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Camp de Gurs

Das Camp de Gurs [gyʁs] in der französischen Ortschaft Gurs nördlich der Pyrenäen war bereits vor dem Zweiten Weltkrieg das größte französische …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Bedeutung
  2. 2. Entstehung und Nutzung
  3. 3. Lebensbedingungen
  4. 4. Gefangenengruppen und Deportationen
  5. 5. Gedenkstätte und Friedhof
  6. 6. Künstlerische Zeugnisse und Erinnerung

Überblick und Bedeutung

Das Camp de Gurs war ein französisches Internierungslager bei der Ortschaft Gurs im Département Pyrénées-Atlantiques, westlich von Toulouse und nahe Pau. Es lag etwa 80 Kilometer von der spanischen Grenze entfernt. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg war es das größte Internierungslager Frankreichs. Errichtet wurde es zunächst für politische Flüchtlinge und ehemalige Kämpfer des Spanischen Bürgerkriegs.

Nach der französischen Niederlage 1940 wurde das Lager nicht unmittelbar vom NS-Regime, sondern in dessen Auftrag von der abhängigen Vichy-Regierung verwaltet. Besondere Bedeutung erhielt Gurs durch die Deportation fast der gesamten jüdischen Bevölkerung aus Baden, der bayerischen Pfalz und der Saarpfalz im Oktober 1940. Viele Überlebende wurden ab August 1942 weiter nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet. Den französischen Stellen war bekannt, welches Schicksal ihnen drohte.

Von 1939 bis 1945 waren insgesamt 63.929 Menschen in Gurs interniert, davon 60.559 bis zur Befreiung und 3.370 danach. Seit 1994 ist das ehemalige Lagergelände eine nationale Gedenkstätte. Sie erinnert an Flüchtlinge, Widerstandskämpfer, deutsche Juden und weitere dort misshandelte oder ermordete Menschen.

Entstehung und Nutzung

Die Regierung Édouard Daladiers ließ das Lager im April 1939 auf einem feuchten, 80 Hektar großen Gelände errichten. Die zunächst 400 einfachen Holzbaracken waren von einem doppelten Stacheldrahtzaun umgeben. Offiziell galt die provisorische Anlage als „Empfangszentrum“ für Flüchtlinge und Kämpfer aus dem Spanischen Bürgerkrieg.

Ab Mai 1940 wurden außerdem sogenannte „Unerwünschte Personen“ eingeliefert. Dazu zählten antifaschistische Emigranten aus Deutschland, als Spione verdächtigte deutsche Staatsbürger und zahlreiche Basken. Die Verhaftungen erfolgten zunächst unter der linken Volksfront-Regierung und ab Sommer 1940 unter dem rechtsextremen Vichy-Regime.

Ab Oktober 1940 kamen die aus Südwestdeutschland deportierten Juden hinzu. Die Züge endeten in Oloron-Sainte-Marie, weil Gurs keinen Gleisanschluss besaß. Für viele Menschen war das Lager nur eine Zwischenstation: Ab August 1942 wurden sie über andere Lager nach Auschwitz-Birkenau verschleppt und größtenteils ermordet.

Im November 1943 schlossen die Vichy-Behörden Gurs und überstellten die verbliebenen Gefangenen in das Camp de Nexon. 1944 wurde das Lager für Regimegegner erneut geöffnet. Nach der Befreiung dienten die Baracken zur Inhaftierung von Kollaborateuren und deutschen Kriegsgefangenen. 1946 wurde das Lager endgültig geschlossen und abgebaut. Auf dem größten Teil des Geländes pflanzte man Wald; dadurch sollte auch die Erinnerung an das stets unter französischer Verwaltung stehende Lager verdrängt werden.

Lebensbedingungen

Das etwa drei Kilometer lange und breite Lager war in zwölf Îlots gegliedert. Ein Îlot war ein mit Stacheldraht abgegrenzter Block aus jeweils 25 bis 27 Baracken. Jede Baracke bot 60 Schlafplätze, war 24 Meter lang, sechs Meter breit und innen zweieinhalb Meter hoch. Die Gebäude bestanden vollständig aus Holz und enthielten keine Möbel. Koffer mussten als Tische und Stühle dienen.

