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Buchdruck in Venedig
Venedig war seit dem späten 15. Jahrhundert bis gegen Ende des 16. Jahrhunderts das wichtigste Zentrum des europäischen Buchdrucks.
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Bedeutung und Voraussetzungen
Venedig war vom späten 15. Jahrhundert bis gegen Ende des 16. Jahrhunderts das wichtigste Zentrum des europäischen Buchdrucks. Gedruckt wurden unter anderem liturgische Texte, Werke griechischer und lateinischer Klassiker, religiöse Bücher des Judentums, Musiknoten, Karten und Atlanten sowie naturwissenschaftliche Bücher. Die venezianischen Druckereien verwendeten oder entwickelten Lettern für lateinische, griechische, aramäische, arabische, kroatische und serbische Texte. Aus dem 15. Jahrhundert sind mehr als 4000 Druckerzeugnisse und die Namen von 150 in Venedig tätigen Druckern bekannt.
Günstig waren Venedigs Stellung als Handelszentrum, seine weitreichenden Handels- und Geschäftsverbindungen, die diplomatischen und kulturellen Kontakte, religiöse Toleranz und ein vergleichsweise freies geistiges Klima. Die Nähe zur Universität Padua unterstützte die Nachfrage nach humanistischen Texten. 1469 siedelten sich Johannes und Wendelin de Spira an; 1470 druckten sie den Canzoniere von Francesco Petrarca, das erste Buch in italienischer Sprache. Im selben Jahr arbeitete Nicolas Jenson in ihrer Werkstatt und entwarf verschiedene Schrifttypen.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts gab es in Venedig mehr als 100 Drucker und Verleger. Bei den Inkunabeln, den Wiegendrucken der Frühzeit, lag Venedig mit 387 als Druckort angegebenen Exemplaren an dritter Stelle hinter Straßburg mit 491 und Köln mit 434. Während in Deutschland vor allem Bibeln und andere geistliche Texte erschienen, bestand in Venedig von Anfang an eine starke Nachfrage nach griechischen und römischen Autoren.
Eine entscheidende Rolle spielte Aldus Manutius, der 1489 nach Venedig kam. Er verglich die überlieferten Handschriften griechischer und römischer Autoren, korrigierte Fehler und veröffentlichte erstmals textkritisch durchgesehene Ausgaben von hoher Genauigkeit. Seine Auflagen erreichten bis zu 1000 Exemplare statt der damals üblichen höchstens 500. Die handlichen, kleinformatigen und in Leder gebundenen Aldinen wurden wegen ihrer Druckqualität, Textgenauigkeit und praktischen Form zu großen Verkaufserfolgen.
Innovationen des venezianischen Buchwesens
Venedig erprobte und verbreitete wichtige Neuerungen des Buchdrucks. Die Antiqua, eine aus den humanistischen und römischen Schriftformen entwickelte Druckschrift, wurde von Nicolas Jenson vervollkommnet. Francesco Griffo schnitt im Auftrag von Aldus Manutius stilbildende Antiqua-Schriften und die erste nach rechts geneigte Kursive. Diese platzsparende Schrift eignete sich besonders für die kleinformatigen Aldinen.
Aldus Manutius führte die Interpunktion in den Buchdruck ein. Kustoden, kurze Hinweise am Seitenende auf das folgende Wort oder den folgenden Seitenanfang und Vorläufer der Seitenzählung, erschienen erstmals 1470 in der Tacitus-Ausgabe Arnold Therhoernens. Erhard Ratdolt versah 1476 erstmals ein Buch mit einem Titelblatt, das bereits fast alle Elemente eines modernen Titelblatts außer dem Verfassernamen enthielt. Dazu gehörten eine kurze Vorrede und ein Holzschnittrahmen, der das Titelblatt deutlich vom folgenden Text absetzte.
Auch die Textqualität war eine wichtige Neuerung. Vor Aldus führten ungebildete oder sprachunkundige Drucker, ungenaue Handschriften und scharfe Konkurrenz häufig zu Fehlern und widersprüchlichen Ausgaben. Aldus verband die Arbeit des Druckers mit der des Humanisten und Philologen. Für seine Schriften ließ er hochwertige Stempel von renommierten Künstlern herstellen, besonders von Francesco Griffo. Dadurch wurden seine Ausgaben zu Vorbildern der europäischen Typographie.
