Modelle, mit denen sich die ökonomischen Auswirkungen energie- und klimapolitischer Maßnahmen berechnen lassen. Diese Modelle werden im internationalen Modellnetzwerk Energy Modelling Forum (EMF) eingesetzt.
Seit Juli 2016 gehört Kemfert dem Sachverständigenrat für Umweltfragen an. Sie ist außerdem in den Klimabeiräten von Hamburg und Dresden tätig. Sie beriet unter anderem EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, die Weltbank und die Vereinten Nationen und war Gutachterin des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). Darüber hinaus wirkte sie in zahlreichen wissenschaftlichen Beiräten, Kuratorien und Jurys mit, darunter beim Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung, beim Deutschen Biomasseforschungszentrum und beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis. Sie ist Mitglied von Scientists for Future; 2026 wurde sie Mitglied des Nachhaltigkeitsrats der Bank im Bistum Essen.
Klima- und Energiepolitik
Kemfert bewertet seit Mitte der 1990er Jahre die volkswirtschaftlichen Kosten des Klimawandels und des Klimaschutzes. Ihre zentrale Aussage lautet, dass vorbeugender Klimaschutz deutlich weniger koste als die möglichen wirtschaftlichen Schäden des Klimawandels: Handeln sei billiger als Nichthandeln. Die Politik müsse deshalb sowohl eine globale Klimaschutzpolitik verfolgen als auch die Anpassung an bereits eintretende Folgen vorbereiten. Als Beispiele nennt sie besseren Deichbau, Küstenzonenmanagement und Hitzewarnsysteme.
Als wichtiges Klimaschutzinstrument betrachtet sie den 2005 in Europa eingeführten EU-Emissionshandel. Dabei benötigen Unternehmen Rechte für den Ausstoß von Treibhausgasen. Kemfert fordert, diese Emissionsrechte zu versteigern und die Ziele zur Emissionsminderung direkt von der EU festlegen zu lassen, statt sie den einzelnen Mitgliedstaaten zu überlassen.
Sie warnt vor der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern, weil Ressourcenknappheit und Klimawandel zu den größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gehörten. Als Lösung fordert sie den Umbau zu einer sicheren, CO₂-freien und bezahlbaren Energieversorgung. Die Energiewende umfasst für sie mehr als den Atomausstieg. Insbesondere dürften stillgelegte Kernkraftwerke nicht durch Kohlekraftwerke ersetzt werden, da sonst die deutschen CO₂-Emissionen stiegen. Seit 2006 fordert sie ein eigenes Energieministerium für Deutschland.
Kemfert sprach sich mehrfach gegen die inzwischen gesprengte Gaspipeline Nord Stream 2 aus. Erdgas sei weder notwendig noch eine geeignete Brückentechnologie. Zur Einhaltung der Klimaziele müsse Deutschland spätestens 2038 und damit parallel zum Kohleausstieg auch aus Erdgas aussteigen. Sie bezweifelt die Darstellung von Erdgas als klimafreundlich, da seine Klimabilanz besonders bei Förderung und Transport vermutlich schlechter sei als früher angenommen. Nach ihrer Einschätzung sind die gesamten Kosten einer Vollversorgung mit erneuerbaren Energien einschließlich Flexibilität, Digitalisierung und Speichern geringer als die Kosten eines fossil-atomaren Energiesystems.
Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 erklärte Kemfert, Deutschland zahle den Preis für die verschleppte Energiewende. Eine Energie- und Verkehrswende mache unabhängiger von hohen Preisen fossiler Energieträger und wirke zugleich friedensstiftend. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz hält sie für ein wirkungsvolles Mittel zum Ausbau erneuerbarer Energien; ein Quotenmodell lehnt sie ab. Die 2014 bekannt gewordene Idee, deutsche Atomkraftwerke in eine Stiftung einzubringen, bewertete sie als vorteilhaft für die Betreiber, aber als potenziell nachteilig für die Steuerzahler.
