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Blutgruppe

Eine Blutgruppe ist eine Beschreibung der individuellen Zusammensetzung von Strukturen auf der Außenhaut der roten Blutkörperchen (Erythrozytenmembran) von …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundlagen
  2. 2. AB0- und Rhesus-System
  3. 3. Weitere Blutgruppensysteme
  4. 4. Häufigkeit und Evolution
  5. 5. Transfusion und Verträglichkeit
  6. 6. Blutgruppen bei Tieren und esoterische Deutungen

Grundlagen

Eine Blutgruppe beschreibt die individuelle Zusammensetzung von Strukturen auf der Membran roter Blutkörperchen (Erythrozyten) bei Wirbeltieren. Diese Strukturen sind Glykolipide oder Proteine und wirken als Antigene: Sie können eine Immunreaktion auslösen. Erhält ein Mensch Blut mit ungeeigneten Antigenen, können Antikörper das fremde Blut verklumpen lassen (Agglutination). Dies kann schwere Schäden bis zum Tod verursachen. Bei Organtransplantationen können Blutgruppenunterschiede außerdem Abstoßungsreaktionen begünstigen.

Blutgruppen werden genetisch vererbt. Früher nutzte man sie bei Abstammungsgutachten, um Verwandtschaftsverhältnisse auszuschließen. Karl Landsteiner gilt seit 1901 als Entdecker der Blutgruppen; bekannt sind besonders die Gruppen 0, A, B und AB, wobei AB auch von Adriano Sturli mitentdeckt wurde.

Ein Blutgruppensystem fasst Antigene zusammen, die genetisch zusammenhängen. Gegen Antigene anderer Individuen derselben Art können Allo-Antikörper entstehen; „allo“ bedeutet hier „fremd“. Die Antigene eines Systems werden entweder durch ein Gen mit verschiedenen Allelen oder durch mehrere eng verbundene homologe Gene codiert, zwischen denen fast keine Rekombination stattfindet. Die ISBT (International Society of Blood Transfusion) erkannte im Mai 2025 insgesamt 48 Blutgruppensysteme an. Besonders wichtig sind AB0 und Rhesus.

AB0- und Rhesus-System

Das AB0-System wurde 1900 von Karl Landsteiner definiert; 1930 erhielt er dafür den Nobelpreis für Medizin. Seit 1928 werden die Bezeichnungen A, B, AB und 0 weltweit einheitlich verwendet. Die Gruppen entstehen durch die Antigene A und B:

  • Blutgruppe A besitzt Antigen A, Blutgruppe B Antigen B.
  • Blutgruppe AB besitzt beide Antigene. A und B werden kodominant vererbt: Beide Merkmale sind sichtbar.
  • Blutgruppe 0 besitzt weder A- noch B-Antigene und wird rezessiv vererbt. Sie tritt nur auf, wenn beide Eltern das Merkmal 0 vererben.

Jeder Mensch erhält für ein Blutgruppen-Gen je ein Merkmal von Mutter und Vater. Gleiche Merkmale heißen homozygot (reinerbig), verschiedene heterozygot (mischerbig). Antikörper gegen nicht passende AB0-Antigene werden beim Menschen während des ersten Lebensjahres gebildet. Menschen mit AB bilden keine Antikörper gegen A oder B und können, sofern sie rhesus-positiv sind, Blut aller AB0-Gruppen erhalten. Menschen mit 0 können, sofern sie rhesus-negativ sind, Blut für alle Gruppen spenden, selbst aber nur Blut der Gruppe 0 erhalten. Deshalb gelten AB+ als Universalempfänger und 0− als Universalspender für Erythrozyten.

Im Rhesus-System ist vor allem das D-Antigen medizinisch bedeutsam. Rhesus-positive Menschen besitzen es auf ihren Erythrozyten, rhesus-negative nicht. Der Rhesusfaktor wird dominant vererbt; etwa 85 % der Bevölkerung sind rhesus-positiv und 15 % rhesus-negativ. Antikörper gegen D entstehen bei rhesus-negativen Personen erst nach Kontakt mit rhesus-positiven Blutbestandteilen, etwa durch eine Transfusion oder bei Schwangerschaft und Geburt.

Ist eine rhesus-negative Mutter durch Blutkontakt mit einem rhesus-positiven Kind sensibilisiert, können ihre D-Antikörper vom Typ Immunglobulin G (IgG) in einer späteren Schwangerschaft die Plazenta passieren. Sie führen zum Abbau kindlicher Erythrozyten, zu hämolytischer Anämie und möglicherweise zu Morbus haemolyticus neonatorum. Schwere Folgen können Missbildungen oder der Tod des Kindes sein. Leichte Gelbsucht nach der Geburt kann mit Phototherapie behandelt werden, größere Komplikationen durch Blutaustausch. Eine Anti-D-Prophylaxe enthält Anti-D-Antikörper und soll rhesus-positive kindliche Erythrozyten beseitigen, bevor die Mutter sensibilisiert wird. Bei rhesus-negativen Schwangeren wird der Rhesusfaktor des Fötus inzwischen routinemäßig nicht-invasiv untersucht.

Weitere Blutgruppensysteme

Das Kell-System ist nach AB0 und Rhesus das drittwichtigste System für Transfusionen. In Deutschland, Österreich und der Schweiz wird bei Blutspendern regelmäßig darauf getestet. 92 % der Menschen sind Kell-negativ (kk) und sollten Kell-negatives Blut erhalten. 7,8 % sind heterozygot Kell-positiv (Kk), 0,2 % homozygot Kell-positiv (KK). Antikörper des Kell-Cellano-Systems können schwere Zwischenfälle bei Transfusionen und Schwangerschaften auslösen.

