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Rhesusfaktor

Das Rhesus-Blutgruppensystem oder Rhesussystem bezeichnet das – nach dem AB0-System – zweitwichtigste Blutgruppensystem des Menschen. Es besteht insgesamt aus …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundlagen des Rhesusfaktors
  2. 2. Funktion im Organismus
  3. 3. Vererbung und Verbreitung
  4. 4. Schwangerschaft und Bluttransfusion
  5. 5. Varianten und seltene Blutgruppen

Grundlagen des Rhesusfaktors

Der Rhesusfaktor ist ein Merkmal auf der Oberfläche von Erythrozyten, also roten Blutkörperchen. Er gehört zum Rhesus-Blutgruppensystem, dem nach dem AB0-System zweitwichtigsten Blutgruppensystem des Menschen. Dieses System umfasst mehr als 50 verwandte Antigene, also Proteine, die vom Immunsystem erkannt werden können. Besonders wichtig sind die fünf Antigene C, c, D, E und e.

Entscheidend für die übliche Einteilung ist das Antigen D:

  • Menschen mit D-Antigen sind Rhesus-positiv, geschrieben Rh(D)+ oder Rh+.
  • Menschen ohne D-Antigen sind Rhesus-negativ, geschrieben Rh(D)− oder Rh−.

Die Kombination der Merkmale C, c, D, E und e heißt Rhesusformel, zum Beispiel ccddee. Etwa 85 % der weißen europäischen und amerikanischen Bevölkerung sind Rh-positiv, etwa 15 % Rh-negativ. Fast 100 % aller Afrikaner, Asiaten sowie Ureinwohner Nord- und Südamerikas sind Rh-positiv.

Die Gene RHD und RHCE liegen auf Chromosom 1 bei 1p36.2-p34. Sie erzeugen ähnliche Proteine. RHD steht vor allem für das D-Antigen, RHCE für Kombinationen der Antigene C, c, E und e. Die genaue genetische Ausprägung aller über 50 Varianten ist noch nicht endgültig geklärt.

Funktion im Organismus

Rhesusproteine haben vermutlich wichtige Aufgaben beim Stoffwechsel. Untersuchungen an genetisch veränderten Mäusen aus dem Jahr 2009 zeigten: Fehlte das Gen RHCG und damit Rhesusproteine, waren der Transport von Ammonium-Ionen (NH₄⁺) und Ammoniak (NH₃), die Ausscheidung stickstoffhaltiger Stoffwechselendprodukte und die Regulation des pH-Werts im Blut beeinträchtigt.

Die Mäuse hatten einen stärker sauren Blut-pH, weniger stickstoffhaltige Stoffe im Urin und bei männlichen Tieren weniger fruchtbare Spermien. Der pH-Wert beschreibt, wie sauer oder basisch eine Lösung ist; ein konstanter Blut-pH ist für den Körper wichtig.

Vererbung und Verbreitung

Der Rhesusfaktor wird dominant-rezessiv vererbt. Das D-Antigen ist dominant: Ein Mensch mit den Genkombinationen DD oder Dd ist Rh-positiv. Nur die Kombination dd führt zu Rh-negativem Blut.

Ist eine Rh-negative Mutter schwanger und der Vater Rh-positiv, hängt die Blutgruppe des Kindes vom Genotyp des Vaters ab:

  • Ein Vater mit DD vererbt das D-Antigen immer; das Kind wird Rh-positiv.
  • Ein Vater mit Dd vererbt das D-Antigen mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 %; das Kind ist dann mit 50 % Wahrscheinlichkeit Rh-positiv.

Bei C, c, E und e stehen auch die Kleinbuchstaben für eigene, nachweisbare Antigene. Deshalb können gegen C, c, E und e jeweils passende Antikörper entstehen. Die Kombinationsmöglichkeiten machen das Rhesussystem besonders komplex.