Typographie und mehrsprachiger Druck
Die frühen Drucker orientierten sich an mittelalterlichen Handschriften. Da viele Drucker aus Deutschland kamen, wurde zunächst auch in Italien häufig mit Fraktur gedruckt. In den romanischen Ländern setzte sich jedoch die Antiqua durch. Griffo schuf für Aldus eine mehrfach verfeinerte Antiqua nach dem Vorbild der venezianischen Kanzleischrift sowie die erste Kursive der Druckgeschichte. Jede Offizin stellte ihre Typen meist selbst her.
Venedig entwickelte Druckmöglichkeiten für zahlreiche Sprachen und Schriften. Arabische Typen waren wegen ihrer schwierigen Herstellung zunächst problematisch. 1514 erschien das arabische Buch Kitab salat as-sawa'i, wahrscheinlich das erste vollständig mit beweglichen Lettern hergestellte arabische Buch. 1537/38 wurde in Venedig der erste Koran mit beweglichen Lettern gedruckt. Er war für den Export in die osmanischen Länder bestimmt, blieb aber ein wirtschaftlicher Misserfolg.
Der Armenier Hakob Meghapart gründete 1511 in Venedig eine Druckerei und gab 1512 das erste Buch in armenischer Schrift heraus. Zu den bekanntesten frühen armenischen Drucken zählt Urbatagirk. Für die kroatische Sprache und glagolitische Lettern entstanden in Venedig ein Missale von 1493 und ein Evangelistar von 1495. Drei Viertel der im heutigen Jugoslawien aufbewahrten Inkunabeln wurden in Venedig gedruckt.
Die erste griechische Druckpresse Venedigs wurde gegen Ende des 15. Jahrhunderts von Nikolaos Vlastos und Zacharias Kallierges gegründet; die Datierung liegt je nach Quelle zwischen 1470 und 1493. 1499 veröffentlichten sie das griechische Wörterbuch Etymologicum magnum im Folioformat mit 233 Blättern. Aldus Manutius konnte für seine griechischen Klassikerausgaben auf die Bibliothek Bessarions mit 482 griechischen Handschriften zurückgreifen. Die griechischen Lettern waren wegen zahlreicher Ligaturen und ihrer Orientierung an der Schreibschrift allerdings schwer lesbar.
Bei den hebräischen Drucken wurde Venedig besonders durch Daniel Bomberg bedeutend. Zwischen 1516 und 1546 gab er wichtige jüdische Texte in hoher typographischer und textlicher Qualität heraus. 1520–1522 erschien seine erste vollständige Druckausgabe des Talmud in zwölf Bänden mit dem Kommentar Raschis; 1524/25 folgte die Rabbinerbibel. Bomberg führte dabei eine Gliederung und Seitenzählung ein, die für spätere Talmudausgaben maßgeblich wurden. 1553 ordnete die Kurie die Konfiszierung und Verbrennung des Talmuds und jüdischer Schriften an. Nach der Aufhebung des Verbots 1563 wurde in Venedig wieder hebräisch gedruckt, doch Handel und Produktion erholten sich nicht vollständig.
Notendruck und Musikalien
Der Notendruck erfolgte zunächst meist im Holzschnitt. Die entsprechenden Bücher waren fast ausschließlich liturgische Werke, etwa Messbücher und Gradualbücher. Der Druck von Notenlinien, Rubriken und Noten in mehreren Arbeitsgängen war aufwendig. Deshalb ließen viele Drucker Platz für handschriftliche Ergänzungen.
Der erste Notendruck in Venedig war ein Graduale von 1482 aus der Offizin Ottaviano Scottos. Von 80 erhaltenen italienischen Missalien aus der Inkunabelzeit stammen 50 aus Venedig; auf die deutschen Drucker Johann Hamman von Landau und Johann Emerich von Speier entfallen allein 35. Hamman druckte von 1482 bis 1509 in Venedig. Von 85 Drucken aus seiner Offizin enthielten 51 Noten oder Notenlinien zum handschriftlichen Eintragen.
1498 erhielt Ottaviano Petrucci von der Signoria ein 20 Jahre geltendes Privileg für den Notendruck. Er erfand den Notendruck mit beweglichen Lettern und gilt als erster Musikverleger Venedigs. Um 1501 veröffentlichte er unter dem Titel Harmonice Musices Odhecaton mehrstimmige Canzonen bekannter Komponisten; zwei weitere Bände folgten bald. Venedig wurde dadurch für mehrere Jahrzehnte zu einem Zentrum der Herstellung und des Handels mit Musikalien.
