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Charles Oscar Brink
Für die Beurteilung der Textkohärenz hält Brink es für wichtig, an ein poetisches Werk andere Maßstäbe anzulegen als an Prosa. Die Ars Poetica bildet …
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Bedeutung und wissenschaftliches Profil
Charles Oscar Brink FBA, geboren als Karl Oskar Levy am 13. März 1907 in Berlin-Charlottenburg, war ein britischer Klassischer Philologe deutscher Herkunft. Als Klassischer Philologe untersuchte er die Sprachen, Texte und Ideen der griechisch-römischen Antike. Seine Forschung konzentrierte sich auf die antike Geistes- und Ideengeschichte, besonders auf die Philosophie des Aristoteles und seiner Schule, die Geschichtsschreibung des Tacitus sowie die Literaturtheorie des Horaz.
Von 1954 bis 1974 war Brink Kennedy Professor of Latin an der University of Cambridge. Internationale Bedeutung erlangte er außerdem durch seine langjährige Mitarbeit am Thesaurus Linguae Latinae, einem wissenschaftlichen Wörterbuch der lateinischen Sprache. Die Angaben zu seinem Tod widersprechen sich im Artikel: Einleitend wird der 2. März 1994 genannt, später der 4. März 1994; als Sterbeort gilt Cambridge.
Ausbildung, Emigration und akademische Laufbahn
Brink stammte aus einer assimilierten jüdischen Familie des gehobenen Bürgertums. Ab 1925 studierte er Philosophie und Klassische Philologie an der Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin. Zu seinen wichtigen Lehrern gehörten Eduard Spranger, Eduard Norden, Paul Maas, Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff und Werner Jaeger. Auf Jaegers Empfehlung studierte er im Sommersemester 1928 auch an der University of Oxford, unter anderem bei William David Ross, Albert Curtis Clark und Hugh Last. 1931 bestand er das Erste Staatsexamen für das höhere Lehramt. Am 31. August 1931 trat er der evangelischen Kirche bei und änderte seinen Familiennamen von Levy zu Brink. 1933 wurde er bei Werner Jaeger mit einer Arbeit über die Aristoteles zugeschriebene Magna Moralia promoviert.
Vom 20. April 1933 bis zum 25. März 1938 arbeitete Brink als Assistent am Thesaurus Linguae Latinae in München. Seine Stelle finanzierte ein fünfjähriges Stipendium der Rockefeller-Stiftung. Die Leitung schützte ihre Rockefeller-Stipendiaten, indem sie die 1933 verlangten Nachweise einer sogenannten arischen Herkunft nicht vorlegte. Daneben schrieb Brink für Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft mehrere Artikel über griechische Philosophen und einen umfangreichen Überblick über den Peripatos.
1938 emigrierte Brink nach Großbritannien und erhielt durch W. D. Ross eine Stelle beim Oxford Latin Dictionary. Seine Eltern konnten ihm im April 1939 nach England folgen. Weil Brink zunächst deutscher Staatsbürger blieb, wurde er von Juni bis Oktober 1940 als enemy alien, also als Bürger eines feindlichen Staates, interniert. 1941 entzog das Deutsche Reich den Emigranten die deutsche Staatsbürgerschaft. Nach der kriegsbedingten Einstellung der Arbeit am Wörterbuch wurde Brink Tutor und später Senior Classical Master am Magdalen College. 1942 trat er der Church of England bei und heiratete Daphne Hope Harvey.
Im Februar 1947 wurde Brink britischer Staatsbürger; im März 1948 anglisierte er seine Vornamen zu Charles Oscar. Er lehrte ab 1948 an der University of St Andrews, erhielt 1951 den Chair of Latin an der University of Liverpool und wechselte 1954 nach Cambridge. Dort wirkte er bis zu seiner Emeritierung 1974. Er beteiligte sich an der Reform des altsprachlichen Unterrichts und spielte eine entscheidende Rolle bei der Gründung der Joint Association of Classical Teachers und des Cambridge Schools Classics Project. 1964 wurde er Mitglied der British Academy, 1973 korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und Doctor of Letters der University of Cambridge.
Aristoteles, Peripatos und Tacitus
Brinks frühe Forschung galt dem Peripatos, der Philosophenschule des Aristoteles. In seiner Dissertation untersuchte er die Magna Moralia. Wie Richard Rudolf Walzer lehnte er die Verfasserschaft des Aristoteles ab, begründete dies jedoch anders: Aus formalen Merkmalen folgerte er, die Schrift stamme aus der Generation der Enkelschüler des Aristoteles. Sein Fachwissen führte zu dem großen, 1935 und 1936 verfassten Enzyklopädieartikel über den Peripatos. Später veröffentlichte er weitere Arbeiten zur peripatetischen Philosophie, darunter eine Sammlung von Fragmenten des Philosophen Praxiphanes.
