Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Bosnische Pyramiden
Bei den sogenannten Bosnischen Pyramiden handelt es sich um eine Behauptung des amerikanisch-bosnischen Bauunternehmers und Esoterikers Semir Osmanagić.
Inhalt5 Abschnitte
Kern der Behauptung
Die sogenannten Bosnischen Pyramiden sind keine wissenschaftlich anerkannten Bauwerke, sondern eine Behauptung des amerikanisch-bosnischen Bauunternehmers und Esoterikers Semir Osmanagić. Er deutet mehrere natürliche Hügel bei Visoko in Bosnien und Herzegowina als von Menschen errichtete Pyramiden. Den Berg Visočica nennt er „Pyramide der Sonne“, die Plješevica „Pyramide des Mondes“. Ein weiterer Hügel sei die „Pyramide des Bosnischen Drachen“; teilweise spricht er außerdem von zwei weiteren Pyramiden, darunter einer „Pyramide der Erde“.
Osmanagić nimmt für die Anlagen ein Alter von rund 12.000 oder 30.000 Jahren an. Geologen, Geschichtswissenschaftler und Archäologen lehnen seine Aussagen jedoch einhellig ab, soweit sie diese überhaupt wissenschaftlich behandeln. Nach dem Stand der Forschung handelt es sich bei den Hügeln um natürliche geologische Formationen. Die Vorstellung von künstlichen Pyramiden gilt als pseudowissenschaftlich, also als wissenschaftlich auftretende Behauptung ohne tragfähige fachliche Belege.
Entstehung und Inhalt der Hypothese
Osmanagić veröffentlichte die Idee, unter der Visočica könne ein „uraltes“ Bauwerk liegen, nachdem er in der Gegend Steinblöcke und vermeintlichen „Mörtel“ gefunden hatte. Seiner Ansicht nach hatten diese Materialien das Bauwerk ursprünglich bedeckt. Anfang 2006 kündigte er Ausgrabungen mit einem internationalen Team aus Australien, Österreich, Bosnien und Herzegowina, Schottland und Slowenien an; sie begannen im April 2006. Mehrere angeblich beteiligte Archäologen erklärten allerdings, sie hätten eine Teilnahme abgelehnt und seien nie vor Ort gewesen.
Osmanagić schrieb die angeblichen Pyramiden den Illyrern zu. Dieses Volk ist auf dem Balkan erst seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. belegt. Er nahm dagegen an, die Illyrer hätten dort bereits seit 12.000 v. Chr., also vor dem Ende der letzten Eiszeit, gelebt. Seine Aussagen zur Datierung widersprechen sich: In einem Interview erklärte er, er habe nicht behauptet, die Pyramiden seien um 12.000 v. Chr. erbaut worden. Vielmehr hätten die Illyrer zwischen 12.000 und 300 v. Chr. gelebt, sodass die Bauzeit innerhalb dieses Zeitraums liegen müsse. Auf der Projektwebsite wurde er dagegen mit Aussagen zitiert, nach denen der Hauptkomplex vor dem Ende der letzten Eiszeit fertiggestellt worden sei.
Als Belege führte Osmanagić behauene Steine und Tunnel im Berg an. Er erklärte, die Entdeckungen könnten das Verständnis der Menschheitsgeschichte grundlegend verändern. Zeitweise vermutete er, die großen Pyramiden in Mexiko und Ägypten sowie die Visočica könnten von denselben Menschen erbaut worden sein. Die bosnische „Sonnenpyramide“ sei dabei die letzte und größte gewesen. Später zog er diese Aussage zurück und bezeichnete die Visočica stattdessen als „Mutter aller Pyramiden“, die versteckte Nachrichten für spätere Generationen enthalte.
Auch die angebliche Höhe ist uneinheitlich: Osmanagić nennt 220 m, andere Berichte 70 oder 100 m. Bei 220 m wäre das Bauwerk ein Drittel höher als die Große Pyramide von Gizeh und damit die größte Pyramide der Welt. Zusätzliche Bekanntheit erhielten die Behauptungen durch Novak Đoković. Der serbische Tennisspieler besuchte die Berge ab 2020 mehrfach und bezeichnete sie als „Energie-Pyramiden“, woraufhin die Besucherzahlen stiegen.
Wissenschaftliche Kritik und Untersuchungen
Geologen erklären die auffällig rechteckigen Formen der Hügel durch die Eigenschaften der Brekzie, aus der die Berge bestehen. Brekzie ist ein Sedimentgestein aus eckigen, plattenförmigen Gesteinsbrocken. Diese können bei flüchtiger Betrachtung wie künstlich behauene Steine aussehen und bilden von Natur aus kantige Geländeformen. John Bohannon deutete die 2006 beschriebenen Tunnel in der Fachzeitschrift Science als Überreste alter Minen und kleinere Mauern als Ruinen mittelalterlicher Wasserbecken.