Kartographie und Atlanten
Die venezianische Kartographie knüpfte an die Herstellung von Portolankarten, also detaillierten Seekarten, und Isolarien, beschreibenden Kartenwerken über Inseln und Küsten, an. Die ersten gedruckten Karten entsprachen den handgefertigten Portolankarten. Anders als Spanien und Portugal behandelte Venedig Karten früh als Handelsware. Wegen seiner Handelsverbindungen war die Stadt auf genaue Seekarten angewiesen; venezianische Portolankarten wurden von Seefahrern verschiedener Nationen benutzt.
Benedetto Bordones Isolario von 1528 enthielt eine Weltkarte, die Süd- und Nordamerika sowie die Trennung Amerikas von Asien durch einen Ozean berücksichtigte. Antarktis, Asien, Indien und Afrika entsprachen darauf teilweise noch älteren Weltkarten. Das 1547 bei Aldus gedruckte Isolario Bordones enthielt neben einer Weltkarte zwölf Karten von Amerika, darunter einen Stadtplan von Temistitan, dem heutigen Mexiko-Stadt, sowie eine Karte Japans, die Ciampagu genannt wurde. Es bot außerdem den ersten bekannten Bericht über Pizarros Eroberung von Peru.
Durch neue Druckverfahren und höhere Auflagen, besonders durch den Kupferstich, gewann der Kartenhandel zusätzliche Bedeutung. Im 16. Jahrhundert dominierte Venedig die Kartenproduktion in Italien; ein wichtiger Konkurrent war die Offizin von Lafreri in Rom. Die Karten Asiens aus der Druckerei Giacomo Gastaldis von 1559 bis 1561 dienten noch Abraham Ortelius und bis ins 18. Jahrhundert Frederik de Wit als Ausgangsmaterial.
Giovan Battista Ramusios dreibändiges Werk Delle navigatione et viaggi erschien zwischen 1550 und 1559 bei Giunti und sammelte zeitgenössische Reiseberichte. 1564 druckte Marc Antonio Giustinian eine Weltkarte mit arabischer Beschriftung. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts verlor Venedig seine führende Stellung in der Kartographie an die Niederlande.
Niedergang und spätere Entwicklung
Mit dem Verlust der wirtschaftlichen und politischen Bedeutung Venedigs setzte auch der Niedergang von Buchdruck und Buchhandel ein. Die verschärfte Buchzensur der Kurie, insbesondere der 1595 eingeführte römische Index, lähmte den Handel. Viele Drucker schlossen ihre Betriebe oder wanderten ab. Ende des 17. Jahrhunderts bestanden jedoch noch 27 Druckereien und 70 Buchhandlungen; damit blieb Venedig die führende italienische Stadt des Buchhandels.
Im frühen 17. Jahrhundert entstanden nationale Buchmärkte, weil die Nationalsprachen zunehmend zu Sprachen von Wissenschaft und Kultur wurden und Latein seine Funktion als gemeinsame Sprache der Gebildeten verlor. Das schwächte den überregionalen venezianischen Markt. 1753 gab es dennoch wieder 94 Druckereien, darunter die Verlage Pasquali, Antonio Zatta und Albrizzi. Albrizzi veröffentlichte illustrierte Bücher, Zatta spezialisierte sich auf Karten und Atlanten, und Giambattista Pasquali gab zwischen 1788 und 1795 eine maßgebliche Gesamtausgabe von Goldonis Theaterstücken in 44 Bänden heraus.
Seit Beginn des 18. Jahrhunderts war Venedig außerdem ein wichtiger Verlagsort für Zeitungen und Zeitschriften der europäischen Aufklärung. Die Repubblica di Venezia erschien ab 1710; behandelt wurden literarische, ästhetische, juristische, theologische und naturwissenschaftliche Themen. 1763 folgte die Biblioteca moderna mit Berichten über neue Bücher und literarischen Nachrichten. Antonio Graziosis Zeitschrift Notizie del Mondo erschien ab 1796 und wurde auch während der österreichischen Besatzung bis 1814 gedruckt.
Die Ankunft Napoleons auf dem Markusplatz beendete die Serenissima. Unter der anschließenden österreichischen Herrschaft führten Zensur und Kontrolle nach dem System Metternich zum Verlust der Freiheit und Unabhängigkeit von Druckern und Verlegern und schließlich zum Ende ihrer wirtschaftlichen Existenz.