Öffentliche Rolle und Auseinandersetzungen
Kemfert vermittelt ihre Forschung regelmäßig in Politik und Medien. 2012 wurde sie im Schattenkabinett von Norbert Röttgen (CDU) als mögliche Energieministerin Nordrhein-Westfalens vorgestellt; 2013 gehörte sie als mögliche hessische Energieministerin zum Kompetenzteam von Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD). Kritiker bezeichneten sie deshalb als politisch zu „wendig“. Im FAZ-Ökonomenranking erreichte sie 2021 Rang 7, nach Rang 14 im Jahr 2020, Rang 10 im Jahr 2015 und Rang 6 im Jahr 2013.
Von 2021 an produzierte MDR Aktuell „Kemferts Klima-Podcast“, in dem sie Studien erklärte, Klimapolitik bewertete und Hinweise für ein nachhaltigeres Leben gab. Die letzte Folge im bisherigen Format erschien am 17. September 2025. Am 28. September 2025 begann auf fr.de der monatliche Video-Podcast „Klima Klartext“.
Mehrere ihrer Aussagen und Studien waren umstritten. Als Kemfert im Sommer 2008 bei sehr hohem Ölpreis Szenarien weiterer mittelfristiger Preisschübe entwickelte und der Preis kurzfristig sank, wurde ihr eine unseriöse Prognose vorgeworfen. Sie verwies darauf, dass Ölpreise grundsätzlich nicht zuverlässig vorhersagbar seien. 2013 berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung über den Vorwurf, sie habe ihre Haltung zum Atomausstieg geändert; Kemfert bestritt dies. Eine 2019 veröffentlichte Kritik bezeichnete eine unter ihrer maßgeblichen Beteiligung entstandene Kernkraftstudie als methodisch und inhaltlich fehlerhaft. Kemfert und ihre Koautoren wiesen dies 2021 zurück. Nach ihrer Berechnung verursachen Investitionen in Kernkraftwerke unter den gegenwärtigen Marktbedingungen Verluste von fünf bis zehn Milliarden US-Dollar und sind nur mit hohen staatlichen Subventionen finanzierbar.
Wegen ihrer öffentlichen Kommunikation zum Klimawandel erlebt Kemfert seit Jahren Anfeindungen, sexualisierte Hasskommentare und Bedrohungen bis hin zu Morddrohungen. Nach ihrer Einschätzung richten sich diese Angriffe sowohl gegen sie als Frau als auch gegen sie als Wissenschaftlerin. Sie sieht darin den Versuch, ihre Kommunikation zu verhindern, wissenschaftliche Erkenntnisse als unsicher erscheinen zu lassen und ihre persönliche Kompetenz anzuzweifeln. Sie vermutet dahinter unter anderem Interessen von Industriebranchen, die ihre Geschäftsmodelle schützen wollen; die Kommunikationswissenschaftlerin Valerie Hase hält diese Vermutung für plausibel.
Veröffentlichungen und Auszeichnungen
Kemferts wissenschaftliche Arbeiten behandeln unter anderem umweltökonomische Instrumente, die Verringerung von CO₂-Emissionen, die Umstellung Europas auf ein zu 100 Prozent erneuerbares Energiesystem und europäische Wege zu einem CO₂-armen Energiesystem. Ihre Dissertation von 1998 trägt den Titel „Makroökonomische Wirkungen umweltökonomischer Instrumente“. Zu ihren Sachbüchern gehören „Die andere Klima-Zukunft: Innovation statt Depression“ (2008), „Kampf um Strom: Mythen, Macht und Monopole“ (2013), „Das fossile Imperium schlägt zurück“ (2017), „Schockwellen – Letzte Chance für sichere Energien und Frieden“ (2023) und „Kurzschluss. Wie wir unsere Energiezukunft verspielen“ (2026).
Für Forschung, Umweltpolitik und Wissenschaftskommunikation erhielt sie mehrere Auszeichnungen. Dazu zählen die Aufnahme in die „Elf der Wissenschaft“ 2006, die Urania-Medaille und der B.A.U.M.-Umweltpreis 2011, der Deutsche Solarpreis und der Adam-Smith-Preis für marktwirtschaftliche Umweltpolitik 2016, der Umweltmedienpreis der Deutschen Umwelthilfe 2022 sowie der Bayerische Naturschutzpreis 2022.