Anfangs schliefen Gefangene teilweise auf dem nackten Boden. Später konnten sie einen Sack mit Stroh füllen; jedem Menschen stand in der Baracke lediglich ein 70 Zentimeter breiter Platz zur Verfügung. Fast das gesamte Gelände war unbefestigt und verwandelte sich bei schlechtem Wetter in Schlamm.

Das Lagerleben war von Familientrennungen, Hunger, Kälte, Krankheiten und katastrophaler Hygiene geprägt. Läuse, Flöhe und Wanzen waren weit verbreitet, außerdem trat unter anderem Ruhr auf. Durchschnittlich starben täglich sieben Menschen. Morgens erhielten die Internierten eine schwarze Brühe und etwas Brot, mittags und abends Wassersuppe mit wenigen Kichererbsen. Eine Krankenstube mit Betten war vorhanden, doch fehlten Medikamente und medizinische Geräte. Die Kinderhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes brachte eine gewisse Besserung.

Gefangenengruppen und Deportationen

Die Zusammensetzung der Gefangenen wechselte mit der politischen Lage. Vom 5. April bis 31. August 1939 kamen insgesamt 24.520 Menschen aus Spanien nach Gurs: 6.555 Basken, 6.808 Angehörige der Internationalen Brigaden, 5.397 Mitglieder des fliegenden oder technischen Luftwaffenpersonals und 5.760 sonstige Spanier. Baskische Nationalisten und Soldaten konnten wegen der Nähe zu ihrer Heimat häufig Unterstützung finden und fliehen. Einige Brigadisten entkamen oder traten der französischen Fremdenlegion bei. Mechaniker der republikanischen Luftwaffe fanden teilweise französische Arbeitgeber und konnten das Lager legal verlassen. Viele Spanier ohne Beziehungen in Frankreich wurden dagegen über Irun zurückgebracht und in das Camp de Miranda de Ebro verschleppt.

Zu den französischen Gefangenen gehörten politisch aktive Linke wie Gewerkschafter, Sozialisten, Anarchisten und Kommunisten, außerdem Pazifisten, die nicht in der Rüstungsindustrie arbeiten wollten, sowie zeitweise Vertreter der extremen Rechten. Die ersten linken Franzosen wurden am 21. Juni 1940 eingeliefert. Nach dem Waffenstillstand vom 22. Juni 1940 kam Gurs unter zivile Verwaltung des Vichy-Regimes. Der bisherige Militärkommandant verbrannte zuvor die Akten und ließ spanische Republikaner entkommen. Die Aktenvernichtung erschwerte vielen ehemaligen Internierten später jedoch Entschädigungsforderungen. Das erste Kontingent aus den Niederlanden traf am 21. Mai 1940 ein; weitere Gefangene stammten unter anderem aus Österreich, der Tschechoslowakei, Italien und Polen.

Unter den deutschen Staatsbürgern waren politische Flüchtlinge, frühere Interbrigadisten und zahlreiche Juden, die vor dem NS-Regime nach Frankreich geflohen waren. Am 22. Oktober 1940 ließen die Gauleiter Robert Wagner und Josef Bürckel bei der ersten planmäßigen Deportation von Juden aus Deutschland 6.538 jüdische Deutsche aus Baden, der Pfalz und dem Saarland nach Gurs verschleppen. Die Transporte kamen aus Mannheim mit 2.335 Menschen, Heidelberg mit 1.380, Karlsruhe mit 900, Freiburg mit 450, Konstanz mit 110 und Baden-Baden mit 106. Etwa 2.000 der Deportierten starben bereits in Gurs. Die meisten übrigen wurden später über das Camp de Rivesaltes nach Auschwitz-Birkenau gebracht und dort ermordet. Nur wenigen gelang ab 1941 mithilfe internationaler Organisationen oder persönlicher Kontakte die Ausreise in sichere Drittländer.