Die Häufigkeit von Rh-negativem Blut unterscheidet sich regional stark: Etwa 17 % der Mitteleuropäer sind Rh-negativ, in östlichen Randzonen Europas etwa 4 %, im Baskenland 25 % und in der Schweiz etwa 15 %. In Amerika, Australien und Ostasien gibt es keine Rh-negativen Ureinwohner. Die Ursache der starken Unterschiede bei RhD-Allelen ist weiterhin ungeklärt. Studien untersuchen einen möglichen Zusammenhang mit Toxoplasmose, ohne dass damit die Verbreitung abschließend erklärt wäre.

Schwangerschaft und Bluttransfusion

Rhesus-Antikörper entstehen nicht von selbst im Säuglingsalter wie bestimmte Antikörper des AB0-Systems. Sie bilden sich erst, wenn ein Rh-negativer Mensch mit fremden Rh-Antigenen in Kontakt kommt, etwa durch eine Bluttransfusion oder eine Schwangerschaft. Solche Antikörper heißen irreguläre erythrozytäre Antikörper.

Gefährlich kann es werden, wenn ein Rh-negativer Mensch wiederholt Rh-positives Blut erhält oder wenn eine Rh-negative Frau ab der zweiten Schwangerschaft ein Rh-positives Kind trägt. Der Körper kann dann Antikörper gegen die Rh-positiven Erythrozyten bilden. Beim Empfänger einer Transfusion kann dies zur Hämagglutination führen, also zum Verklumpen roter Blutkörperchen. Beim Kind kann Hämolyse auftreten, also der Abbau roter Blutkörperchen.

In westlichen Industriestaaten liegt die Prävalenz von Blutgruppeninkompatibilität bei 1–1,5 von 1000 Schwangeren. Davon entfallen 40–80 % auf Rhesus-Inkompatibilität.

Bei Transfusionen wird normalerweise Blut verwendet, das auch im Rhesussystem passt:

  • RhD-negative Empfänger erhalten RhD-negatives Blut; RhD-positives Blut nur in lebensbedrohlichen Situationen.
  • RhD-positive Empfänger können RhD-positives und gegebenenfalls RhD-negatives Blut erhalten. RhD-negatives Blut wird möglichst geschont, weil es selten ist.
  • RhD-negative Mädchen und gebärfähige Frauen erhalten RhD-positives Blut nur bei Lebensgefahr, da spätere Schwangerschaften gefährdet sein können.
  • Ist ein RhD-Test unklar, wird die Person meist als RhD-negativ eingestuft.

Auch Anti-C, Anti-c, Anti-E und Anti-e können hämolytische Transfusionsreaktionen auslösen. Antikörper der Klasse IgG können die Plazenta passieren und sind deshalb in der Schwangerschaft besonders bedeutsam.

Varianten und seltene Blutgruppen

Das D-Antigen kann abgeschwächt vorkommen; diese Variante heißt D^weak oder Dᵘ. Bei Bluttransfusionen werden solche Personen grundsätzlich mit Rh-negativem Blut versorgt. Bei D^weak Typ 1–3 ist eine Alloimmunisierung gegen D ausgeschlossen; diese Personen können RhD-positive Präparate erhalten. Menschen mit einem qualitativ veränderten D-Antigen, D^partial genannt, gelten dagegen als Rh-negativ.

Ein Blutgruppenwechsel kann nach einer blutgruppenungleichen Blutstammzelltransplantation auftreten und sowohl AB0- als auch Rhesusmerkmale betreffen. Bei einer Organtransplantation wurde laut Medienberichten 2014 in Sydney bei einem 15-jährigen Mädchen ein Wechsel von Rh-negativ zu Rh-positiv nach einer Rh-positiven Spenderleber dokumentiert.

Die seltenste Blutgruppe im Rhesussystem heißt Rh-Null oder „goldenes Blut“. Bei ihr fehlen auf den Erythrozyten alle Antigene des Rhesussystems. Weltweit sind weniger als 50 Personen mit Rh-Null bekannt; erstmals wurde sie 1961 bei einer Aboriginal-Frau in Australien nachgewiesen.

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