Im MN-System gibt es die drei Phänotypen M, N und MN. Sie entstehen aus zwei kodominanten Allelen: MM führt zu M, NN zu N und MN zu MN. Zusammen mit den Antigenen S, s und U bildet es das MNS-System.

Der Duffy-Faktor ist Antigen und zugleich Rezeptor für Plasmodium vivax, den Erreger der Malaria tertiana. Duffy-negative Menschen sind gegen diesen Erreger resistent, weil der veränderte Rezeptor den Kontakt zur Wirtszelle verhindert. Weitere Systeme heißen unter anderem Cellano, Kidd, Lewis, Lutheran, MNSs, P und Xg. Seltene Antikörper werden bei Blutgruppenuntersuchungen regelmäßig geprüft und müssen bei einem positiven Befund einzeln dokumentiert werden. Betroffene können gegebenenfalls nur Eigenblut oder Blut von Personen mit derselben Besonderheit erhalten.

2024 wurde das System MAL mit dem Antigen AnWj beschrieben. Im Juni 2025 wurde in Frankreich PIGZ als 48. System erkannt: Bei einer Frau mit Wurzeln in Guadeloupe fehlte ein zunächst „Gwada“ genanntes Antigen. Ursache ist eine von beiden Eltern geerbte Mutation im PIGZ-Gen. Die Patientin ist bisher der einzige bekannte Fall und ihr Blut ist nur mit ihrem eigenen kompatibel.

Häufigkeit und Evolution

Weltweit ist Blutgruppe 0 mit 45 % am häufigsten, gefolgt von A mit 40 %, B mit 11 % und AB mit 4 %. Die Verteilung ist regional verschieden: A ist in Europa, B in Teilen Asiens und 0 in Südamerika sowie einigen afrikanischen Ländern besonders häufig. In Deutschland liegen die Anteile bei 41 % für 0, 43 % für A, 11 % für B und 5 % für AB; 85 % sind rhesus-positiv. Zusammenhänge zwischen Blutgruppen und der Resistenz gegen regional verbreitete Krankheiten werden diskutiert.

Rh-Null, auch „goldenes Blut“, gilt als seltenste Rhesus-Blutgruppe; weltweit sind weniger als 50 Personen bekannt. Ihren Erythrozyten fehlen sämtliche Antigene der Zellmembran. Laborversuche in Dänemark und Schweden sollen 2024 mit Enzymen aus Darmbakterien Blut der Gruppen A und B in 0 umgewandelt haben; die erzeugte Menge war jedoch noch sehr gering.

Biochemische Grundlage aller AB0-Gruppen ist Blutgruppe 0: An N-Acetylglucosamin in der Glykokalix der Erythrozyten binden Galactose und Fucose. Für A kommt eine N-Acetylgalactosamin-Gruppe hinzu, für B eine weitere Galactosegruppe. Blutgruppe 0 entstand molekularbiologischen Forschungen zufolge vor etwa fünf Millionen Jahren durch Mutation aus A. Bei Infektionen mit Plasmodium falciparum haben Menschen mit 0 eine höhere Überlebenschance. Dieser mögliche Selektionsvorteil könnte die Häufigkeit von 0 in feucht-tropischen Teilen Afrikas und auf dem amerikanischen Kontinent erklären; weitere Ursachen werden noch erforscht.

Transfusion und Verträglichkeit

Vor Transfusionen und Transplantationen werden AB0-Gruppe und Rhesusfaktor D bestimmt, um Transfusionszwischenfälle und primäre Transplantatabstoßungen zu verhindern. Meist wird nicht Vollblut übertragen, sondern nur der benötigte Bestandteil, etwa Erythrozyten-, Granulozyten- oder Thrombozytenkonzentrate oder Blutplasma. Dadurch soll auch die Minor-Reaktion vermieden werden: Antikörper gegen A oder B im Spenderplasma könnten Erythrozyten des Empfängers zerstören (Hämolyse).

Für Erythrozyten gilt: 0− kann an alle Gruppen spenden, erhält aber nur 0−. AB+ kann Erythrozyten aller acht Kombinationen aus AB0- und Rhesusmerkmal erhalten. Reine Blutplasmatransfusionen sind grundsätzlich unproblematisch, weil Plasma keine Antigene enthält. Bei Vollbluttransfusionen in Notfällen sind unterschiedliche AB0-Gruppen hingegen immer unverträglich.

Blutgruppen bei Tieren und esoterische Deutungen

Auch Haus- und Nutztiere besitzen Blutgruppensysteme: Hunde mehr als 12, Katzen drei, Pferde acht und Rinder elf. Eine unpassende Transfusion kann tödlich sein, etwa wenn eine Katze mit Blutgruppe B Blut der Gruppe A erhält. Bei Pferden und Wiederkäuern ist die erste Spenderblutübertragung noch unproblematisch; bei weiteren Transfusionen können jedoch bereits Antikörper gegen fremdes Blut vorhanden sein.

Die japanische Blutgruppendeutung schreibt AB0-Gruppen Charaktereigenschaften zu. Die Blutgruppendiät empfiehlt eine an die Blutgruppe angepasste Ernährung; sie wird als wissenschaftlich nicht haltbar bezeichnet.

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