Vom 1. Mai bis 24. Oktober 1940 verzeichnete das Lager 14.795 sogenannte unerwünschte Personen, darunter 9.771 Deutsche und Österreicher, 3.695 Spanier und 1.329 Franzosen. Vom 25. Oktober 1940 bis 31. Oktober 1943 wurden nach dem antisemitischen Gesetz des Vichy-Regimes 18.185 Menschen interniert, darunter die 6.538 Deutschen aus Baden und der Saarpfalz sowie 3.870 Menschen aus dem Lager St. Cyprien.

Gedenkstätte und Friedhof

Die frei zugängliche nationale Gedenkstätte wird vom Förderverein Amicale du camp de Gurs mit Sitz in Pau betreut. Ein Pavillon informiert über die Gefangenen und ihre Lebensbedingungen. Durch das meist bewaldete Gelände führt ein „Weg der Erinnerung“ mit Informationstafeln. Am Anfang der etwa zwei Kilometer langen Lagerstraße erinnert eine von dem israelischen Künstler Dani Karavan gestaltete Doppelreihe aus Stelen an die verschiedenen Opfergruppen. Eine Holzbaracke wurde rekonstruiert. Ein 160 Meter langes Gleis führt von einer nur durch ein Holzgerüst angedeuteten Baracke zu einem betonierten, mit Stacheldraht umzäunten Platz und steht symbolisch für die Deportationen in die Vernichtungslager.

Auf dem Lagerfriedhof sind 1.187 Menschen begraben, überwiegend im Lager gestorbene Flüchtlinge und Kämpfer aus Spanien sowie jüdische Deportierte. Ehemalige Internierte regten 1947 eine würdige Grabstätte an. Der heutige Friedhof wurde vom Frühjahr 1961 bis zum Herbst 1962 nach Plänen der Stadt Karlsruhe angelegt. Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und das Saarland finanzieren inzwischen seine Erhaltung. In den Herkunftsregionen erinnern weitere Mahnmale an die Deportationen vom 22. und 23. Oktober 1940, darunter ein zentrales Mahnmal in Neckarzimmern sowie Denkmäler in Mannheim, Freiburg, Landau und Konstanz.

Künstlerische Zeugnisse und Erinnerung

Trotz der Lagerbedingungen entstanden Zeichnungen, Comics, Lieder und andere Kunstwerke. Elsbeth Kasser, die von 1940 bis 1943 für das Schweizerische Rote Kreuz in Gurs arbeitete, betreute zahlreiche Künstler und rettete viele ihrer Werke in die Schweiz. Die Sammlung der 1994 gegründeten Elsbeth Kasser-Stiftung befindet sich im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich und wurde mehrfach ausgestellt.

Zu den wichtigen bildlichen Zeugnissen gehören Horst Rosenthals 1942 entstandene Comics Petit guide à travers le camp de Gurs, Mickey au camp de Gurs und La Journée d'un hébergé. Manfred Wildmann, der 1940 als Zehnjähriger aus Baden deportiert wurde, hielt seine Erlebnisse in zwölf Bildern fest, die sich heute im United States Holocaust Memorial Museum in Washington befinden. Im Lager entstand außerdem Musik, beispielsweise Leonhard Märkers als Tango vertontes Lied von Gurs. Werke und Lieder von internierten Musikern wurden später in Gesprächskonzerten wieder aufgeführt.

Auch literarische Werke bewahren die Erinnerung. Gertrud Isolani, die 1940 zwei Monate in Gurs inhaftiert war und fliehen konnte, verarbeitete ihre Erfahrungen im 1945 erschienenen Roman Stadt ohne Männer und in ihren Memoiren Kein Blatt vor dem Mund. Christian Berkel schildert im Roman Der Apfelbaum am Beispiel seiner Mutter das Lagerleben und verweist auf Rosenthals Comics. Maxim Leo behandelt in Wo wir zu Hause sind: Die Geschichte meiner verschwundenen Familie die Internierung seiner Großtante Ilse Leo und die spätere Verarbeitung dieser Erfahrungen innerhalb der Familie.

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