Seit 1932 beschäftigte sich Brink außerdem mit Tacitus, einem römischen Geschichtsschreiber der Kaiserzeit. Durch Vergleiche mit der Parallelüberlieferung arbeitete er die spezifisch römischen formalen Merkmale heraus, mit denen Tacitus die julisch-claudische Dynastie und die Flavier darstellte.
In einer textkritischen Studie untersuchte Brink den Codex Laurentianus Mediceus 68.1. Textkritik bezeichnet die Prüfung und den Vergleich überlieferter Handschriften, um einen möglichst zuverlässigen Text herzustellen. Brink kam zu dem Ergebnis, dass dieser Codex für die ersten sechs Bücher der Annalen kein grundsätzlich zuverlässiger Textzeuge sei. Damit stellte er eine Grundlage infrage, auf der der Annalen-Text seit der Ausgabe von Justus Lipsius aus dem Jahr 1574 beruhte. Ab 1953 beteiligte er sich nicht mehr an der daraus entstandenen Kontroverse, beriet aber Francis Richard David Goodyear bei dessen Ausgabe der ersten sechs Bücher.
Horaz und antike Literaturtheorie
Brinks bedeutendstes Werk war Horace on Poetry. Er arbeitete seit 1957 daran; die drei Bände erschienen 1963, 1971 und 1982. Behandelt werden Schriften des Horaz, deren Hauptgegenstand Literatur und Dichtung sind. Brink wandte sich gegen Eduard Fraenkels Auffassung, zum Verständnis eines Textes sei allein der Text selbst nötig. Er bezog vielmehr andere Werke des Horaz ein, besonders die Ars Poetica.
Im Mittelpunkt standen vier Forschungsprobleme:
• Die Ars Poetica wirkt in Gliederung, Aufbau und Gedankenführung zunächst ungeordnet. Brink betrachtete diese Unordnung als oberflächliches Merkmal, hinter dem ein bestimmtes poetisches Konzept stehe. Ein Gedicht müsse bei der Beurteilung seines Zusammenhangs nach anderen Maßstäben untersucht werden als Prosa.
• Die Ars Poetica enthält Spuren der antiken Literaturtheorie, darunter Bruchstücke eines verlorenen Traktats des Neoptolemos von Parion. Dieser bildet ein Bindeglied zwischen Horaz und Aristoteles. Brink versuchte, gesicherte Tatsachen von Forschungshypothesen zu trennen, und erklärte die Ars Poetica vor allem textimmanent, also aus dem Text selbst heraus.
• Um Horaz’ Verhältnis zur literaturtheoretischen Tradition zu bestimmen, zog Brink wegen der schwierigen Quellenlage auch die literarischen Satiren, die sermones, und die Briefe, die epistulae, an Augustus heran. Aus diesen Schriften leitete er Horaz’ Modell der Literaturtheorie ab.
• Bei der Frage, ob die Ars Poetica ein in Verse gebrachter Traktat oder ein Gedicht sei, entschied sich Brink für eine poetische Deutung. Er nannte das Werk „einen poetischen Spiegel der antiken Dichtungstheorie“ („a poetic mirror of the ancient view of poetry“).
Wissenschaftsgeschichte und Thesaurus-Arbeit
Aus Brinks Arbeit über Horaz entwickelte sich sein Interesse an der Geschichte der Klassischen Philologie. Vorträge, die er 1977 an der Scuola Normale Superiore in Pisa hielt, bildeten die Grundlage seines Alterswerks English Classical Scholarship von 1986. Darin vertrat er die Auffassung, dass eine sichere Beherrschung der griechischen und lateinischen Sprache und Literatur für das Verständnis der Antike zentral sei. Er erläuterte dies anhand der britischen Philologen Richard Bentley, Richard Porson und A. E. Housman, die er für die bedeutendsten Philologen Englands hielt. Bentley verstand er als Vorläufer der modernen Altertumswissenschaft; Housmans Umgang mit grundlegenden philologischen Fragen verglich er mit dem seines Zeitgenossen Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff. Marcus Deufert übersetzte das Buch 1997 als Klassische Studien in England ins Deutsche.
Mit dem Thesaurus Linguae Latinae blieb Brink nach seiner Münchner Assistentenzeit eng verbunden. In seinem Horazwerk zeigte er, wie dessen Archiv und veröffentlichte Bände die philologische Forschung unterstützen können. 1967 wurde er Delegierter der British Academy in der Internationalen Thesaurus-Kommission, 1979 Vizepräsident des Geschäftsführenden Ausschusses und 1988 Präsident der Kommission. Dieses Amt übte er bis zu seinem Tod im Jahr 1994 aus.