Im Juni 2006 richteten zahlreiche Wissenschaftler unter dem Titel „Bosnian Pyramids: A pseudoarchaeological myth and a threat to the existing cultural and historical heritage of Bosnia-Herzegovina“ einen Protestbrief an den Generalsekretär der UNESCO. Darin warnten sie vor Osmanagićs Vorhaben. Im Dezember 2006 folgte eine Protestnote gegen die Unterstützung der Pyramidenhypothese und der entsprechenden Untersuchungen durch die bosnischen Behörden. Kritisiert wurde, dass pseudowissenschaftliche Forschungen Unterstützung erhielten, während es der seriösen Archäologie in Bosnien an Förderung fehle. Außerdem bestand die Sorge, unsachgemäße Grabungen könnten echte Funde, etwa Überreste der neolithischen Butmir-Kultur, zerstören. Archäologen der Universität Kiel sprachen wegen mangelnder Professionalität und „pseudowissenschaftlicher Analysen zu den Funden“ sogar von einem bewussten Schwindel.
Die Archäologin Silvana Cobanov, die 2006 Ausgrabungen in Pljesevica geleitet hatte, berichtete später von erheblichen methodischen Problemen. Nach ihrer Darstellung habe sie nur äußerlich die Leitung besessen; die tatsächliche Kontrolle habe Goran Cakic ausgeübt, ein Maschinenbauingenieur und kein Archäologe. Beobachtungen und Schlussfolgerungen seien nicht fachgerecht dokumentiert worden, während Mitarbeiter an verschiedenen Stellen unkoordiniert gegraben hätten. Ein rechteckiges Objekt am Fuß einer angeblichen Pyramide deutete Cobanov als sehr instabile Trockenmauern neueren Datums. Aussagen über ein Grab, einen Pyramideneingang oder einen prähistorischen Militärposten seien unbegründet. In Pljesevica sei kein einziges archäologisches Artefakt gefunden worden.
Die bislang letzte im Artikel genannte Untersuchung erfolgte 2012 durch den englischen Geologen Dougal Jerram und den Archäologen Henry J. Chapman und wurde von National Geographic dokumentiert. Sie kamen zu dem Ergebnis, alle untersuchten Strukturen seien Überreste von See- und Flusssedimenten, die vor mehreren Millionen Jahren abgelagert wurden. Archäologisches Material hätten sie nicht gefunden. Zugleich kritisierten sie die Grabungen als methodisch schlechte Praxis, durch die eventuell vorhandene archäologische Überreste zerstört werden könnten.
Projektpläne und Prüfung der Arbeitsweise
Die Stiftung „The Archaeological Park: Bosnian Pyramid of the Sun“ veröffentlichte 2005 einen Plan für die Jahre 2006 bis 2010. Für 2006 waren die Restaurierung der Spitze der angeblichen „Pyramide der Sonne“, der Ausbau regionaler Verkehrsverbindungen und ein Marketingprogramm vorgesehen. Bis 2010 sollte das Gebiet als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt werden. Die Stiftung ließ die Bezeichnungen „Bosnische Pyramide der Sonne“, „Bosnische Pyramide des Mondes“, „Pyramide des bosnischen Drachen“ und „Bosnisches Tal der Pyramiden“ registrieren und schützen. Trotz der Unterstützung bosnischer Behörden wurden diese Pläne nicht verwirklicht.
Ein Hoax, also eine absichtlich angelegte Täuschung, stellte 2008 die wissenschaftliche Prüfung innerhalb des Projekts infrage. Der Blogger „Izmo Guglić“ schickte zwei inhaltlich sinnlose, aber wissenschaftlich klingende Texte unter dem erfundenen Namen „Dr. phil. Amer Kovačević“ an Osmanagićs Website. Auf Osmanagićs persönliche Empfehlung wurden beide sofort veröffentlicht; ein Teammitglied übersetzte einen Text ins Englische. Später erschien ein ähnlicher Beitrag von Osmanagićs Mitarbeiter Davorin Vrbančić. Selbst nachdem Guglić die Täuschung und die erfundene Identität offengelegt hatte, blieb der Artikel auf der Projektwebsite. Der Vorgang sollte pseudowissenschaftliches Vorgehen entlarven und ähnelte der „Sokal-Affäre“ sowie dem „James-Randi-Projekt Alpha“.
Verbindung zu Atlantis und Gesamtbewertung
Osmanagić veröffentlichte auch unter dem amerikanischen Namen „Sam Osmanagich“. In seinem Buch „The World of the Maya“ behauptet er Beziehungen der Maya zu Atlantis und Lemuria. Sein Modell ähnelt den Vorstellungen von William James Perry und Grafton Elliot Smith aus dem Buch „Kinder der Sonne“ von 1923. Danach hätten alle antiken Zivilisationen ihre Wurzeln im antiken Ägypten. Osmanagić ergänzte dieses Konzept um die angeblich untergegangenen Zivilisationen Atlantis und Lemuria.
Solche Erklärungsmodelle gelten in der heutigen Forschung als widerlegt. Die Thesen von Smith und Perry wurden von der Fachwelt bereits damals wegen methodischer Fehler rasch verworfen. Modelle, die Atlantis als Bestandteil der Menschheitsgeschichte behandeln, werden von der Mehrheit der Historiker und Archäologen als Pseudowissenschaft eingeordnet. Auch die Deutung der Hügel bei Visoko als künstliche Pyramiden besitzt daher keine wissenschaftliche Anerkennung.